Dreckspack


Die Leiche der nackten Frau in der Altöttinger Tilly-Gruft schlägt hohe Wellen, denn alles sieht nach einer Totenmesse mit einer Opfergabe aus. Leo Schwartz und sein Kollege Hans Hiebler haben ihre Zweifel. Ein Kapuzinerbruder bestätigt, dass es sich bei der Toten um Hildegard Bückler handelt, der Schwester seines besten Freundes. Er hat sie zwar lange nicht gesehen, aber die Fotos, die ihm sein Freund mehrfach gezeigt hatte und die roten Haare des Opfers bestätigen seine Annahme. Hans als Frauenkenner sieht sofort, dass die roten Haare des Opfers gefärbt sind. Was stimmt hier nicht?

Als wäre das nicht genug, hat Leo auch noch einen Hexenschuss und quält sich mit den Schmerzen vom Tatort zur nächstgelegenen Apotheke. Dort lernt er eine Frau kennen – und die führt ihn direkt zu einem lange gesuchten Terroristen, der im verschlafenen Kastl vor über 30 Jahren untergetaucht ist…

 

Taschenbuch  € 9,90   248 Seiten                       Ebook  € 2,99    232 Seiten

Leseprobe

1.

Die Umgebung für das Treffen war unwirklich. Die Schritte der zweiundvierzigjährigen Frau hallten im Kreuzgang der Altöttinger Stiftskirche. Weit und breit war niemand zu sehen. Wo war diese verdammte Tilly-Kapelle? Endlich fand sie sie, stellte sich direkt vor das Gitter und klammerte sich mit der linken Hand daran fest. Eigentlich war sie eine taffe Frau, aber jetzt hatte sie doch Schiss. Suchend blickte sie sich um. Es war nach einundzwanzig Uhr und ihre Verabredung ließ sich nicht blicken. Warum hatte sie sich auf dieses Treffen eingelassen? Sie hätte auf einen anderen Ort bestehen sollen, aber dafür war es jetzt zu spät. Nach Minuten, die sich unendlich lange anfühlten, hörte sie Schritte. Endlich!

„Ich bin hier“, rief sie. Ihre Worte waren sehr laut, weshalb sie erschrak. Die Schritte entfernten sich. Sie war enttäuscht. Unpünktlichkeit hasste sie wie die Pest. Warum konnte man sich nicht an Vereinbarungen halten? Schließlich tat sie es ja auch.

Warum wollte sie der Mann gerade hier treffen? War das überhaupt ein Mann? Die Nachricht, die sie heute Morgen in ihrem Briefkasten fand, war nicht handgeschrieben. Normalerweise hätte sie auf so etwas nicht reagiert, aber sie war neugierig geworden und fuhr die knapp einhundert Kilometer von München nach Altötting. Zweihundert Euro Spritgeld lagen dem Schreiben bei, was sie zusätzlich lockte. Es interessierte sie nicht nur, was das hier sollte, sondern wer sich dahinter versteckte. Wer würde auf solch einen abstrusen Treffpunkt kommen? Sie war zum ersten Mal in Altötting, Dörfer waren nicht so ihr Ding. Sie liebte Großstädte und die Möglichkeiten, die sich ihr dort boten. Was sollte sie auf dem Land?

Sie wartete und wurde ungeduldig. Beinahe jede Minute sah sie auf die Uhr ihres Handys, dessen Display die Umgebung gespenstisch ins Licht setzte.

Es war kurz vor halb zehn. Wo war ihre Verabredung? Seit sie hier war, war sie niemandem begegnet, was sie so nicht erwartet hatte. Sie kannte die Stiftskirche nicht, mit Kirchen hatte sie noch nie etwas am Hut gehabt. War es nicht so, dass es in solch riesigen Kirchen von Personal wimmelte? Gab es keine Mönche oder Nonnen? Was war mit dem Reinigungspersonal oder dem Hausmeister?

Es wurde kalt und sie zog den Mantel enger um das leichte Kleid, das für diese Temperaturen viel zu dünn war. In den offenen, hohen Schuhen spürte sie ihre Zehen kaum mehr. Langsam hatte sie genug. Sie gab sich noch fünf Minuten, dann würde sie diesen Mist hier abblasen.

Die fünf Minuten waren um und sie war sauer. Die zweihundert Euro würde sie auf jeden Fall behalten. Und sollte sie noch ein einziges Mal eine ähnliche Nachricht in ihrem Briefkasten finden, würde sie sie an Ort und Stelle in tausend Stücke reißen. Festen Schrittes ging sie los.

Die klappernden Geräusche ihrer teuren Schuhe füllten beinahe den ganzen Kreuzgang der Stiftskirche. Von dem beklemmenden Gefühl, das sie seit einer halben Stunde hatte, war nichts mehr zu spüren. Bis München bräuchte sie mit ihrem neuen Wagen um diese Uhrzeit sicher nicht lange. Es blieb genug Zeit für einen Drink in ihrer Lieblingskneipe.

Aber dazu kam es nicht mehr. Sie spürte einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf – und dann wurde es schwarz.

 

2.

Die Schmerzen waren für den vierundfünfzigjährigen Leo Schwartz kaum auszuhalten. Heute Morgen verspürte er beim Anziehen seines Cowboystiefels einen heftigen Schmerz im unteren Rücken. Für einige Sekunden war ihm die Luft weggeblieben. Was war das? Umständlich hatte er es geschafft, den zweiten Stiefel anzuziehen. Der Gang von seiner Wohnung die Treppe nach unten war für ihn kaum zu bewältigen. Stufe für Stufe ging es abwärts, was ewig dauerte. Die Umgebung des idyllisch gelegenen Bauernhofes vor den Toren Altöttings war ihm im Moment herzlich egal.

„Was ist denn mit dir los?“ Tante Gerda kümmerte sich seit über einer Stunde um ihr Gemüsebeet, das nur darauf wartete, endlich bepflanzt zu werden. Der Winter war sehr lange und kalt gewesen, der Frühling ließ sich lange bitten. Jetzt Ende Mai war es endlich warm geworden und die Meteorologen sagten einen ähnlich heißen Sommer wie im letzten Jahr voraus. Tante Gerda glaubte nicht daran. Sie beobachtete die Vegetation und die Tiere – und die prophezeiten einen eher durchwachsenen Sommer. Auch deshalb wollte sie endlich ein Gewächshaus haben, dessen Bau fürs nächste Wochenende anstand. Die Pflanzen dafür waren gekauft und warteten nur darauf, endlich einziehen zu dürfen. Bis dahin versorgte Tante Gerda das Gemüsebeet, das zum Schutz vor Wildtieren mit einem Zaun umgeben war und das sie nicht vorhatte, nur wegen eines Gewächshauses aufzugeben. Leos Vermieterin und Ersatzmutter war mit ihren siebenundsiebzig Jahren noch sehr rüstig, was jetzt besonders deutlich wurde.

„Nun sag schon: Was ist los?“, drängelte Tante Gerda und stellte sich ihm in den Weg.

„Kreuzschmerzen“, sagte Leo kleinlaut, als er am Ende der Treppe angekommen war. Erst jetzt bemerkte er, dass ihm sogar das Sprechen schwerfiel. Konnte das sein?

„Was habe ich dir gesagt? Zwei Wochen lang bist du nur im Liegestuhl gelegen und hast dich kaum bewegt. Wie oft habe ich dir vorgebetet, dass das noch schlimm enden wird, wenn du nur herumliegst? Aber du wolltest ja nicht auf mich hören! Der gnädige Herr hat all meine Ratschläge in den Wind geschlagen. Und jetzt haben wir den Salat! Komm mit!“

Leo wusste, dass Tante Gerda mit ihrer Predigt richtig lag. Den Urlaub hatte er sich redlich verdient und ihn so gestaltet, wie er es für richtig erachtete. Da es seine Verlobte Sabine Kofler vorzog, statt eines gemeinsamen Urlaubs einen Job in Frankreich anzunehmen, konnte er endlich die Bücher und Zeitschriften lesen, für die er in den letzten Monaten keine Zeit gehabt hatte. Dafür hatte er im Schuppen einen alten Liegestuhl gefunden, den Tante Gerda als viel zu unbequem erachtete. Er hingegen war damit zufrieden, das alte Ding würde seinen Zweck schon erfüllen. Entgegen Tante Gerdas Rat, sich einen neuen Liegestuhl zu kaufen, benutzte er dieses antike Stück und sparte sich das Geld, was ihm als gebürtigem Schwaben sehr entgegen kam. Das Wetter spielte einigermaßen mit. Wenn nicht, dann legte er sich eine Decke über. Ja, er hatte schnell bemerkt, dass sich der alte, klapprige Liegestuhl als sehr unbequem erwies, trotzdem dachte er nicht daran, ihn durch ein neues Modell zu ersetzen. Ob davon diese Rückenschmerzen kamen? Vermutlich. Tante Gerda hatte wieder einmal Recht behalten.

„Zieh dein T-Shirt hoch“, sagte die alte Dame, als sie mit einer Schachtel aus dem Bad zurückkam. „Du meine Güte! Was ist denn auf dem T-Shirt abgebildet? Ist das eine Hanfpflanze?“

Leo hatte einfach nur in den Schrank gegriffen und hatte nicht darauf geachtet. Ja, das war eine Hanfpflanze, was er jetzt auch als schlechte Wahl erachtete. Das T-Shirt musste bleiben, denn den Weg zurück in seine Wohnung würde er nicht mehr schaffen.

„Du solltest dich schämen, Leo! Als Kriminalbeamter solltest du dich nicht so respektlos kleiden. Damit wirst du dich blamieren! Wann wirst du endlich erwachsen?“ Tante Gerda schüttelte den Kopf. „Was ist nun mit dem T-Shirt? Zieh es endlich hoch!“

„Du musst mir helfen, ich schaffe es nicht.“

Tante Gerda griff beherzt zu. Leo stiegen Tränen in die Augen, die Schmerzen waren unerträglich. Die alte Dame schien kein Mitleid mit ihm zu haben. Sie stellte sich hinter ihn und drückte ihm ein Pflaster auf die nackte Haut, die während seines Urlaubes kaum Farbe angenommen hatte. Er sah aus wie ein einseitig gegrilltes Hähnchen, denn die Vorderseite passte nicht zu seiner Rückseite.

„Das wird jetzt ordentlich warm werden. Wenn die Schmerzen nicht leichter werden, musst du zum Arzt gehen. Der wird dir eine Spritze geben und dir hoffentlich auch Krankengymnastik verschreiben. Wie kann man in deinem Alter nur so dumm sein! Ich habe dir gesagt, dass es dir nicht guttut, auf der klapprigen Liege zwei Wochen faul herumzuliegen.“ Während Leo das T-Shirt in Zeitlupentempo herunterzog, hielt ihm Tante Gerda eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte. Wenn seine Schmerzen nicht so groß gewesen wären, hätte er vielleicht auch mitbekommen, was sie sagte.

Nach einigen Minuten begann das Wärmepflaster zu wirken. Ob er es schaffte, so Auto zu fahren? Er sah auf die Uhr. Schon kurz nach acht. Die Kollegen warteten sicher schon.

„Wo willst du hin?“, sagte Tante Gerda, die ihren Vortrag noch nicht beendet hatte.

„Zur Arbeit.“

„So kannst du ganz sicher nicht Autofahren!“

„Wer sagt das?“

„Ich!“

„Das geht schon. Vielen Dank für Deine Hilfe.“

„Du darfst so nicht fahren, sei doch vernünftig! Wenn dir dein Leben egal ist, solltest du an die anderen Verkehrsteilnehmer denken!“

Leo überhörte die Warnungen und ging langsam zu seinem Wagen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er hinter dem Steuer saß. Schon allein den Wagen zu starten kostete unendlich viel Mühe. Immer wieder sah er auf die Uhr, die Minuten rasten dahin. Als er es geschafft hatte, den Rückwärtsgang einzulegen, parkte neben ihm ein Wagen. Es war sein Kollege und Freund Hans Hiebler. Neidisch musste Leo mit ansehen, wie der fünf Jahre ältere Mann beschwingt aus dem Wagen sprang.

„Na, du Invalide?“, grinste ihn Hans frech an.

„Was machst du denn hier?“, fragte Leo.

„Tante Gerda rief mich an. Sie hat mir bereits ausführlich geschildert, wie schlecht es dir geht. Steig aus, ich fahre dich zum Arzt.“

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Okay, wie du willst. Wir haben einen Mordfall. Bevor ich jetzt zum Tatort fahre, möchte ich sehen, ob du dich bewegen kannst. Steig aus!“

„Nein, das werde ich nicht tun!“ Leo wurde übel, was vermutlich von der Anstrengung kam. Oder vielleicht nur, weil er noch nichts gegessen hatte? Nein, das waren ganz sicher die Schmerzen. „Ich werde jetzt nicht aussteigen. Weißt du eigentlich, wie lange ich gebraucht habe, bis ich hinterm Steuer saß?“

„Steig aus und setz dich in meinen Wagen, du sturer Bock! Ich fahre dich jetzt zum Arzt. Das ist mein letztes Angebot. Danach kannst du zusehen, wie du zurecht kommst.“

Leo sah ein, dass er Hans‘ Hilfe brauchte. Dass er so nicht fahren konnte, war ihm klar. Also begann er, umständlich einen Fuß nach dem anderen aus dem Fahrzeug zu bekommen. Hans griff beherzt zu und zog Leo aus dem Auto. Die Schmerzen waren unvorstellbar. Ihm wurde schwindelig und konnte dem, was Hans mit ihm machte, nichts entgegensetzen. Nur wenige Augenblicke später saß Leo in Hans‘ Wagen und konnte vorsichtig durchatmen.

„Danke für den Anruf, Tante Gerda!“, rief Hans der alten Dame zu, die tatsächlich seine echte Tante war. Er hatte Leo die Wohnung auf dem alten, renovierten Hof vermittelt, als der nach seiner Versetzung vor fünf Jahren eine Bleibe suchte.

„Das ist die Adresse des Arztes in Tüßling. Kümmere dich um Leo! Und bring ihm bei, dass man in seinem Alter nicht zwei Wochen auf einer alten, kaputten Liege verbringt! Er soll endlich kapieren, dass man sich bewegen muss!“

„Ich kann dich hören“, sagte Leo.

„Wenn das, was ich dir sage, auch in deinem Dickschädel ankommen würde, wäre ich zufrieden.“

„Stimmt das? Bist du in den letzten zwei Wochen nur im Liegestuhl gelegen, während wir dazu verdammt waren, alte Fälle durchzuarbeiten?“

Leo nickte nur. Er hatte bereits erfahren, dass sich der Chef in den Kopf gesetzt hatte, diese unliebsame Arbeit endlich umzusetzen. Leo musste zugeben, dass er sich gefreut hatte, davonzukommen.

„Na toll! Und wegen deiner Faulenzerei muss ich jetzt auch noch den Krankenpfleger spielen! Tante Gerda hatte völlig Recht. Wie kann man nur….“

„Hör schon auf! Nicht du auch noch! Ich hatte Urlaub und muss mich vor niemandem rechtfertigen, wie ich den verbracht habe. Kannst du dir vorstellen, dass ich große Schmerzen habe? Wie wäre es mit etwas Mitgefühl?“

„Kannst du vergessen! Tatjana, Diana und ich mussten uns durch staubige Akten wühlen, was übrigens nichts gebracht hat. Diesbezüglich vermisse ich auch dein Mitgefühl!“

„Du sprachst vorhin von einem Tatort“, lenkte Leo vom Thema ab.

„Es gibt einen Toten in der Tilly-Gruft.“

„Wo?“

„In der Tilly-Gruft in der Altöttinger Stiftskirche. Der Feldherr Tilly sagt dir nichts?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Arbeite gefälligst an deiner Allgemeinbildung! Tilly war ein berühmter Feldherr während des Dreißigjährigen Krieges. Er wurde zwanzig Jahre nach seinem Tod in die Altöttinger Stiftskirche überführt und ist dort in der Tilly-Gruft beigesetzt. Sein Herz ruht in der Gnadenkapelle. Hast du echt noch nie seinen gefensterten Sarg gesehen?“

„Nein.“

„Da hast du was verpasst! Man kann durch das kleine Fenster den Schädel von Graf Tilly sehen.“

„Warum soll ich mir den ansehen? Was hätte ich davon?“

„Das ist Geschichte, mein Lieber. Hast du daran kein Interesse?“

„An Toten ganz sicher nicht. Damit muss ich mich schon von Berufs wegen herumschlagen, das tue ich mir während meiner Freizeit sicher nicht an.“

„Ich fasse es nicht, dass du noch nie etwas von Graf Tilly gehört hast! Wie lange lebst du jetzt schon in Altötting? Das müssten doch schon fünf Jahre oder noch länger sein!“

„Jetzt fang dich mal wieder! Es gibt sicher Dinge, die auch dir nicht geläufig sind. Wer ist das Opfer? Was ist passiert?“

„Keine Ahnung. Statt am Tatort zu sein, muss ich dich ja zum Arzt chauffieren!“

Die Behandlung dauerte nicht lange. Leo wurde bereits erwartet und konnte trotz des vollen Wartezimmers sofort in die Praxis durchgehen. Wie Tante Gerda das geschafft hatte, war ihm ein Rätsel. Als der Arzt das Wärmepflaster sah, entfernte er es, was nicht ohne Schmerzen möglich war. Leo schrie auf, was dem Arzt nur ein Lächeln entlockte.

Hans flirtete in der Zwischenzeit mit der hübschen Sprechstundenhilfe, was er leider nicht auskosten konnte. Nach wenigen Minuten war Leo bereits fertig und sie konnten gehen.

„Und?“

„Spritzen und ein Rezept für Schmerzmittel. Außerdem muss ich zur Krankengymnastik, aber das kann der Arzt vergessen. Was soll ich dort? Es habe mir sicher nur einen Nerv eingeklemmt, das wird schon wieder. Können wir? Ich bin gespannt, was uns in dieser Tilly-Gruft erwartet.“

Hans musste lachen. Leo ging es deutlich besser, auch wenn er immer noch etwas gebückt ging und sogar humpelte. Dass sein Freund und Kollege maßlos übertrieb, war ihm klar. Was für ein Weichei! Er hätte an dessen Stelle die Zähne zusammengebissen und den Schmerz ertragen.

Tatjana Struck hatte den Tatort fest im Griff. Die achtunddreißigjährige Leiterin der Mordkommission hatte bereits einige Zeugen vernommen und sogar schon einen Streit mit Friedrich Fuchs vom Zaun gebrochen. Der Leiter der Spurensicherung hatte den Tatort abgesperrt und jedem verboten, auch nur einen Fuß über die Absperrung zu setzen. Der Streit war dadurch entstanden, als sich Fuchs erlaubte, Tatjana vor allen Kollegen zu maßregeln, was sich diese nicht gefallen ließ.

„Endlich“, begrüßte Diana Nußbaumer Leo und Hans. „Ich dachte schon, ihr kommt überhaupt nicht mehr.“ Diana war neu im Team. Die achtundzwanzigjährige, sehr ehrgeizige Kollegin sah heute wieder fantastisch aus. Diana gab sich immer sehr viel Mühe mit ihrem Äußeren. Sie passte mit ihrem pinkfarbenen, kurzen Rock, dem Top und den schwarzen, hochhackigen Schuhen mit der dazu passenden riesigen Handtasche nicht zur Tilly-Kapelle in der Altöttinger Stiftskirche.

„Sind das alles Zeugen?“, fragte Leo und zeigte auf eine große Gruppe, unter denen sich auch einige Mönche und Ordensschwestern befanden.

„Nein. Die Putzfrau Olga Nemec hat die Tote gefunden. Nachdem ich sie befragt habe, habe ich sie nach Hause geschickt. Die arme Frau ist völlig fertig mit den Nerven, was ich durchaus verstehen kann. Frau Nemec hat die Leiche um 7.35 Uhr gefunden und sofort die Polizei gerufen. Nach ihr kamen der Hausmeister, die Mesnerin und der Kerzenlieferant. Frau Nemec hat niemanden gehört oder gesehen, die anderen auch nicht. Nach unserem Eintreffen wurden alle Ein- und Ausgänge versperrt und die Stiftskirche wurde durchsucht.“

„Lass mich raten: Ihr habt nichts gefunden?“

„Richtig. Die Frau, deren Identität noch nicht geklärt ist, wurde erschlagen. Die Tatwaffe ist ein Kreuz aus Metall, das neben der Leiche gefunden wurde.“

„Wenn alle Ein- und Ausgänge versperrt wurden, frage ich mich, wie die ganzen Menschen hier reinkamen“, sagte Hans, der nicht fassen konnte, wieviel Leute hier waren. Hatten die nichts zu tun?

„Die waren schon hier, als wir eintrafen. Wir konnten ja nicht wissen, dass die nur aus Neugier hier sind. Ich wollte sie bereits wegschicken, aber Tatjana will das persönlich übernehmen.“

„Und warum ist das nicht schon längst geschehen?“

„Weil Fuchs sie ständig davon abhält. Der hat heute eine Laune, die nicht zu ertragen ist. Ich habe bereits versucht, ihn zu besänftigen, was mir aber auch nicht gelang. Er und Tatjana geraten ständig aneinander, was mir so langsam peinlich ist und auch auf die Nerven geht. Ihr müsst euch den Tatort ansehen. Macht euch auf etwas gefasst, das ihr so vielleicht noch nie gesehen habt.“

„Was ist damit?“

„Seht es euch selbst an, sonst glaubt ihr mir nicht.“

Leo und Hans standen vor der Absperrung, die Fuchs angebracht hatte. Beide schlüpften unter dem Band durch, was Fuchs beobachtete. Ab jetzt würde er die beiden Kriminalbeamten nicht mehr aus den Augen lassen.

Hans ging zuerst. Die Treppe zur Tilly-Gruft hatte sehr enge Stufen, was für seine Schuhgröße eine Herausforderung war. Hans starrte auf die nackte Frauenleiche, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Tilly-Sarg lag. Ihre roten Haare deckten das Sichtfenster des Sarges ab. Das Blut am Hinterkopf und auf dem Sarg glänzte im Schein der hellen Lampen, die Fuchs aufgestellt hatte. Hans registrierte sofort, dass das Blut noch nicht getrocknet war. Auf den beiden Särgen links und rechts des Tilly-Sarges, und auf den beiden Särgen direkt neben der Treppe, in denen Tillys Neffe Werner und dessen Familie bestattet wurden, standen mehrere Kerzen, darunter eine schwarze Kerze. Auf dem Sarg rechts lag ein großes Kreuz aus Metall – vermutlich die Tatwaffe, von der Diana sprach. Auch auf dem Boden standen viele Kerzen, unter denen sich auch zwei rote befanden.

„Was ist das denn?“, sagte Hans erschrocken. „Eine Totenmesse in der Tilly-Gruft? Das hatten wir auch noch nie.“

„Ich weiß nicht. Eine Totenmesse? Ist das nicht zu weit hergeholt?“ Leo war Hans gefolgt, brauchte aber sehr viel länger. Jede einzelne Treppenstufe schmerzte gewaltig. Unter normalen Umständen hätte er sich mit den Fotos zufrieden gegeben, aber seine Neugier war nach dem Gespräch mit Diana viel zu groß. Er war nicht minder geschockt von dem Anblick des Tatorts.

Beide sahen zu, wie einer von Fuchs‘ Mitarbeitern Fotos machte. Dann nahm er das rote Haar, das das Gesicht bedeckt hatte und machte mehrere Bilder von dem Gesicht. Leo und Hans erschraken. Das Gesicht war völlig verunstaltet worden.

„Sind das Schnitte?“, frage Hans den Kollegen Fuchs, der immer noch jede Bewegung der Kollegen registrierte. Hans hatte sich in der engen Tilly-Gruft zur Leiche vorgedrängelt und sah ihr ins Gesicht.

„Ja. Ich vermute ein scharfes Messer oder eine Rasierklinge.“

„Sie war stark geschminkt“, sagte Hans und zeigte auf eine falsche Wimper, die blutverschmiert an der Wange hing.

„Auch das haben wir registriert.“

Hans besah sich die Hände und Füße der Toten.

„Manikürt“, murmelte er.

„Auch das haben wir bereits notiert“, maulte Fuchs. Glaubte Herr Hiebler, dass er das nicht gesehen hatte?

„Kann man das Opfer jetzt endlich abdecken?“, sagte Leo an Fuchs gewandt. Er verzichtete darauf, sich der Leiche noch mehr zu nähern, denn dafür war einfach nicht genug Platz. Da genug Fotos von der Toten gemacht wurden, befand er es an der Zeit, die Leiche abzudecken.

„Wollen Sie mir jetzt auch vorschreiben, wie ich meine Arbeit zu machen habe? Ich warne Sie, Herr Schwartz, meine Toleranzgrenze ist für heute erreicht.“

„Und trotzdem sollten Sie professionelle Arbeit machen! Ihre Befindlichkeiten sind mir völlig egal! Decken Sie die Leiche endlich ab! Wie lange soll die Frau denn noch entblößt für alle sichtbar hier liegen? Würde es Ihnen gefallen, wenn Sie anstelle des Opfers wären und man Ihnen so wenig Respekt zollen würde?“

Der Anschiss zeigte Wirkung. Fuchs nahm ein Laken und deckte die Frau zu.

„Todeszeitpunkt?“

„Gestern zwischen zwanzig Uhr und Mitternacht. Genauer kann ich mich nicht festlegen. Sie sehen ja selbst, in welcher Umgebung die Tote lag.“

„Warum ist das Blut noch nicht getrocknet?“

„Das liegt an der Umgebung.“

„Wir vermuten eine Totenmesse“, sagte Leo und sah Fuchs an. „Was denken Sie?“

„Das war auch mein erster Eindruck, aber daran glaube ich nicht. Totenmessen oder Schwarze Messen, die es seit Jahrhunderten geben soll, sind nie nachgewiesen worden. Ich bin Realist und will nicht glauben, dass es so etwas gibt.“

„Und trotzdem sieht es danach aus. Wo ist die Kleidung der Toten?“

„Die wurde nicht gefunden. Und bevor Sie fragen: Es gab weder Schuhe noch eine Tasche oder dergleichen. Haben Sie jetzt alles gesehen? Wenn ja, würde ich Sie bitten, wieder zu gehen. Sie sehen ja selbst, wie eng es hier ist.“

„Sicher.“

Hans übernahm es, die Personalien aller Anwesenden aufzunehmen, die am Geländer rund um die Tilly-Gruft standen. Dann versuchte er, die Leute wegzuschicken, was sich sehr schwierig gestaltete. Vor allem die Ordensschwestern und Mönche waren geschockt von der Leiche in der Tilly-Gruft. Alle hatten dieselbe Vermutung: Es gab eine Totenmesse in der Tilly-Gruft und die Tote war eine Opfergabe. Das war ein Skandal, den es in diesen ehrwürdigen Mauern noch nie gegeben hat. Einige Schaulustige stimmten ein Gebet an, denen andere folgten und lauter und lauter wurden. Als das auch noch in einen Gesang überging, war für Hans das Maß voll.

„Okay, Leute. Es dürfen nur die bleiben, die unmittelbar mit dem Mord oder der Toten zu tun haben. Alle anderen bitte ich zu gehen“, sage Hans sehr laut. Der Gesang verstummte, niemand rührte sich. „Sehr schön. Dann kann ich davon ausgehen, dass Sie alle tatverdächtig sind“, fügte er hinzu und zog seinen kleinen Block aus der Brusttasche. Darauf drehten sich alle um und verschwanden. Alle, bis auf einen.

„Wer sind Sie?“

„Bruder Niklaus. Ich fürchte, dass ich mit der Toten gestern am späten Abend gesprochen habe“, sagte der ältere Mann, dessen braune Kutte den runden Bauch nicht verhüllen konnte.

„Sie sind sich da ganz sicher?“ Hans war überrascht, denn man konnte das Gesicht der Toten nicht wirklich erkennen. Zum einen, weil sie mit dem Gesicht nach unten lag, und zum anderen, weil es entstellt wurde.

„Ja. Die Frau von gestern Abend hatte dasselbe rote Haar.“

„Geben Sie das Gespräch mit der Frau genau wieder.“

„Ich war an der Pforte, als sie nach Bruder Clemens verlangte. Ich teilte ihr mit, dass es für einen Besuch zu spät sei und bat sie, am nächsten Tag wiederzukommen. Daraufhin ist sie wieder gegangen. Sie schien enttäuscht zu sein, aber mir waren die Hände gebunden. Besuche um diese späte Zeit sind nicht erlaubt und daran habe ich mich gehalten.“ Hans kannte die Kutte des Glaubensbruders und wusste, dass es sich um einen Kapuziner handelte, dessen Kloster sich nur wenige Meter auf der anderen Straßenseite befand. „Vielleicht würde sie noch leben, wenn ich mich nicht an die Regeln gehalten hätte und einfach Bruder Clemens gerufen hätte.“

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken.“

„Das sagen Sie so leichtfertig, ich mache mir die schlimmsten Vorwürfe.“

„Wenn Sie die Frau nicht getötet haben, haben Sie sich nichts vorzuwerfen. Was wollte sie von Bruder Clemens?“

„Das weiß ich nicht. Sie hat es mir nicht verraten und ich habe sie nicht gefragt. Wenn ich doch nur….“

„Von welcher Uhrzeit sprechen wir? Wann haben Sie mit der Frau gesprochen?“

„Es war kurz vor einundzwanzig Uhr. Wir schließen unser Kloster nach der letzten Messe um zwanzig Uhr dreißig.“ Bruder Niklaus war völlig aufgelöst und zitterte.

„Wo finden wir Bruder Clemens?“ Hans war kein Seelsorger, den musste Bruder Niklaus in den eigenen Reihen suchen.

„Er hat Dienst in der Basilika.“

„Hier ist meine Karte. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, melden Sie sich. Sie können jetzt gehen.“

Hans ging zu Tatjana, die sich erneut mit Fuchs angelegt hatte. Der Streit zwischen den beiden hallte in der alten, beeindruckenden Kirche, was beide offensichtlich nicht interessierte.

„Nun blasen Sie sich doch nicht so auf, Fuchs!“

„Für Sie immer noch Herr Fuchs, Frau Struck! Sie müssen warten, bis wir hier fertig sind, erst dann kann ich mehr sagen. Und jetzt lassen Sie mich endlich meine Arbeit machen!“

Hans unterbrach die beiden und schilderte, was er von Bruder Niklaus erfahren hatte.

„Such diesen Bruder Clemens, die Basilika ist ja nicht weit. Nimm Leo mit!“

Leo hielt sich am Geländer der Tilly-Gruft fest. Er fühlte sich zwar besser, aber für einen Fußmarsch von der Stiftskirche bis zur Basilika nicht fit genug. Wenn er an das unebene Kopfsteinpflaster und die vielen Stufen der Basilika dachte, wurde ihm schlecht.

„Sei so gut und nimm Diana mit“, sagte er und lehnte sich nun gegen die kalte Mauer der Stiftskirche, was aber auch keine Linderung brachte. „Ich muss zur Apotheke und mein Rezept einlösen, die Schmerzen sind kaum auszuhalten“, sagte er und ging langsam davon.

„Was hat er?“, fragte Tatjana Hans.

„Hexenschuss.“

„Naja, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Habe ich richtig gesehen? Ist auf seinem T-Shirt eine fette Hanfpflanze?“

„Ja. Lustig, nicht wahr? Der traut sich was! Wenn das der Chef sieht, flippt der aus.“

„Dann wird der Tag vielleicht doch noch ganz nett. Such Bruder Clemens und nimm Diana mit.“

„Ist das so klug?“

„Was meinst du?“

„Hast du gesehen, wie sie aussieht? Willst du, dass die Ordensbrüder einen Herzinfarkt bekommen? Wäre es nicht besser, wenn wir beide uns auf den Weg machen und Diana hierbleibt?“

„Diana macht ihre Arbeit, so wie wir alle. Es hat niemanden zu interessieren, wie eine Kriminalbeamtin gekleidet ist – auch die Ordensbrüder nicht! Sieh mich an!“

Hans musste lachen, was sich nach dem Streit auch sehr unnatürlich anhörte, aber er konnte nicht anders. Tatjana war rein optisch das genaue Gegenteil von Diana. Während die immer sehr ansehnlich und wie aus dem Ei gepellt aussah, legte Tatjana überhaupt keinen Wert auf ihr Äußeres. Auf ihrem ungebügelten T-Shirt leuchtete ein Fleck, der nach Eigelb aussah. Zu der alten Jeans, die etwas zu lang war, leuchteten neue, hellblaue Sneaker, mit denen sie kürzlich im Dreck gelaufen sein musste.

„Es ist besser, wenn ich hierbleibe und Fuchs Dampf mache, sonst müssen wir noch tagelang warten, bis wir endlich brauchbare Informationen von ihm bekommen.“

Hans genoss den kurzen Spaziergang mit Diana. Der Mai war nach einem holprigen Start zum Ende hin endlich in Fahrt gekommen. Es war warm und überall blühte es. Vor allem aber genoss er die Blicke auf die Frauen, die nach dem langen Winter endlich wieder mehr Haut zeigten.

„Du bist echt peinlich, Hans!“, sagte Diana, die die Blicke sehr wohl bemerkte.

„Ich und peinlich? Warum?“

„Starr doch die Frauen nicht so an!“

„Warum nicht? Die kleiden sich sehr hübsch und laufen in der Öffentlichkeit herum. Ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht anerkennen sollte.“

„Du bist echt von vorgestern! Wir ziehen uns nicht für andere an, sondern für uns.“

„Das sehe ich anders.“

Leo kam nur langsam voran. Kurz nach dem Hintereingang der Stiftskirche musste er anhalten. Er hielt sich an einer Bank fest und atmete schwer. Dann hörte er sich stöhnen und schämte sich dafür. Ganz so alt und gebrechlich, wie er sich gab, war er dann doch noch nicht. Er nahm sich vor, sich zusammenzureißen. Gerade, als er weitergehen wollte, bemerkte er in einem der beiden Papierkörbe neben der Bank eine Plastiktüte, aus der ein gemusterter Stoff herauslugte. Mit einem Taschentuch zog er an dem Stoff und erkannte ein Kleid. Als er auch noch einen Damenschuh in der Tüte entdeckte, nahm er das Handy und rief Fuchs an.

„Ich befinde mich an einer Bank vor dem Hintereingang der Stiftskirche und habe vermutlich die Kleidung der Toten gefunden“, sagte er.

„Wir kommen.“ Fuchs reagierte sofort und drängelte sich an Tatjana Struck vorbei, die das nicht unkommentiert ließ. Frau Struck war heute sehr mies gelaunt, was ihm mehr und mehr auf die Nerven ging. Eine Abwechslung kam ihm da sehr gelegen. Er sah Leo Schwartz, wie der sich an einer Bank abstützte.

„Sie sollten zum Arzt gehen“, sagte Fuchs zu Leo.

„Da war ich schon.“

Mehr wollte Fuchs zum Zustand seines Kollegen nicht sagen. Das Befinden seiner Kollegen gehörte nicht zu seinem Aufgabengebiet. Außerdem war Herr Schwartz alt genug, um sich selbst um seinen Gesundheitszustand zu kümmern.

„Gibt es eine Handtasche, ein Handy, oder dergleichen?“ Leo hatte ohne Handschuhe nicht gewagt, die Plastiktüte zu durchsuchen.

„Nein. Nur Kleidung und Schuhe, mehr leider nicht.“

Fuchs hatte alles im Griff, deshalb konnte Leo endlich weitergehen. Er musste mehrere Passanten nach der nächstgelegenen Apotheke fragen, bis er endlich an seinem Ziel in der Bahnhofstraße angekommen war. Er riss sich zusammen, denn je näher er der Apotheke kam, desto größer wurden die Schmerzen.

Eine Frau kümmerte sich um ihn und nahm ihm das Rezept ab, das er in der Hand hielt.

„Wollen Sie sich setzen? Sie sehen nicht gut aus.“ Die Frau schien ernsthaft besorgt.

Leo erschrak. Die Schmerzen waren tatsächlich nicht mehr ganz so schlimm. Gab er solch ein jämmerliches Bild ab?

„Danke, aber das geht schon“, sagte er und ärgerte sich, dass er sich so gehen ließ. Leo wusste, dass er nicht sehr leidensfähig war, was er aber niemals freiwillig zugeben würde. Er lächelte die junge Frau an, die neben ihm stand und von einem Mann bedient wurde. Es schien ihr peinlich zu sein, dass sie nach Schlafmitteln verlangte, die es nur in geringer Menge gab. Schweigend hörte sie sich die Belehrungen des Apothekers an, bevor sie endlich die Schlafmittel bekam. Sie steckte sie in ihre Tasche. Dabei verhakte sich die Verpackung und fiel auf den Boden. Wenn Leo fit gewesen wäre, hätte er sie aufgehoben, aber dazu fühlte er sich nicht in der Lage. Die Frau kniete sich auf den Boden und steckte die Packung rasch in ihre Handtasche, deren Inhalt für einen kurzen Moment sichtbar wurde. Leo erschrak, denn darin befanden sich mehrere Medikamentenverpackungen. Ihm war sofort klar, dass es sich dabei auch um Schlafmittel handeln musste.

„Dann bekomme ich von Ihnen fünf Euro neunzehn Zuzahlung“, sagte die Frau hinter dem Tresen. Leo schob ihr einen zehn Euroschein zu. Als Schwabe hätte er auf das Restgeld pochen müssen, aber er war auch Polizist. Jede Sekunde zählte, denn er musste dringend mit der Frau sprechen, die bereits die Apotheke verlassen hatte. Als er die Schmerzmittel an sich nahm, war er für einen Moment irritiert. Hatte er die nicht auch schon in diversen Werbungen gesehen? Konnte es sein, dass ihm der Arzt für die heftigen Schmerzen nur ein handelsübliches Mittel verschrieben hatte, das es an jeder Ecke zu kaufen gab? Darum musste er sich später kümmern, jetzt gab es Wichtigeres.

„Stimmt so“, sagte er deshalb und lief der Frau hinterher. Im Gehen nahm er eine Tablette. Wie lange wohl die Wirkung auf sich warten ließ? Er biss die Zähne zusammen, denn er spürte jeden Schritt, wobei die Schmerzen seltsamerweise nicht mehr ganz so schlimm waren. Wirkten die Tabletten so schnell? Konnte das sein? Die junge Frau lief Richtung Bahnhof. Ob er es schaffte, sie zu erreichen? Zum Glück kam eine Gruppe Wallfahrer mit hunderten von Gläubigen vom Bahnhof her auf ihn zu. Diese Gruppe, die von einem Mann mit einem riesigen Kreuz angeführt wurde, blockierte die ganze Bahnhofstraße. Leo kannte das schon. Er hatte schon oft gesehen, wie rücksichtlos manche Wallfahrerzüge vorgingen, um sich den Weg zum Ziel, der Gnadenkapelle auf dem Altöttinger Kapellplatz, zu bahnen. Normalerweise würde er sich darüber aufregen, aber diesmal kam ihm die Rücksichtslosigkeit entgegen. Die junge Frau, die er schon fast verloren glaubte, musste anhalten und kam nur schrittweise vorwärts, was ihm Zeit gab, aufzuholen. Er war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Dann steckte auch er fest. Er wurde angerempelt und rücksichtslos zur Seite gedrängt, was seinem Rücken nicht guttat und ihn wütend machte. Am liebsten hätte er jeden einzelnen verhaftet, aber dafür war keine Zeit. Er hielt Ausschau nach der Frau, die es geschafft hatte, an dem Wallfahrerzug vorbeizugehen. Leo war sauer und drängelte nun seinerseits zurück, was von den Teilnehmern des Wallfahrerzuges mit Beschimpfungen quittiert wurde. Leo war das egal. Er hatte nur noch die Frau im Blick, die jetzt an der Fußgängerampel kurz vor dem Bahnhof stehenbleiben musste. Super, vielleicht erreichte er sie doch noch. Er versuchte, die Schmerzen zu ignorieren und konnte schneller gehen, als er sich endlich an der Gruppe vorbeigedrängelt hatte. Die Ampel schaltete auf grün und die Frau hatte bereits einen Fuß auf die Straße gesetzt, als Leo sie zurückhielt.

„Kriminalpolizei“, keuchte er und hielt ihr seinen Ausweis vor. „Papiere!“ Mehr brachte er nicht hervor. Der kurze Fußweg von der Apotheke bis hierher war für ihn ein wahnsinniger Kraftaufwand gewesen; er war völlig fertig.

Die Frau starrte Leo erschrocken an. Dann kramte sie umständlich in ihrer Tasche, wobei sie bemüht war, dass er den Inhalt nicht sehen konnte.

„Regina Liebers“, las Leo laut. „Sie wohnen in Kastl?“

„Ja. Was habe ich angestellt?“

Leo sah sich um. Hier direkt an der Kreuzung war kein geeigneter Platz für eine Befragung. Außerdem musste er sich setzen. Der Gasthof gegenüber hatte noch zu. Dann entdeckte er auf der anderen Straßenseite neben dem Bahnhofsvorplatz den Omnibusbahnhof mit mehreren Bänken.

„Gehen wir dort rüber, dann erkläre ich es Ihnen“, sagte Leo und versuchte ein gequältes Lächeln. Die Schritte wurden schwerer und schwerer. Als eine der Bänke des Omnibusbahnhofes in greifbare Nähe kam, konnte er es kaum erwarten, sich endlich setzen zu können. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich langsam nieder. Geschafft. Er brauchte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. Außerdem war er immer noch, oder schon wieder, außer Atem.

„Geben Sie mir Ihre Tasche“, sagte Leo, auch wenn ihm klar war, dass er dazu nicht befugt war. Er hatte die erschrockenen Augen der zweiunddreißigjährigen Frau gesehen und hatte Mitleid mit ihr. Außerdem spürte er, dass sie Angst hatte.

Wortlos übergab ihm Regina Liebers die Tasche. Leo bemerkte sehr wohl, dass sie zitterte. Waren das Tränen in ihren Augen?

Er öffnete die Tasche und sah eine riesige Menge Medikamente. Er nahm eine Packung nach der anderen – alles Schlafmittel.

„Das sind ganz schön viele. Was haben Sie damit vor?“ Leo sprach so ruhig wie möglich.

Jetzt weinte Frau Liebers. Leo sah keinen Ring an ihrem Finger. Ob er sie einfach in den Arm nehmen und trösten sollte? Nein, das wagte er nicht. Er gab ihr ein Taschentuch und schämte sich, wie übel und zerknittert das aussah.

„Das ist unbenutzt, auch wenn es nicht so aussieht“, entschuldigte er sich.

Jetzt lächelte sie und nahm es trotzdem. Leo war erleichtert.

„Wollen Sie mir nicht antworten? Was haben Sie mit den vielen Tabletten vor?“

Die Frau sagte immer noch nichts.

„Sehen Sie sich doch um, Frau Liebers! Es ist Frühling! Die Natur explodiert und die Vögel geben ihr Bestes. Das Leben ist schön und Sie sind jung. Warum wollen Sie Ihr Leben wegwerfen? Ich bin sicher, dass Sie noch sehr viel daraus machen können.“

„Die Tabletten sind nicht für mich“, sagte sie und starrte Leo an.

„Nicht? Da bin ich aber erleichtert! Wenn die nicht für Sie sind, für wen sind sie dann?“

„Für meinen Onkel. Er ist schwer krank und möchte nicht mehr leben.“

Leo war sauer. Auch wenn er die Beweggründe des Onkels vielleicht verstehen würde, durfte er seine Nichte dazu nicht missbrauchen. Er musste mit dem Onkel sprechen und ihm ins Gewissen reden.

„Was passiert jetzt? Es war nicht leicht, an die Schlafmittel zu kommen. Seit Tagen klappere ich eine Apotheke nach der anderen ab.“

„Ich verstehe. Die Abgabemenge darf nicht groß sein, deshalb müssen Sie sammeln.“

Regina Liebers nickte nur.

Bevor sich Leo den Onkel vornahm und der sich eine Predigt anhören durfte, brauchte er mehr Details.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Onkel. Vor allem interessiert mich, warum er Sie um diesen Gefallen bat.“

Während sich Leo mit Frau Liebers unterhielt, hatten Hans Hiebler und Diana Nußbaumer endlich Bruder Clemens gefunden. Er befand sich in der Sakristei der Basilika. Hans war genervt, denn sie hatten lange suchen müssen. Außerdem gab es zwei Besucher in der Basilika, die sich über den kurzen Rock und das schulterfreie Top Dianas aufregten. Während Diana die blöden Sprüche ignorierte und einfach weiterging, legte sich Hans mit den beiden an und stauchte sie zusammen.

„Lass sie doch reden“, sagte Diana, die sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

„Diese Pseudoreligiösen gehen mir tierisch auf die Nerven! Vor allem die Frau war sehr unverschämt. So etwas kann ich auf den Tod nicht ausstehen.“

„Wie kann ich helfen?“, fragte Bruder Clemens und sah Diana abschätzend an.

„Kriminalpolizei. Mein Name ist Hiebler, das ist meine Kollegin Nußbaumer. Kennen Sie diese Frau?“ Hans hielt ihm sein Handy vor, worauf sich der Mann bekreuzigte.

„Ist sie tot?“

„Ja. Kennen Sie die Frau?“

„Nein, ich denke nicht.“

„Sie sind sich nicht sicher?“

„Entschuldigen Sie, aber auf dem Bild kann man nicht viel erkennen. Wie kommen Sie darauf, dass ich die Frau kennen könnte?“

„Sie war gestern Abend an der Pforte des Klosters und hat nach Ihnen gefragt.“

„Nach mir?“

„Bitte kommen Sie mit und sehen Sie sich die Frau an. Vielleicht können Sie sich doch erinnern.“

Die drei gingen zurück in die Stiftskirche. Fuchs hatte die Kleidungsstücke an sich genommen und war wieder zurück am Tatort. Er und seine Mitarbeiter waren fertig und gerade dabei, die Absperrungen zu beseitigen.

„Dürfen wir einen Blick auf die Leiche werfen?“, fragte Diana den Leiter der Spurensicherung und lächelte ihn an.

„Sie müssen sich beeilen, die Leiche wird jeden Moment weggebracht“, sagte Fuchs und lächelte zurück, auch wenn er dabei kaum die Mundwinkel bewegte.

Bruder Clemens bekreuzigte sich und ging langsam auf die Leiche zu, die immer noch auf dem Tilly-Sarg lag. Hans schlug das Tuch zur Seite. Das Gesicht der Toten lag genau auf dem Sichtfenster des Sarges, das sonst Besuchern den Blick auf den Schädel Tillys freigab. Rote Locken umrahmten das Gesicht, auf dem Hinterkopf war eine klaffende Wunde, die den größten Teil des Haares blutdurchtränkt hatten. Das Blut glänzte immer noch im Schein der Deckenlampe der Tilly-Gruft, ohne Fuchs‘ Lampen allerdings gedämpfter. Die Augen der Frau waren geschlossen. Die rotgeschminkten Lippen waren geradezu perfekt, der Rest sah schrecklich aus.

„Und? Kennen Sie die Frau?“, drängelte Hans.

Anfangs war Bruder Clemens angewidert und wollte verneinen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Konnte das sein? Nein, das war doch nicht möglich! Er trat näher an die Leiche und strich vorsichtig das Haar zur Seite.

„Ich bin mir nicht sicher, aber das könnte Hildegard Bückler sein“, flüsterte er und trat zurück, wobei er strauchelte und fast gefallen wäre, wenn Hans ihn nicht gestützt hätte.

„Wer ist Hildegard Bückler?“

„Sie ist die Schwester meines bestens Freundes Norbert“, stammelte Bruder Clemens. „Wir wuchsen in Erding auf und waren unzertrennlich. In der Schule saßen wir immer nebeneinander. Auch, als wir beide aufs Gymnasium gingen. Jede freie Minute verbrachten wir gemeinsam, obwohl wir sehr unterschiedliche Interessen entwickelten. Norbert machte viel Sport, während ich lieber las und Geige spielte. Trotzdem haben wir uns immer gut verstanden. Nach dem Abitur hat das Leben seine Weichen gestellt und wir haben uns aus den Augen verloren. Es kam nicht selten vor, dass ich das sehr schade fand. Vor drei Monaten stand Norbert plötzlich vor mir und teilte mir mit einem strahlenden Lächeln mit, dass er sich in Burghausen selbständig machen wolle. Das würde natürlich auch bedeuten, dass er künftig hier leben würde. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe. Die Aussicht darauf, mit meinem besten Freund wieder regelmäßig verkehren zu können, hat mich sehr gefreut. Auch wenn wir beide sehr unterschiedliche Leben führen, fühlten wir sofort wieder die Verbundenheit zwischen uns. Und jetzt ist Hildegard tot. Was wollte sie von mir? Und wo ist Norbert? Es wird ihm doch nichts passiert sein?“ Bruder Clemens sah Hans mit weit aufgerissenen Augen an. Dann griff er unter die Kutte und zog ein Handy hervor, das er mit zitternden Händen einschaltete. Er versuchte wieder und wieder seinen Freund zu erreichen, es meldete sich aber nur die Mailbox. Dort hinterließ Bruder Clemens mehrere Nachrichten.

„Er meldet sich nicht. Da muss etwas passiert sein, denn Norbert geht sonst immer ans Telefon. Ich bitte Sie: Helfen Sie mir.“

„Wir kümmern uns darum. Wo wohnt Ihr Freund?“

„Momentan im Hotel Eichenhof in Burghausen. Er hat trotz großer Bemühungen noch keine passende Wohnung gefunden. Das kann ich verstehen, denn der Aufbau seiner Firma hat Vorrang.“

„Hat Ihr Freund Familie?“

„Nein. Nach dem Tod der Eltern hatte er nur noch Hildegard.“

„Was macht er beruflich?“

„Er ist Versicherungsmakler, wie sein Vater es war. Er hatte damals die Firma seines Vaters übernommen, aber es war irgendwie nie seine eigene. Auf einer Fortbildung hat er einen Kollegen aus Burghausen kennengelernt und beide wollten sich hier in Burghausen eine gemeinsame Firma aufbauen.“

„Warum hier und nicht in Erding?“

„Das müssen Sie ihn selbst fragen. Auch wenn Norbert nicht von hier ist, würde er in kürzester Zeit sehr erfolgreich werden, davon bin ich überzeugt. Norbert war immer schon sehr ehrgeizig. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, zieht er das gnadenlos durch.“

„Was ist mit ihr?“, zeigte Diana auf die Tote. „Hatte sie Familie?“

„Nein, auch sie war alleinstehend. Sie lebte immer noch in Erding. Sie hat nach dem Tod der Eltern das Haus übernommen und ihren Bruder ausbezahlt. Das Erbe hat er zur Seite gelegt und ist ein Teil des Startkapitals für die neue Firma, den Rest hat er sich in den letzten Jahren zusammengespart. Über welche Beträge wir sprechen, weiß ich nicht, davon habe ich keine Ahnung und das geht mich auch nichts an. Über Geld haben Norbert und ich nie groß gesprochen.“

„Wann haben Sie das Opfer zum letzten Mal gesehen?“

„Das ist viele Jahre her, weit über zwanzig Jahre. Wir wollten uns in diesem Sommer zu Norberts fünfundvierzigsten Geburtstag sehen. Norbert sagte mir, dass sich Hildegard schon sehr darauf freue, mich zu sehen. Mir ging es ähnlich, schließlich kannten auch wir uns schon von klein auf.“

„Wie können Sie sich dann sicher sein, dass das Hildegard Bückler ist?“

„Norbert hat mir Bilder gezeigt. Außerdem ist das feuerrote Haar unverkennbar. Alter und Größe passen auch.“

Hans war überrascht. Hildegard Bückler hatte also naturrotes Haar. Das der Toten war gefärbt, da würde er jede Wette eingehen.

„Wann haben Sie Norbert Bückler zum letzten Mal gesehen?“, fragte Diana. Bruder Clemens vermied es, die hübsche Frau, die für eine Kirche äußerst unpassend gekleidet war, direkt anzusehen. Diana hatte das bemerkt und achtete nicht weiter darauf. Sie wollte Antworten auf ihre Fragen, alles andere war ihr egal.

„Das ist etwa drei Wochen her. Er kam nach Altötting und wir waren gemeinsam beim Essen. Ein weiteres Treffen hat sich leider nicht mehr ergeben. Wir sind in den Vorbereitungen des Pfingstfestes und Norbert muss sich um seine Firma kümmern.“

„Und wann haben Sie zum letzten Mal miteinander telefoniert?“

„Das war vor drei Tagen. Handys sieht man im Kloster nicht gerne, sie werden aber toleriert. Wir Brüder vermeiden Telefonate, um die anderen nicht stören. Deshalb telefoniere ich nur außerhalb des Klosters. Bitte finden Sie Norbert!“

„Das werden wir, keine Sorge“, sagte Hans und klopfte ihm auf die Schulter. Ob das bei einem Klosterbruder angebracht war? Sicher nicht, aber jetzt war es nun mal so.

Bruder Clemens ging mit gesenktem Kopf davon. Hans berichtete Tatjana, was er ausgesagt hatte.

„Das Opfer ist also Hildegard Brückler, wohnhaft in Erding. Sie hat einen Bruder namens Norbert Brückler, der momentan in Burghausen im Hotel Eichenhof wohnt“, wiederholte Tatjana, als sie sich Notizen machte. „Wir brauchen den Bruder, um die Identität abzuklären. Bruder Clemens hat die Tote vor über zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen, das ist mir zu vage.“

„Wenn es okay ist, werde ich nach Burghausen fahren und mit Norbert Bückler sprechen“, sagte Hans.

„Nein, das übernehmen Diana und ich. Du suchst nach Leo. Der hatte es bis jetzt nicht mehr nötig gehabt, hier aufzutauchen. Wir treffen uns im Präsidium.“

„Leo ist noch nicht zurück?“

„Das sagte ich eben. Komm, Diana. Ich muss hier raus, diese alten Mauern machen mich noch ganz depressiv. Außerdem ertrage ich das Gesicht von Fuchs nicht länger. Der bringt mich heute echt an meine Grenzen!“

Diana wusste, dass Fuchs ein schwieriger Charakter war, aber Tatjana war heute auch nicht ungefährlich. Wenn sie es sich hätte aussuchen können, wäre sie viel lieber mit Hans gefahren…

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