Verräter müssen sterben


Cover Verräter müssen sterben

Die Köpfe des berüchtigten Münchner Bottas-Clans wurden verhaftet, die Gerichtsverhandlung steht unmittelbar bevor. Der Buchhalter des Clans ist bereit, vor Gericht auszusagen – und steht dadurch auf deren Abschussliste, denn Verräter müssen sterben.

Leo Schwartz und seine Kollegen sollen den Kronzeugen schützen. Die Aufgabe sieht anfangs einfach aus, wird aber durch eine undichte Stelle brandgefährlich…

 

Taschenbuch  € 9,90   232 Seiten                       Ebook  € 2,99    232 Seiten

Leseprobe

1.

Die junge Frau ahnte, was jetzt kommen würde, auch wenn sie kein Wort verstand. Sie hatte sich seit ihrer Entführung gewehrt, sobald sie die Möglichkeit dazu hatte. Die anderen hatten sie gewarnt, aber sie wollte nicht hören. Sie war die stolze Tochter eines Grundbesitzers in der Osttürkei und ihre Familie war in der Gegend sehr angesehen, auch wenn sie nicht wirklich reich waren. Ihre Eltern achteten immer darauf, dass sie gut gekleidet war und ermöglichten ihr nicht nur einen Schulbesuch, sondern auch einen Privatlehrer mit Namen Alaron, der sich in diese karge Ecke der Welt verirrt hatte und sich mit ihr und einem weiteren Schüler den Lebensunterhalt verdiente. Sie hatte keine Geschwister, weshalb die volle Aufmerksamkeit der liebevollen Eltern ihr allein galt. Ihre Welt war in Ordnung – bis sie vor einer gefühlten Ewigkeit auf dem Nachhauseweg vom Besuch ihres Onkels entführt wurde. Natürlich hatte sie sich mit aller Kraft gewehrt, aber die fremden Männer waren stärker, sie hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt. Sie fand sich nach einer langen und ungemütlichen Fahrt zusammen mit acht anderen jungen Frauen, von denen viele nicht ihre Sprache sprachen, in einer dreckigen Hütte wieder. Trotzdem fanden sie einen Weg, sich zu verständigen. Keine hatte eine Ahnung, wo sie waren und was mit ihnen geschehen würde – aber jede einzelne hatten eine Vorahnung, die niemand wagte, auszusprechen. In den zwei Tagen Gefangenschaft bekamen sie nur altes Brot und schmutziges Wasser. Dann wurden sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und auf die Ladefläche eines Lastwagens gepfercht. Es war dunkel und kalt. Anfangs war die Fahrt holprig, dann wurde sie ruhiger. Draußen wurde es lauter und Zisan schöpfte Hoffnung. Der Lastwagen stoppte. Waren sie am Ziel ihrer Reise angekommen? Zwei Männer zogen eine Frau nach der anderen von der Ladefläche und führten sie auf ein Schiff. Dort wurden sie wie Vieh in einen Container getrieben, in dem bereits weitere Frauen auf dem Boden kauerten. Einer der Männer reichte jeder zwei große Flaschen Wasser, dann wurde der Container beladen und verschlossen. Zisan bemerkte einige Packungen Brot auf dem Boden. Wie lange das wohl für die zweiundzwanzig Frauen reichen würde? Sie nahm sich vor, sparsam mit ihrem Wasser umzugehen. Nach wenigen Stunden fühlten alle, dass das Schiff ablegte. Viele weinten, andere sprachen Gebete. Zisan blieb ruhig. Sie hatte sich vorgenommen, keine Angst zu zeigen und sich nicht gehen zu lassen. Sie machte sich Sorgen um ihre Eltern, die sicher schon längst nach ihr suchten. Ob sie sie je wiedersehen würde?

Wie lange sie unterwegs waren, konnte Zisan nicht sagen. Sie schätze etwa sieben Tage, es könnten aber auch mehr oder weniger sein. Das Wasser war längst zu Ende, Durst und Hunger wurden unerträglich. Alle mussten sich in die beiden Eimer erleichtern, was mehr und mehr zum Problem wurde. Einige Frauen waren seekrank geworden und hatten sich übergeben, was das Atmen zusätzlich erschwerte. Als endlich der Container geöffnet und entladen wurde, versuchte jede einzelne, die frische Luft tief einzuatmen. Draußen war es hell, die Augen der Frauen konnten sich nach der langen Dunkelheit nur langsam an das Licht gewöhnen.

Zisan erkannte die beiden Männer, die sie hier eingesperrt hatten. Stolz hob sie den Kopf und kletterte allein aus dem Container, als einer ihr helfen wollte, auch wenn sie sehr wacklig auf den Beinen war. Sie wollte keine Schwäche zeigen, was ihr sehr gut gelang. Bei dem ihr angebotenem Wasser und den Broten langte sie zu, schließlich musste sie bei Kräften bleiben. Sie wurden in einen Lieferwagen gesetzt, der überraschenderweise sehr sauber und bequem war. Allerdings gab es keine Fenster, weshalb es nicht möglich war, herauszufinden, wo sie sich befanden. Ob eine der Frauen das überhaupt erkennen würden? Vermutlich nicht.

Nach einer mehrstündigen Fahrt waren sie an ihrem Ziel angekommen. Sie durften duschen und bekamen frische Kleidung. Sie wurden in einen Raum geführt, bei dem ihr sofort klar war, was das zu bedeuten hatte: Prostitution! Sie hatte nicht nur darüber gelesen, sondern auch mit ihrem Vater darüber gesprochen, auch wenn ihm das Thema sehr unangenehm gewesen war. Sie sehnte sich nach ihrem Vater, der sie sehr liebte und der sie immer beschützt hatte. Jetzt war sie auf sich allein gestellt.

Zisan machte es den Männern nicht leicht, die versuchten, ihren Stolz zu brechen, was ihr sehr viel Ärger einbrachte. Sie kratzte, biss und schlug um sich. Vor allem einer der Entführer, der offenbar Patrick hieß, bekam ihren Widerstand ab. Aber der Mann war ebenso stur wie sie und wollte nicht so schnell aufgeben. Immer wieder lockte er sie aus der Reserve. Wenn sie sich wehrte, schlug er sie. Die Schläge wurden heftiger. Schnell hatte sie erkannt, dass man sie ein, zwei Tage in Ruhe ließ, wenn sie geschlagen wurde. Das nutzte sie aus. Während ihrer Erholungsphasen fiel ihr ein Mann auf, der zu ihren Entführern gehörte, aber im Gegensatz zu den anderen sehr gütige Augen hatte. Sie lächelten sich nur an, was Balsam für ihre Seele war. Ein einziges Mal hatten sie die Möglichkeit, ein paar Worte zu wechseln. Der Mann schien überrascht, dass sie Englisch sprach, auch wenn sie mit der Grammatik Probleme hatte. Während sie die Worte aussprach, musste sie an den alten Alaron denken, der sich große Mühe gab, ihr die Worte beizubringen. Sie hätte weinen können, aber sie riss sich zusammen.

Die hohe Stimme des fremden Mannes schreckte sie nicht ab. Sie hatte einen Nachbarn, der ähnlich sprach und über den sich viele lustig machten. Das hatte sie immer gehasst. Schon nach wenigen Worten tauchte dieser widerliche Patrick auf und zog sie mit sich. Trotzdem hielt sie immer wieder Ausschau nach dem netten Mann, der hier irgendwie nicht dazuzugehören schien. Vielleicht bekam sie mit ihm die Möglichkeit zur Flucht?

Irgendwann wurde es hektisch. Allen Frauen wurde befohlen, die ihnen gereichte Kleidung anzuziehen, die kaum das Nötigste bedeckte. Zisan weigerte sich, diese Fetzen anzuziehen, die nicht mit ihrem Glauben und ihrer Erziehung vereinbar waren.

Patrick war kurz davor, sie erneut zu schlagen. Langsam hatte er genug von dieser Kratzbürste. Sie machte nur Probleme und rebellierte, wo sie nur konnte. Er musste aufpassen, dass sich das nicht auf die anderen Frauen übertrug. Da er wusste, dass der Chef keine Blessuren an seinen Frauen sehen wollte, hielt er sich zurück und gab nach. Zisan wurde in einen Raum geführt, in dem die anderen Frauen bereits aufgereiht standen. Sie sahen alle wie billige Nutten aus und jede einzelne schämte sich für ihren Aufzug. Zisan sah sich um und bemerkte den Mann in einer Ecke stehen, der ihre einzige Hoffnung gewesen war. Warum ließ er das zu? Warum machte er nichts? Patrick schob sie grob zu anderen. Sie war die einzige, die ein Kleid trug und damit aus der Reihe der dürftig gekleideten Frauen herausstach. Der Fremde, den alle ehrfürchtig behandelten und mit Stefan ansprachen, kam sofort auf sie zu. Er stand dicht vor ihr, sie konnte seinen schlechten Atem riechen. Am liebsten hätte sie den Kopf zur Seite gedreht, aber sie hielt seinem Blick stand.

Stefan gefiel diese Frau. Sie zeigte keine Furcht und ihr Stolz war spürbar. Diese Art Frauen waren zwar nicht besonders gefragt, brachte aber auch eine hübsche Summe ein, wenn er den richtigen Käufer fand. Er packte sie am Kinn und sah ihr in die Augen.

„Das ist die Frau, mit der es Probleme gibt?“, wandte er sich an Patrick, ohne den Blick von Zisan zu wenden.

„Ja, das ist sie. Sie wurde in der Osttürkei aufgegriffen. Sie hat von Anfang an nur Ärger gemacht. Ich habe hart durchgegriffen, aber das schien ihr nichts auszumachen.“

„Eine Türkin? Sagte ich nicht, dass ich keine mehr haben möchte?“

„Die wurde uns angeboten und kostete nicht viel, also habe ich zugeschlagen. Wenn ich geahnt hätte, wie schwierig sie ist, hätte ich sie nicht genommen.“

Stefan sah sie sich von allen Seiten an, blieb aber immer an ihren fast schwarzen Augen hängen, die ihn anzogen.

„Du tust dir mit deiner Gegenwehr keinen Gefallen, meine Schöne. Je eher du verstehst, dass du keine Chance hast, desto besser.“

„Das wird nichts, Chef. Diese Sorte kenne ich. Mit der werden wir nur Probleme haben.“

Stefan vermutete eine Frau aus gutem Hause und versuchte, ihr in den Mund zu sehen, denn die Zähne sagten viel über die Herkunft aus.

Zisan hatte kein Wort verstanden. Sie war voller Hass. Als der Fremde auch noch seine dreckigen Finger in ihren Mund steckte, war sie außer sich. Mit aller Kraft biss zu. Und zwar so heftig, bis sie sein Blut schmecken konnte. Der Mann erschrak und schrie wie am Spieß. Als sie den Mund öffnete, zog er seine Finger zurück. Zu allem Überfluss spuckte sie ihn auch noch an. Die mit Blut durchtränkte Spucke landete direkt in seinem Gesicht und war für alle sichtbar. Patrick eilte hinzu und reichte Stefan ein Tuch, mit dem er die blutenden Finger rasch einband. Unruhe machte sich breit, alle starrten Zisan an.

Die hielt stolz den Kopf gerade und sagte keinen Ton. Sie fühlte sich im Recht. Dieser Stefan hatte sie betrachtet wie ein Stück Vieh, und das erlaubte sie ihm nicht. Sie hatte sich mit aller Kraft gewehrt – und als sie das wütende Gesicht des Mannes sah, hatte sie verstanden, dass das ihr Todesurteil war.

 

2.

 

Zehn Wochen später

 

„Jetzt hör endlich mit deiner Bockerei auf, du beleidigte Leberwurst!“ Der achtundfünfzigjährige Kriminalhauptkommissar Hans Hiebler hatte die Nase gestrichen voll. Er war seit drei Monaten aus Las Vegas zurück, wo er seine Freundin Anita geheiratet hatte. Er hatte niemandem davon erzählt, was er auch nicht als seine Pflicht ansah. Das war eine Sache zwischen ihm und seiner Anita – und ging niemanden etwas an. Als die Nachricht durchsickerte, gratulierten ihm alle Freunde und Kollegen. Sie alle freuten sich mit ihm – aber nicht Leo Schwartz. Der reagierte sauer und war beleidigt. Leo vermied jeglichen Kontakt, der über das Berufliche hinausging und sprach seitdem nur das Nötigste mit ihm.

„Leck mich!“, sagte Leo und verschränkte die Arme vor der Brust. Den vierundfünfzigjährigen gebürtigen Schwaben hatte die Nachricht sehr getroffen. Waren er und Hans nicht die besten Freunde, die alles voneinander wussten und sich blind vertrauten? Offensichtlich nicht, denn sonst hätte wenigstens er Bescheid gewusst, anstatt wie ein Trottel dazustehen. Nein, diesen Vertrauensbruch würde er Hans niemals verzeihen. Seitdem vermied er es so gut es ging, mit ihm zusammenzuarbeiten oder ihn auch nur anzusehen. Worte wurden nur wenige gewechselt. Leo hatte seinen Jahresurlaub längst aufgebraucht, weshalb es jetzt seit Wochen keinen Grund mehr gab, nicht zur Arbeit zu gehen. Er hätte eine Krankheit vorschieben und zuhause bleiben können, aber das war nicht sein Ding.

„Leute, bitte!“, versuchte die Leiterin der Mordkommission Tatjana Struck zu schlichten – wie so oft in den letzten Monaten. Sobald die beiden aufeinandertrafen, war die Stimmung im Keller. Außerdem waren die beiden mehrmals kurz davor gewesen, sich an die Gurgel zu gehen, wobei die Provokationen von beiden Seiten ausgingen. Tatjana fühlte sich wie im Kindergarten und hatte langsam keine Lust mehr, zur Arbeit zu gehen. Es gab keinen neuen Mordfall, weshalb sie und die beiden Streithähne gezwungen waren, andere Aufgaben zu übernehmen und die Kollegen zu unterstützen, was keinem besonders gefiel. Sie hatten keine Wahl, denn die Kriminalpolizei Mühldorf war durch Urlaub und ungewöhnlich viele Krankheitsfälle völlig unterbesetzt. Für die verletzte Kollegin Diana Nußbaumer, die sich sehr gut erholte, war immer noch kein Ersatz eingetroffen, der vielleicht die Stimmung etwas anheben könnte. Krohmer versprach immer wieder, dass das Problem nur ein kurzfristiges sei, aber trotzdem hatte sich noch nichts an der Situation geändert.

Warum hatte der Chef um eine Besprechung gebeten? Alle hofften inständig, dass es eine neue Aufgabe gäbe, mit der alle auf andere Gedanken kämen.

Es herrschte wieder Schweigen, was allen aufs Gemüt schlug.

Endlich betrat Rudolf Krohmer gemeinsam mit dem Staatsanwalt Eberwein das Besprechungszimmer der. Krohmers Laune war nicht die beste, was alle sofort merkten.

„Wo ist Fuchs?“, raunte Krohmer und sah Tatjana an.

„Keine Ahnung!“

„Na, dann holen Sie ihn!“, sagte der Staatsanwalt, dessen Laune auch nicht besser war.

„Bin ich hier das Kindermädchen?“ Tatjana war sauer. Solch eine Behandlung brauchte sie sich nicht gefallen lassen. Sie nahm ihr Handy und rief Fuchs an.

„Was?“, maulte der Leiter der Spurensicherung, nachdem er es hatte lange klingeln lassen.

„Wir warten auf Sie im Besprechungszimmer. Los, Tempo!“ Tatjana legte auf und sah Krohmer an, der nur nickte.

Fuchs hatte die Zeit vergessen und erschrak. Er war sonst immer pünktlich und mochte es selbst nicht, wenn man sich nicht an Vereinbarungen und Termine hielt. Er ließ alles stehen und liegen und machte sich auf den Weg. Ob er sich entschuldigen sollte? Das war das mindeste, was er tun konnte.

„Ich bitte vielmals…“

„Setzen Sie sich!“, unterbrach Krohmer. „Jetzt, da wir vollständig sind, können wir endlich anfangen. Bitte, Herr Eberwein.“

„Ihnen sagt der Name Wolfgang Terpitz etwas?“

„Nein“, sagte Tatjana.

„Wer soll das sein?“, rief Leo.

Eberwein schüttelte den Kopf, denn es war augenscheinlich so, dass niemand den Leitenden Oberstaatsanwalt der Wirtschaftskammer des Landgerichts München II kannte, was ihm unbegreiflich war. Terpitz war im bayerischen Justizkreis eine Berühmtheit und hatte sich in den letzten fünfzehn Jahren einen sehr guten Ruf erarbeitet. Zum Glück hatte Eberwein ein Infoblatt des Landgerichts München II dabei, auf dem auch Terpitz‘ Bild abgedruckt war.

Er gab den Mühldorfer Kriminalbeamten einen Moment.

„Na? Dämmerts?“

„Ich kenne den Mann trotzdem nicht“, sagte Leo, der mit Unwissenheit kein Problem hatte. Man konnte schließlich nicht alles wissen.

„Ich bin Terpitz einmal begegnet“, sagte Hans Hiebler. „Sie erinnern sich, Chef?“

Krohmer nickte.

„Schleimscheißer“, flüsterte Leo.

„Halt die Klappe!“, flüsterte Hans zurück.

Beide ernteten von Krohmer einen Blick, der sich gewaschen hatte. Natürlich hatte auch er mitbekommen, dass es zwischen den beiden große Diskrepanzen gab, die ihn aber nichts angingen. Das sollten die beiden mal schön unter sich ausmachen. Sobald er aber mitbekäme, dass dieser Streit offen in seiner Polizei ausgetragen wurde oder gar die Arbeit beeinflusste, musste er einschreiten. Noch war es nicht so weit, denn er hatte noch nichts davon mitbekommen. Das lag auch daran, dass Tatjana kein Wort darüber verlor.

„Sie haben sicher alle von dem bevorstehenden Strafverfahren gegen den Bottas-Clan gehört.“

„Logisch, die Medien berichten ja von nichts anderem mehr“, sagte Fuchs und sah auf die Uhr. Warum war er hier? Was ging ihn das hier an?

„Die Verbrechen, die diesem Clan vorgeworfen werden, wurden hauptsächlich in Süddeutschland verübt. Man hat sich dafür ausgesprochen, dass die Gerichtsverhandlung im Landgericht München II stattfindet, was Terpitz als zuständiger Oberstaatsanwalt angeregt hatte. Diese Information sollte eigentlich geheim bleiben, ist aber trotzdem durchgesickert. Dass der Ort der Gerichtsverhandlung bekanntgeworden ist, ist nicht mehr zu ändern. Es wissen nur sehr wenige, wann die Gerichtsverhandlung stattfindet und das soll auch so bleiben. Die Freunde des festgenommenen Franco Bottas und seines Bruders Stefan werden alles versuchen, die Verhandlung zu sabotieren.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, maulte Leo, der kein Interesse an dem hatte, was Eberwein von sich gab. Was ging das die Mühldorfer Kriminalpolizei an?

„Wir haben unsere Quellen, Herr Schwartz. Wenn ich sage, dass von Seiten des Bottas-Clans alles unternommen wird, um das Strafverfahren zu verhindern, dann ist das so! Und daran werden auch die Anwälte nichts ändern, die die Bottas-Brüder vertreten.“

„Aber was haben wir….?“

„Wenn Sie jetzt endlich den Staatsanwalt ausreden lassen würden, kämen wir auf den Punkt“, rief Krohmer wütend, der diese Unterbrechungen hasste.

„Danke, Herr Krohmer. Oberstaatsanwalt Terpitz hat sich vertrauensvoll an mich gewandt, da er Angst um den Kronzeugen hat. Hermann-Josef Masberg war ein Mitglied des Bottas-Clans, er war für die Finanzen zuständig. Dieser Zeuge hat sich bereiterklärt, umfassend gegen die Familie Bottas auszusagen. Ich brauche nicht betonen, dass Masberg als Kronzeuge Gold wert ist.“

„Verstehe ich das richtig? Wir sollen das Kindermädchen für einen Zeugen spielen?“, rief Tatjana, die das nicht glauben konnte.

„Ich verbitte mir diese abfälligen Äußerungen, Frau Struck!“ Krohmer war sauer. Was sollte diese Respektlosigkeit? „Ein Zeuge ist in Gefahr und ein Oberstaatsanwalt bittet uns um Amtshilfe. Selbstverständlich werden wir uns der Sache annehmen!“

„Wie haben Sie sich das vorgestellt, Herr Eberwein?“ Leo war neugierig geworden.

„Für eine Unterbringung ist gesorgt. Zwei von Ihnen werden Masberg rund um die Uhr bewachen. Eine Person brauchen wir für den Schutz des Hauses. Mehr Personal wird nicht nötig sein.“

„Ich verstehe. Wir sollen dafür sorgen, dass dem Zeugen bis zur Gerichtsverhandlung nichts geschieht. Wer weiß von dem Haus? Ist es wirklich sicher?“ Hans war sofort dabei.

„Es handelt sich um ein neues Haus, dessen Adresse Ihnen noch bekanntgegeben wird. Nur Herr Krohmer und der Oberstaatsanwalt wissen von dem Versteck, ich selbstverständlich auch. Das Haus ist sicher, darauf können Sie sich verlassen.“

„Was ist mit mir? Was habe ich damit zu tun?“, wollte Fuchs wissen, der seine Rolle immer noch nicht verstand.

„Bevor der Zeuge das Haus betritt, muss es auf Herz und Nieren geprüft werden. Wir sind zwar sicher, dass das Haus sauber ist, aber wir wollen trotzdem kein Risiko eingehen. Herr Krohmer meinte, dass Sie genau der Richtige dafür sind.“

„Ich verstehe. Und das sollte so unauffällig wie möglich geschehen, damit die Nachbarn nicht aufgeschreckt werden.“ Fuchs lehnte sich zurück und dachte darüber nach, wie das am besten zu bewerkstelligen wäre. „Hat das Haus einen Garten?“

„Ja. Warum?“

„Meine Mitarbeiter und ich könnten uns als Gärtner ausgeben.“

„Mitarbeiter? Das geht nicht, Herr Fuchs, Sie müssen das allein übernehmen. Je weniger von dem Haus und dem Zeugen wissen, desto besser.“

Fuchs war nicht begeistert, denn ein Haus samt Grundstück war eine riesige Aufgabe für einen allein. Aber er verstand, dass der Kreis der Eingeweihten klein bleiben musste, um den Zeugen und die Kollegen nicht zu gefährden.

„Wie viel Zeit habe ich?“

„Bis heute Abend.“

„Das werde ich kaum schaffen“, schüttelte Fuchs den Kopf.

„Das werden Sie müssen, Herr Fuchs. Ich schlage vor, dass Ihnen Frau Struck zur Hand geht. Der Zeuge befindet sich momentan an einem sicheren Ort. Die Herren Schwartz und Hiebler werden den Zeugen heute Mittag übernehmen und in das sichere Versteck bringen.“

„Ich soll doch wohl nicht auch dortbleiben!“, rief Fuchs erschrocken.

„Nein, Sie kehren heute Abend zurück. Für die Sicherheit des Zeugen sind die Kriminalbeamten zuständig.“

Leo wollte etwas sagen, hielt sich aber zurück. Er sollte mit Hans eng zusammenarbeiten? Das konnte ja heiter werden! Aber der Streit mit Hans war jetzt nicht wichtig, auch wenn er nicht begeistert von der neuen Aufgabe war.

„Ich muss hoffentlich nicht betonen, dass absolutes Stillschweigen anderen gegenüber gewahrt wird. Alle Informationen laufen über Herrn Krohmer, nicht über mich. Offiziell habe ich mit dieser Aktion nichts zu tun. Jeder weiß, dass der Kollege Terpitz und ich schon seit vielen Jahren Kontakt pflegen. Es wird durchsickern, dass der Zeuge irgendwo untergebracht wird und die Familie Bottas wird alles versuchen, Masberg aufzuspüren und zum Schweigen zu bringen. Ich sollte anmerken, dass es vermutlich einen Informanten innerhalb der Polizei oder der Justiz gibt, deshalb gilt die höchste Sicherheitsstufe. Telefonate Ihrerseits, auch privater Natur, sind verboten. Ab jetzt kein Wort mehr zu Angehörigen. Handys dürfen nur im äußersten Notfall benutzt werden, am besten überhaupt nicht.“ Eberwein stand immer noch. Er zitterte, denn er wusste, welches Risiko die Mühldorfer Polizei und damit die Kriminalbeamten eingingen. Mit der Familie Bottas und ihresgleichen war nicht zu spaßen. Es war bekannt, dass Abtrünnige des Clans vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwanden und nie wieder auftauchten. Das durfte mit dem Zeugen Masberg nicht geschehen, er hatte Terpitz sein Wort gegeben.

Die Kriminalbeamten waren erschrocken. War diese Aufgabe nicht eine Nummer zu groß für sie?

„Ich werde mich jeden Abend um zweiundzwanzig Uhr melden beziehungsweise das Handy einschalten“, sagte Krohmer und überreichte Tatjana und Hans jeweils ein Handy. „Der Kontakt findet ausschließlich über diese Handys statt, die sind sicher. Meine Nummer ist eingespeichert, auch ich habe dafür ein neues Handy. Das mag Ihnen vielleicht paranoid vorkommen, aber ich möchte kein Risiko eingehen. Ihr Einsatz beginnt ab sofort. Da ich davon ausgehe, dass sich Ihre Angehörigen bei mir melden werden, wird mir schon etwas einfallen, womit ich Ihre Abwesenheit erkläre. Noch etwas: Masberg ist gesundheitlich angeschlagen. Die ganze Aufregung war zu viel für ihn, er braucht medizinische Betreuung. Dafür habe ich gesorgt.“ Krohmer hakte einen Punkt nach dem anderen ab. Eberwein hatte ihm die Durchführung überlassen und er hatte sich lange Gedanken darüber gemacht, wie diese gefährliche Aufgabe am sichersten durchgeführt werden sollte. „Für diese Aufgabe bekommen Sie zusätzliche Waffen und Munition, die Sie sich in meinem Büro abholen können. Gibt es Fragen?“

„Wir brauchen Kleidung“, wandte Tatjana ein.

„Die ist bereits vor Ort. Ich war so frei, mich darum zu kümmern.“

„Wie lange soll der Einsatz dauern?“, fragte Leo, der sich überfahren fühlte. Heute Morgen noch schien es, als würde ein ganz normaler Arbeitstag bevorstehen und jetzt das!

„Bis zum Beginn der Verhandlung. Uns ist der Termin bekannt, Ihnen wird er noch genannt werden. Gehen Sie von ein bis zwei Wochen aus.“

„Zwei Wochen?“, rief Leo und warf Hans einen Blick zu, der nicht sehr freundlich war.

„Haben Sie ein Problem damit?“, sagte Krohmer und sah Leo an, der darauf den Kopf schüttelte. „Dann wünsche ich Ihnen alles Gute!“

Tatjana ging auf Fuchs zu.

„Dann werden wir beide das Vergnügen haben, Kollege Fuchs. Ich schlage vor, dass wir keine Zeit verschwenden uns sofort auf den Weg machen.“

Fuchs nickte nur, denn dass das kein Vergnügen werden würde, war ihm jetzt schon klar. Er wusste, dass sich die Struck nicht zurückhalten würde und jede Anweisung seinerseits kommentieren und auch anzweifeln würde. Am liebsten würde er einen seiner Kollegen mitnehmen, aber das durfte er nicht.

„Geben Sie mir eine halbe Stunde, dann kann es losgehen.“

„Worauf warten wir?“

„Ich muss mich vor Ihnen nicht rechtfertigen, Frau Struck. Ich bin in einer halben Stunde fertig, dann können wir sofort los.“ Fuchs musste den Inhalt seines Wagens überprüfen. Warum verstand die Frau das nicht? Dachte sie wirklich, dass er immer und überall alles dabei hatte, was er brauchte?

Leo und Hans folgten Krohmer in dessen Büro. Beide waren erschrocken über das Waffenarsenal, dass für sie bereitstand.

„Ziehen wir in den Krieg?“, versuchte Hans zu scherzen.

„Das ist nicht lustig, Herr Hiebler. Nehmen Sie die Waffen mit. Ich bin froh, wenn ich sie los bin. Noch etwas: Ich spüre Spannungen zwischen Ihnen beiden. Muss ich mir Sorgen machen?“

„Nein!“, riefen beide gleichzeitig.

Jetzt galt es für Leo und Hans zu warten. Sobald der Anruf kam und sie erfuhren, wo der Zeuge abzuholen war, konnte es losgehen. Bis dahin herrschte Schweigen. Leo nutzte die Zeit und suchte im Netz nach Informationen über den Bottas-Clan und die beiden Festgenommenen, ohne zu ahnen, dass Hans es ihm gleichtat.

Die Familie Bottas kam ursprünglich aus Spanien, war aber seit den frühen achtziger Jahren in Deutschland. Sehr schnell fielen einige Mitglieder negativ auf. Stück für Stück rissen sie den Drogenhandel an sich und verbreiteten in München, später in den umliegenden Städten wie Nürnberg, Regensburg, Rosenheim Angst und Schrecken. Längst ging es nicht mehr nur um Drogen, sondern auch um Zigarettenschmuggel, Prostitution und Körperverletzung, was nicht selten in Mordvorwürfen endete. Die Familie war so gut vernetzt, dass nur sehr selten jemandem etwas nachgewiesen werden konnte. Obwohl es bekannt war, was die Familie Bottas machte, lebte sie unbehelligt und nahm am normalen gesellschaftlichen Leben Teil. Es gab nicht wenige Gesetzeshüter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, dem Treiben der Bottas ein Ende zu setzen, aber das war nie gelungen. Noch bevor es zu einer Gerichtsverhandlung kam, waren Beweise vernichtet und Zeugen spurlos verschwunden. Leo lehnte sich zurück. Donnerwetter! Das konnte ja heiter werden.

Auch Hans war beeindruckt von den Informationen und er dachte ähnlich wie Leo. Er druckte einige Fotos aus und steckte sie ein. Und jetzt? Was sollte er noch tun, um nicht mit Leo reden zu müssen? Er ging zur Toilette und trank danach einen Kaffee auf dem Flur. Dort traf er Kollegen, mit denen er kurze Schwätzchen halten konnte. War jetzt endlich genug Zeit verstrichen? Hans war sauer auf Leo, der offenbar nicht verstand, dass er in Las Vegas geheiratet hatte, ohne dass jemand davon wusste. War das nicht sein gutes Recht? Leo war eingeschnappt, weil er ihm als seinem besten Freund nichts davon gesagt hatte. Anfangs dachte er, das legt sich wieder, denn er kannte Leo, der sonst nie lange bockte. Aber diesmal war das anders. Konnte Leo ihn nicht verstehen? Er war schließlich erwachsen und hatte sich vor nichts und niemandem zu rechtfertigen. Anstatt sauer zu sein, sollte er sich gefälligst für ihn freuen, dass er den mutigen Schritt gewagt und Nägel mit Köpfen gemacht hatte.

Hans ging zurück ins Büro, wo Leo immer noch in derselben Haltung am Schreibtisch saß und so tat, als würde er in die Unterlagen, die er in der Hand hielt, vertieft sein. Hans fand dessen Verhalten geradezu lächerlich und setzte sich mit einem lauten Lachen, was Leo abermals zur Weißglut brachte. Die beiden schenkten sich nichts – und es war offensichtlich, dass sich an dem schlechten Verhältnis zwischen ihnen so schnell nichts ändern würde. Beide würden ihre Arbeit machen – nicht mehr und nicht weniger.

Nach drei endlos langen Stunden kam endlich der erlösende Anruf.

„Wir sind unterwegs“, sagte Hans, als er sich die Adresse notiert hatte. Ob er Leo sagten sollte, wohin es ging? Nein, dazu war er zu stolz. Stattdessen überreichte er ihm den Zettel, auf dem die Adresse in Freising stand. Leo sagte nichts, las den Zettel und steckte ihn ein.

Auf der eineinhalbstündigen Fahrt sprachen die beiden kein Wort miteinander. Hans hatte das Radio laut aufgedreht, was Leo eigentlich nicht mochte, aber dieses Mal war er froh darüber. Sie waren in Freising angekommen und näherten sich dem Haus in der Doblerstraße. Hans stieg aus, Leo folgte ihm. Beide behielten die Straße im Auge und griffen zu ihren Waffen. Das fragliche Haus war unscheinbar. Hans klingelte und hielt seine Waffe im Anschlag, ebenso Leo. Die Tür wurde geöffnet und vor ihnen stand ein zweiundvierzigjähriger Mann, hinter dem zwei Männer standen.

„Hiebler und Schwartz von der Kripo Mühldorf“, sagte Hans und beide wiesen sich aus. Hans und Leo dachten nicht daran, ihre Waffen runterzunehmen.

„Endlich, das wurde aber auch Zeit. Sprangl und Eder“, sagte er, ohne dass die beiden sich auswiesen. „Wir dachten schon, ihr hättet euch verfahren oder kommt überhaupt nicht mehr!“ Der junge Kollege mit der dunklen Pilotenbrille reichte Hans eine Reisetasche. „Wir sind froh, dass wir den Mann endlich los sind, das könnt ihr uns glauben.“ Sprangl sah Hans und Leo abschätzend an. Aus seinem Blick konnten die Mühldorfer Kriminalbeamten erkennen, dass er sich ihnen gegenüber überlegen fühlte. „Viel Spaß mit Masberg!“, rief er und grinste.

„Geht das nicht noch lauter?“, maulte Leo und sah sich um. „Reißen Sie sich gefälligst zusammen und unterlassen Sie das dämliche Grinsen!“

Hermann-Josef Masberg hatte Angst, das konnte man ihm ansehen. Hans und Leo hatten einen taffen Mann erwartet, aber vor ihnen stand ein Häufchen Elend, der nichts mit dem Bild eines knallharten Gangsters zu tun hatte. Masberg trug eine altbackene Cordhose, die zu der Trachtenjacke und der Schiebermütze passte. Mit seiner Kleidung sah der Mann vermutlich sehr viel älter aus, als er tatsächlich war. Er hielt eine abgewetzte Aktentasche fest umklammert.

„Geben Sie mir die Tasche“, forderte Hans ihn auf, worauf Masberg heftig den Kopf schüttelte.

„Bitte kommen Sie“, sagte Hans ruhig und nickte Masberg aufmunternd zu. Er griff nach der Reisetasche und drehte sich um. Er ging mit dem Zeugen langsam zum Wagen, Leo blieb dicht bei ihnen. Eigentlich hätten sie erwartet, dass die beiden Kollegen Sprangl und Eder ihnen wenigstens bis zum Wagen Schutz gaben, aber die beiden dachten überhaupt nicht daran. Sie lachten und rauchten – für sie war der Job erledigt.

Hans und Leo waren nervös. Die Straße war für ihre Begriffe viel zu ruhig. Sie setzten Masberg auf die Rückbank, dann setzten sie sich. Leo überließ Hans das Steuer, er war der bessere Fahrer. Hans startete den Motor und zögerte. Eigentlich hätten sie geradeaus fahren sollen, denn die Doblerstraße war eine Einbahnstraße.

„Hier stimmt etwas nicht“, sagte Hans und behielt die Straße im Blick.

„Das sehe ich auch so“, sagte Leo. „Legen Sie sich hin!“, rief er Masberg zu.

Hans legte den Rückwärtsgang ein und wendete in der nächsten Einfahrt. Dann gab er Gas und fuhr gegen die Fahrtrichtung.

Sprangl und Eder lachten.

„Schau dir diese Idioten an! Diese Landeier wissen vermutlich nicht, was eine Einbahnstraße ist!“, lachte Eder und Sprangl stimmte ein.

Nur einen Augenblick später fuhr ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit ebenfalls in die falsche Richtung. Das Lachen blieb ihnen im Hals stecken, denn den beiden war sofort klar, dass dieses Fahrzeug hinter dem Zeugen Masberg her war.

 

 

3.

Friedrich Fuchs war genervt. Wegen der ständigen Kommentare und Klugscheißereien der Kollegin Struck kam er nur langsam voran. Das Haus mit dem kleinen Grundstück war zwar überschaubar, trotzdem gab es jede Menge zu tun. Wie lange es wohl dauern würde, bis er die Nerven verlor? Das durfte er nicht zulassen, denn er hatte eine Aufgabe, die er zuverlässig erledigen wollte.

Es dauerte zwei Stunden, bis Tatjana endlich begriff, dass Fuchs sehr gut wusste, was er machte. Sie war sogar so weit, ihn für seine Arbeit zu bewundern, was sie ihm gegenüber aber niemals zugeben würde. Sie hatte verstanden, dass sie sich zurückhalten musste, damit der Kollege Fuchs rechtzeitig fertig wurde. Irgendwann funktionierte ihre Zusammenarbeit reibungslos und sie kamen gut voran. Es gab nur noch den Keller, auf den sie keine Lust hatte und den sie großzügig Fuchs überließ. Sie sah sich in dem Haus um und machte sich mit jedem Zimmer vertraut.

Das Haus nahe dem oberbayerischen Garching war abseits gelegen und wurde wohl früher als Austraglerhaus genutzt. Das waren Häuser, die für den Ruhesitz der alten Bauern zur Verfügung standen, die den Hof an den Erben übergaben und hier ihr Auskommen hatten. Der Hof in unmittelbarer Nähe wurde nicht mehr bewirtschaftet und war nicht bewohnt, was für die Polizei und den Kronzeugen sehr gut war. Trotzdem war es schade zu sehen, dass ein weiterer Bauernhof aufgegeben worden war. Die Aussicht war genial. Man konnte von vielen der kleinen Fenster aus die enge Zufahrtsstraße sehr gut einsehen, außerdem gab es nur diese eine Straße. Die nächsten Häuser und Bauernhöfe lagen zwar in Sichtweite, aber nicht direkt nebenan. Die Fenster im Erdgeschoss waren alle mit schönen, schmiedeeisernen Gittern versehen, die Haustür war sehr stabil. Nebenan gab es einen Schuppen, in dem man zwei Autos unterstellen konnte. Als sicherer Unterschlupf für einen Zeugen war dieses Haus geradezu ideal.

Der Kühlschrank war voll, ebenso die Speisekammer. In jedem der Zimmer stand ein Bett, ein Schrank, ein Stuhl und ein Tisch. Auf den Betten lagen Taschen, in denen sich Kleidungsstücke der Kriminalbeamten befanden. Tatjana runzelte die Stirn, als sie ihre Kleidung erkannte. Wie war das möglich? Nur sie und ihr Lebensgefährte hatten einen Schlüssel für ihre Wohnung. Das war sicher Krohmers Werk! Sobald sie die Möglichkeit hatte, musste sie sich ihn vornehmen, denn das ging zu weit!

Das Wohnzimmer war klein und gemütlich. Außer dem alten Kachelofen gab es eine Couch und einen Fernseher – und einen Internetanschluss, was Tatjana überraschte. Die Küche war sauber und überschaubar. Darin befand sich auch eine Eckbank mit einem rechteckigen Esstisch. Alles Möbel, die schon immer hier waren und perfekt passten. Welche Geschichten dieses Haus mitsamt dem Inventar wohl erzählen konnte? Tatjana schätzte das Haus auf über hundert Jahre, was auch die Stromleitungen belegten, die noch Aufputz lagen. Die alten Schalter waren durch neue ersetzt worden. So schön ruhig gelegen und kuschelig dieses Haus auch war, im Winter würde sie nicht hier sein wollen, denn es gab keine Zentralheizung, sondern nur den alten Kachelofen. Sie öffnete die Schranktür unter der Spüle und entdeckte den Wasserboiler, was sie nicht überraschte. Sie hatte über der kleinen Wanne des lindgrünen Bades ein riesiges Monstrum entdeckt, das für das heiße Wasser zur Verfügung stand. Alles zwar funktionell, aber noch aus uralten Zeiten. Zumindest war die Toilettenschüssel erneuert worden, was aber auch das einzig Neue im Bad war. Noch bevor sie sich Gedanken darüber machen konnte, ob es hier eine funktionierende Abwasserleitung gab, klingelte ihr Handy, das sie vergessen hatte, auszuschalten. Sie erschrak, als sie Leos Nummer erkannte.

„Hat der Chef nicht gesagt, dass wir unsere Handys nicht benutzen dürfen?“, meldete sie sich.

„Wir werden verfolgt, Tatjana. Wir haben den Kronzeugen übernommen, vor dem Haus wurden wir bereits erwartet.“

„Das würde Eberweins Annahme bestätigen, dass es eine undichte Stelle gibt“, folgerte sie sofort aus dieser Information.

„Genau das denken wir auch! Wenn das Haus in Freising nicht sicher war, dann ist es in dem vom Chef geplanten Unterschlupf auch nicht sicher.“

„Da bin ich ganz bei dir! Kommt ja nicht hierher!“ Tatjana sah aus dem Fenster. Sie beobachtete einen Traktor, der ihr schon vor einer Stunde aufgefallen war. Vorhin dachte sie sich noch nichts dabei, aber jetzt sah sie ihn mit anderen Augen. „Das Haus ist nur sicher, wenn niemand davon weiß. Und davon bin ich nicht mehr überzeugt.“ Sie hatte bereits einen Plan, aber dafür durfte der Zeuge nicht hierher kommen.

„Wir werden versuchen, unsere Verfolger abzuschütteln und uns etwas anderes zu überlegen. Ich schalte das Handy wieder aus. Wir werden einen Weg finden, uns zu melden! Informiere Krohmer, dass die Sache völlig schiefläuft und wir auf uns allein gestellt sind. Wir werden alles dafür tun, um den Kronzeugen zu schützen.“

„Gut! Passt auf euch auf!“

„Und du machst keinen Blödsinn, verstanden?“

Tatjana legte auf. Sie dachte nicht daran, einfach von hier zu verschwinden. Sie spürte, dass sie demnächst Besuch bekam – und darauf musste sie sich vorbereiten!

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