Dunkle Geheimnisse


Bei verbotenen Schießübungen im Altöttinger Forst finden die Jugendlichen Ben und Ludwig eine Leiche. Das Opfer ist die Lehrerin Hermine Giesinger. Sie wurde erwürgt und dann wurde ihr in den Kopf geschossen.

Die Todesnachricht an die Mutter zu überbringen gestaltet sich schwierig, denn die Künstlerin ist nicht nur ständig betrunken, sondern auch sehr egoistisch. Sie kann ohne die Unterstützung und Zuwendungen ihrer Tochter nicht existieren und bangt um ihren alten Bauernhof, den sie allein nicht halten kann.

Das Mordopfer hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Kollegen, dessen kranke Ehefrau sehr eifersüchtig ist.

Und dann gibt es noch den leiblichen Vater des Opfers, der jedoch mit seiner Tochter nichts zu tun haben will. Niemand darf von der Tochter wissen, vor allem nicht seine Frau.

Jeder der Beteiligten hat ein dunkles Geheimnis, auch Ludwigs Vater. Aber wer ist Hermines Mörder?

Als die Mutter des Opfers auf dieselbe Art getötet wird, stehen die Kriminalbeamten vor einem Rätsel…

 

Taschenbuch  € 9,90   220 Seiten                       Ebook  € 2,99    224 Seiten

Leseprobe

1.

Die beiden Buben waren aufgeregt. Vor allem dem zehnjährigen Ludwig schlug das Herz bis zum Hals. Er hatte es geschafft. Obwohl sein Vater zu Hause war, hatte er all seinen Mut zusammengenommen und das Gewehr aus dem verschlossenen Schrank entwendet. Wo der Schlüssel dafür war, wusste er schon lange. Er hatte nicht gezögert und einfach zugegriffen. Sogar an die Munition hatte er gedacht, schließlich wollte er vor Ben nicht dumm dastehen. Die fand er in der untersten Schublade des Schreibtisches, die nicht abgeschlossen war. Ludwig hatte vor seinem vier Jahre älteren Freund damit geprahlt, dass es kein Problem für ihn wäre, an das Gewehr seines Vaters zu kommen. Ben hatte ihm nicht geglaubt, er hatte ihn sogar ausgelacht. Aber jetzt würde er nicht mehr lachen. Jetzt konnte er ihm ein echtes Gewehr samt Munition präsentieren, Ben wird Augen machen! Auch wenn er stolz auf sich sein könnte, hatte er ein schlechtes Gewissen, denn wenn sein Vater den Diebstahl entdeckte, würde die Strafe nicht lange auf sich warten lassen.

Ludwig schrieb seinem Freund eine Nachricht. Ben solle zu dem vereinbarten Treffpunkt im Altöttinger Forst kommen. Vor Tagen hatten sie diese Stelle ausfindig gemacht, die abgelegen genug war und wo sie niemand sehen konnte. Ludwig war schon lange vor seinem Freund an der Stelle, hielt sich aber im dichten Gestrüpp versteckt, das in den warmen Apriltagen bereits üppig zugewachsen war. Zum Glück regnete es heute nicht, was den Tag perfekt machte. Ungeduldig hielt Ludwig nach Ben Ausschau. Endlich sah er ihn, das wurde aber auch Zeit! Auch wenn es ihm schwer fiel, ließ er Ben einige Minuten warten, bis er aus seinem Versteck kroch und das Gewehr wie eine Trophäe in die Luft hielt.

„Du hast es?“ Ben empfing ihn mit weit aufgerissenen Augen.

„Das war ein Kinderspiel“, log Ludwig, der sich auch jetzt noch fast in die Hosen machte. Trotzdem freute er sich, dass er Ben überraschen konnte. Jetzt hielt ihn sein neuer Freund nicht mehr für ein kleines Kind.

Ben sah sich das Gewehr genauer an. Jede Einzelheit überprüfte er. Noch nie zuvor hatte er eine echte Waffe in der Hand gehabt. Er hatte dem kleinen Ludwig, der ihm seit Monaten auf Schritt und Tritt folgte, nicht geglaubt. Anerkennend klopfte er ihm auf die Schulter.

„Gut gemacht, Ludwig, das hätte ich dir nicht zugetraut. Hast du auch Munition dafür?“

„Klar.“ Ludwig reichte ihm die Schachtel, in der laut Aufdruck fünfzig Stück sein müssten. Das hätte er überprüfen sollen, wofür es jetzt zu spät war. Dem Gewicht zufolge war sie nicht leer, was zum Angeben völlig ausreichte. Seine Hände zitterten. Ob Ben das bemerkte?

Ben strahlte, mit Munition hatte er auch nicht gerechnet. Er hatte keine Ahnung, wie man ein Gewehr lud, aber er hatte viele Filme gesehen. Außerdem war er ein Fan von Videospielen, in denen viel geschossen wurde. Seine Mutter mochte das nicht, aber das war ihm egal. Wenn sie bei der Arbeit war oder mit Freunden im Wohnzimmer saß, hatte er jede Menge Zeit, die ihm verbotenen Spiele zu spielen. Aber das Gewehr in seiner Hand war etwas anderes, das war die Realität und hatte nichts mit irgendeinem Spiel zu tun.

Ludwig sah zu, wie sein Freund das Gewehr lud.

„Was hast du vor? Willst du wirklich schießen?“

„Wir ballern nur ein bisschen herum. Das darf ich doch, oder?“

„Klar.“

Die Munitionsschachtel war fast voll, es fehlten nur wenige Schuss. Erst waren Bäume das Ziel, dann nahmen sie sich Äste vor. Abwechselnd gaben sie einen Schuss nach dem anderen ab. Nachdem sie anfangs über die Lautstärke der Schüsse erschrocken waren, gewöhnten sie sich schnell daran. Bald war ihnen der Knall vertraut. Auch Ludwig lud das Gewehr und wurde immer sicherer mit dem Umgang der Waffe – und immer mutiger mit den Zielen.

„Ich versuche, den Vogel dort zu treffen“, sagte Ludwig und legte an.

„Den Vogel? Den triffst du niemals, der ist doch viel zu klein.“

„Das schaffe ich schon.“

Beide waren leise, sie wollten den Vogel nicht aufscheuchen. Ludwig zögerte. Sollte er wirklich ein Tier erschießen? Die Verlockung war groß, trotzdem hatte er Skrupel.

„Nun mach endlich“, drängelte Ben.

„Jetzt lass mich doch!“ Ludwig wollte den Vogel nicht mehr erschießen. Zum einen, weil er viel zu weit weg war, und zum anderen, weil er kein Mörder sein wollte. Er brauchte ein neues Ziel.

„Was überlegst du denn so lange? Drück endlich ab!“

Dann gab es einen lauten Knall, den Ludwig nicht verursacht hatte. Beide erschraken.

„Was war das?“

„Keine Ahnung“, schrie Ben hysterisch. „Vielleicht haben wir jemanden getroffen. Lass uns verschwinden!“

„Ich habe nicht geschossen, das weißt du genau!“, schrie Ludwig.

„Es ist etwas Schreckliches passiert, das kann ich spüren. Lass uns abhauen!“

„Reiß dich zusammen! Wir haben nichts gemacht!“

Jetzt war es Ludwig, der sehr viel vernünftiger und ruhiger reagierte, als der sonst so coole Ben, der sogar schon heimlich rauchte. „Ich bin mir sicher, dass der Knall von dort hinten kam. Vielleicht war das kein Schuss, sondern nur irgendein Knall, der sich ähnlich anhört.“

„Das war ganz sicher ein Schuss! Ich möchte nicht ins Gefängnis, ich will nicht!“ Jetzt heulte Ben auch noch. „Bitte lass uns von hier verschwinden!“

„Gut, wir gehen. Aber wir nehmen diesen Weg zurück.“

„Du willst dort vorbeigehen?“

„Ja.“ Ludwig war nicht so mutig, wie es den Anschein hatte. Er wollte sich vergewissern, dass das kein Schuss war. Der Knall musste eine andere Ursache habe. Und solange er sich davon nicht überzeugte, würde er keine Ruhe finden.

Das passte Ben zwar nicht, trotzdem gab er nach. Während Ludwig voraus ging, heulte Ben nicht mehr, er schluchzte nur noch. Er begann zu beten, wobei ihm kein vernünftiges Gebet einfallen wollten. Wann waren sie endlich raus aus diesem verdammten Wald? Er schwor, nie wieder eine Waffe anzufassen, wenn alles gut ausgehen würde. Er malte sich die schlimmsten Szenarien aus und vermutete hinter jedem Baum und jedem Busch einen Schützen. Seine Gebete wurden immer lauter.

„Was faselst du denn die ganze Zeit?“, herrschte Ludwig ihn an. „Halt endlich die Klappe!“ Er ging ganz langsam und hielt dabei die Waffe im Anschlag. Ben ging ganz dicht hinter ihm.

„Wenn es stimmt, dass das ein Schuss war, dann könnte der Schütze immer noch hier sein. Wir sollten in Deckung gehen. Oder wir drehen um und verschwinden so schnell wie möglich.“

„Jetzt hör endlich auf mit dem Gejammer!“ Ludwig war selbst überrascht, wie mutig er auf einmal war. Das lag sicher auch an der Waffe, an der er sich festklammerte. Aber noch mehr lag es daran, wie sich Ben verhielt. Wer war denn jetzt das Kleinkind?

Es ging nur langsam voran. Ben sprach weiter leise alle Gebete, die ihm einfielen und ging Ludwig damit mächtig auf die Nerven. Dann blieb Ben auf einmal stehen.

„Was ist?“

„Da liegt jemand“, flüsterte er.

„Du spinnst doch! Komm jetzt, wir gehen weiter!“

„Nein, da hinten liegt jemand!“, schrie Ben hysterisch. Seine Stimme war erschreckend laut in dem sonst so stillen Wald.

Genervt drehte Ludwig um.

„Wo denn?“

„Da!“

Jetzt sah auch Ludwig ganz deutlich einen Arm und ein Bein, die unter dem Laub hervorlugten. Kalkweiß hob sich beides vom dunklen Waldboden ab. Ludwig ging darauf zu.

„Was machst du denn?“

„Ich will mir ansehen, ob das echt ist. Es könnte ja auch eine Puppe sein.“

Ben folgte ihm.

„Wer würde denn eine solch große Puppe unter Laub verstecken?“

„Keine Ahnung. Menschen sind verrückt, dass weißt du doch.“

Ganz langsam näherten sie sich der fraglichen Stelle. Je näher sie kamen, desto höher stieg die Angst, aber die Neugier war größer. Ludwig nahm das Gewehr und stieß vorsichtig gegen den Arm, der eindeutig einer Frau gehörte. Zart und dünn lag er auf dem kalten Boden. Dann klopfte Ludwig gegen den Arm. Zur Sicherheit stieß er auch vorsichtig gegen das Bein.

„Das ist kein Plastik.“

„Der ist echt, das habe ich doch gesagt“, schrie Ben. „Das ist keine Puppe.“

Jetzt kniete sich Ludwig neben die Leiche und begann, das Laub und die Äste zur Seite zu schieben.

„Was machst du da? Lass uns verschwinden!“

Aber Ludwig hörte nicht auf seinen Freund. An dieser Stelle müsste der Kopf der Frau sein. Als er das Gesicht sah, erschrak er. Die geöffneten Augen starrten ihn an. Unwillkürlich wich Ludwig zurück.

„Das ist Frau Giesinger“, stammelte er. „Sie hat ein Loch in der Stirn.“

„Du kennst die Frau?“

„Meine Englischlehrerin.“ Mehr konnte Ludwig nicht sagen, denn er musste sich übergeben.

Als Ben sich der Leiche näherte, das Gesicht und auch das Loch auf der Stirn sah, wurde ihm ebenfalls schlecht.

„Hauen wir ab!“, sagte Ben und drehte sich zu seinem Freund um. Fassungslos sah er zu, wie der sein Handy nahm.

„Was machst du?“

„Ich rufe die Polizei, was sonst.“

„Spinnst du? Wir haben ein echtes Gewehr und jede Menge Munition dabei. Wie willst du das erklären?“

„Das ist im Moment doch völlig egal! Hier liegt eine Leiche und das müssen wir der Polizei melden. Soll ich meine Lehrerin einfach hier im Wald liegenlassen?“ Unbeirrt wählte Ludwig die Notrufnummer, wobei er heftig zitterte.

Ben wurde hysterisch. Er schrie und weinte wie ein kleines Kind.

„Und wenn wir die Frau erschossen haben?“

„Haben wir nicht!“

„Und wenn doch? Wenn es einen Querschläger gab? Ich will nicht ins Gefängnis! Ich bin vierzehn und damit strafmündig!“

„Reiß dich jetzt endlich zusammen! Wir haben die Frau nicht getötet. Das hat jemand gemacht, der die Leiche auch zugedeckt hat.“

Das leuchtete Ben ein und er wurde ruhiger. Er bekam am Rande mit, wie Ludwig telefonierte. Es dauerte nicht mehr lange, und die Polizei war hier. Das gab auf jeden Fall Ärger zuhause, das war klar. Ob es auch rechtliche Konsequenzen gab?

Die beiden wurden durch ein Fernglas beobachtet. Auch, dass einer der Jungs telefonierte, wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen. Sehr gut! Was für ein Glücksfall, dass die beiden Jungs Schießübungen machten. Die beiden hatten nicht gekniffen und hatten die Leiche wie geplant entdeckt. Nicht mehr lange, und es würde hier von Polizisten wimmeln. Es war Zeit, so schnell wie möglich zu verschwinden.

2.

Die Beamten der Mühldorfer Kriminalpolizei waren dreißig Minuten später am Tatort. Friedrich Fuchs, Leiter der Spurensicherung, war als erster am Fundort eingetroffen. Es war seit dem letzten Fall nicht viel los gewesen und er hatte sofort reagiert, als ihn die Nachricht erreichte. Ohne mit den Kindern auch nur ein Wort zu wechseln hatte er sofort das Gewehr an sich genommen. Ja, die Kinder hatten geweint und wollten mit ihm sprechen, aber dafür war er nicht qualifiziert und das war auch nicht seine Aufgabe. Er war froh, als endlich die Kollegen eintrafen. Fuchs hatte die Fundstelle der Leiche weiträumig abgesperrt und jedem verboten, auch nur einen Fuß in die abgesperrte Zone zu setzen.

Diana Nußbaumer, die neue Kollegin der Mühldorfer Kripo, schien hier völlig fehl am Platz zu sein. Heute war sie ganz in apricot gekleidet, was sich vom grün-braun des Waldes abhob. Das Etuikleid passte perfekt zu den hochhackigen Schuhen, der Handtasche, dem Schmuck und dem Band im blonden Haar. Ja, sie gab sich viel Mühe und legte sehr viel Wert auf ihr Äußeres, was aber Leo Schwartz gegen den Strich ging. Der Vierundfünfzigjährige mochte die Frau, aber mit diesem Spleen hatte er seine Probleme. Er verstand nicht, wie man Zeit und vor allem Geld in Outfits stecken konnte. Zufrieden bemerkte er die neidvollen Blicke der Kollegen, die offenbar sein neues T-Shirt mit dem Aufdruck von David Bowie bewunderten. Dazu trug er wie immer Jeans, seine Lederjacke und die Cowboystiefel, mit denen er nun durch den Dreck gehen musste. Vorsichtig achtete er auf jeden seiner Schritte, denn er hatte keine große Lust darauf, sie putzen zu müssen.

Der siebenundfünfzigjährige Hans Hiebler war leger gekleidet. Er sah immer so aus, als würde er sich gerade im Urlaub befinden, was auch an der Sonnenbrille lag, die er die meiste Zeit bei sich trug. Darüber hinaus umgab ihn auch heute wieder ein Duft, den vor allem Leo als sehr aufdringlich empfand. Da Hans bei dem herrlichen Wetter helle Slipper trug, war auch er von dem Ort des Einsatzes nicht begeistert.

Tatjana Struck war das völlig egal. Die Leiterin der Mordkommission stapfte mit ihren rustikalen Schuhen einfach drauf los. Die fünfundvierzigjährige gebürtige Frankfurterin war das genaue Gegenteil der neuen Kollegin. Sie kleidete sich zweckmäßig und ihr war es auch egal, dass heute ein dicker Kaffeefleck auf ihrem ungebügelten T-Shirt leuchtete.

„Ihr beide kümmert euch um die Jungs“, wandte sie sich an Leo und Diana. „Du kommst mit mir, Hans.“ Sie und Hans gingen direkt auf die Absperrung zu. „Was haben Sie für uns, Kollege Fuchs?“

Friedrich Fuchs verdrehte die Augen. Konnte man ihn nicht ein einziges Mal in Ruhe seine Arbeit machen lassen? Musste man ihn immer wieder stören, bevor er so weit war und einen umfassenden Bericht abgeben konnte? Aber mit Verständnis konnte er bei den Kollegen nicht rechnen, die waren immer in Eile. Warum? Die Leiche lief ihnen schließlich nicht davon.

„Und? Was ist nun?“, drängelte Tatjana, die den Kollegen Fuchs kannte. Wenn man nicht penetrant war, sagte der kein Wort.

„Es handelt sich um die Leiche einer Frau Mitte dreißig. Bei der Todesursache bin ich mir nicht sicher.“

„Sie hat eine Schusswunde auf der Stirn, das sehe ich doch von hier!“

„Ja, ihr wurde in den Kopf geschossen. Ob das aber todesursächlich war, kann ich nicht bestätigen.“

„Hä? Ich verstehe kein Wort. Lassen Sie sich doch nicht immer jedes Wort aus der Nase ziehen!“

„Die Kugel hat sie hier an Ort und Stelle getroffen, sie ist am Hinterkopf ausgetreten. Geschoss und Hülse haben wir unter und neben der Leiche sichergestellt. Aber gegen einen Mord genau hier spricht, dass das Blut fehlt. Können Sie mir folgen?“

„Sie meinen, sie war bereits tot, als auf sie geschossen wurde?“

„Exakt. Natürlich muss man das durch eine Obduktion bestätigen, aber Sie können davon ausgehen, dass das der Richtigkeit entspricht.“

„Woran starb die Frau dann?“

Fuchs hob die Absperrung und bat Tatjana Struck, mit ihm zur Leiche zu gehen. Hans Hiebler wollte folgen, aber Fuchs hielt ihn zurück.

„Sie nicht, Herr Hiebler! Es reicht, wenn Frau Struck alles durcheinander bringt und meinen Mitarbeitern und mir dadurch die Arbeit erschwert.“

Tatjana stand vor der Leiche und erschrak, als sie die offenen, stahlblauen Augen anstarrten. Aber sie riss sich zusammen, denn vor Fuchs wollte sie keine Schwäche zeigen.

Fuchs kniete sich neben die Leiche und zog den Kragen der weißen Bluse zur Seite.

„Sehen Sie die Würgemale?“

„Ja. Sie wurde also erwürgt.“

„Das ist meine vorläufige Annahme.“

„Wir gehen also von einem Mann als Täter aus?“

„Warum denken immer alle, dass Männer die Täter sind, sobald man bei der Tötungsart Kraft aufwenden muss? Auch Frauen sind durchaus in der Lage, auf diese Weise zu töten.“

„Hatte sie irgendetwas bei sich? Eine Tasche oder vielleicht sogar einen Ausweis?“

„Nein.“

„Wir haben es also mit einer Unbekannten zu tun. Wie wurde sie hierher gebracht?“

„So weit sind wir noch nicht. Wenn Sie erlauben, würde ich mich gerne wieder an die Arbeit machen und meine Mitarbeiter unterstützen, schließlich habe ich genug Zeit vertrödelt.“

Inzwischen kümmerten sich Diana Nußbaumer und Leo Schwartz um die beiden Jungs. Nachdem die Personalien festgestellt waren, informierte Leo die Eltern der beiden. Ludwig und Ben standen unter Schock, deshalb rief Leo auch einen Arzt und einen Psychologen hinzu. Die beiden hatten Schreckliches gesehen, das es irgendwie zu verarbeiten galt.

Ludwig und Ben hatten nicht lange auf Hilfe warten müssen, aber die Minuten kamen ihnen unendlich vor. Seit Ludwig die Polizei gerufen hatte, sprachen die beiden kein Wort mehr miteinander. Dass sich Ben in die Hosen gemacht hatte, hatte er nicht bemerkt. Er wollte nur nach Hause zu seiner Mutter.

„Ihr habt die Leiche gefunden?“, begann Diana Nußbaumer vorsichtig. Sie war mit ihren achtundzwanzig Jahren sehr zielstrebig und wollte in ihrem Beruf noch sehr weit kommen. Auch deshalb hatte die ausgebildete Kampfsportlerin mehrere Psychologieseminare belegt, die sie selbst bezahlt hatte.

„Wurde sie erschossen?“, wollte Ben wissen, den diese Frage ununterbrochen beschäftigte. Für ihn war es immer noch möglich, dass er oder Ludwig für den Tod der Frau verantwortlich war.

„Das wissen wir noch nicht“, sagte Leo und klopfte dem Kleinen auf die Schulter. Wie alt mochten die beiden sein? In seinen Augen waren das noch Kinder.

Ludwig dachte keine Sekunde daran, irgendwelche Geschichten zu erzählen, sondern sagte die Wahrheit. Detailliert berichtete er, was geschehen war.

„Wo ist das Gewehr?“, fragte Leo, der sich an seine eigene Kindheit erinnerte, in der er auch so manche Dummheit gemacht hatte. Allerdings hatte er nie etwas mit Waffen zu tun gehabt, was schon eine ganz schöne Hausnummer war.

„Das habe ich dem kleinen, alten Mann dort gegeben“, zeigte Ludwig auf Fuchs, der ganz in seine Arbeit vertieft war.

Leo und Diana mussten sich ein Schmunzeln verkneifen. Fuchs war noch nicht so alt wie er aussah. Ob sie ihm sagen sollten, wie ihn der Junge beschrieben hatte?

Diana sprach beruhigend auf die beiden ein. Leo war beeindruckt und hielt sich zurück. Bis er etwas hörte, was ihn aufhorchen ließ.

„Ich bin so erschrocken, als ich Frau Giesinger sah.“

„Du kennst die Tote?“, hakte Leo sofort nach.

„Ja, das ist Frau Giesinger, meine Englischlehrerin.“

„Weißt du, wo sie wohnt?“

„Ich glaube in Mühldorf, aber ich bin mir nicht sicher.“

„Wie ist ihr Vorname?“

„Hermine, wie bei Harry Potter. Wir haben sie damit immer verarscht. Sie mochte ihren Namen nicht und hat sich immer sehr darüber geärgert, wenn wir ihn gerufen haben. Der Tobi aus meiner Klasse hat ihr mal einen Zauberstab auf den Tisch gelegt. Den hat sie genommen und ohne ein Wort in den Papierkorb geworfen. Wir haben alle gelacht. Dafür hat sie uns einen Test scheiben lassen. Das war blöd, aber der Spaß hat sich trotzdem gelohnt.“ Erst lachte er, dann weinte er wieder. Der Tod der Lehrerin ging ihm sehr nahe.

Leo ging zu Tatjana. Ob sie bereits wusste, um wen es sich bei dem Opfer handelte?

„Sie hatte keine Papiere bei sich, wir müssen ihr Bild veröffentlichen“, empfing Tatjana den Kollegen.

„Das wird nicht notwendig sein, einer der Jungs kennt die Frau. Es ist eine Hermine Giesinger, vermutlich wohnhaft in Mühldorf.“

Hans gab die Daten sofort weiter.

„Woher kennt der Junge die Frau?“

„Es ist seine Englischlehrerin.“

„Der arme Kerl.“

„Ja, das kann man wohl sagen. Die Eltern sind bereits verständigt. Mal sehen, wer hier auftaucht und sein Kind abholt. Die beiden werden sicher wegen dem Gewehr mächtig Ärger bekommen. Wir sollten die Eltern bitten, sich zurückzuhalten. Die Kinder stehen unter Schock, ich habe einen Arzt und einen Psychologen gerufen. Wo bleiben die denn?“

Langsam näherte sich ein Fahrzeug. Leo ging darauf zu. Wenn es sich um die Eltern handelte, musste er vorher mit ihnen sprechen. Eine Frau Mitte vierzig stieg aus. Man konnte sehen, dass sie geweint hatte.

„Leo Schwartz, Kripo Mühldorf“, wies sich Leo aus.

„Windisch, Helga Windisch. Ich suche meinen Sohn Ben.“ Sie sah Leo fragend an.

„Ihrem Sohn geht es soweit gut. Er hat einen Schock, der Arzt müsste jeden Moment hier sein. Der Seelsorger ist auch unterwegs. Bitte erlauben Sie ihm, dass er mit Ihrem Sohn spricht.“

„Natürlich erlaube ich das! Was ist eigentlich passiert?“

„Ihr Sohn hat zusammen mit seinem Freund Ludwig eine Leiche gefunden.“

„Um Himmels Willen!“ Jetzt entdeckte sie ihren Sohn, der wie ein Häufchen Elend auf einem Baumstumpf saß. „Was wollte Ben im Wald?“

„Er war hier, um mit Ludwig Schießübungen zu machen. Das Gewehr hat sein Freund dem Vater entwendet.“

„Schießübungen mit einem echten Gewehr?“

„Ich bitte Sie, ihm jetzt nicht sofort Vorwürfe zu machen. Versprechen Sie mir das?“

„Sicher. Kann ich zu ihm?“

„Ich bitte darum.“ Leo sah der Frau hinterher. Sie lief auf ihren Sohn zu und nahm ihn einfach nur in die Arme. Beide weinten. Jetzt endlich kam der Arzt, der sich sofort um die Jungs kümmerte. Wo blieben denn Ludwigs Eltern? Und wo war der Psychologe? Es verging eine weitere halbe Stunde und Leo hatte genug von der Warterei. Die Adresse der Toten in Mühldorf lag vor, außerdem gab es inzwischen einige Eckdaten, die nicht unwichtig waren. Das Opfer war ledig und hatte keine Kinder, lebte aber mit der Mutter unter einem Dach.

„Ich würde gerne mit der Mutter der Toten sprechen, wir müssen ja nicht alle hier herumstehen“, sagte er zu Tatjana, die jede Minute mit einem Hinweis des Kollegen Fuchs rechnete, der ihnen vielleicht weiterhelfen könnte.

„Geh nur“, sagte sie. „Nimm Diana mit.“

Diana hörte ihren Namen und reagierte sofort. Sie hatte Mutter und Sohn ihre Privatsphäre gelassen. Sie stand abseits und beobachtete die traurige Szene. Während sich die Mutter liebevoll um den Sohn kümmerte, saß Ludwig traurig daneben und hielt Ausschau nach seinem Vater. Auch, als der Arzt mit ihm sprach, blickte er sich immer wieder um. Eine Mutter hatte Ludwig nicht mehr, die war gestorben, als er noch sehr klein war. Sein Vater hatte verboten, über die Mutter zu sprechen, was ihn sehr belastet. Mehr hatte sie in der kurzen Zeit nicht herausbekommen.

Diana stand Augenblicke später am Wagen und sah zu, wie Leo seine Stiefel notdürftig säuberte.

„Warum sind deine Schuhe nicht dreckig?“, wollte Leo wissen, der nicht glauben konnte, dass diese hellen, hochhackigen Schuhe keinen Dreck abgekommen hatten.

„Ich habe Augen im Kopf und passe auf, wo ich hintrete“, lachte sie. „Können wir dann?“

Auf dem Waldweg kam ihnen ein SUV entgegen, der viel zu schnell unterwegs war.

„Spinnt der?“, schimpfte Leo, der Mühe hatte, den Wagen unter Kontrolle zu halten, denn er musste dem SUV ausweichen.

„Ich habe das Kennzeichen, um den Wagen kümmern wir uns später. Wie ist das mit den Todesnachrichten? Hast du dich im Laufe deiner Berufsjahre daran gewöhnt?“

„Daran gewöhnt man sich nie.“

„Wie gehst du vor?“

„Keine Ahnung. Ich lass die Situation auf mich zukommen.“

„Das ist eine seltsame Taktik.“

Leo hatte tatsächlich keine Ahnung, wie er der Mutter den Tod der Tochter beibringen sollte. Wie würde die alte Frau die Nachricht aufnehmen?

Hans unterhielt sich mit einem Uniformierten. Bis er merkte, dass Leo und Diana aufbrachen, war es zu spät. Anstatt hier herumzustehen, hätte er viel lieber Leo begleitet.

Der SUV fuhr auf die Einsatzfahrzeuge der Polizei zu und hielt mitten auf dem Waldweg. Ein Mann Mitte fünfzig sprang heraus.

„Wer ist hier zuständig?“, rief er laut.

Tatjana ging auf ihn zu.

„Das bin ich. Struck, Kripo Mühldorf. Und wer sind Sie?“

„Pechstein. Mein Sohn Ludwig soll hier sein. Wo ist er? Warum halten Sie ihn hier fest? Was wird ihm vorgeworfen? Das eins klar ist: Ich werde meinen Sohn auf der Stelle mitnehmen. Das wird Konsequenzen haben, darauf können Sie sich verlassen! Mein Sohn ist erst zehn Jahre alt, was fällt Ihnen eigentlich ein?“ Der Mann schnaubte vor Wut.

„Sind Sie fertig?“

„Sie können doch nicht einfach….“

„Was wir können und nicht können, dürfen Sie gerne uns überlassen. Sie beruhigen sich auf der Stelle. Es wird doch möglich sein, dass man sich mit Ihnen vernünftig unterhalten kann!“

„Wie soll ich denn ruhig bleiben, wenn Sie meinen zehnjährigen Sohn wie einen Schwerverbrecher behandeln.“

„Tun wir das? Wissen Sie überhaupt, was hier los ist?“

„Nein. Sie hatten es bisher ja nicht für nötig gehalten, mich zu informieren.“

„Wenn Sie den Mund halten und zuhören würden, bekäme ich vielleicht endlich die Gelegenheit, Sie in Kenntnis zu setzen. Wenn Sie es allerdings vorziehen, weiterhin haltlose Vorwürfe von sich zu geben, dann bitte.“

„Ich habe vielleicht etwas überreagiert.“

„Ihr Sohn hat bei gemeinsamen Schießübungen mit seinem Freund eine Leiche entdeckt. Das Gewehr konnten wir sicherstellen, ebenso den Rest der Munition.“

„Schießübungen? Auf diese Idee ist sicher dieser Ben gekommen. Ich habe meinem Sohn den Umgang mit diesem Jungen ausdrücklich verboten! Er kommt aus der Gosse und passt nicht zu uns. Mir war sofort klar, warum sich Ben an meinen Sohn rangemacht hat. Er hat die Labilität und Naivität meines Sohnes ausgenutzt. Und natürlich möchte er sich an unserem Reichtum laben, das kennt man ja. Na warte, der Bursche wird mich kennenlernen!“ Valentin Pechstein hatte seinen Sohn und Ben entdeckt. Er war drauf und dran, zu den beiden zu gehen, aber Tatjana hielt ihn zurück.

„Sie bleiben hier und beruhigen sich! Ich habe kein Problem damit, Sie vorläufig festzunehmen, wenn Sie sich nicht augenblicklich zusammenreißen!“

„Wie würden Sie denn reagieren, wenn Ihr Kind Umgang mit einem solchen Subjekt hätte? Mein Ludwig ist ein anständiger, labiler Junge, der leicht zu beeinflussen ist. Würden Sie zuschauen, wenn Ihr Sohn in die Kriminalität gezogen würde?“

„Zum einen ist Ben nicht kriminell….“

„Ja, das behaupten Sie! Wie kommt der an eine Waffe? Und warum ist er immer noch hier und wurde nicht weggesperrt? Und erzählen Sie mir nicht irgendeinen Mist über eine schwere Kindheit, eine Dummheit oder irgendwelchen psychologischen Scheiß, den Ihnen sowieso niemand glaubt. Hier muss man hart durchgreifen, darauf bestehe ich!“

Hans hatte wie alle anderen alles gehört, denn Pechstein sprach sehr laut. Hans hatte das beschlagnahmte Gewehr geholt und hielt es dem aufbrausenden Choleriker vor die Nase.

„Kommt Ihnen das bekannt vor?“

Valentin Pechstein war irritiert.

„Aber das ist ja…. Nein, das kann nicht sein!“ Fassungslos starrte er Hans an, der sich einen gewissen Triumpf nicht verkneifen konnte.

„Ja, das ist Ihr Gewehr. Ihr Sohn hat es zusammen mit der Munition an sich genommen. Die Schießübungen waren seine Idee.“

„Ludwig war das? Der kann jetzt was erleben!“

„Wenn Sie den Jungen anfassen oder auch nur dumm anreden, bekommen Sie mächtig Ärger. Ihr Sohn hat eine Leiche gefunden und sofort die Polizei verständigt. Und das, obwohl er wusste, dass das mit dem Gewehr herauskommen würde. Er hat absolut richtig und für sein Alter sehr erwachsen und vernünftig reagiert. Jeder andere wäre davongelaufen und hätte sich verkrochen, aber nicht Ihr Sohn. Er hat die Leiche einer Frau gefunden, die er auch noch sehr gut kennt. Ihrem Sohn geht es nicht gut, was jeder hier nachvollziehen kann. Sie gehen jetzt da rüber und sind für Ihren Sohn da. Werden Sie Ihrer Aufgabe als Vater gerecht.“

Diese Ansage verfehlte ihre Wirkung nicht. Pechstein war auf einen Schlag sehr ruhig.

„Ludwig kennt die Tote?“

„Ja. Es ist seine Englischlehrerin.“

„Frau Giesinger?“

„Ja. Und jetzt gehen Sie endlich zu Ihrem Sohn, er wartet schon sehr lange auf Sie. Er braucht Sie jetzt mehr als alles andere.“

Alle sahen dem Mann hinterher, der mit seinem teuren Anzug und den sauberen Schuhen wie alle anderen durch den Dreck waten musste.

„Was für ein Trottel“, sagte Hans.

„Wenn du den als Vater hast, brauchst du keine Feinde. Der arme Junge.“ Tatjana bedauerte Ludwig noch mehr, als sie es schon getan hatte. Er war erst zehn und hatte bereits schon mit mehr Problemen zu kämpfen, als andere in ihrem gesamten Leben.

Unbeholfen näherte sich Pechstein seinem Sohn. Anstatt ihn in die Arme zu nehmen, klopfte er ihm nur auf die Schulter. Zumindest schrie er ihn nicht an, aber er sagte auch nicht viel. Ob der Vater seinem Sohn wirklich so eine große Hilfe war? Alle bezweifelten es.

Fuchs war endlich fertig mit der Arbeit und alle konnten gehen. Leider hatte er keinen Ermittlungsansatz für die Kriminalbeamten, was vor allem Tatjana sauer aufstieß. Es war verschenkte Zeit gewesen, hier zu warten.

Der Psychologe kam erst jetzt, was allen furchtbar gegen den Strich ging.

„Dr. Bentz“, stellte er sich Hans knapp vor. „Wo sind die Patienten?“

„Sie kommen reichlich spät!“ Tatjana konnte sich den Vorwurf nicht verkneifen.

„Das tut mir sehr leid, aber es ging nicht anders. Ich stehe auf der Bereitschaftsliste, habe aber trotzdem Patienten, die Vorrang haben. Wenn Sie mir jetzt freundlicherweise sagen würden, wo sich meine Patienten befinden?“

„Die beiden Buben sind dort hinten, die Eltern sind bereits da.“

„Das hätten Sie nicht erlauben dürfen. Soweit ich informiert bin, gibt es Anlass für Vorwürfe von Seiten der Eltern, was man nicht zulassen darf. Die Kinder befinden sich in einem Schockzustand, aus dem man sie langsam und behutsam herausführen muss!“ Dr. Bentz war sauer. Er hasste es, wenn man sich in seine Arbeit einmischte.

„Dann hätten Sie früher hier sein müssen!“

„Das machen Sie sich zu einfach, Frau Kommissarin. Sie wären dafür verantwortlich gewesen, die Kinder zu separieren.“

„Sie können mich mal. Gehen Sie endlich zu den Jungs und machen Sie Ihre Arbeit!“

Tatjana drehte sich um und ging.

„Dem hast du es aber gegeben“, lachte Hans, der wie alle anderen die Unterhaltung verfolgt hatte. „Was für ein Wichtigtuer.“

„Bereits der dritte heute, der mir blöd kommt. Mal sehen, was der Tag noch bringt.“

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