Julia Brandt – Tanja vs Schweinehund

Ein (fast) aussichtsloser Kampf

Die 42-jährige Tanja ist unzufrieden mit sich. Sie nimmt sich für den bevorstehenden Jahreswechsel einiges vor – natürlich viel zu viel. Tagtäglich kämpft sie mit ihrem inneren Schweinehund.
Mit Humor und Ironie werden gute Vorsätze und menschlichen Schwächen auf die Schippe genommen. Und der eine oder andere Leser erkennt sich darin vielleicht sogar selbst…

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Leseprobe:

 

Das bin ich:

 

Mein Name ist Tanja. Ich bin 42 Jahre alt und arbeite bei einer Versicherung. Die Arbeit ist nicht schlecht, die Kollegen sind größtenteils ganz nett (ausgenommen sind die Neue vom Empfang und die Chefin. Beide sind arrogant und hochnäsig. Außerdem bin ich mir sicher, dass sie hinter meinem Rücken über mich lästern. Und das, obwohl die Neue vollkommen hohl in der Birne ist). Aber ich mache meinen Job gerne und ich verdiene ganz gut.

Ich habe einen tollen Freund, sein Name ist Roland und er ist ein Jahr jünger als ich, was ich nicht gerne zugebe. Warum, weiß ich selbst nicht. Vielleicht passt dieses kleine Detail einfach nicht in meine perfekte, kleine Welt. Oder zumindest nicht in die Welt, die ich mir perfekt vorstelle.

Mein Freund Roland lebt nicht bei mir, obwohl ich es ihm mehrfach angeboten habe. Er weigert sich, bei mir einzuziehen und nennt mir nicht einen vernünftigen Grund dafür. Dabei ist er sowieso fast immer bei mir. Gut, es könnte sein, dass ich ein paar kleine Macken habe, die ich aber bei genauerem Betrachten als sehr liebenswert erachte. Aber Roland will nun mal nicht – Und da heißt es immer, Frauen sind zickig!

 

Ich beschreibe mich mit meinen Worten, damit man sich vorstellen kann, wie ich in Wahrheit aussehe:

In meiner Größe von 1,70 m und dem Gewicht von 84 kg (die Waage muss doch kaputt sein!) steckt ein sehr, sehr schlanker Körper mit einem anmutigen Gang und einer engelsgleichen Grazie, davon bin ich fest überzeugt. Im Geiste trage ich 12 cm-Absätze, mit denen ich mir im richtigen Leben nicht nur die Beine, sondern auch den Hals brechen würde.

Mein goldenes Haar glänzt in der Sonne – natürlich ebenfalls nur in meinen Träumen, denn in Wahrheit kämpfe ich allmorgendlich mit einer total verlegenen Kurzhaar-Frisur, die sich mit Gewalt in alle Richtungen drängt. Und von Glanz ist trotz der vielen, sündhaft teuren Pflegeprodukte keine Spur! Immer wieder falle ich auf die Werbeversprechen rein und kaufe alle neuen Produkte, die auf den Markt kommen und die mir in bunten Farben und absolut überzeugenden Argumenten in den Medien angepriesen werden. Mein Badezimmer gleicht inzwischen fast einem Drogeriemarkt.

Meine Kleidung ist zweckmäßig. Meist trage ich Jeans, Sweatshirt und Ballerinas. Ja, ich gebe zu, hier bemühe ich mich zu wenig und mache es mir zu einfach. In meinen Gedanken sehe ich mich in einem Traum von Seide und Spitze, in dem sich kein einziges Speckröllchen abzeichnet. Es steht außer Frage, dass sich alle neidisch nach mir umblicken. – Um auch nur annähernd so auszusehen, müsste ich lediglich mein Gewicht fast halbieren!

Ich kaufe zwar regelmäßig Make-up, aber das liegt alles seit Jahren unbenutzt im Badezimmerschrank (ist das überhaupt noch gut?). Ja, ich gebe zu, dass ich damit nicht umgehen kann. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch keine Lust dazu und bleibe die halbe Stunde lieber länger im Bett liegen. Aber auch hier sehe ich in Gedanken perfekt geschminkte Katzenaugen, einen knallroten, vollen Mund, der beim Lächeln verführerisch die blütenweißen Zähne umrandet (dabei fällt mir ein, dass meine Zahnreinigung längst überfällig ist).

 

Mein Haus ist total süß und ich bin stolz darauf. Das habe ich von meiner Oma vor acht Jahren geerbt. Ich habe es liebevoll restauriert, obwohl es wahrscheinlich noch schöner wäre, wenn es immer aufgeräumt und geputzt wäre. Bei Sonnenschein schäme ich mich manchmal für meine Fenster, bei Regen und am Abend sehen sie nicht schlecht aus. Natürlich sehe ich mein Haus, wie es in Hochglanz-Magazinen als Muster für geschmackvolles Wohnen gezeigt wird, wobei ich natürlich in einem weißen Traumkleid, auf meiner weißen Designer-Couch vor einem prasselnden Kamin sitze und umwerfend aussehe.

Durch die aufwändigen Renovierungsarbeiten hatte ich bislang nicht genug Geld, mir neue Möbel zu kaufen und lebe in einem Durcheinander der verschiedensten Stil-Richtungen und auch Epochen. Wenn ich lange genug warte, ist das eine oder andere Stück bestimmt irgendwann wieder total angesagt.

Auch mein Garten ist in meinen Träumen ein Abklatsch von Versailles, in dem es nur die edelsten Pflanzen gibt. Natürlich sind alle perfekt geschnitten und alles ist sehr gepflegt. Die schönsten Skulpturen wurden geschickt platziert, natürlich alles Unikate von namhaften Künstlern. In jeder Ecke gibt es eine romantische Sitzmöglichkeit, wo man ein Tässchen Tee schlürfen kann. – Tja, schön wär’s, denn auch hier wächst das, was ohne große Arbeit und Pflege von alleine wächst. Über alles andere fahre ich energisch mit dem Rasenmäher.

 

Ich bin ein Mensch, der gerne und ausführlich redet – und zwar über alles und jeden. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich über andere tratsche. Schlimm? Ich tu das für mein Leben gerne. Machen das nicht alle Frauen? Bestimmt bin ich da keine Ausnahme!. Aber wie gerne würde ich ein edles Gemüt und eine vornehme, zurückhaltende, fast schüchterne Person sein, die von allen geliebt und gemocht wird (und die jeder um sich haben will)!

 

Tja, meine Träume könnten alle durchaus wahr werden, wenn ich meinen inneren Schweinehund überwinden könnte, mich anstrengen würde und disziplinierter wäre.

 

Das ganze Jahr über habe ich mir immer wieder vorgenommen, mich endlich zu ändern. Zuerst vor der Badesaison, vor Tante Millis rundem Geburtstag und zuletzt vor Astrids Hochzeit. Ich habe mir ein sündhaft teures Kleid gegönnt, dass ich gegen den Protest der schnippischen Verkäuferin zu Motivationszwecken zwei Nummern kleiner gekauft hatte. Und was hat es gebracht? Natürlich passte ich da nicht rein und musste wieder meinen alten, dunkelbraunen Anzug aus Stretchmaterial tragen, in dem ich aussah wie eine Leberwurst. Als wäre das allein schon nicht genug gewesen, hat mich der Fotograf auch noch in die erste Reihe platziert. Zwischen den wunderschönen, farbenfrohen Kleidern prangt auf allen Fotos jetzt ein dunkelbrauner Fleck. Es versteht sich von selbst, dass ich auf Abzüge dieser Fotos großzügig verzichtet habe, was Astrid nicht verstand. Dusselige Kuh! Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Tussi noch nie gemocht.

 

Aber jetzt ist Schluss mit allem, ich sehe endlich Licht am Ende des Tunnels. Es ist Mitte November und Sylvester naht mit riesengroßen Schritten. Und wie jedes Jahr nehme ich mir ganz fest vor:

 

Im neuen Jahr wird alles anders!!!

Der Zeitpunkt für den Countdown ist da!

 

Es ist Mitte November und leider ist heuer das Wetter so gut, dass ich doch noch einmal im Garten arbeiten muss. Verdammter Mist!. Nicht nur, dass das Gras viel zu hoch ist, sondern es liegt auch noch jede Menge Laub herum. Ich hatte ja bis heute darauf gehofft, dass sich eine dicke Schicht Schnee darüberlegt und man dadurch das hohe Gras und das viele Laub nicht mehr sieht, aber da hatte ich echt Pech gehabt. Von meinen Nachbarn wurde ich schon mehrfach auf meinen ungepflegten Garten dezent hingewiesen. Was geht die das eigentlich an? Jetzt muss ich wohl in den sauren Apfel beißen. Mit einem Blick in meinen Garten verzichte ich darauf, das Laub zu rechen, sondern hole den Rasenmäher. Damit schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Lustlos mähe ich mit ausgeleierten Jeans und einem alten T-Shirt in diesem Jahr hoffentlich zum letzten Mal meinen Rasen. Ich ärgere mich darüber, dass ich nach jedem Meter den Fangkorb des Rasenmähers leeren muss. Die letzten beiden Säcke, die ich in der Garage gefunden habe, sind schon voll! Da ich sowieso keine Säcke mehr habe, nehme ich den Fangkorb ab und lasse alles liegen – ist doch sowieso Natur. Habe ich nicht sogar irgendwo gelesen, dass das gut für meinen Rasen ist? Das ist mir jetzt auch schon egal, denn ich bin sauer. Das Schnittgut fliegt mir über meine Schuhe, die nun vollkommen dreckig sind. Hätte ich vielleicht doch Gummistiefel anziehen sollen? Ich habe sie nicht gefunden und deshalb sind meine Hausschuhe und die Socken nun ruiniert.

 

Nach getaner Arbeit schreite ich durch meinen Garten, der auch dieses Jahr nicht sehr gepflegt und umsorgt wurde. Ich überlege, was ich nächstes Jahr auf jeden Fall machen werde:

Bei der ersten Gelegenheit, wenn der Winter vorbei ist, spendiere ich meinem Rasen einen Dünger. Hat der überhaupt schon jemals einen gesehen?. Dann steche endlich das viele Unkraut ab, das meine wenigen Grashalme immer mehr verdrängt. Dort hinten in der rechten Ecke werde ich die hässliche Hecke endgültig rausreißen. An die Stelle kommt eine wunderschöne Laube, unter der ich dann mit Freunden sitzen kann. Vor allem könnte ich dort in einem traumhaft schönen Bikini auf einer Holzliege mit weißen Polstern liegen. Ich sehe dieses Bild vor mir und werde euphorisch.

In wunderschönen Kübeln, die schon seit Jahren im Schuppen stehen, pflanze ich die tollsten und edelsten Blumen. Mit denen dekoriere ich dann die schmucklose Terrasse mit den schiefen Steinplatten, die dringend gereinigt werden müssen (ein passender Dampfreiniger steht auch schon seit zwei Jahren in der Garage. Habe ich den überhaupt schon mal benutzt?).

Dort hinten in der linken Ecke reiße ich ebenfalls die alten, verwachsenen Pflanzen raus und baue dort einen Grillplatz. Die passenden Pflasterscheine habe ich schon vor Jahren ausgesucht. Wo ist eigentlich der Prospekt abgeblieben?

Gut – der halbe Garten ist gedanklich schon fertig!

Die Wegplatten, die vom Rasenmähen total versaut sind, werden ebenfalls erneuert. In den letzten Jahren haben sie sich nicht nur sehr stark gesenkt, sondern sind auch mit Unkraut überwuchert. Der Einfachheit halber fahre ich immer mit dem Rasenmäher drüber, mit der Hoffnung, die Überbleibsel wuchern nicht weiter – tja, falsch gedacht.

Eine Holzhütte, von der ich seit Jahren träume, werde ich mir im nächsten Jahr auch endlich gönnen. Den entsprechenden Platz habe ich schon vor einigen Jahren freigeräumt. Wo war der denn eigentlich geplant?

Gut – jetzt ist der ganze Garten gedanklich fertig!

 

Ich sehe den neuen Garten ganz deutlich vor mir und bin davon überzeugt, alle meine Vorhaben nächstes Jahr auch in die Tat umzusetzen!

 

Nach einer ausgiebigen Dusche nehme ich mir vor, in Zukunft mit den Glaswänden meiner Dusche pfleglicher umzugehen, denn die sind mittlerweile so verkalkt, dass man kaum mehr durchsehen kann. Ja, ich gebe zu, einige Male im Jahr, vor allem, wenn sich Besuch ankündigt, bringe ich mein ganzes Haus und dabei auch die Duschkabine auf Hochglanz. Damit ist im neuen Jahr Schluss! Dann werde ich nach jeder Dusche das Glas abziehen. Super! Nach dem Garten ist die Duschkabine quasi auch schon Geschichte!

Ich suche in meinem Kleiderschrank nach frischen Sachen zum Anziehen, was sich als sehr mühsam herausstellt. Hier ist nichts aufgeräumt, alles liegt kreuz und quer. Die wenigen nicht verbogenen oder gebrochenen Kleiderbügel sind mehrfach behängt und eine Suche nach den unteren Lagen ist echt ätzend und kompliziert. Ich ärgere mich, denn es dauert ewig, bis ich ein passendes Sweatshirt finde, das nicht verknittert ist (das Bügeln hätte ich mir bei dem Chaos echt sparen können!) Auch hier nehme ich mir vor, dringend auszumisten und das, was ich nicht mehr anziehe (und was mir auch nicht mehr passt) auszusortieren und anderen durch meine großzügige Kleiderspende eine Freude zu machen. Die meisten Stücke sind vollkommen in Ordnung. Sie wurden kaum getragen oder sind Fehlkäufe, zu denen ich mich immer wieder hinreißen lasse (wie das Kleid zu Astrids Hochzeit, aber das passt mir nächstes Jahr ganz sicher). Ich trete einen Schritt zurück und betrachte meinen chaotischen Kleiderschrank. Ja, es ist höchste Zeit, endlich auszumisten und aufzuräumen. Gedanklich sehe ich ordentliche und sortierte Stapel, sauber aufgehängte Kleidung (jeweils nur ein Kleidungsstück auf einem intakten Kleiderbügel) in meinem Schrank, von denen ich mich nur noch bedienen muss. Sofort fühle ich mich besser.

Das Oberteil ist abgehakt und jetzt gehe ich zum nächsten Schrank, denn eine Hose brauche ich auch noch. Diesen Schrank, den kleineren von beiden, habe ich ursprünglich für Rolands Klamotten gekauft. Aber der hat nicht so viele Sachen wie ich und deshalb sind meine Hosen hier deponiert (aber nur in der untersten Hälfte). Ich suche in einem riesigen Berg an Hosen nach einer passenden Jeans, mindestens die Hälfte ist mir seit Jahren zu klein. Die Hosen werde ich nicht aussortieren, denn irgendwann passe ich da bestimmt wieder rein, das ist nur eine Frage der Zeit!

 

Ich zwänge mich in die viel zu enge Jeans, was auch daran liegt, dass Jeans nach dem Waschen immer zu eng sind. Ich stelle mich vor den riesigen Spiegel und muss erkennen, dass ich aussehe wie eine Presswurst. Das Problem ist nicht die frisch gewaschene Jeans, sondern mein Gewicht (meine Waage ist anscheinend doch nicht kaputt!). Ich gebe ja zu, dass es bei mir mit der Disziplin beim Essen und auch beim Alkohol etwas hapert. Gut, ich will ehrlich sein. Auch dieses Jahr habe ich mich wieder gehen lassen und habe viel zu oft über die Stränge geschlagen. Aber im Neuen Jahr ist Schluss damit, ich muss endlich die Arschbacken zusammenkneifen und mich meinem Hauptproblem stellen: Ab dem 1. Januar werde ich strikt Diät halten und Schritt für Schritt abnehmen. Ja genau, ich werde abnehmen! (habe ich das eben echt laut gesagt?)

Ich stehe vorm Spiegel und in Gedanken lege ich mir einen Plan über die entsprechenden Ziele der Gewichtsabnahme zurecht, was nicht lange braucht, denn schließlich wird das nicht meine erste Diät (keine Süßigkeiten, nur gesundes Zeug und kein Alkohol. Und natürlich jede Menge Sport! – Was soll dabei schief gehen?).

 

Ich muss zum Einkaufen und suche in meinem Schuhschrank nach einem passenden Paar Schuhe. Mein Gott! So viele Schuhe! Man muss wissen, dass ich eine Schnäppchen-Jägerin bin, der kein rotes Preisschild entgeht. Zu den Saisonenden kaufe ich bevorzugt ein. Es gibt zwar offiziell keine Sommer- und Winterschlussverkäufe mehr, aber mich kann man nicht täuschen, zu den Zeiten mache ich immer die besten Schnäppchen. Dabei lasse ich mich leider oft von niedrigen Preisen blenden und kaufe Kleidung und Schuhe, die mir nicht so richtig passen. Aber dafür sind sie sehr günstig!

Ich wähle wie so oft die bequemen Turnschuhe, denn auf den hohen Absätzen der vielen anderen, sehr geschmackvollen und noch nie getragenen Modelle kann ich nicht laufen und vor allem nicht Autofahren (warum um Himmels Willen habe ich nur so viele hochhackige Schuhe? Vielleicht hoffe ich einfach darauf, dass eines Tages eine Fee kommt und das Laufen auf diesen Schuhen kein Problem mehr für mich ist!).

Während ich mir mit Mühe und kompliziert die Turnschuhe zubinde (der Knopf der engen Jeans drückt mir dabei schmerzhaft in den Bauchnabel), nehme ich mir auch hier ganz fest vor: Im neuen Jahr wird der Schuhschrank rigoros aussortiert!

 

Ich nehme meinen Einkaufskorb, in dem außer Kleingeld noch die Kassenbons der letzten Einkäufe, benutzte Papiertaschentücher und Notizzettel liegen. Wollte ich den nicht schon lange mal sauber machen? Egal, ich lege einfach ein Tuch darüber, dann sieht das keiner! Mein cooler Kleinwagen, den ich mir vor vier Jahren aus dem Prospekt bestellt habe, steht mal wieder vor der Garage, denn ich bin immer zu faul, das Garagentor zu öffnen und dann in die Garage zu fahren (das ist jetzt auch noch nicht so wichtig, denn es ist Mitte November und die Scheiben frieren noch nicht zu). Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen hellblauen Flitzer, mit dem ich überall problemlos einen Parkplatz bekomme und der sehr sparsam im Verbrauch ist (alle anderen Details, die mir beim Kauf damals vom Autoverkäufer schmackhaft vorgetragen wurden, habe ich wieder vergessen. Ich kenne bis heute nicht alle Funktionen der Knöpfe und Hebel, denn Bedienungsanleitungen lese ich grundsätzlich nicht).

Natürlich lade ich die beiden Schnittgutsäcke in den Kofferraum, die ich auf dem Weg zum Supermarkt auf dem Grünguthof entsorgen möchte. Ein einziges Mal habe ich Schnittgutsäcke im Garten stehen lassen, so etwa für zwei Wochen. Das mache ich nie wieder!! Erstens waren die Säcke vollkommen nass und das Wasser lief mir in die Jackenärmel, und zweitens hat das fürchterlich gestunken, das kann man sich echt nicht vorstellen. Zuerst dachte ich ja, dass sich zwischen das Schnittgut ein totes Tier verirrt hat, aber beim Ausleeren war klar, dass der Gestank vom modrigen Gras kommt.

Ich biege in den Grünguthof ein und dort steht bereits eine lange Autoschlange. Nach einigen Minuten des Wartens steige ich aus und erfahre von dem netten Mann vor mir, dass der Grünguthof heute für dieses Jahr den letzten Tag auf hat und erst ab März wieder öffnet. Da habe ich ja nochmal Glück gehabt (ich möchte mir nicht vorstellen, wie das Schnittgut bis dahin stinkt). Ich stehe neben meinem Wagen und langweile mich. Dabei sehe ich mir meinen Wagen genauer an. Na ja, eine Wäsche und eine Politur würde meinem Flitzer auch guttun. Beim Reifenwechseln vor drei Wochen hat mich der Mann in der Werkstatt bereits schon darauf aufmerksam gemacht und ich habe mich fast für meinen dreckigen Wagen geschämt. Aber mal ehrlich: Wer wäscht denn im Spätherbst seinen Wagen, wenn die schmuddelige Zeit mit verschmutzten Straßen vor einem liegt? Ich nicht!

Wenn ich mir mein Auto so ansehe, nehme ich mir ganz fest vor: Im Neuen Jahr werde ich auch hier ordentlicher und werde regelmäßig, mindestens alle vierzehn Tage, durch die Waschanlage fahren und innen alles sauber aussaugen. Ganz fest versprochen!

Es geht nur langsam voran und endlich bin ich mit meinen lächerlichen zwei Säcken dran, die anderen haben ganze Anhänger voller Schnittgut!

 

Im Supermarkt betrachte ich mich zufällig in einem Spiegel, der dort völlig überflüssigerweise angebracht wurde (was hat dieser Spiegel in einem Supermarkt verloren?). Um Gottes Willen, wie sehe ich denn aus? Mein Gesicht ist krebsrot und die Haare hängen platt an meinem Kopf! Bin ich von dem Rasenmähen immer noch so fertig? Ich habe doch geduscht und dann noch eine halbe Ewigkeit auf dem Grünguthof verbracht. Eigentlich müsste ich mich doch längst erholt haben!

Nachdem ich mich umblicke und sehe, dass mich niemand beobachtet, gehe ich näher an den Spiegel und was ich sehe, gefällt mir noch weniger! Falten über Falten….