Irgendwann krieg ich Dich


Leo Schwartz … und die falschen Spuren

Spuren an Leichen führen immer wieder zur dem gleichen Verdächtigen: Simon Maurer, LKW-Fahrer und ein scheinbar unbescholtener Bürger. Maurer hat aber immer wasserdichte Alibis, an denen nicht zu rütteln ist. Recherchen in seinem Umfeld ergeben ein etwas anderes Bild des Verdächtigen, der bemüht ist, ein sauberes Image zu vermitteln: Maurer ist ein Choleriker und schlägt Frauen. Aber auch diese Spur führt ins Nichts.
Nach einem Mord, bei dem wieder Spuren von Simon Maurer gefunden werden, sind sich Leo Schwartz und sein Team der Kripo Ulm sicher: Irgendjemand will Maurer unbedingt reinreiten. Aber warum das Ganze? Und wer steckt dahinter?
Leo Schwartz und seine neue Kollegin Ursula Kußmaul beschließen, eine Falle zu stellen…

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Buchhandel ISBN 9783743161603  sowie bei
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1.

„Komm sofort, ich brauche dich in der Pathologie.“
„Christine? Was ist los?“ Leo Schwartz, Leiter der Mordkommission Ulm rieb sich die Augen und sah auf seine Uhr. „Halb 4, bist du wahnsinnig geworden?“
„Ich weiß, wie spät es ist. Hast du mich nicht verstanden? Komm sofort her.“
Sie hatte aufgelegt, typisch für Christine Künstle, Pathologin in Ulm und seine beste Freundin. Natürlich hatte er keine große Lust, mitten in der Nacht aufzustehen, zumal sein Dienst erst um 8.00 Uhr begann, aber was blieb ihm anderes übrig? Erst gestern war er mit Christine aus einem 2-wöchigen, wunderschönen und erholsamen Griechenland-Urlaub zurückgekommen und hatte sich seinen ersten Arbeitstag eigentlich anders vorgestellt. Was machte sie denn mitten in der Nacht in der Pathologie? Er zog sich an und fuhr los; unterwegs überlegte er sich, ob er sich in einem Drive-In einen Kaffee holen sollte, aber wenn Christine rief, musste es dringend sein und so verzichtete er auf den Kaffee und fuhr direkt zur Pathologie. Was war so dringend, dass Christine mitten in der Nacht seine Hilfe brauchte? Es konnte definitiv kein Mordfall sein, sonst wäre er längst gerufen worden, denn gleich nach seiner gestrigen Ankunft am Münchner Flughafen hatte er im Büro die Nachricht hinterlassen, dass er wieder verfügbar war und die Bereitschaft übernahm, denn seine Kollegin hatte ihn vertreten und er wollte sie so schnell wie möglich entlasten. Außerdem liebte er seinen Beruf und die 2 Wochen in Griechenland waren zwar erholsam, aber auch schrecklich langweilig gewesen, er hatte einfach seine Schwierigkeiten damit, einfach nichts zu tun. Aber was war nur passiert? Seine Neugier wuchs und wuchs, denn Christine war ganz bestimmt keine Panikerin, die gleich bei jedem Mist Alarm schlug, sie konnte sich durchaus selbst helfen und war nicht zart besaitet – egal, er würde es gleich erfahren, denn er war nur noch wenige Minuten von der Pathologie entfernt.
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging er durch die einsamen, dunklen, kalten Gänge der Pathologie, denn er hasste diesen Ort und vermied es so gut es ging, hierherzukommen, mitten in der Nacht ganz besonders, denn wenn kein Betrieb war, empfand er dieses Gebäude besonders unangenehm. Während seiner Ausbildung musste er auch diesen unangenehmen Weg durchlaufen, was ihm in keiner sehr guten Erinnerung blieb und er sich durchaus des Öfteren durch seine Übelkeit und gelegentliches Erbrechen keine Freunde machte. Noch heute musste er sich von den damaligen Kollegen, wenn sie ihm über den Weg liefen, Hohn und Spott diesbezüglich über sich ergehen lassen.
„Endlich, wo bleibst du denn so lange? Komm hier rüber und sieh dir das an.“
Christine war alleine und blickte nur kurz auf, denn sie hatte nur darauf gewartet, ihm endlich das zu zeigen, was sie so aufbrachte.
Oh bitte nicht, jetzt musste er sich auch noch die Leiche ansehen, die vor ihr auf dem Tisch lag und sein Magen zog sich aufs Heftigste zusammen. Ganz vorsichtig näherte er sich und zwang sich, nur genau auf die Stelle zu sehen, die Christine so wichtig schien.
„Jetzt stell dich doch nicht so an, der beißt nicht mehr. Sieh her.“
Leo sah 2 Einstiche etwa in Höhe des Rippenbogens, die zwar unterschiedlich aussahen, aber für ihn war da nichts Ungewöhnliches. Er sah Christine fragend an und war froh, endlich den Blick von der Leiche nehmen zu können.
„An diesem Einstich hier ist der Mann definitiv gestorben. Die Stichverletzung wurde mittels eines Messers mit Wellenschliff beigefügt, etwa 23 cm lang, die Tatwaffe wurde nicht gefunden. Aber
dieser Einstich hier wurde dem Opfer post mortem beigefügt, und zwar mit einem scharfen Jagdmesser, einem sogenannten Hirschfänger – dieses Messer lag neben der Leiche. Verstehst du mich?“
Leo schüttelte den Kopf, denn er wusste immer noch nicht genau, worauf sie eigentlich hinauswollte.
„Mein Gott, jetzt streng dich ein bisschen an, ich spreche doch nicht Suaheli. Dieser Mordfall war während unseres Urlaubs bearbeitet worden und wie es so meine Art ist, prüfe ich gerne, was während meiner Abwesenheit vor sich ging, und dabei habe ich die zweite Stichwunde, sowie das Messer entdeckt.“
„Du meinst, die zweite Stichwunde wurde dem Opfer hier in der Pathologie beigefügt und das Messer lag neben der Leiche hier bei dir im Kühlfach?“
„Na Gott sei Dank, jetzt hast du endlich verstanden, worum es geht. Kümmere dich darum, denn so eine Schlamperei gibt es bei mir nicht und so etwas dulde ich auch nicht.“ Die nur 1,60 Meter große, stämmige, 62-jährige Frau sah ihn ernst an und fuhr sich mit der einen Hand durch die kurzen, braunen Haare. Man sah ihr an, dass sie entsetzt war über die Tatsache, dass jemand in ihrer Pathologie, die sie gerne als ihr Wohnzimmer bezeichnete, sein Unwesen trieb.
Leo ging zum Tisch und nahm die Akte zu diesem Mordfall in die Hand, die Christine bereits besorgt und auch darin gelesen hatte. Der Mordfall wurde von seiner Kollegin Anna Ravelli bearbeitet und er hielt sehr große Stücke auf sie. Tatsächlich wurde in der Akte nur die eine tödliche Stichverletzung erwähnt, von der zweiten, als auch von dem Hirschfänger, stand hier nichts – außerdem waren die dazugehörigen Tatort-Fotos eindeutig, auf denen ebenfalls nur die eine Stichwunde zu sehen war. Natürlich musste dieser Sache umgehend nachgegangen werden, aber vorher sollte er sich um Christine kümmern, die ihm Sorgen bereitete, denn äußerlich war sie zwar knallhart und durchaus bei Kollegen gefürchtet, aber er war einer der wenigen, die wussten, dass sie einen überaus weichen Kern besaß.
„Hast du überhaupt schon gefrühstückt? Und warum um alles in der Welt musst du mitten in der Nacht hier arbeiten? Dein Arbeitstag beginnt erst um 8 Uhr und von dem Flug gestern musst du doch noch Todmüde sein.“
„Papperlapapp, so ein Flug macht mir doch nichts aus. Ich konnte nicht schlafen und da ich gerne in Ruhe arbeite, dachte ich mir, ich fange gleich an, denn ausgeruht habe ich mich 2 Wochen lang. Und nein, gefrühstückt habe ich natürlich noch nicht, es ist ja auch noch keine Zeit dafür.“
Sie kannte Leo nicht nur lange, sondern ziemlich gut und bemerkte durchaus, dass er es gut mit ihr meinte, aber sie war in Ordnung. Sie nahm ihn beinahe flüchtig in ihre Arme und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ohne sich nun weiter um ihn zu kümmern, machte sie sich umgehend wieder an die Arbeit, denn sie vermutete noch mehr Ungereimtheiten.
Leo Schwartz ging in sein Büro und zog aus dem Automaten unterwegs einen starken Kaffee und trank diesen langsam und genüsslich, denn sein Magen musste sich nach der Pathologie erst einmal beruhigen. Er las nochmals ausführlich die dünne Akte des Mordfalls und beschloss schließlich, seine Kollegin Anna Ravelli zu rufen, denn wenn das mit der Pathologie an die Öffentlichkeit gelangen würde, gab das mächtig Ärger – vor allem freute er sich nicht gerade auf die diesbezügliche Unterredung mit seinem Vorgesetzten und entschied daher, ihn so lange wie möglich im Unklaren zu lassen. Natürlich war Anna nicht sonderlich erfreut darüber, so früh ins Büro zu kommen, aber nach den kurzen Informationen von Leo verstand sie die Dringlichkeit. Nur eine knappe halbe Stunde später stand sie gegen 5.00 Uhr bereits in der Tür, und trotz der knappen Zeit, sah die 29-jährige, 1,75 Meter große, sportliche Frau mit den langen, schwarzen Locken ausgeruht und frisch aus.
„Guten Morgen Leo, ich hoffe, du hattest einen schönen Urlaub.“
„Guten Morgen Anna. Zuerst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich dich so früh aus dem Bett geholt habe. Und ja, ich hatte einen schönen Urlaub. Ich habe dir sogar etwas mitgebracht, das habe ich aber zuhause vergessen, bekommst du morgen.“
„Kein Problem, Stefan hat Bereitschaft und musste sowieso zu Arbeit.“
Natürlich, daran hatte Leo nicht gedacht, denn Stefan Feldmann, der Leiter der Spurensicherung Ulm war der Lebensgefährte seiner Kollegin Anna und er selbst hatte veranlasst, dass die Spurensicherung sich umgehend die Pathologie vornehmen sollte.
Leo unterrichtete seine Kollegin ausführlich über das, was er in der Pathologie mit eigenen Augen gesehen hatte und Anna konnte nicht fassen, was sie hörte.
„In unserer Pathologie? Das kann nicht sein. Das Opfer wurde mit einer Strichwunde an einem Waldrand tot aufgefunden, den genauen Fundort ersiehst du aus den Unterlagen. Bitte glaub mir, wir haben einwandfrei gearbeitet, sieh dir den Bericht an. Bei dem 57-jährigen Mann handelt es sich um einen Obdachlosen, von der Tatwaffe und vom Täter keine Spur – wir vermuteten Streitigkeiten.“
„Angehörige? Zeugen?“
„Nein, keine Familie und keine Zeugen. Wir haben wirklich sauber gearbeitet, das musst du mir glauben.“ Anna war verunsichert, denn das war der erste Mordfall, den sie eigenständig bearbeitete – der ihr zugeteilte Kollege während der Dauer von Leos Urlaub war zum fraglichen Zeitpunkt nicht in Ulm gewesen und daher hatte sie absolut sauer auf seine weitere Mithilfe verzichtet und den Fall alleine übernommen.
„Daran zweifle ich keine Sekunde, jetzt mach dir keine Sorgen. Wir müssen uns trotzdem nochmals das Umfeld des Opfers genauer vornehmen, denn für mich sieht es so aus, als wenn da jemand eine Stinkwut auf das Opfer hatte oder auf Nummer Sicher gehen wollte.“
„Oder wir haben es mit jemandem zu tun, der komplett irre ist. Denn welcher normale Mensch verschafft sich unbefugten Zugang in die Pathologie und sticht dann auf einen Toten ein und lässt das Messer neben der Leiche liegen?“
„Der Hirschfänger ist bereits bei der Spurensicherung, die nehmen sich auch die Pathologie vor wegen eventuellen Einbruchspuren und ich bete, dass die entsprechende Spuren finden, denn unter keinen Umständen möchte ich daran glauben, dass das irgendeiner von uns gemacht hat.“
„Du wirst lachen, auch ich hatte bereits diesen Gedanken. Aber das ist absoluter Blödsinn, niemand von der Polizei und der Pathologie würde so etwas tun. Ich checke Lieferanten, Reinigungspersonal usw., eben alle, die Zugang zur Pathologie haben.“
„Dann übernehme ich die Befragung der Kollegen.“
Nach 3 Stunden waren sie zwar keinen Schritt weiter, aber erleichtert über die Tatsache, dass sich von den Befragungen keine Verdächtigen herauskristallisierten. Vor allem, da Christine Künstle ihre Mitarbeiter separat schon ins Gebet genommen hatte und alle ihr gegenüber hoch und heilig schworen, nichts mit der Sache zu tun zu haben.
„Hol deine Jacke Anna, wir hören uns bei den Obdachlosen um.“
Anna Ravelli setzte sich hinters Steuer, denn durch den Mordfall, der erst vor wenigen Tagen passiert war, kannte sie nicht nur den Tatort, sondern auch die einschlägigen Plätze, wo sich die Obdachlosen in Ulm aufhielten.
„Mach dich aber darauf gefasst, dass wir nicht mit offenen Armen empfangen werden.“
Tatsächlich waren die Befragungen sehr zäh und äußerst anstrengend, denn nicht alle Obdachlose waren kooperativ und freundlich, aber Leo hatte eine Engelsgeduld und erfuhr durch seine Art weit mehr, als Anna erfahren hatte. Das 52-jährige Opfer Karl Rauschberger wurde hier nur der Lehrer genannt, denn er war tatsächlich Geschichts- und Englischlehrer, bevor er durch ein persönliches Schicksal gesellschaftlich abrutschte und schließlich obdachlos wurde.
„Aber was genau passiert war, das hat er uns nie erzählt. Der Lehrer war kein typischer Obdachloser. Ich gebe ja zu, dass der Großteil von uns gerne Alkohol trinkt, aber das hat der nie gemacht. Der war ein Studierter, ein ganz schlauer, das hat er aber nie raushängen lassen.“
„Ja das stimmt, der wollte eigentlich nur seine Ruhe haben,“ mischte sich ein weiterer Obdachloser ein, der eben im Begriff war, seine Habseligkeiten zusammenzusuchen und sich wieder auf den Weg zu machen.
„Hatte der Lehrer in letzter Zeit mit jemand Streit? Gab es Ärger, oder vielleicht hat jemand eine Person beobachtet, die sich auffällig verhalten hat?“
„Nein, nicht das ich wüsste. Natürlich gibt es ab und zu mal Ärger wegen des Schlafplatzes oder auch, wenn man beklaut wird, aber die letzte Zeit war nichts.“
„Wir haben deiner jungen Kollegin schon gesagt, dass das keiner von uns war. Glaub mir, von uns war das keiner. Der Lehrer war nicht immer hier, vielleicht hatte er Ärger bei einem anderen Unterschlupf. Frag doch mal drüben in Neu-Ulm am Bahnhof, da war er auch ab und zu.“
Leo bedankte sich und versprach, am frühen Abend einen Kasten Bier vorbeizubringen. Sie suchten noch weitere Plätze in der Nähe auf und erhielten ähnliche Aussagen über den Verstorbenen, auch sie erwähnten den Bahnhof in Neu-Ulm, wodurch ihnen klar wurde, dass dies einer seiner bevorzugten Plätze gewesen sein muss.
Anna war enttäuscht, denn ihr gegenüber hatte niemand Neu-Ulm erwähnt, überhaupt haben sie nur wenig oder überhaupt nicht mit ihr gesprochen. Auch am Bahnhof in Neu-Ulm wurden sie von den Obdachlosen nicht gerade freundlich empfangen und stießen auf Misstrauen, keiner wollte etwas mit der Polizei zu tun haben. Hauptsächlich deshalb, weil seit Kurzem verstärkt gegen sie vorgegangen wurde – offensichtlich eine neue politische Strategie, um sie von hier zu vertreiben, denn Obdachlose machen sich in der Öffentlichkeit nicht gut und es standen Wahlen an, was die politisch Verantwortlichen immer zu Aktionen veranlasste und bei den potentiellen Wählern auch gut ankam; Leo war diese Augenwischerei zuwider. Trotzdem fragte Leo einen nach dem anderen in einer Art und Weise, die das Misstrauen und die Ablehnung etwas milderte. Vor allem die Information, dass der Lehrer ermordet wurde, war für alle ein Schock. Offensichtlich war er beliebt und keiner konnte verstehen, dass diesem friedfertigen und verschlossenen Menschen jemand etwas antun konnte.
„Woher kommt dieser Karl Rauschberger? Irgendwo muss er doch früher gelebt haben und entsprechende Spuren hinterlassen haben. Vielleicht eine Person aus diesem Leben, der ihn aufgespürt hat?“
„Ich habe alles versucht, aber über diesen Rauschberger ist absolut nichts rauszufinden. Sein Name stand auf einem Foto, das er in seiner Brieftasche bei sich trug, keine Adresse oder sonst irgendwelche Hinweise. Wir sind uns nicht mal sicher, ob das überhaupt sein richtiger Name ist. Natürlich habe ich eine Personenabfrage gestartet und habe auch bei Schulen nachgefragt, ob ein Lehrer mit einem solchen Namen bei ihnen beschäftigt war – diese Anfragen habe ich bundesweit weitergegeben und die meisten laufen noch.“
„Vielleicht wurde er als Vermisst gemeldet.“
„Negativ, keine Person, die auch nur annähernd unserem Opfer ähnelt.“
„Du hast wirklich an alles gedacht, Respekt.“
Sie fuhren zurück in ihr Büro und dort wartete bereits Stefan Feldmann ungeduldig auf die beiden.
„Endlich, ich warte hier schon eine Ewigkeit auf euch, ich habe etwas gefunden, dass euch bestimmt interessiert. Zunächst einmal haben wir tatsächlich Einbruchspuren am Toilettenfenster der Pathologie gefunden, aber keine Fingerspuren oder irgendetwas Verwertbares – sicher ist, dass dort gestern Abend eingebrochen wurde, und zwar nach 17.00 Uhr, denn die Putzkolonne war um diese Uhrzeit vor Ort, und da war das Toilettenfenster definitiv geschlossen. Aber, und nun komme ich zu einem Knaller, wir haben saubere Fingerabdrücke an dem Hirschfänger sichergestellt und konnten diese bereits zuordnen. Die gehören einem gewissen Simon Maurer – bitte schön, hier ist der Bericht.“
„Machst du Witze?“ Leo war völlig verblüfft, das wäre ja fast zu schön, um wahr zu sein.
„Keineswegs. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag und wenn ihr etwas für mich habt, wisst ihr ja, wo ihr mich finden könnt.“
Er gab seiner Freundin Anna einen flüchtigen Kuss auf die Wange, was diese hier im Büro überhaupt nicht mochte – sie hielt privates und berufliches streng auseinander, was aber unter den Umständen äußerst schwer war. Der 35 Jahre alte, 1,75 Meter große und äußerst attraktive Stefan Feldmann war bereits wieder draußen, und abermals war Leo neidisch über die volle, pechschwarze Lockenpracht des Kollegen, während sein kurzes Haar nicht nur sehr grau war, sondern auch immer dünner wurde. Trotz seiner 49 Jahre und den 1,90 Meter war Leo Schwartz eher unscheinbar und fiel hauptsächlich wegen seiner immer gleichen Kleidung auf: Jeans, braune Lederjacke, die er schon viele Jahre zu fast allen Jahreszeiten und Gelegenheiten trug, Turnschuhe, die nicht nur sehr teuer, sondern fast immer weiß waren, und immer entweder ein Hemd oder ein T-Shirt mit einem Aufdruck – er liebte diese T-Shirts. Er war kein Freund von Mode und vor allem hasste er es, Kleidung und Schuhe einzukaufen – er verstand absolut nicht, wie man bei dieser Tätigkeit Freude empfinden konnte. Leo war seit einigen Jahren geschieden und hatte sich vor 3 Jahren von Karlsruhe hierher nach Ulm versetzen lassen, um seiner geschiedenen Frau mit ihrem neuen Partner nicht über den Weg laufen zu müssen. Je länger die Zeit verstrich, desto weniger dachte er an sie und er hatte sich hier in Ulm sehr gut eingelebt und fühlte sich zuhause – vor allem seine Kolleginnen Christine Künstle, Anna Ravelli und auch deren Lebenspartner Stefan Feldmann waren zu seiner Familie geworden.
Er las den Bericht der Spurensicherung sorgfältig durch und gab umgehend den Namen dieses Simon Maurer in seinen Computer ein – sofort erschienen die entsprechenden Informationen von Simon Maurer auf dem Bildschirm. Anna stand hinter ihm und las mit.
„Körperverletzung bei einer Schlägerei in einer Kneipe in Reutlingen, das ist aber schon Jahre her, sonst absolut nichts. Was hat der mit unserem Toten zu tun?“
„Keine Ahnung, aber das wird er uns bestimmt erzählen.“
Sie klingelten an dem durchaus ansprechenden Mehrfamilienhaus am Rande Ulms und nach wenigen Minuten summte der Türöffner. Sie gingen durch das saubere, helle Treppenhaus in den 3. Stock und dort wurden sie bereits erwartet.
„Wollen Sie zu mir?“
„Wenn Sie Simon Maurer sind, ja. Leo Schwartz, Kripo Ulm, das hier ist meine Kollegin Anna Ravelli.“ Sie zeigten ihre Ausweise und Simon Maurer bat sie mit einer Geste und einem Lächeln, einzutreten.
„Setzen Sie sich bitte.“ Sie hatten in dem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer mit der braunen Ledergarnitur Platz genommen. „Möchten Sie Ihre Jacken ablegen?“
Beide lehnten dankend ab.
„Dann bin ich jetzt gespannt, was die Kriminalpolizei von mir möchte. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Simon Maurer war 32 Jahre alt, von Beruf LKW-Fahrer, 1,72 Meter groß, sportliche und durchaus muskulöse Figur, er hatte eine dieser modernen Kurzhaar-Frisuren und war durchaus eine gepflegte, attraktive Erscheinung, eigentlich nicht das, was Leo erwartet hatte. Anna hingegen schien sehr angetan, denn dieser Maurer hatte zu seinem blendenden Aussehen nicht nur einwandfreie Manieren, sondern ein überaus charmantes Lächeln und roch phantastisch – einer dieser modernen Männerdüfte, die ein Vermögen kosteten, aber in Annas Augen durchaus das Geld wert waren. Bereits 2 Mal hatte sie ihrem Stefan ein solches Parfum geschenkt, der aber dafür überhaupt nicht zu haben war und diese daher verschlossen im Badezimmer-Regal standen, nicht beachtet wurden und nur Staub ansetzten.
„Wir ermitteln in einem Mordfall. Was sagt Ihnen der Name Karl Rauschberger, er wurde auch der Lehrer genannt? Hier ist ein Foto von ihm.“
„Absolut nichts, den Namen habe ich noch nie gehört. Und das Gesicht sagt mir überhaupt nichts.“ Er gab das Foto wieder zurück.
„Wo waren Sie am 9. Juli um ca. 15.00 Uhr?“
„Um Gottes Willen, ich brauche ein Alibi? Lassen Sie mich überlegen, das ist noch nicht so lange her. Am 9. Juli hatte ich eine Tour nach Süd-Frankreich. Ich hole mein Notizbuch, da steht alles haarklein drin, das mache ich schon seit Jahren so, weil ich mir schlecht Einzelheiten merken kann und das Finanzamt möchte immer alles genau wissen. Entschuldigen Sie bitte meine Unhöflichkeit, möchten sie vielleicht etwas trinken, einen Kaffee vielleicht?“
Sie lehnten beide dankend ab und Simon Maurer holte aus dem Nebenzimmer ein rotes, ledergebundenes Notizbuch und blätterte darin.
„Klar war ich in Frankreich, ich bin Sonntagabend, also am 8. Juli um 22.00 Uhr losgefahren, Ziel war ein kleiner Ort vor Marseille, sorry, den Ort kann ich nicht aussprechen, und bin am Mittwoch den 11.07. gegen 16.30 Uhr bei meinem Arbeitgeber auf den Hof gefahren. Bitteschön.“ Mit einem Lächeln beugte er sich zu Anna und reichte ihr das Notizbuch, wobei sie die Tätowierung auf dem muskulösen Oberarm entdeckte, die ihr durchaus gefiel. „Aber bitte fragen Sie in der Firma nach, die können das bestätigen.“
„Und wo waren Sie gestern Abend, nach 17.00 Uhr?“
„Im Schützenhaus, Versammlung und Training, und zwar war ich dort bis nach Mitternacht. Wir haben noch einen gehoben und da ich jetzt 2 Wochen Urlaub habe, konnte ich länger bleiben und auch mal ein Glas mehr trinken – ich bin mit dem Taxi nach Hause, Quittung habe ich keine. Aber auch das können Sie selbstverständlich alles überprüfen, ich erinnere mich dass das Taxi die Nummer 66 hatte.“
„Das werden wir auf jeden Fall prüfen. Schreiben Sie uns bitte die Adresse Ihres Arbeitgebers und die Ihrer Vereinskammeraden auf.“
Simon Maurer notierte die Adressen mit sauberer Handschrift und gab Anna den Zettel, die ihm nun wiederum das Notizbuch zurückgab.
„Jetzt würde ich aber doch gerne wissen, was das hier soll und was ich mit der ganzen Sache zu tun habe.“
„Während einer Morduntersuchung sind Ihre Fingerabdrücke auf einem Messer aufgefunden worden und wir fragen uns natürlich, wie die da hinkommen.“
„Wie bitte? Ich verstehe nicht, meine Fingerabdrücke? Das kann nicht sein.“
„Bei dem Messer handelt es sich um einen sogenannten Hirschfänger. Besitzen Sie solch ein Messer?“
„Ja sicher, so eins besitze ich und zwar schon viele Jahre, das war ein Geschenk meines Großvaters zu meiner Konfirmation und sie können sich ausrechnen, wie lange das schon her ist. Dieses Messer habe ich noch nie benutzt und liegt hier noch fabrikneu und in der Originalverpackung in der Schublade; ein Andenken an meinen verstorbenen Großvater, von dem ich mich niemals trennen würde – ab und zu nehme ich es heraus, sehe es mir an und denke an ihn, er war ein toller Typ. Eine Sentimentalität, ich weiß, aber ich kann eben nicht anders. Moment, ich zeige es Ihnen.“
Anna schmolz geradezu dahin, als sie die warmherzigen Worte hörte, Leo war das zuwider und ihn machte diese Geschichte eher misstrauisch.
Simon Maurer ging zum Wohnzimmerschrank und öffnete eine Schublade, kramte darin, fand aber offensichtlich nichts. Er öffnete die anderen Schubladen und suchte hektisch darin.
„Das gibt es doch nicht, das Messer müsste hier sein. Es tut mir leid, ich kann es nicht finden, aber es muss hier sein, ich verstehe das nicht. Erst vor ein paar Wochen habe ich es in den Händen gehabt, das gibt es doch nicht.“ Simon Maurer war völlig verstört und verzweifelt, die Selbstsicherheit war verschwunden, denn er sah Leo verstört an.
„Mich hätte es überrascht, wenn Sie es gefunden hätten, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei uns liegt.“
Anna und Leo ließen den völlig überraschten Simon Maurer zurück und fuhren zu der angegebenen Adresse des Arbeitgebers, der Spedition Millthalter, da diese nur unweit von Maurers Wohnung entfernt war.
„Mein Name ist Leo Schwartz, Kripo Ulm, das ist meine Kollegin Anna Ravelli. Wer ist bei Ihnen für die Einteilung der Fahrer zuständig?“
Die kleine, dicke, ungepflegte Frau starrte die beiden an, sagte nichts, sondern zeigte auf einen älteren, übergewichtigen Mann mit Glatze, der gerade lautstark telefonierte. Sie warteten, und als der Mann aufgelegt hatte, traten sie an dessen Schreibtisch. Sie stellten sich abermals vor.
„Niederwinkler Alois, ich bin hier der Disponent. Mordkommission? Womit kann ich dienen?“
„Wir möchten gerne von Ihnen wissen, wo Ihr Fahrer Simon Maurer am 09.07. gegen 15.00 Uhr war.“
„Der Simon war in Frankreich,“ kam es wie aus der Pistole geschossen in breitschwäbischen Dialekt. Er tippte auf der Tastatur seines Computers, „die Fahrt war durchaus lukrativ und ich habe ein gutes Gedächtnis. Aber das können wir uns gleich detailliert ansehen, denn unsere Lkws sind mit GPS ausgestattet, da kann man alles lückenlos nachverfolgen. Hier habe ich die entsprechenden Daten, sehen Sie selbst.“