Leichenschau

Leo Schwartz… und das Experiment

Spielende Kinder entdecken am Busparkplatz Altötting die Leiche einer jungen Frau. Der Notarzt verständigt die Mordkommission Mühldorf, da die Leiche so geschminkt wurde, als würde die Frau noch Leben. Leo Schwartz und seine Kollegen finden heraus, dass die Tote schon viele Stunden am Busparkplatz saß und Passanten achtlos an ihr vorübergingen. Niemandem fiel auf, dass die Frau tot war.
Dann wird mitten auf dem Kapellplatz Altötting eine weitere Leiche entdeckt. Die Kriminalbeamten befürchten Schreckliches …        (315 Seiten)

 

 

Bezugsquellen und Leseprobe

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im Buchhandel ISBN 9783741249556

Leseprobe:

1.
Schon seit den frühen Morgenstunden des ungemütlichen Junitages saß die Frau bewegungslos auf der Bank des Busbahnhofes Altötting. Menschenmengen, darunter viele Pendler, Schüler, Mütter mit kleinen Kindern und später dann auch viele alte Frauen und Männer gingen achtlos an ihr vorüber. Vor allem früh Morgens und in der Mittagszeit war viel los, je später es wurde, desto geringer wurde die Anzahl der Passanten. Bereits zum dritten Mal hatte der unfreundliche Busfahrer der Linien 50/51 der Frau zugerufen: „Was ist jetzt? Einsteigen oder nicht?“, um dann genervt die Tür zu schließen und davonzufahren, denn eine Antwort bekam er nicht. Am frühen Abend spielten Kinder auf dem nun beinahe verwaisten Busparkplatz Fußball, denn nach 17.00 war hier nichts mehr los – Busse fuhren nur noch selten, und wenn, dann auf den unteren Spuren in direkter Bahnhofsnähe – hier auf dem letzten Bussteig war seit Stunden kein Betrieb mehr. Auch auf den Parkplätzen, wo vor Kurzem noch dichtes Gedränge herrschte und sich die Fahrer beinahe um die freien Plätze stritten, war nur noch gähnende Leere – nur ein Wohnmobil parkte noch, fuhr aber schließlich dann auch davon. Die Kinder hatten somit einen riesigen freien Platz zum Spielen und nutzten diesen auch aus – der Fußball flog weit und die Kinder rannten und lachten, ohne auf irgendeine Gefahr Acht geben zu müssen, was alle nach einem anstrengenden Schultag sichtlich genossen. Das Wetter war ihnen völlig egal, auch der einsetzende Nieselregen hielt sie von ihrem Spiel nicht ab. Natürlich hatten auch die Kinder die Frau auf der Bank bemerkt, beachteten sie aber nicht weiter. Der kleine Thorsten war mit seinen 9 Jahren schon ein begeisterter und sehr geschickter Fußballspieler und hatte bereits einen kräftigen Schuss drauf. Es kam, wie es kommen musste: er holte mit dem rechten Fuß aus, traf den Ball seitlich und schoss der Frau direkt ins Gesicht.
„Entschuldigung,“ rief Thorsten sofort und rannte schuldbewusst zu der Frau. „Es tut mir sehr, sehr leid. Das wollte ich echt nicht. Habe ich Ihnen wehgetan?“ Er konnte sich die Predigt der Frau und vor allem die seiner Mutter bereits vorstellen und spürte Panik in sich aufsteigen. Thorsten stand nun direkt vor der Frau, die wider Erwarten kein einziges Wort von sich gab, keine Miene verzog, ihn nicht einmal ansah.
„Hallo? Geht es Ihnen nicht gut?“
Der Blick der Frau ging ins Leere. Natürlich hatten Thorstens Freunde den verunglückten Schuss mitbekommen und waren hinzugeeilt, um ihm beizustehen.
„Was ist mit ihr?“ durchbrach Daniel die Stille, denn alle standen nun im Halbkreis um die Frau und starrten sie an.
„Keine Ahnung.“
„Schläft sie?“
„Mit offenen Augen?“
„Ich hab gesehen, dass du sie direkt im Gesicht getroffen hast. Aber sie beschwert sich nicht und so, wie ich das sehe, hat sie nichts abbekommen. Kommt, lasst uns weiterspielen, es macht gerade so viel Spaß.“
„Nein, wir können sie doch nicht einfach so sitzen lassen. Vielleicht ist sie so schwer verletzt, dass sie sich nicht mehr bewegen kann.“ Thorsten hatte ein schlechtes Gewissen und wollte nicht aufgeben. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Frau sich im Nachhinein bei seiner Mutter hierüber beschwerte. Es kam leider öfters vor, dass ihm ein Missgeschick mit dem Fußball passierte und er hatte seiner Mutter versprechen müssen, nicht davonzulaufen, sondern sich um den
angerichteten Schaden zu kümmern. Er startete noch einen Versuch: „Hallo?“ sprach er sie erneut an, während er sie an der Schulter anfasste und zuerst zaghaft, dann kräftig schüttelte.
„Ist die krank? Die gibt ja keinen Mucks von sich.“
„Oder sie ist blöd. Mein alter Onkel Erwin reagiert auch auf gar nichts, er liegt nur im Bett.“
Einer der Jungs trat der Frau nun mehrfach gegen das Schienbein, zuerst leicht, dann immer kräftiger. Schließlich schüttelte auch er die Frau, und zwar so lange, bis sie schließlich zur Seite kippte, von der Bank fiel und am Boden lag.
2.
Leo Schwartz stand am späten Abend als Erster vor der Leiche der jungen Frau, denn er wohnte in Altötting und hatte den kürzesten Anfahrtsweg. Er sah sich die Leiche an und war erstaunt, denn augenscheinlich schien sie in Ordnung zu sein.
„Leo Schwartz mein Name, Kripo Mühldorf. Sie haben uns gerufen?“ Er sah den 38-jährigen, kleinen, fülligen Notarzt mit der Glatze fragend an.
„Dr. Leichnahm mein Name, Dr. Richard Leichnahm. Diese Kinder dort haben die Frau gefunden und die 110 gewählt. Und nachdem ich für die Frau nichts tun konnte und mir einiges merkwürdig vorkam, habe ich Sie angerufen.“
Leo versuchte, sein Schmunzeln zu unterdrücken und nicht auf den Namen des Notarztes zu reagieren, aber der hatte seine Reaktion offensichtlich bereits erwartet.
„Leichnahm mit einem h. Und ja, ich habe in meinem Beruf schon die eine oder andere blöde Bemerkung bezüglich meines Namens gehört und auch jeden nur denkbaren Witz darüber ertragen müssen. Aber man muss auch die positive Seite sehen: keiner vergisst meinen Namen. Außerdem,“ fügte er hinzu, „sind Sie auch nicht schwarz und heißen doch so.“
„Sie haben völlig recht. Es tut mir leid, entschuldigen Sie bitte. Was ist mit der Frau?“
„Die Frau ist ca. 30 – 35 Jahre alt. Keine äußeren Verletzungen. Nach meiner Einschätzung ist der Tod schon vor längerer Zeit eingetreten, die Leichenstarre ist bereits weit fortgeschritten.“
„Sind Sie sich sicher? Die Leiche sieht eigentlich nicht danach aus.“
Leo war skeptisch, denn er hatte bereits mehrere Leichen gesehen, bei denen die Leichenstarre eingesetzt hatte – und die sahen bei Weitem schlimmer aus.
„Ich zeige Ihnen etwas,“ sagte Dr. Leichnahm, nahm ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und fuhr der Toten damit über die Wange und dann über den Handrücken. Er hielt Leo das Tuch vors Gesicht.
„Alle sichtbaren Körperstellen wurden mit einer dicken Schicht Schminke überzogen. Die Leichenflecke wurden gänzlich unkenntlich gemacht. Sehen Sie sich das an, es wurden sogar Adern fein säuberlich nachgezeichnet – eine perfekte Arbeit, würde ich sagen.“
„Sie meinen, jemand hat sich die Mühe gemacht und die Leiche geschminkt, damit sie gut, oder sogar so aussieht, als würde sie noch leben?“
„Warum sie geschminkt wurde, darüber kann ich nichts sagen, das herauszubekommen ist Ihr Job. Ich kann Ihnen nur sagen, dass nach meiner vorsichtigen Einschätzung nach der Tod mindestens schon vor 2 Tagen eingetreten ist und dass sie nicht hier verstorben ist. Meine Schwester ist Kosmetikerin und daher weiß ich, dass es nicht nur eine Ewigkeit dauert, sondern jede Menge Utensilien dafür benötigt werden, bis ein Gesicht auch nur annähernd so hergerichtet ist. Nicht zu vergessen die Hände, das Gesicht, der Hals mit lebensechten Adern und Schatten zu versehen – und sehen sie sich die Fingernägel an, dass die bearbeitet wurden, sieht man wirklich nur bei genauer Betrachtung. Und diese Lippen – eine phantastische Arbeit, so etwas habe ich bislang noch nicht gesehen.“ Dr. Leichnahm war fasziniert, denn so etwas in der Art hatte er wirklich weder gesehen, noch darüber gelesen, er hatte beinahe Hochachtung vor der aufwändigen Arbeit. „Aber viel wichtiger und interessanter wäre die Todesursache, denn darüber kann ich absolut nichts sagen, das müssen Spezialisten abklären. Wie bereits gesagt, gibt es keine äußeren Verletzungen oder sonstige Hinweise, mit denen ich dienen könnte.“
Viktoria Untermaier, Leos Vorgesetzte und mittlerweile auch seine heimliche Lebensgefährtin, war mittlerweile ebenfalls eingetroffen und hörte erstaunt den Ausführungen des Dr. Leichnahm zu, der einen österreichischen Akzent hatte, was Leo bislang überhaupt noch nicht aufgefallen war – für ihn als Schwaben, der vor 10 Monaten von Ulm nach Mühldorf versetzt wurde, klang bayrisch und österreichisch absolut gleich. Als er das einmal in einer geselligen Runde bemerkte, schlug ihm sofort heftiger Widerspruch entgegen. Die Bayern beharrten vehement darauf, dass ihr Dialekt absolut nichts mit dem der Österreicher zu tun hätte und sie wollten sich mit den direkten Nachbarn der nahen Grenze auf keinen Fall vergleichen lassen – was wahrscheinlich umgekehrt ähnlich war.
„Die Frau geht sofort in die Gerichtsmedizin,“ wies Viktoria Untermaier an, was Leo bereits veranlasst hatte. Offenbar war Viktoria heute schlecht gelaunt, denn sie ging mit energischen Schritten auf die Gruppe der Kinder zu, zu denen sich bereits einige Elternteile und darüber hinaus viele Schaulustige versammelt hatten. Leo sah seiner Viktoria hinterher, die heute wieder besonders hübsch aussah. Erst seit wenigen Wochen war er mit der 47-jährigen, 1,65 Meter großen Viktoria zusammen und er war sehr glücklich darüber, denn sie war lange, für Leo fast zu lange, für eine neue Beziehung wegen ihrer gescheiterten Ehe und der unschönen Scheidung noch nicht bereit gewesen. Leo hatte beinahe Verständnis für ihr Zögern, denn er hatte das Vergnügen, diesen Kotzbrocken von Exmann einmal kennenzulernen.
Seit der gemeinsamen Urlaubswoche, die sie auf Kos in Griechenland verbracht hatten, waren erst wenige Wochen vergangen. War das eine schöne Zeit gewesen, die er nach einem schrecklichen Fall mit seiner Exfrau auch dringend gebraucht und zusammen mit Viktoria auch sehr genossen hatte. Sie hatten sich nach der Rückkehr darauf geeinigt, dass sie noch niemandem davon erzählen wollten, dass sie zusammen sind, vor allem nicht den Kollegen. Viktoria hatte ihn davon überzeugt, dass sie sich als Paar zuerst ausprobieren mussten, obwohl Leo am liebsten allen, die ihm über den Weg liefen, von seiner Viktoria erzählen wollte. Eigentlich hatten sie vorgehabt, es sich heute bei Leo zuhause vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Wein und Knabberzeug standen bereit und Viktoria wollte eine Pizza mitbringen. War das der Grund für ihre üble Laune?
„Ihre Freundin?“ unterbrach Dr. Leichnahm Leos Gedanken.
„Wie bitte?“
„Na so, wie sie die Frau ansehen, weiß ich Bescheid, mir können Sie nichts vormachen. Haben Sie noch Fragen bezüglich der Toten oder kann ich mich verabschieden?“
„Hatte die Frau irgendwelche Papiere ohne Persönliches bei sich?“
„Nein, nichts dergleichen. Keine Handtasche, und die Hosen- und Jackentaschen sind vollkommen leer. Wenn Sie mich fragen, sind die Kleidungsstücke alle nagelneu. Und wenn ich noch anmerken darf, sind die Schuhe etwas zu groß. Aber ich möchte der Gerichtsmedizin nicht vorgreifen.“
„Eine Frage hätte ich noch: Ich hatte schon oft mit Notärzten und Ersthelfern zu tun. Sie waren doch nicht immer Notarzt, dafür achten sie zu sehr auf Kleinigkeiten.“
„Sie haben mich erwischt. Ich war Pathologe bei der Medizinischen Universität Wien. Aus privaten Gründen bin ich seit einiger Zeit hier in Altötting als Notarzt tätig. Sind wir hier jetzt fertig? Die Pflicht ruft.“
Tatsächlich wurde Dr. Leichnahm bereits mehrfach angefunkt und Leo sah dem Arzt nach. Es würde ihn doch sehr interessieren, warum er hier in Altötting gelandet ist. Viktorias Rufe rissen ihn aus seinen Gedanken; sie brauchte bei den Befragungen der Kinder, Eltern und Passanten seine Unterstützung.
Mittlerweile waren auch die Kollegen Werner Grössert und Hans Hiebler vor Ort, die sichtlich Mühe hatten, mit den aufgebrachten Eltern zu sprechen, die mit allen Mitteln versuchten, ihre Kinder zu schützen. Sie sprachen und riefen wild durcheinander und erschwerten dadurch die Arbeit der Polizei erheblich. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten sie die Befragungen endlich beendet und fuhren völlig genervt ins Präsidium Mühldorf am Inn. Natürlich war keiner begeistert davon, denn mittlerweile war es fast 21.00 Uhr und eigentlich hatten sie längst Feierabend. Werner Grössert wurde während des Abendessens mit seiner Frau gerufen, Hans Hiebler hatte sich fertiggemacht, um auszugehen, warum er auch einen betörenden Herrenduft hinter sich herzog und dazu auch noch blendend aussah, während Grössert entgegen seinem sonstigen Aufzug in teuren Anzügen lediglich Jeans und T-Shirt trug und dabei trotzdem sehr aufgeräumt aussah.
„Werner, du machst die Busfahrer ausfindig. Es wird doch irgendjemand diese Frau bemerkt haben, ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass diese Frau unbemerkt über einen längeren Zeitraum dort auf der Bank gesessen hat, das ist doch einfach nicht zu glauben.“
Der 38-jährige, 1,75 m große Werner Grössert nickte und machte sich umgehend an die Arbeit. Grössert war direkt in Mühldorf geboren und aufgewachsen und stammte aus einer angesehenen Anwaltsfamilie, die über den Werdegang ihres Sprösslings bei der Polizei nicht begeistert war, denn er hätte eigentlich als einziger Sohn später einmal die Anwaltskanzlei übernehmen sollen –
stattdessen hatte er gegen ihren Willen die Ausbildung bei der Polizei begonnen und ließ sich trotz vieler Diskussionen, Drohungen und auch Angebote nicht davon abbringen. Während der wenigen Zusammentreffen wurde vermieden, über den Beruf ihres Sohnes zu sprechen, aber sie ließen keine Gelegenheit aus, ihren Unmut mit kleinen, spitzen Bemerkungen darüber Ausdruck zu verleihen. Darüber hinaus waren sie mit der Wahl der Schwiegertochter ebenfalls nicht einverstanden, denn Werners Frau stammt nicht nur aus sehr einfachen Verhältnissen, sondern war mit einer Hautkrankheit geplagt, die sie immer wieder zwang, längere Krankenhaus- und Kuraufenthalte auf sich zu nehmen.
„Hans,“ sprach Viktoria Untermaier nun den Kollegen Hans Hiebler an, „du suchst die Vermisstenmeldungen durch.“
Hans Hiebler war mit seinen 53 Jahren der Älteste hier, hatte aber keine Ambitionen, großartig Karriere zu machen. Er war ein sehr guter Polizist, stammte gebürtig von einem Bauernhof in der Nähe von Waldkraiburg, 1,80 m groß, sportlich und war das, was man einen Frauenheld nannte – er war nie verheiratet, konnte nicht allein sein und liebte alle Frauen, wobei er keinen besonderen Typ bevorzugte; er konnte nur die zickigen, falschen und verlogenen Frauen nicht leiden.
„Hast du die Pizza schon besorgt?“ flüsterte Leo Viktoria zu, als sie an der Kaffeemaschine standen. Leo war 49 Jahre alt, in wenigen Wochen hatte er seinen 50. Geburtstag, vor dem er schon etwas Bammel hatte, denn für ihn waren Menschen über 50 immer alt gewesen, und zu dem erlesenen Kreis würde er nun auch bald gehören. Mit seiner Körpergröße von 1,90 Meter und der schlanke Figur fiel er zwar überall auf, aber auffallender war sein Kleidungsstil, über den sich schon viele amüsiert hatten: er trug immer Jeans, eine alte Lederjacke, alte Lederstiefel und entweder ein einfarbiges Hemd oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband, die außer ihm niemand zu kennen schien. Leo fand sich selbst absolut hip und chic. Nicht nur wegen seines Äußeren, sondern vor allem wegen seines schwäbischen Dialekts war er hier in Oberbayern ein absoluter Exot – trotzdem mochten ihn alle, so wie auch er seine neue Kollegen zwischenzeitlich sehr mochte und auch schätzte.
„Natürlich habe ich die Pizza besorgt, sie liegt im Auto und gammelt vor sich hin. Ich habe mich so auf einen schönen Abend gefreut.“
Leo lächelte nur, strich ihr kaum merklich über den Arm und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er ging die Aussagen der Kinder und deren Eltern durch, die beinahe alle wertlos waren. Danach machte er sich an die Aussagen der Passanten, von denen einige sehr interessant waren.
„Hört mal her,“ rief Leo in den Raum, „ich habe hier 3 Aussagen vorliegen, die übereinstimmend aussagen, dass die Tote offenbar mindestens seit Vormittag dort gesessen hat. Könnt ihr euch das vorstellen? Das ist unfassbar.“
„Kaum zu glauben,“ sagte Viktoria und schüttelte den Kopf. „Ist unsere Gesellschaft tatsächlich schon so abgestumpft, dass man sich nicht mehr füreinander interessiert und mitten unter uns an einem stark frequentierten Ort eine Leiche setzen kann und keinen schert das?“
„Jetzt seid mal nicht so ungerecht,“ mischte sich Grössert entgegen seiner sonstigen Art in die inzwischen eingetretene heftige Diskussion ein. „Wir haben alle die Leiche gesehen – sie wirkte absolut lebendig. Wenn ich mir vorstelle, dass ich dort in einen Bus steige – warum um alles in der Welt sollte ich eine Frau ansprechen, die dort sitzt?“
„Und die Busfahrer und die Anwohner? Möchtest du die etwa auch in Schutz nehmen?“ Viktoria war sehr aufgebracht.
„Ich möchte niemand in Schutz nehmen. Natürlich hätten die Busfahrer mal genauer nachsehen können, genau so wie die Anwohner. Aber wie gesagt: die Tote sah absolut lebendig aus und saß am Bussteig – warum sollte sie dort nicht sitzen?“
Viktoria, Leo und Hiebler sprachen auf Grössert ein und waren sich einig, dass sie anders gehandelt hätten und waren von den Passanten, Busfahrern und Anwohnern enttäuscht. Grössert hingegen hatte Verständnis, sagte aber nichts mehr dazu, er hatte seine Meinung deutlich gemacht und machte sich wieder an die Arbeit. Trotz großer Bemühungen seinerseits konnte er keinen zuständigen Sachbearbeiter bezüglich der Busfahrer ermitteln, es war einfach schon zu spät – Busse fuhren schon seit Stunden nicht mehr, nachts überhaupt nicht.
Hans Hiebler hingegen konnte 3 vermisste Frauen ausfindig machen, die der Toten sehr ähnlich sahen, aber ohne einen ausführlichen Bericht der Pathologie Traunstein konnten sie sich nicht sicher sein, sie mussten bis morgen warten.
Es war mittlerweile nach 22.30 Uhr und Viktoria entschied, dass es für heute genug war.
„Machen wir Schluss für heute. Morgen früh 8.00 Uhr treffen wir uns in alter Frische im Besprechungszimmer und tragen zusammen, was wir haben. Der Chef hat Wind von dem neuen Fall bekommen und hat mich vorhin angerufen, er ist äußerst gespannt darauf, was wir zu berichten haben.“
Dass Rudolf Krohmer, der Leiter der Polizei Mühldorf, stärker in den Fall involviert sein würde, konnte bis dato noch niemand ahnen.
3.
Rudolf Krohmer saß bereits ungeduldig im Besprechungszimmer der Polizei Mühldorf. Der 52-jährige liebte seine Arbeit, war korrekt und überaus warmherzig, hatte für alle immer ein offenes Ohr und wusste stets Rat, weshalb ihn die Kollegen besonders gern hatten. Außerdem drückte er schon mal
das eine oder andere Auge zu, was nicht immer bei allen gut ankam. Aber Krohmer machte das immer wieder gerne, wenn es vertretbar war, denn dadurch waren ihm Personen Gefallen schuldig, die er zur gegebenen Zeit auch einforderte. Vor allem durch den Fall Mollenkopf, bei dem auch einige angesehene Personen aus der Mühldorfer Gesellschaft nicht sehr gut aussahen, ließ er einiges auf bayrische Art unter den Tisch fallen und hatte nun bei diesen einige Pluspunkte gesammelt.
„Käffchen?“ säuselte ihn seine Sekretärin Hilde Gutbrod an. Beim Anblick der 60-jährigen, sehr schlanken und überaus geschwätzigen und neugierigen Frau brannten Krohmers Augen. Sie trug heute ein neongelbes, viel zu kurzes Kleid und schwarze, hochhackige Stiefel aus schwarzem Lackleder – Frau Gutbrod verleugnete ihr Alter und kleidete sich wie ein Teenager, was man auch an der Frisur erkennen konnte: schwarz, hochtoupiert und momentan mit pinkfarbenen Strähnen durchzogen.
„Ja bitte,“ antwortete Krohmer knapp und bemerkte dabei die bunten, überlangen Fingernägel, die Frau Gutbrod demonstrativ zur Schau stellte. Aber was hatte sie mit ihrem Gesicht gemacht? Vollkommen glattgebügelt und kaum eine Mimik, dazu waren die Lippen überdimensional angeschwollen, als hätten sie mehrere Bienen gleichzeitig gestochen. Krohmer konnte den Blick nicht von ihr wenden, was seine Sekretärin erfreut zur Kenntnis nahm und als Kompliment auffasste – er hatte es also bemerkt.
Zum Glück kamen Viktoria Untermaier, Leo Schwartz, Hans Hiebler und Werner Grössert nun nacheinander in das Besprechungszimmer, wodurch Krohmer endlich den Blick von seiner Sekretärin abwenden konnte – er hatte tatsächlich eine Gänsehaut bekommen.
„Käffchen?“ rief Frau Gutbrod laut durch den Raum, worauf die Kollegen sie spontan ansahen, man könnte auch sagen anstarrten, was auch ihre Absicht gewesen war.
„Frau Gutbrod,“ sagte Hiebler mit einem Lächeln und pfiff dabei durch die Zähne, „Sie sehen heute ja wieder besonders hübsch aus. Haben Sie eine neue Frisur?“
Natürlich hatte auch er, wie die anderen auch, sofort bemerkt, dass sie sich hatte aufspritzen lassen.
Statt einer Antwort kicherte sie nur, schenkte reihum Kaffee ein und setzte sich einfach dazu, was sie in letzter Zeit öfters machte, obwohl sie niemand dazu aufgefordert hatte. Aber hier erfuhr sie alles aus erster Hand und musste sich nicht mühsam durch die Protokolle und Berichte lesen. Rudolf Krohmer ließ sie gewähren, denn sie war zwar neugierig und mischte sich überall ein, war darüber hinaus aber auch sehr fleißig und hatte einen scharfen Verstand, der gepaart mit ihrer Phantasie allerdings manchmal mit ihr durchging.
„Was haben wir?“ begann Krohmer.
„Gestern Abend wurde am Busparkplatz Altötting die Leiche einer Frau gefunden. Hier sind die Fotos,“ sagte Viktoria und schob die Bilder über den Tisch. „Wir wissen noch nicht, um wen es sich handelt, denn sie hatte keinerlei Papiere oder Privates bei sich.“ ….