Julia Brandt – Familie und andere Katastrophen

 

Tanja beschreibt mit viel Witz und Humor ihre chaotische Familie, mit der sie gestraft wurde. Insgeheim stellt sie sich vor, dass sie bei der Geburt vertauscht wurde – denn in diese Familie passt sie doch überhaupt nicht rein…

 

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Leseprobe:

Ich bin stinksauer

Ich liege die ganze Nacht wach, weil ich mich so sehr über meine bescheuerte Familie ärgere. Die vielen guten Ratschläge, Vorwürfe und Sticheleien muss ich gedanklich stundenlang sortieren und komme einfach nicht zur Ruhe. Warum habe ich mir das nur wieder angetan? Wegen Opas 90. Geburtstag, das war ein sehr triftiger Grund. Trotzdem war diese Familienfeier wieder der absolute Horror, bei dem ich mich auch noch bis auf die Knochen blamiert habe.

Seit Stunden drehe ich mich von eine auf die andere Seite und mein Freund Roland schnarcht gleichmäßig vor sich hin. Der hat die Ruhe weg! Klar, denn er wurde von Attacken verschont, ihn behandelt man wie ein rohes Ei. Warum sind mir entsprechende Antworten oder freche Kommentare nicht sofort eingefallen? Jetzt, Stunden später, bringt das nichts mehr. Wie die Aasgeier sind sie auf mich eingefallen und haben auf mir herumgehackt.

Kann es sein, dass ich die chaotischste und peinlichste Familie auf der ganzen Welt habe? Warum musste gerade ich die abbekommen? Hätte ich nicht eine der normalen, harmonischen Familien verdient, wie es sie anscheinend überall gibt?

So oft ich Familienfeste vermeiden kann, halte ich mich davon fern. Ich habe sogar schon eine Ausredenliste erstellt, damit ich mich darin nicht wiederhole. Mein Freund Roland hält mich für hysterisch. Ich bin schon seit Jahren mit ihm zusammen und er hat in der Zeit meine ganze Familie kennenlernen dürfen. Er findet, dass ich maßlos übertreibe. Er sagte sogar, dass er einige ganz nett findet und dass der Tag alles in allem doch ganz spaßig war. Spinnt der? Manchmal zweifle ich echt an seinem gesunden Menschenverstand! Mein Fauxpas mit meinem blanken Hintern fand er so richtig lustig. Seit wir das Haus meiner Tante Heidi verlassen haben, macht er ständig seine Späße darüber und kann sich kaum beruhigen. Als wir ins Bett gingen, kam ein letzter Kommentar darüber, den ich hier nicht wiederholen möchte. Ich bin beleidigt und jetzt, wo er schläft, ist endlich Ruhe. Mir ist absolut bewusst, dass ich mir das jetzt immer wieder anhören darf.

Der ganze Tag war für mich ein Desaster. Roland kann meine Ausführungen nicht mal ansatzweise nachvollziehen. Er sagte sogar, dass ich das alles viel zu ernst nehme. Typisch! Muss er als mein Freund nicht hinter mir stehen? Oder hat ihn meine Familie gekauft und umgedreht? Ja, das musste es sein. Sie haben ihn so lange bearbeitet, dass er in ihrer Anwesenheit nicht mehr klar denken kann. Verräter!

Ich kenne meine Familie seit 42 Jahren, denn damals wurde ich in mitten hineingeboren. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass ich im Krankenhaus vertauscht wurde, denn ich passe doch überhaupt nicht dazu. Meine Familie ist anderer Meinung. Sie vergleichen mich ständig mit längst verstorbenen Mitgliedern und legen Fotobeweise vor. Gut, eine gewisse Ähnlichkeit kann ich nicht abstreiten, aber optische Überschneidungen gibt es ja fast bei jedem. Nur mit lebenden Objekten konnten sie mich bisher nicht überzeugen. Sobald sie einen Verglich zwischen mir, meiner Schwester Dagmar, Tante Barbara, Onkel Ernst oder gar meiner Mutter anstreben, wehre ich mich vehement. Opa Bruno halte ich raus, der ist nett und kann keiner Fliege was zuleide tun. Und meine Tante Heidi ist nur angeheiratet, die gehört nicht richtig dazu (wie Tante Elsbeth, die Frau von Onkel Ernst, die kommt zum Glück nur selten zu Familienfesten. Und wenn, dann sitzt sie still auf ihrem Platz, bewegt sich nicht und sagt nur etwas, wenn es sich nicht vermeiden lässt). Mit keinem der Genannten möchte ich auch nur im Entferntesten verglichen werden, das setze ich einer persönlichen Beleidigung gleich.

Über meinen Vater und seine Familie wird nur wenig gesprochen. Seit mein Vater uns verlassen hat, ist er ein Geächteter. Ich weiß nicht, wo er abgeblieben ist und was er heute macht. Immer wieder nehme ich mir vor, ihn zu suchen und stelle mir die Begegnung mit ihm traumhaft schön vor. Ein strahlend schöner Mann kommt auf einem weißen Schimmel auf mich zu. Ich setze mich hinter ihn, halte mich ganz fest und wir reiten davon. Wie oft ich den Schmarrn schon geträumt habe, kann ich nicht mehr zählen. Einmal habe ich von einer goldenen Kutsche geträumt, aber das war kurz nach der Hochzeit des englischen Königssprosses mit seiner bürgerlichen Frau, das klammere ich wegen Sentimentalität einfach aus. Sonst sind es immer die weißen Pferde. Einmal war es sogar ein Einhorn, aber das war nach einem Animationsfilm, der mir nicht gefallen hat.

Als mein Vater ging war ich dreizehn Jahre alt, mir wurde jeder Kontakt von meiner Mutter zu ihm verboten. Über die Trennungsgründe gibt es die wildesten Geschichten, die sich immer sehr variabel anhören. Nur eines ist immer gleich: Meine Mutter ist die arme, verlassene Frau, die alle bedauern müssen. Warum hat mich mein Vater nie gesucht? Das werfe ich ihm gedanklich immer wieder vor und wünsche ihm dabei die Pest an den Hals (wie dem Rest meiner Familie übrigens auch, trotzdem ist noch nie einer daran erkrankt. Warum eigentlich?). Wahrscheinlich bin ich meinem Vater völlig egal. Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!

Jetzt bin ich wütend auf meinen Vater. Ein Blick auf die Uhr macht mich noch wütender. Kurz vor halb drei! Warum kann ich nicht endlich einschlafen? War der Kaffee doch nicht koffeinfrei? Ganz sicher wurde mir wieder ein Billigkaffee untergejubelt. Wer hat den mitgebracht? Bestimmt Onkel Ernst, der alte Geizkragen. An ihm ist ein Schotte verloren gegangen. Bestimmt gab es wieder irgendwo ein Sonderangebot, das er jetzt als hochwertiges Produkt überall anpreist und unter die Leute bringt. Anständige Leute bringen zu einem Familienfest Blumen oder ein Geschenk mit, aber nicht Onkel Ernst. Er denkt immer praktisch und ist mit seinen blöden Mitbringseln stets der Mittelpunkt. Außerdem spricht er jedes Mal ausführlich von seinen Autoverkäufen. Er ist natürlich der beste Autoverkäufer auf Gottes Erdboden und keiner kann es mit ihm aufnehmen. Ich habe meinen Wagen nicht bei ihm gekauft, aus Protest. Das nimmt er mir immer noch übel und schmiert mir das auch regelmäßig aufs Butterbrot. Ich kann Onkel Ernst nicht leiden. Ich bin mir sicher, dass er an meinen Schlafproblemen die Hauptschuld trägt und ich hasse ihn dafür. Diese Kaffeeplörre treibt wie verrückt, ich muss schon wieder pinkeln gehen. Das wievielte Mal ist das heute Nacht? Ich habe längst aufgehört zu zählen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich muss zur Toilette gehen. Dabei schlage ich mir den Zeh am Türrahmen an. Verdammt! Ich schreie vor Schmerzen auf, mein Roland reagiert nicht. Er schläft tief und fest, während ich Höllenschmerzen habe. Der Zeh ist gebrochen, ganz sicher. Humpelnd gehe ich auf die Toilette und fliege dabei über den Teppich. Ich kann mich gerade noch am Waschbecken festhalten. Mir ist schlecht. Es hätte nicht viel gefehlt und Onkel Ernst wäre für meinen Tod verantwortlich gewesen. Ob das je irgendjemand herausgefunden hätte?

Ich lege mich ins Bett und die Schmerzen im Zeh werden langsam erträglicher. Vielleicht ist er doch nicht gebrochen, Onkel Ernst hat echt Glück gehabt! Die Bilder meiner Familie sind in meinem Kopf wieder präsent. Jedes einzelne Gesicht grinst mich dämlich an, alle hacken auf mich ein. Dann landet ein Ufo und alle starren erschrocken auf die außerirdischen, hellgrünen Wesen, die aus dem Ufo aussteigen. Sie kommen auf uns zu und alle sind starr vor Schreck. Dann schreit Tante Barbara wie am Spieß. Meine Schwester Dagmar zieht sich die Lippen nach und kontrolliert ihr Aussehen im Spiegel, natürlich möchte sie auch für Außerirdische perfekt aussehen. Meine Mutter macht abfällige Bemerkungen über deren Klamotten, Tante Heidi bietet Kaffee und Kuchen an, Opa sagt wie immer nichts. Ich rufe laut, sie sollen den Billigkaffee nicht trinken, weil man sonst nicht schlafen kann! Onkel Ernst schimpft mit mir, dann möchte er den Außerirdischen ein Auto verkaufen. Seine Frau sitzt stumm neben ihm und sagt nichts. Alle anderen reden so laut und so viel, dass es die Außerirdischen mit der Angst zu tun kriegen und schnell wieder in ihr Raumschiff einsteigen und verschwinden.

„Tanja – Tanja – Aufstehen!“ Ganz langsam begreife ich, dass die Außerirdischen nur in meinem Traum waren. Schade. Vielleicht hätte ich die hellgrünen Wesen davon überzeugen können, meine Familie mitzunehmen.

Unter der Dusche werde ich langsam wach. Mein Zeh ist etwas angeschwollen. Sieht so ein gebrochener Zeh aus? Das muss ich nachher unbedingt im Internet überprüfen und mache mit meinem Handy ein Beweisfoto. Während dem Zähneputzen dringt der Duft von frischem Kaffee durchs Haus – herrlich! Seit Roland bei mir wohnt, hat sich viel verändert. Einiges geht mir auf die Nerven, aber die Vorteile überwiegen. Auch Roland hat sich an mich und meine kleinen Eigenheiten gewöhnt, von denen auch ich einige habe. Ich kann nicht kochen, das ist schon mal Punkt eins. Außerdem halte ich es für Zeitverschwendung, ständig aufzuräumen und zu putzen. Ich finde alles, was ich brauche, dafür muss nicht alles zwingend an seinem Platz sein. Meine Schwäche sind Sonderangebote, an denen ich nicht vorbeigehen kann. Das betrifft hauptsächlich Schuhe und Klamotten, bei denen ich schwach werde. Sobald ich anfange, den gesparten Preis zu errechnen, gehört das Teil mir. Manchmal muss ich zuhause feststellen, dass mir die Schuhe und Klamotten nicht wirklich gefallen, aber ich behalte sie trotzdem. Aber das kommt nicht all zu oft vor. Manchmal kaufe ich auch etwas für Roland, der meine Sonderangebote nicht wirklich zu schätzen weiß. Nach einer abfälligen Bemerkung vor einem Jahr bekommt er zur Strafe nur noch ab und zu ein Stück geschenkt, soll er sich doch seine Klamotten teuer kaufen. Wie gesagt, bezieht sich meine Schwäche nur auf Schuhe und Klamotten, bei allem anderen bin ich großzügig und kaufe das, was ich möchte und was mir gefällt. Allerdings leide ich auch unter dem Drogerie-Syndrom. Kennt ihr das? Ich gehe nur in die Drogerie, um ein Shampoo zu kaufen – und schwupps, ist der Einkaufswagen voll und ich bin ein Heidengeld los. Das geht nicht nur mir so, meiner besten Freundin Silke geht es ähnlich.

Beim Frühstück erzähle ich Roland von meinem Traum mit den Außerirdischen und er findet das nicht wirklich lustig. Morgens ist Roland nicht zu gebrauchen! Dann schildere ich ihm meinen Fauxpas von heute Nacht und zeige ihm meinen Zeh. Roland sagt, er sieht nichts und liest den Artikel in seiner Tageszeitung weiter, als wenn nichts wäre. Ich bin sauer, das Frühstück ist für mich vorbei. Wie kann man nur so unsensibel sein!

Roland ist gegangen, ich habe noch eine Stunde Zeit. Warum stehe ich so früh auf? Aus Liebe zu meinem Schatz, der das überhaupt nicht verdient hat. Ich bin völlig gerädert und überlege ernsthaft, ob ich nicht einfach wieder ins Bett gehen und mich krankmelden soll. Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich verurteile Krankmacher bei jeder Gelegenheit und möchte nicht dazugehören, obwohl ich mein Bett laut rufen höre. Nein, das kommt nicht in Frage. Ich trinke noch einen Kaffee und setze mich auf die Terrasse, frische Luft kann nicht schaden. Das Wochenende war echt beschissen. Heute Abend muss ich unbedingt meiner besten Freundin Silke ausführlich erzählen, was los war. Sie wird mich verstehen. Sie kennt alle und mag sie ebenso wenig wie ich.

Was ist eigentlich passiert? Wie konnte die Situation wieder einmal so eskalieren? Wenn ich schildere, was an dem Tag passiert ist, wird mich die ganze Welt verstehen. Der Tag hat schon sehr schräg angefangen:

 

 

 

Meine Mutter ist echt ätzend

 

Zwei lange Wochen habe ich einigermaßen Diät gehalten. Disziplin ist nicht meine Stärke, das gebe ich zu. Trotzdem habe ich es geschafft, zwei Kilo abzunehmen (es waren laut meiner Waage nur 1,4 Kilo, aber da kann man ja ruhig aufrunden). Ich habe mich mit Hilfe einer echt unbequemen Miederstrumpfhose in ein wunderschönes Kleid gezwängt, bei dessen Anblick Roland fast einen Lachanfall bekommen hätte. Ich war echt sauer, dass ihm das schöne, preisreduzierte Markenkleid nicht gefiel. Gut, es gibt schönere, das will ich nicht abstreiten, aber sooooo schlecht sieht es nun auch nicht aus. Die Grundfarbe ist ein dunkles Blau, das sehr gut zu meinen Augen passt (das hat die Verkäuferin mehrfach betont). Um den V-Ausschnitt-Kragen sind rosarote Steine aufgenäht, die ordentlich funkeln. Zwischen meinen Brüsten prangt eine überdimensionale, weiße Schleife, die mir optisch gefällt, aber beim Essen echt hinderlich ist. Außerdem ist es recht kurz; das einzige Kriterium beim Kauf, das mich gestört hatte. Mir persönlich gefällt das Kleid, vor allem aber war es günstig. Roland sagt, ich sehe aus wie ein Bonbon – ich bin verständlicherweise sauer. Schweigend fahren wir zu Opas 90. Geburtstag, der seit Omas Tod immer im Haus meiner Tante Heidi stattfindet, auf die ich später zu sprechen komme.

Meine Mutter öffnet die Tür und sieht mich abschätzend an. Ich sehe an ihrem Gesicht, dass ihr mein Outfit nicht gefällt.

„Hast du wieder zugenommen, Schatz?“ waren ihre ersten Worte. Kann sie mich nicht einfach normal begrüßen, wie alle anderen auch? „Wo hast du denn DAS Kleid ausgegraben?“

„Grüß dich, Mutti. Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sage ich demonstrativ laut. „Das Kleid ist neu, habe ich bei Hartmann gekauft.“

„War es reduziert?“

Ich nicke. Verdammt! Warum habe ich das zugegeben?

„Naja“, war ihr knapper Kommentar, der Bände sprach. Dann begrüßt sie Roland und umarmt ihn sogar. Ist das zu fassen? Sie beleidigt mich und mein Kleid und Roland sagt nichts. Müsste er mir nicht zur Seite stehen?

„Du siehst toll aus“, höre ich Roland zu meiner Mutter sagen. Spinnt der? Die Frau hat mich eben beleidigt und er macht ihr Komplimente. Der kann später was erleben! Ja, meine Mutter sieht toll aus, das stimmt. Sie achtet sehr auf ihr Äußeres, das ist ihr sehr wichtig. Sie gibt ein Vermögen für Pflegeprodukte und Kleidung aus, was ich nicht einsehe. Außerdem habe ich ein Haus, an dem es immer etwas zu tun gibt und meine Ersparnisse regelmäßig verschlingt.

Ich begrüße die anderen und alle starren auf meine Schleife, was ich als Kompliment auffasse. Opa sitzt in der Ecke und ich übergebe ihm mein Geschenk. Während der Garbentisch unter den gesunden Geschenken fast zusammenbricht, ist mein Päckchen relativ klein. Opa packt es aus und strahlt, als er den Inhalt erkennt: Vier Havanna-Zigarren vom Feinsten. Sofort ernte ich vorwurfsvolle Blicke, Tante Heidi schimpft mit mir.

„Willst du Opa umbringen? Er darf nicht rauchen, das hat ihm der Arzt verboten. Das weißt du doch! Warum schenkst du ihm nicht etwas Gesundes wie alle anderen auch!“ Tante Heidi will Opa die Zigarren aus der Hand nehmen, aber er klammert sich daran fest. Sie gibt auf und ist beleidigt. Opa zwinkert mir zu. Er spricht schon seit Jahren nicht mehr. Wenn wir beide allein sind, unterhalten wir uns ganz normal. Natürlich sage ich das niemandem, das ist unser Geheimnis. Ist einer der anderen dabei, verstummt er sofort. Warum er nicht spricht, weiß keiner, alle vermuten aufgrund seines hohen Alters ein körperliches Leiden. Ich gehe davon aus, dass er längst resigniert hat und sich seine Energie lieber spart.

Die ganze Familie macht mir Vorwürfe. Was erlauben die sich?

„Es ist Opas Geburtstag, er soll sich über mein Geschenk freuen“, höre ich mich sagen, worauf ich noch mehr Vorwürfe ernte. Alle hacken auf mich ein und behandeln mich wie ein kleines, dummes Kind. Was Opa denkt, interessiert niemanden. Dann nehmen wir Zigarrenrauch wahr und drehen uns um. Unbemerkt hatte Opa meinem Roland eine Zigarre angeboten und beide sitzen einträchtig nebeneinander und rauchen genüsslich. Roland und Opa zwinkern mir zu, die Situation ist gerettet. Tante Heidi regt sich tierisch auf und öffnet demonstrativ alle Fenster. Augenblicklich wird es kalt, was nun vor allem Tante Barbara in ihrem dünnen Kleidchen stört. Roland hat ein Einsehen und schiebt Opa in seinem Rollstuhl auf den Balkon, dort können sie die Zigarren in Ruhe fertig rauchen. Die Fenster sind wieder zu und man kann den Rauch kaum mehr riechen. Trotzdem riecht Tante Heidi demonstrativ in jede Ecke, sieht mich an und schüttelt den Kopf. Was kann ich denn dafür? Ich habe die Zigarren nur mitgebracht, um Opa eine Freude zu machen, ich rauche sie doch nicht!

Es ist Zeit für das Mittagessen.

Wie gesagt, ist die riesige Schleife meines Kleides beim Essen echt im Weg. Und dann ist sie auch noch weiß! Es dauert nicht lange, und der erste Soßenklecks landet mitten in der üppigen Schleife, was meine Mutter mit einem vorwurfsvollen Blick quittiert, dem dann auch noch Kopfschütteln folgt. Warum sitzt sie auch direkt gegenüber? Der Tisch ist groß genug, da hätte sie sich auch woanders hinsetzen können. Ich glaube, sie macht das mit Absicht. Sie möchte mich mit ihrer Anwesenheit verunsichern, was ihr leider auch gelingt. Als der zweite Klecks direkt daneben landet, tue ich so, als wäre nichts geschehen, obwohl ich mir in den Hintern beißen könnte.

Meine Mutter schwärmt gerade von ihrer perfekten Tochter Dagmar, meiner Schwester. In den höchsten Tönen lobt sie deren berufliche Karriere, die perfekte Wohnung, den treffenden Geschmack und die engelsgleiche Stimme, mit der sie schon wieder einen Wettbewerb gewonnen hatte. Ich muss mein Lachen unterdrücken, denn meine Mutter erwähnt mit keinem Wort, dass der Gesangswettbewerb in einem Modehaus stattfand, zu dem nur acht Kandidaten antraten. Alle fordern meine Schwester auf, doch etwas für Opa zu singen. Der will nicht, aber das interessiert niemanden. Dagmar lässt sich lange bitten, bis sie schließlich doch aufsteht und voller Inbrunst das Ave Maria singt (zufällig ist die Musik dazu auf ihrem IPhone – wie peinlich!). Dagmar trifft einige Töne nicht, Roland und ich müssen uns das Lachen verkneifen, Opa auch. Opa verdreht die Augen, als Tante Heidi, Tante Barbara und meine Mutter weinen. Als Dagmar endlich fertig ist, klatschen alle Beifall. Roland, Opa und ich halten uns zurück. Mir tut der Bauch weh, so sehr musste ich lachen.

„Du hast dich schon wieder angekleckert“, höre ich meine Mutter sagen und ich werde rot. Hatte sie bemerkt, dass ich mich über die perfekte Dagmar lustig gemacht habe? „Wenn du die Gabel nicht so voll nimmst, passiert dir das nicht!“ Das hat gesessen. Alle starren erst mich und dann meine Schleife an. Mein Gesicht glüht, am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Roland rettet die Situation, indem er das Thema wechselt und von unserer London-Reise erzählt. Ich liebe ihn so sehr. Er erzählt so lange, bis ich aufgegessen habe. Alle hängen an seinen Lippen und niemand achtet auf mich. Zufrieden lehne ich mich zurück und drücke Rolands Hand.

„Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen, Tanja?“ richtet meine Mutter bei der nächstbesten Gelegenheit das Wort wieder an mich. „War das nicht im Feburar?“ Ich nicke und ahne Fürchterliches. Worauf will meine Mutter hinaus? „Das sind jetzt gerade mal zwei Monate her. Wieviel hast du inzwischen zugenommen? Zehn Kilo bestimmt!“

Das ist eine Unverschämtheit! Ich bin so baff, dass ich nicht darauf antworten kann. Es ist totenstill und wieder rettet mein Roland die Situation.

„Meine Tanja ist genau so, wie sie sein muss. Ich liebe jedes einzelne Gramm an ihr“, sagt er und strahlt mich an. Das ist keine Floskel, Roland meint das so.

„Trotzdem musst du besser auf sie aufpassen, Roland. Fettleibigkeit liegt in der Familie väterlicherseits, unsere Familie ist zum Glück davon verschont geblieben. Dagmar kommt ganz nach mir, aber Tanja hat zu viele Anlagen ihres Vaters geerbt. Tanja muss regelmäßig ihren BMI checken, sie ist bestimmt schon im kritischen Bereich.“ Es folgt ein ausführlicher Beitrag über Fettleibigkeit und die Gefahren. Es fallen Worte wie Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkt. Als wäre das nicht genug, gibt meine Mutter ein Rechenbeispiel zum BMI und nennt mich dabei. Ich höre irgendwann nicht mehr zu. In meinem Kopf ist das Wort Fettleibigkeit wie eingebrannt. Was fällt dieser Frau eigentlich ein? Ich gehe ohne Tante Heidi zu fragen in die Küche und hole die Flasche Schnaps aus dem Kühlschrank, die zu Familienfesten immer dort steht. Vom Regal nehme ich zwei spießige Schnapsgläser, eins für mich und eins für Roland. Am Tisch schenke ich die Gläser ein, trinke beide und hoffe, dass ich mich dadurch etwas beruhige. Das funktioniert aber nicht. Ich schenke nach.

Dann kommt die leidige Kinder-Frage wieder auf den Tisch. Bei jeder Gelegenheit werde ich darauf angesprochen, warum ich noch keine Kinder habe.

„Deine biologische Uhr tickt sehr laut“, ruft Tante Barbara. „Mach nicht den gleichen Fehler wie ich. Ich habe zu lange gewartet und dann hat es bei mir nicht mehr geklappt.“ Sie weint fast und alle bedauern sie. Erst jetzt sehe ich, dass sie heute einen Begleiter an ihrer Seite hat. Wo hat sie denn den schon wieder aufgegabelt? Er sieht nicht so aus, als würde ein Wort von dem verstehen, was gesprochen wird. Ist der in Opas Alter?

„Habt ihr euch untersuchen lassen?“ will Onkel Ernst wissen. Was geht denn den das an? Alle starren mich an, auch seine Frau Elsbeth, die ist mir auch jetzt erst aufgefallen. Ich schüttle nur mit dem Kopf, weil mir keine passende Antwort einfällt.

„Mögt ihr keine Kinder?“ fragt ausgerechnet Dagmar, die nach ihrer fürchterlichen Gesangseinlage endlich wieder normal atmen kann. Die Frage ist mir zu blöd und ich antworte nicht darauf. Weil ich nichts sage, bohren alle nach. Roland hält sich raus, als würden ihn die Fragen nichts angehen.

„Stimmt etwas mit eurem Sexualleben nicht?“ Diese unverschämte Frage meiner Mutter macht mich sprachlos. Es folgen gute Ratschläge, wie man ein eingeschlafenes Sexualleben wieder in Gang bringen könnte. Roland und Opa hören amüsiert zu, mir ist das alles sehr peinlich.

Ich gehe auf die Toilette und bete darum, dass man über etwas anderes spricht, wenn ich wieder am Tisch sitze. Tatsächlich erzählt Tante Barbara nach einer wiederholten Zigarettenpause auf dem Balkon von ihrem letzten Termin bei der Kosmetikerin. Super! Endlich mal ein Thema, bei dem ich mitreden kann. Seit einigen Monaten gehe ich auch zu einer Kosmetikerin und bin begeistert. Meine Haut war noch nie so schön.

„Du gehst zur Kosmetikerin?“ Meine Mutter ist skeptisch. „Sieht man gar nicht“, fügt sie hinzu. Ich sage nichts darauf, das ist mir zu blöd. „Bevor du Geld dafür zum Fenster rauswirfst, könntest du das lieber in einen vernünftigen Friseur investieren. Deine Haare könnten etwas Pflege sehr gut gebrauchen.“

„Und ein neuer Haarschnitt wäre auch von Vorteil“, fügt meine Schwester an, die sonst nicht viel sagt. „Du trägst diesen Herrenhaarschnitt schon viel zu lange, das sieht langweilig aus.“

„Halt deinen Mund“, schnauze ich sie an. Es folgt eine verbale Auseinandersetzung, die meine Schwester nur verlieren kann. Sie war zwar immer die Hübschere von uns beiden gewesen, aber ich war schon immer sehr viel schlauer und wortgewandter. Außerdem weiß ich genau, wie ich sie treffen kann. Irgendwann gibt sie schließlich auf.

„Mach dir nichts draus“, sagt meine Mutter zu Dagmar und tröstet sie wie immer. „Du kennst ja das Sprichwort: Getroffene Hunde bellen.“

Ich schenke mir noch einen Schnaps ein und spüle den Ärger einfach runter. Es hat keinen Sinn, auf die Spitzen weiter einzugehen. Tante Heidi beobachtet jedes einzelne Glas, das ich trinke. Sie mag es nicht, wenn jemand Alkohol trinkt, aber das ist ihr Problem.

Onkel Ernst hat es endlich geschafft, die Aufmerksamkeit aller zu erlangen und philosophiert über seinen Job als Autoverkäufer.

Ich bin trotz des Schnapses immer noch beleidigt und beschließe, mich ab sofort nicht mehr mit meiner Mutter zu unterhalten. Ich nehme mir fest vor, auf ihre bissigen, fiesen Kommentare nicht zu reagieren. Wir räumen den Tisch ab und machen die Küche sauber. Dann gehen wir spazieren. Opa sitzt seit zwei Jahren im Rollstuhl und ich darf ihn schieben. Wir lassen uns zurückfallen und wir unterhalten uns blendend. Als wir zurück sind, ist es Zeit für den Kaffeetisch. Tante Heidi und Tante Barbara haben gebacken – Kotz! Beide können nicht backen, sehen das aber nicht ein. Tante Barbaras Kuchen sind immer viel zu dunkel und sehen lieblos aus. Ein hingerotzter Klumpen Teig, der entweder zu viel oder zu wenig Zucker enthält. Tante Heidis Kuchen bestehen fast nur aus Obst, das auf einer sehr, sehr dünnen Teigschicht aufgeschlichtet ist. Zucker? Fehlanzeige! Zum Glück stehen zwei gekaufte Torten auf dem Tisch, auf die sich alle stürzen. Diesmal komme ich ohne zu Kleckern über diese Hürde – ich bin sehr stolz auf mich. Meine Mutter quittiert das zweite Stück Torte mit einem abfälligen Blick, weshalb ich mir ein drittes Stück runterwürge, obwohl ich längst satt bin. Es folgen langweilige Gespräche über Leute, die ich nicht kenne. Tante Heidi und Tante Barbara tauschen Krankheiten aus. Ich kann nicht ganz folgen und weiß nicht, ob sie selbst daran erkrankt sind, oder ob sie darüber gelesen haben. Die Schilderungen sind ekelhaft und mir wird schlecht. Als Tante Barbara Fotos von Geschwüren auf ihrem Handy zeigt, kämpfe ich mit dem Würgereiz. Meine Gedanken drehen sich nur noch um meine Übelkeit, ich beteilige mich längst nicht mehr an der Diskussion. Dann folgt ein weiteres Foto, das ich mit einer abfälligen Bemerkung quittiere. Es wird totenstill und alle Augen sind auf mich gerichtet. Was ist los? Ich sehe mir das Bild genauer an und sehe, dass es sich um die neuen Fingernägel meiner Cousine handelt (der Tochter von Onkel Ernst und seiner stummen, langweiligen Frau). Peinlich!

Roland rettet schon wieder die Situation und ändert das Thema.

„Wen hast du denn heute mitgebracht, Tante Barbara? Du hast uns deine Begleitung noch nicht vorgestellt.“

„Habe ich nicht? Entschuldigt bitte. Das ist Hugo, wir haben uns beim Tanzen kennengelernt. Hugo war früher Anwalt und ist seit zwei Jahren Witwer.“

„Das ist ja interessant“, sagt Tante Heidi und bohrt nach. „Wo hatten Sie Ihre Kanzlei, Hugo?“

Der kleine, alte Mann spricht sehr leise und sieht meine Tante Barbara verliebt an. Wir wissen alle, dass Hugo von meiner Tante wieder nur ausgenutzt wird. Sie ist nicht an ihm interessiert, sondern an seiner Kohle. Immer wieder hat sie alte Männer an ihrer Seite, die ihr aus der Hand fressen und ihr einige Wünsche erfüllen. Allerdings bleibt keiner länger bei ihr. Entweder verlieren die Männer das Interesse an der oberflächlichen, teuren Frau, oder aber Tante Barbara findet einen solventeren, gefälligeren Mann, den sie ausnehmen kann.

„Wie alt sind Sie, Hugo?“ fragt meine Mutter und lächelt.

„Ich werde zweiundachtzig Jahre alt. Barbara sagt, dass ich mich für mein Alter sehr gut gehalten habe“, lacht er, wobei ihm fast die Zähne rausfallen. Meine Mutter und Tante Heidi sehen Tante Barbara vorwurfsvoll an. Die zuckt nur mit den Schultern und geht erneut auf den Balkon von Tante Heidis großzügiger Wohnung, um eine weitere Zigarette zu rauchen. Hugo folgt ihr. Als die beiden außer Hörweite sind, machen sich alle über sie lustig, ich auch.

„Über was unterhalten sich die beiden?“ fragt Tante Heidi schließlich, wobei sie immer Tante Barbara und den alten Mann im Auge hält. Nichts wäre ihre peinlicher, als wenn man sie beim Lästern erwischen würde. Als ob das nicht jeder wüsste!

„Das ist mir auch ein Rätsel“, sagt meine Mutter. „Kürzlich habe ich sie in der Stadt getroffen, da hatte sie einen sehr jungen Inder dabei. Wie lange Hugo wohl brauchen wird, bis er Barbara durchschaut?“

„Ein bisschen wird er noch bluten müssen, dann ist auch er Geschichte. Was meint ihr? Ob bei denen im Bett noch was läuft?“ sage ich und versuche, die Bilder aus meinem Kopf zu kriegen, obwohl ich weiß, dass es dafür zu spät ist. Den anderen geht es ähnlich.

„Also bitte!“ schimpft Tante Heidi und wird knallrot. Die anderen (außer Elsbeth) lachen, auch Opa, auf den niemand achtet. Schade, denn jetzt könnten alle sehen, dass er sehr gut versteht, was gesprochen wird.

Auch, um das Thema zu wechseln, holt Tante Heidi alte Fotos meiner verstorbenen Oma hervor. Tante Barbara und Hugo sind wieder zurück und alle tun so, als wäre nichts gewesen. Die Fotos werden nacheinander in potthässlichen, braunen Kunstlederalben angesehen. Tante Heidi weint, da einige Personen darauf längst verstorben sind. Ich erkenne Oma und werde traurig, denn ich habe sie sehr lieb gehabt. Man spricht auch jetzt wieder über Menschen, die ich nicht kenne, zeige aber Mitleid. Roland sieht sich alten Fotos gerne an. Vor allem die, auf denen ich drauf bin. Dieser Moment und das Gespräch mit meinem Opa waren schön, alles andere würde ich gerne vergessen, denn das folgende Abendessen war eine Katastrophe.

Nachdem ich nach Meinung meiner Mutter viel zu viel auf den Teller geladen habe, esse ich mehr, als ich eigentlich möchte. Jeden meiner Bissen quittiert meine Mutter mit einem dummen Kommentar oder einem strengen Blick. Sofort fühle ich mich klein und in meine Kindheit zurückversetzt. Wie ein trotziges kleines Kind stopfe ich alles mögliche in mich hinein. Mir ist kotzübel.

„Ich sage dir doch, dass du nicht zu viel essen sollst, Kind“, mahnt meine Mutter laut. „Jetzt ist dir schlecht, das sehe ich dir an der Nasenspitze an.“

„Blödsinn. Mir geht es sehr gut“, bringe ich gerade noch heraus. Der Gummi meiner Miederhose drückt und schnürt mir fast die Luft ab. Ich gehe auf die Toilette und habe nur eine Wahl: ich zieh das unbequeme Ding einfach aus. Jetzt habe ich zwar kein Höschen mehr an, bekomme aber wieder Luft.

Als ich zurückkomme, höre ich schon meinen Namen. Alle diskutieren darüber, dass es nicht fair war, dass meine Oma mir das kleine Häuschen vermacht hat, in dem ich heute lebe. Es folgen Vorwürfe an meinen Opa, der damit einverstanden war. Der tut so, als würde er kein Wort verstehen. Nach Omas Tod wollte Opa in einem Pflegeheim leben, was ich bei der Familie gut verstehen kann. Tante Barbara wollte Opa unbedingt bei sich haben (ganz sicher nur wegen seiner guten Rente, die Frau ist ständig pleite). Auch Tante Heidi wollte ihn gerne bei sich aufnehmen. Platz wäre genug, außerdem hätte sie dann wieder eine sinnvolle Aufgabe. Aber Opa hat sich durchgesetzt. Im Pflegeheim ist er sehr viel besser aufgehoben, dort hat er seine Ruhe. Opa schweigt wie immer und tut so, als könne er nicht sprechen. Er wirkt geistesabwesend, was bei der Fülle an Vorwürfen eine hervorragende Taktik ist. Als ich am Tisch ankomme, stopfe ich die Miederhose in meine kleine Handtasche. Ob jemand gesehen hat, was ich in meiner Tasche verschwinden ließ? Ich setze mich und dann hacken alle auf mich ein. Vorwürfe über Vorwürfe. Ich hätte das Haus meiner Großeltern nicht annehmen dürfen, da es eigentlich meiner Mutter zustand. Die Arme muss jetzt bis zu ihrem Lebensende in einer kleinen Mietswohnung leben und die dicke Tochter sitzt in einem eigenen Haus. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Alle sehen mich strafend an, meine Mutter weint sogar. Natürlich weint sie nur, weil sie damit noch mehr Mitleid und Unterstützung der anderen bekommt. Was kann ich dafür, dass meine Mutter jeden Cent für sinnlosen Schmarrn rauswirft, anstatt für eine Immobilie zu sparen? Auch für die Höhe ihrer Rente kann ich nichts.

„Du hättest für deinen Ruhestand vorsorgen müssen“, sage ich, wobei ich all meinen Mut zusammennehme. Liegt das auch am Alkohol? Ich weiß, dass ich mit meiner Aussage den Zorn aller auf mich ziehe, obwohl ich recht habe.

„Und wie hätte ich das als alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern machen sollen?“ keift sie sofort zurück. Von Tränen ist nichts mehr zu sehen.

„Erstens waren wir nicht mehr so klein, als Vater ging. Und zweitens hättest du während deiner Berufstätigkeit in die Rente einzahlen müssen. Irgendwann rächt es sich, wenn man immer nur schwarz arbeitet.“ Das hatte gesessen. Für einen kurzen Moment ist es totenstill geworden. Nur Opa lacht, aber auf ihn achtet wieder mal niemand. Dann hacken wieder alle auf mich ein und beschimpfen mich, wobei großkotzig und undankbar noch die harmloseren Worte sind. Hilfesuchend sehe ich Roland an und er versteht mich. Er trinkt sein Bier aus, während ich einen weiteren Schnaps hinunterkippe.

„Vielen Dank für die Einladung“, sagt Roland und steht auf. Ich springe auf und er zieht gleichzeitig den Stuhl zur Seite, was mich aus dem Gleichgewicht bringt. Ich mache eine Drehung und falle in Rolands Arme. Dabei rutscht mein kurzes Kleid nach oben, was meinen blanken Hintern offenbart.

Einige schreien, andere lachen, auch Roland. Ich ziehe schnell mein Kleid nach unten und mache, dass ich wegkomme. Ich hätte im Erdboden versinken können!

„Du hättest mir ruhig sagen können, dass du kein Höschen anhast. Ich hätte das echt sexy gefunden“, sagt Roland, als wir im Wagen sitzen und endlich außer Sichtweite der ganzen Bagage waren.

Wie lange das wohl die Runde macht? Ganz sicher, bis ich tot bin. Nein, selbst dann würden sie sich darüber noch lustig machen, meine Familie hat da keine Hemmungen. Ich würde erst meine Ruhe haben, wenn die anderen alle tot wären.

Ganz abgesehen von der Geschichte mit meinem Hintern hätte ich auch das eine oder andere Mal einfach meinen Mund halten sollen. Im Gegenzug dazu hätte ich Vorwürfe und dumme Sprüche nicht unkommentiert lassen dürfen. Meine Familie macht mich noch ganz krank. Glaubt ihr das nach der Schilderung meiner Mutter immer noch nicht? Dann bringe ich noch ein Beispiel….