Nimm mich – oder stirb


Manuela Kaufmann hat nach einem jahrelangen Martyrium ihren Peiniger Walter Neubert angezeigt. Nach der Verurteilung bedroht er sie massiv. Sie sieht keinen anderen Ausweg, als aus Nürnberg zu fliehen. In einem Reutlinger Vorort beginnt sie ein neues Leben. 
Plötzlich geschehen schreckliche Dinge, die nur einen Schluss zulassen: Walter hat sie gefunden… 

 

Taschenbuch  erscheint demnächst         Ebook  € 2,99   160 Seiten

Leseprobe

1.

Als Manuela Kaufmann die tote Ratte in ihrem Briefkasten sah, wich sie unwillkürlich zurück. Sie hatte sich dermaßen erschrocken, dass sie sich einen kurzen Augenblick später übergeben musste. Der Schock über die gefährliche, rücksichtslose Fahrweise eines Verkehrsteilnehmers auf dem Nachhauseweg saß ihr immer noch in den Knochen. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre im Straßengraben gelandet. Zum Glück konnte sie über eine Parkbucht ausweichen, wodurch sie Schlimmeres verhindert konnte. Was war heute nur los?

Vorsichtig besah sie sich das tote Tier, dessen Augen sie anzustarren schienen. War das nur ein Streich dummer Kinder? Sie suchte in ihrer Tasche nach einem Papiertaschentuch. Sie nahm gleich drei davon und griff nach der Ratte. Sie hatte einen steifen, trockenen Körper erwartet, aber dieser hier war noch weich. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper und sie ließ die Ratte fallen. Mit einem lauten Klatsch landete sie auf dem hellen Fliesenboden des Hochhauses der Aalener Straße in Orschel-Hagen, in das sie erst vor wenigen Monaten eingezogen war. Der Wohnort vor den Toren der schwäbischen Stadt Reutlingen war willkürlich von ihr gewählt worden. Sie hatte hunderte von Bewerbungen verschickt und von einer Spedition im Nachbarort bekam sie die erste Zusage, die sie sofort annahm. Der neue Wohnort war ihr genauso egal wie die neue Arbeitsstelle. Die Hauptsache war, dass beides weit genug von Nürnberg entfernt war. Es war ihr auch egal gewesen, in welchem Zustand die Wohnung und das Haus waren. Sie war auf der Suche nach Wohnraum, der ihr Schutz bot und in dem sie sich vielleicht endlich wieder sicher fühlen konnte. Ein Gefühl, das sie sehr lange vermisst hatte.

Die tote Ratte lag vor ihr. Daneben lag ihr Erbrochenes, für das sie sich jetzt schämte. Sobald der ekelhafte Tierkadaver beseitigt war, musste sie ihre Hinterlassenschaft beseitigen. Sie sah sich um. Von den vielen Nachbarn, deren Neugier sie sonst verfolgte, war gerade heute nichts zu sehen. Kein Kavalier, den sie um Hilfe bitten konnte, leider. Da es Kinder in dem Haus gab, konnte sie die Ratte dort nicht liegen lassen. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als sich erneut darum zu bemühen, das Tier zu packen und in die Abfalltonne vor der Haustür zu werfen. Auf die Papiertaschentücher musste sie verzichten, die waren nicht stabil genug. Wenn sie an den weichen Körper dachte, kroch der Würgereiz wieder nach oben. Sie hasste Ratten und Mäuse, sie hatte regelrecht Angst vor ihnen. Selbst Filme, in denen diese Nager vorkamen, konnte sie sich nicht ansehen. Trotzdem musste sie dieses grässliche Vieh wegschaffen.

Sie zog einen Blickpunkt, eine kostenlose wöchentliche Zeitung, aus einem der Nachbarbriefkästen, die ihr mit den vielen Prospekten darin stabil genug schien. Das musste reichen, etwas anderes hatte sie nicht. Mit dem Fuß schob sie die Ratte auf die Zeitung. Dann stutzte sie. War dem Tier etwas aus dem Maul gefallen? Sofort meldete sich wieder der Mageninhalt, denn das, was jetzt auf der Zeitung lag, war ein kleiner, klumpiger Brocken.

Aber…konnte das sein? Panik stieg in ihr auf. Vergessen war die Ratte, denn sie konzentrierte sich nur auf diesen Brocken. Vorsichtig nahm sie ihn mit einem Papiertaschentuch und drehte ihn im Licht. In diesem Moment ging die Beleuchtung aus. Sie drückte erneut auf den Schalter. Dann sah sie es: Ein kleiner, hellblauer Edelstein, den sie gut kannte. Ihr versagten die Knie und sie sackte auf die kalten Fliesen. Das Auto vorhin, das sie bedrängte, war kein Zufall. Und auch die Ratte war kein übler Scherz. Beides galt ihr, um ihr Angst zu machen: Er war wieder hier!

 

2.

 

Die Beamten des Polizeipostens Reutlingen-Nord in Orschel-Hagen waren freundlich, schienen sie aber nicht ernst zu nehmen.

„Sicher nur ein dummer Streich“, lächelte sie der Mann Anfang vierzig mitleidig an.

Manuela kannte das schon. Man hielt sie für überdreht und wollte sie schnell loswerden. Aber sie ließ sich nicht mehr abwimmeln. Das, was sie viele Jahre durchmachen musste, hatte sie fast in den Wahnsinn getrieben. Vor einem Jahr hatte sie sich gegen ihren Peiniger zur Wehr gesetzt und hatte ihn angezeigt. Danach hatte sie ein neues Leben angefangen, was mit Ende dreißig nicht ganz leicht war. Sie war sich sicher gewesen, alles hinter sich gelassen zu haben, aber die Vergangenheit hatte sie wieder eingeholt.

„Ich möchte gegen Walter Neubert Anzeige erstatten“, bestand sie auf ihr Anliegen. Bewusst verzichtete sie auf die Bezeichnung Herr, die Walter nicht verdient hatte.

„Sie haben Beweise, dass dieser Herr Neubert Sie mit dem Wagen bedrängt hat und Ihnen auch die Ratte in den Briefkasten gesteckt hat?“

„Beweisen kann ich das nicht, aber ich bin mir sicher, dass er es war.“

Der Mann, auf dessen Brust der Name Kimmerle prangte, lächelte gequält.

„Ich kann leider nicht aufgrund einer Vermutung eine Anzeige aufnehmen, das müssen Sie verstehen, Frau Kaufmann.“

„Vielleicht überzeugt sie das“, sagte Manuela und zog eine dicke Mappe aus ihrer riesigen Handtasche. „Sehen Sie sich die Unterlagen durch. Darin werden sie mehrere Anzeigen gegen Herrn Neubert finden, für die es genug Beweise gab. Der Mann darf sich mir nicht weiter als fünfzig Meter nähern.“

Kimmerles Interesse war geweckt, als er auf die prall gefüllte Mappe starrte. Es war spät und er war müde. Durch die Urlaubszeit waren sie unterbesetzt, was sich in vielen Überstunden bemerkbar machte. Es war heute Abend sehr ruhig, also blätterte er die Unterlagen durch. Mit jedem einzelnen Blatt wurde er wütender. Es war unvorstellbar, was diese Frau durchgemacht hatte. Sie wurde wie ein Tier gehalten und verprügelt, die vielen Fotos der Verletzungen waren eindeutig und widerten ihn an. Trotzdem hatte sie ihren Peiniger angezeigt und es gab eine Gerichtsverhandlung. Kimmerle war nicht überrascht, dass trotz der vielen Gutachten der Gegenseite zugunsten der Frau entschieden wurde, denn die Beweislast war eindeutig. Neben einer hohen Geldstrafe bekam Neubert nur zwei Jahre auf Bewährung, was er vermutlich auch den vielen Leumundszeugen zu verdanken hatte. Für Kimmerle ein viel zu mildes Urteil, aber das hatte er nicht zu bewerten. Er fand den gerichtlichen Bescheid, den Frau Kaufmann eben erwähnt hatte. Dabei fiel ihm auf, dass das Gericht in Nürnberg die ausstellende Behörde war.

Manuela folgte den Blicken des Beamten und verstand.

„Walter Neubert blieb trotz des Urteils auf freiem Fuß. Um diesem Mann zu entkommen, bin ich Anfang diesen Jahres nach Orschel-Hagen gezogen. Ich wollte und musste nochmals von vorn anfangen, in Nürnberg fühlte ich mich nicht mehr sicher. Walter hat mich gefunden! Er wird mich nicht mehr in Ruhe lassen. Der Fahrer des Fahrzeugs heute Abend war ganz sicher er. Und das mit der Ratte war auch Walter. Sie müssen mir glauben!“

„Beruhigen Sie sich, Frau Kaufmann“, sagte Kimmerle, der Mitleid mit der Frau hatte. Was der Frau unter anderem widerfahren war, war ein Paradebeispiel für häusliche Gewalt und Stalking, was ihn persönlich wütend machte. Trotzdem waren ihm die Hände gebunden. „Es tut mir sehr leid, aber für Ihre Anschuldigungen brauche ich Beweise, sonst kann ich nichts für Sie tun.“

„Ich bin mir sicher, dass er es war. Dieser Aquamarin ist der Beweis dafür!“ Manuela breitete das Papiertaschentuch aus. Kimmerle verzog angewidert das Gesicht, denn an dem Stein klebte noch Blut, das sicher von der Ratte stammte, von der Frau Kaufmann ein Foto gemacht hatte, bevor sie sie in der Restmülltonne entsorgt hatte.

„Vielleicht ist das nur ein Zufall und die Ratte hat den Stein sonst woher.“

Manuela kramte erneut in ihrer Tasche und zog ein Foto aus ihrer Brieftasche.

„Das ist Walters Mutter. Sehen Sie sich die Kette an und achten sie auf die Steine.“

„Blaue Steine. Ich muss zugeben, dass sich die Form der Steine ähneln. Ob die identisch mit diesem sind, kann ich nicht sagen, damit kenne ich mich nicht aus.“

„Jeder Juwelier wird Ihnen bestätigen können, dass die Steine identisch sind.“ Manuela wurde lauter, da dieser Polizist offenbar nicht verstand, wie wichtig diese Steine im Zusammenhang mit Walter waren. „Diese Kette hat zwölf Aquamarine. In der Vergangenheit hat mir Walter acht dieser Steine gegeben oder irgendwie zukommen lassen. Es schien ihm Spaß zu machen, mich in Panik zu versetzen. Die Steine lagen immer gut sichtbar in einer Schale auf dem Esszimmertisch. Wenn Walter der Meinung war, dass ich ihn über die Maßen verärgert hatte, gab er mir einen Stein oder ließ ihn mir zukommen – dabei war er sehr kreativ. Einmal fand ich einen Stein in einer Banane versteckt. Sobald ich einen der Steine hatte, wusste ich, dass er mich bestrafen würde. Auch hierbei ließ er sich immer etwas Besonderes für mich einfallen. Einige Male hat er mich einfach nur zusammengeschlagen, wobei das noch die harmloseste Bestrafung war. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er mich in einem Steinbruch in den Wagen setzte und ans Lenkrad fesselte. Er übergoss das Auto mit Benzin und ließ für mich gut sichtbar Streichhölzer aufflammen. Vier Stunden lang hat er mich damit gequält, danach musste ich ohne Schuhe fünf Kilometer nach Hause laufen. Ein anderes Mal sperrte er mich für drei Tage gemeinsam mit zwei Ratten in das eigens für mich gebautes Kellerzimmer. Fotos davon finden Sie in den Unterlagen. Walter wusste, dass ich mich vor Ratten ekle, weshalb er mir auch diese heute zukommen ließ. Wollen Sie weitere Beispiele hören, wie mich Walter gequält hat? Würde es sie überzeugen, wenn ich Ihnen sage, dass ich eine ganze Nacht mit gefesselten Händen und einer Schlinge um den Hals auf einem Stuhl stehend verbringen musste? Einmal hatte er mich spät abends zu einem Baggersee gebracht hat, wo ich mich ausziehen und ans andere Ufer schwimmen musste, während er mit einem Schlauchboot nebenher paddelte und mir die unterschiedlichsten Fragen stellte. Wenn ich falsch antwortete, drückte er mich mit dem Paddel unter Wasser. Er nannte das ein Quiz, während ich um mein Leben kämpfte. Überzeugt sie dieses Beispiel auch nicht? Nach den Bestrafungen gab er immer mir die Schuld dafür, dass er so grob sein musste.“ Manuela musste schwer schlucken, die Erinnerungen daran waren sehr schwer für sie. „Walter ist ein Psychopath, aber niemand hat mir wirklich geglaubt. Walter ist charmant und gebildet, außerdem kommt er aus einer sehr angesehenen, reichen Familie. Walter hat mich systematisch zu seinem Eigentum gemacht und nahm sich das Recht heraus, mit mir machen zu dürfen, was er wollte. Sobald ich mich mit irgendjemandem angefreundet habe, hat er das durch Lügen zerstört. Zwei Jobs habe ich wegen ihm verloren, bis ich schließlich keine Anstellung mehr gefunden habe. Überall hatte Walter seine Finger im Spiel. Ich sollte kein eigenes Leben führen, ich durfte nur für ihn da sein. Die besten Anwälte und viele Leumundszeugen, die ich noch nie vorher gesehen habe, haben das milde Urteil bewirkt. Nur die Arztberichte und Fotos meiner Misshandlungen haben überhaupt dazu geführt, dass er verurteilt wurde. Nach der Verhandlung ging er an mir vorbei. Unhörbar für alle drohte er mir. Er sagte mir, dass er mich überall finden würde und dass wir füreinander bestimmt seien. Die letzten Worte haben sich in meinem Kopf eingehämmert: Entweder du nimmst mich, oder du stirbst.“ Manuela zitterte am ganzen Körper. Ihre Ausführungen ließen auch Kimmerles Kollegen aufhorchen, die nicht fassen konnten, was die Frau erzählte. „Bitte verstehen Sie doch: Dieser Stein, den mir Walter heute zukommen ließ, ist die Nummer neun.“

Kimmerle verstand die aufgebrachte Frau, aber er konnte trotzdem nichts für sie tun.

„Für mich sehen die Steine auch gleich aus, aber das allein wird für eine Anzeige nicht ausreichen. Solange nichts Konkretes gegen Herrn Neubert vorliegt, sind uns leider die Hände gebunden.“

„Aber es gibt nur noch drei dieser Steine! Was passiert, wenn er mir die irgendwie alle zukommen lässt? Was passiert dann?“

„Das weiß ich nicht.“

„Ich kann Ihnen sagen, was dann passiert: Sobald ich den zwölften Stein habe, wird Walter mich töten!“

3.

 

Manuela Kaufmann hatte vergeblich versucht, Hilfe von der Polizei zu bekommen und musste unverrichteter Dinge wieder gehen. Traurig packte sie ihre Mappe wieder ein und ging. Seit diesem Fund fühlte sie sich um Monate zurückgeworfen und wurde wieder zu der eingeschüchterten, ängstlichen Frau, wie Walter sie haben wollte. Sie ging zu ihrem Wagen, wobei sie sich ständig umsah. Sie spürte, dass Walter hier irgendwo war. Aber wo?

 

Stefan Kimmerle war untröstlich und sah der Frau hinterher. Sie hatte Angst und auch jeden Grund dazu. Trotzdem durfte er eine Anzeige nicht ohne Beweise aufnehmen. Die Kollegen waren sprachlos und starrten Kimmerle an.

„Können wir wirklich nichts für die arme Frau tun?“, fragte Horst Deutschle immer noch sehr ergriffen.

„Was denn? Ohne Beweise? Denkst du, der Stein reicht für eine Anzeige aus?“

„Kaum. Schade, ich hätte der Frau sehr gerne geholfen.“

„Denkst du, ich nicht?“

Kimmerle tippte den Namen Walter Neubert Nürnberg in den Computer. Auf dem Bildschirm tauchte das Bild eines Mannes auf, der völlig harmlos aussah. Trotzdem war er aktenkundig, was den Anzeigen von Manuela Kaufmann und der damit zusammenhängenden Gerichtsverhandlung zu verdanken war. Fassungslos starrte Kimmerle auf das Gesicht, Deutschle stand hinter ihm.

„Das ist der Beweis dafür, dass du den Menschen wirklich nicht ansiehst, welche Sadisten und Psychopathen dahinterstecken können. Wenn mir der Typ auf der Straße begegnen würde, würde ich niemals glauben, zu was der alles fähig ist. Wenn ich doch nur mal so einen in die Finger kriegen könnte.“ Horst Deutschle war sein Leben lang Polizist mit Leib und Seele gewesen. Aber seine Tage im Polizeidienst waren gezählt. Er war krank und seine Pensionierung war nur noch eine Frage von Monaten. Trotzdem würde er nicht vor einer Konfrontation mit einem solchen Verbrecher zurückschrecken, auch wenn seine beste Zeit schon hinter ihm lag.

Nur noch eine halbe Stunde, dann hatte Kimmerle Feierabend. Frau Kaufmann ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es kam nicht selten vor, dass er es mit häuslicher Gewalt und auch Stalking zu tun hatte. Die ängstlichen Augen der Opfer ließen ihn oft nicht zur Ruhe kommen, das ging auch an Polizeibeamten nicht spurlos vorbei. Das, was Frau Kaufmann erzählt hatte und was er dazu in den Unterlagen gelesen hatte, war einfach nur grausam und ekelhaft. Er hätte der Frau gerne geholfen, aber ihm waren die Hände gebunden.

 

Manuela Kaufmann sah immer wieder in den Rückspiegel. Sobald Scheinwerfer darin auftauchten, wurde sie panisch. Sie verriegelte die Türen von innen, auch wenn das nicht viel helfen würde. Wenn Walter es auf sie abgesehen hatte, konnte ihn nichts und niemand davon abhalten. Zum Glück war der Weg nach Hause nicht zu weit. Sie stellte den Wagen ab, griff nach dem Pfefferspray und rannte auf den Eingang des Hochhauses zu. Rasch machte sie die Tür zu, wobei sie es unterließ, das Licht einzuschalten. Sie wartete und sah nach draußen, aber nichts geschah. Als sich die Tür des Aufzugs hinter ihr schloss, atmete sie erstmals auf. Die sechste Etage war erreicht. Ob Walter vor ihrer Tür auf sie wartete? Sie umklammerte das Pfefferspray und war auf das Schlimmste gefasst.

 

Walter Neubert war immer in ihrer Nähe. Er war verärgert darüber, dass Manuela zur Polizei gegangen war. Hatte er ihr das nicht verboten? Und hatte sie nicht gelernt, dass sie ihn dadurch nicht abwimmeln konnte? Er konnte der Liebe seines Lebens ansehen, dass sie Angst hatte, was ihn wiederum freute. Nicht mehr lange, und er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte.

Walter Neubert dachte nicht daran, seiner Angebeteten jetzt schon zu nahe zu kommen. Noch nicht, die Zeit war noch nicht reif. Außerdem hatte er sich für Manuela viel einfallen lassen. Die Freude daran wollte er sich nicht mit einem zu schnellen Vorpreschen verderben.

 

4.

 

Drei Tage vergingen.

Der Polizeibeamte Stefan Kimmerle musste immer wieder an die ängstliche Frau denken, der er nicht helfen konnte. Ein paar Mal war er an dem Hochhaus vorbeigefahren. Er kannte Neuberts Kfz-Kennzeichen auswendig und hielt Ausschau danach, aber davon war weit und breit nichts zu sehen. Ob sich die Frau nicht doch geirrt hatte und alles nur ein dummer Zufall war? Nein, daran glaubte er nicht. Dieser Psychopath war hier irgendwo. Irgendwann würde dieses Arschloch aus seinem Loch kriechen und zuschlagen – und Kimmerle musste zumindest versuchen, das zu verhindern.

 

Stefan Kimmerle hatte Feierabend und auch heute nahm er wieder den kleinen Umweg über die Aalener Straße. In den letzten Tagen hatte er sich gemeinsam mit den Kollegen viele Gedanken darüber gemacht, wie sie der Frau helfen könnten. Es gab einige wichtige Ansatzpunkte, die vor allem von Horst Deutschle kamen. Der ältere Kollege hatte nach den vielen Dienstjahren reichlich Erfahrung und die war jetzt Gold wert. Kimmerle musste mit Frau Kaufmann sprechen, aber dafür war es heute schon zu spät. Wenn er jetzt bei ihr klingelte, würde er sie nur erschrecken. Trotzdem wollte er auch heute wieder an ihrem Haus vorbeifahren und nach dem Rechten sehen, nur ganz kurz.

Kimmerle sah den Wagen mit dem Nürnberger Kennzeichen sofort. Frau Kaufmann hatte absolut Recht gehabt, Neubert war hier.

Kimmerle hielt an und stieg aus, wobei er seine Hand an der Waffe hielt. In dem Wagen saß ein Mann, das musste Walter Neubert sein. Je näher er dem Wagen kam, desto deutlicher erkannte er das Gesicht des Mannes, dem er am liebsten eine reingehauen hätte. Aber das durfte er nicht. Er musste sich zusammenreißen und sachlich bleiben, auch wenn ihm das diesem Mann gegenüber sehr schwer fiel. Kimmerle klopfte an die Scheibe.

„Was ist los?“ Walter Neubert hatte eine tiefe Stimme.

„Guten Abend. Fahrzeugpapiere und Führerschein bitte.“

„Warum? Ich sitze nur hier in meinem Wagen, das ist nicht verboten.“

„Und ich möchte Ihre Papiere sehen. Wenn ich bitten darf?“

Walter Neubert war stinksauer. Wegen eines dringenden Termins hatte er nach Nürnberg fahren müssen und dadurch drei wertvolle Tage vergeudet. Erst seit zwei Stunden war er wieder hier. Niemand außer Manuela sollte wissen, dass er sie gefunden hatte. Offiziell durfte er sich ihr nicht nähern, aber noch hatte er die vorgeschriebene Grenze nicht unterschritten. Murrend gab er dem in seinen Augen übereifrigen Provinzpolizisten die Papiere.

Kimmerle war nicht überrascht, als er den Namen des Mannes las, der sich Frau Kaufmann nicht nähern durfte. Er entschied, sein Wissen vorerst für sich zu behalten.

„Was machen Sie hier?“

„Nichts.“ Walter Neubert fiel keine passende Erklärung ein. Was hätte er auch sagen sollen?

„Bitte fahren Sie weiter.“

„Warum?“

„Anwohner haben sich beschwert“, log Kimmerle. „Wenn Sie hier nichts verloren haben, möchte ich Sie bitten, meiner Aufforderung nachzukommen.“

Murrend startete Neubert den Wagen. Da der Polizist keine Anstalten machte, zu seinem Wagen zu gehen, blieb Neubert nichts anders übrig, als wegzufahren. Das passte ihm nicht. Er hatte drei Tage wegen diesem blöden, in seinen Augen völlig überflüssigen Termin, auf den sein Vater bestanden hatte, verloren. Jetzt musste er an Manuela dranbleiben und jede noch so kleine Information sammeln, denn noch wusste er nicht allzu viel. Er musste sie noch mehr ängstigen, denn noch ging es ihr nicht schlecht genug. Solange sie den Mut hatte, zur Polizei zu gehen, war sie noch nicht am Boden, und das musste er ändern. Während der Zeit, in der er vor dem Hochhaus auf Manuela wartete, hatte er sie nicht gesehen. Hätte sie nicht längst von der Arbeit zurückkommen müssen? In ihrer Wohnung brannte kein Licht, also konnte sie noch nicht hier sein. Oder etwa doch? Wollte ihn das kleine Luder an der Nase herumführen, wie sie es so oft getan hatte? Er musste seinen Posten verlassen, dieser Trottel von Polizist bestand darauf. Spätestens in einer halben Stunde war er wieder zurück und musste sich überlegen, wie er an den Schlüssel ihrer Wohnung kommen konnte.

 

Kimmerle sah dem Wagen hinterher und hatte kein gutes Gefühl. Die Augen des Mannes waren eiskalt, der Typ war sicher zu allem fähig. Die Angst von Frau Kaufmann war nicht unbegründet. Er musste dringend die Kollegen informieren. Er stieg in seinen Wagen und beschloss, noch zu bleiben und abzuwarten, ob Neubert wieder zurückkam. Wäre der Mann so dreist, sich seiner Anweisung zu widersetzen?

Tatsächlich kam der Wagen nach knapp dreißig Minuten zurück. Als der Fahrer ihn bemerkte, gab er Gas und fuhr mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbei. Das war die letzte Bestätigung für Kimmerle, dass man Neubert sehr ernst nehmen musste. Er rief die Kollegen an. Dass Kimmerle Neubert persönlich gesehen und gesprochen hatte, versetzte alle in Alarmbereitschaft. Sie kamen überein, in der Aalener Straße vermehrt Streife zu fahren und die Augen offen zu halten.

„Warum hast du den Typen nicht gleich festgenommen? Hast du nicht gesagt, es gibt eine gerichtliche Anordnung, dass er sich der Frau nicht nähern darf?“, fragte Horst Deutschle.

„Ja, die gibt es. Allerdings hat er sich außerhalb der fünfzig Meterzone aufgehalten, mir waren die Hände gebunden.“

„Verdammter Mist!“

 

Manuela Kaufmann war völlig am Ende. Sie hatte in den letzten Tagen kein Auge zugetan. Auch die Beruhigungstabletten, die sie seit Monaten nicht mehr gebraucht hatte, waren nun wieder ihre ständigen Begleiter. Bei ihrer Arbeitsstelle hatte sie sich krankgemeldet. Sie wagte es nicht, die Wohnung zu verlassen, denn draußen wartete Walter auf sie. Wieder und wieder kontrollierte sie alle Fenster und sogar die Balkontür, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sich Walter im sechsten Stock Zugang verschaffen konnte. Trotzdem fühlte sie sich für einen sehr kurzen Moment sicher, wenn sie alles kontrolliert hatte, was leider nicht lange anhielt. Es begann wieder die alte Manie, alles wieder und wieder kontrollieren zu müssen.

Sie setzte sich in die für sie sicherste Ecke des Wohnzimmer, von wo aus sie den besten Überblick hatte. Am Abend, wenn es dunkler wurde, vermied sie es, Licht anzuschalten. Nach außen sollte der Eindruck erweckt werden, dass sie verreist sei. Ob Walter ihr das abnahm? Walter! Der Mann war von ihr besessen und würde sie nicht in Ruhe lassen. Wie war sie nur auf die dumme Idee gekommen, ihm davonlaufen zu können? Er war sicher wütend darüber, was sie ihm durch die Gerichtsverhandlung und den damit verbundenen Strafen angetan hatte. Sie ahnte, dass sie sein ganzer Zorn treffen würde, sie konnte ihm nicht entkommen. Aber noch war sie in Sicherheit, solange sie in der Wohnung blieb und sich draußen nicht blicken ließ.

Der Plan hatte einen Haken: Die Vorräte waren langsam aufgebraucht. Es gab nur noch eine Dose mit Bohnen und zwei mit Pfirsichen, sonst nichts. Sie befand sich in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite brauchte sie dringend Nahrungsmittel; dafür musste sie die Wohnung verlassen und ihr schützendes Umfeld aufgeben. Auf der anderen Seite lauerte Walter draußen auf sie und würde zuschlagen, sobald sich ihm die Gelegenheit bot. Entweder verhungerte sie, oder sie fiel Walter in die Hände – beides bedeutete ihren Tod. Aber noch gab sie nicht auf. Sie öffnete die Dose Bohnen und aß gierig. Zwei Stunden später konnte sie nicht anders und machte sich über die Pfirsiche her. Sie ärgerte sich darüber, dass sie sich nicht hatte zurückhalten können. Jetzt gab es nur noch eine Dose Pfirsiche, dann war nichts mehr zu essen da. Wie lange würde die ausreichen?…