Hilferuf aus Griechenland

Leo Schwartz…   und die Entführung auf Kos

Während seines Urlaubs bekommt Leo Schwartz einen Hilferuf seiner Exfrau Kerstin aus Kos: ihr Sohn ist spurlos verschwunden. Leo macht sich sofort auf den Weg, um den Jungen zu suchen. Seine frühere Ulmer Kollegin Ursula Kußmaul erklärt sich sofort bereit, ihn zu begleiten. Gemeinsam mit der griechischen Polizei suchen sie mit Hochdruck nach dem Kind. Aber die Suche bleibt erfolglos. Dann nehmen sich die Polizisten das Umfeld der Familie vor. Je tiefer sie graben, desto seltsamer verhält sich Leos Exfrau. Und wo ist Kerstins Mann?
Ein Zeuge wird ermordet, bevor er der Polizei wertvolle Hinweise geben kann.
Dann merken die Polizisten, dass sie verfolgt werden…

 

Bezugsquellen und Leseprobe

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und vielen weiteren….
im Buchhandel ISBN 9783743172920
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Leseprobe:
1.

Die Koffer waren gepackt, der Rucksack nebst Wanderschuhen war längst im Wagen verstaut – endlich konnte es losgehen. Der Frühling ließ dieses Jahr lange auf sich warten, Ostern war letzte Woche. 3 langersehnte Urlaubswochen lagen vor Leo Schwartz, die er zuerst bei seinen ehemaligen Kollegen und Freunden in Ulm verbringen wollte, um dann, nachdem er sich erholt hatte, nach Pfullingen weiterzufahren. In Pfullingen hatte er vor einem Jahr ein Haus von einer alten Dame geschenkt bekommen, die er während eines Falles kennen und auch schätzen gelernt hatte, obwohl sie ihn nicht nur ein Mal zur Weißglut brachte. Anfangs wollte er dieses Geschenk natürlich nicht annehmen und sprach mit seinem Vorgesetzten – der wollte aber damit nichts zu tun haben, da Leo während des betreffenden Falles an die Kripo Stuttgart ausgeliehen wurde und sich dafür nicht zuständig fühlte. Der dortige Polizeichef interessierte sich nicht dafür und überließ Leo die Entscheidung. Er beriet sich mit seiner besten Freundin Christine Künstle, Pathologin in Ulm, die ihm dazu riet: Sei nicht blöd, quatsch nicht lang rum und häng das nicht an die große Glocke. Behalt es für deine Altersvorsorge – waren ihre genauen Worte, die Leo schließlich beherzigte und das Haus behielt. Seitdem war er weder in dem Haus in Pfullingen gewesen, noch hatte er sich darum gekümmert. Es war noch in dem Zustand, in dem Frieda Votteler, so hieß die alte Dame, das Haus verlassen hatte. Immer wieder schob er die lästige Aufgabe vor sich her – nun wollte er das Haus räumen und herrichten, um es dann vermieten zu können. Davor grauste ihm, denn das Haus war bis unters Dach vollgestopft.
Das waren seine Pläne für seinen Urlaub, natürlich nach einigen Tagen Erholung in Ulm!
Mit den Gedanken an das Pfullinger Haus und Frieda Votteler fuhr er los und ließ seine neue Heimat Altötting immer mehr hinter sich. Als er durch Mühldorf am Inn fuhr, war er keine Sekunde wehmütig, die Kollegen der hiesigen Kriminalpolizei in nächster Zeit nicht mehr zu sehen – bis auf seine Kollegin und Freundin Viktoria Untermaier, die er doch etwas vermisste. Gerne hätte er sie mitgenommen, war aber zu feige, sie zu fragen. Die Beziehung zwischen ihnen war nicht leicht, denn er wäre zwar nicht abgeneigt, aber Viktoria hatte eine schlimme Scheidung hinter sich und war nun misstrauisch und zögerlich. Aber er hatte Geduld, irgendwann war sie für eine Beziehung offen. Er war nun schon über ein halbes Jahr in Mühldorf bei der Kripo und hatte sich sehr gut eingelebt. Nach einem unschönen Vorfall in Ulm war er hierher versetzt worden – trotzdem vermisste er nicht nur seine Freunde und ehemaligen Kollegen in Ulm, sondern auch die dortige liebgewordene Umgebung, vor allem aber die Schwäbische Alb.
Je weiter er sich fortbewegte, desto mehr verblassten die Erinnerungen an Pfullingen und Frau Votteler, an Mühldorf und die Umstände seiner Versetzung. Er passierte München und sang fröhlich die Lieder auf dem Oldie-Sender mit, die er zu seinem Erstaunen alle kannte. Dieses Jahr stand sein 50. Geburtstag bevor und er hatte doch etwas Bammel vor der magischen Zahl, was er natürlich niemals zugeben würde. Leo befand, dass er sich für sein Alter sehr gut gehalten hatte, denn mit seinen 1,90 m, der schlanken Figur und den in seinen Augen sehr hippen Klamotten (blaue Jens, alte Lederjacke, Hemd oder T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband und Lederstiefel) wirkte er für seine Begriffe doch sehr jung, obwohl ihn die mittlerweile grauen Haare störten, die er immer sehr kurz hielt. Aber Leo blieb dabei: er war mit Abstand jünger als die gleichaltrigen Männer, die er kannte.
Er fuhr nun auf der A8 an Augsburg vorbei und mehr und mehr stieg die Vorfreude auf seine Freunde und ehemaligen Kollegen.
Stau!
Natürlich, wie meist auf dieser vielbefahrenen Autobahn. Leo schüttelte den Kopf über die Unvernunft der anderen Fahrer, die versuchten, sich ein paar Meter vorzudrängeln und sich nicht nur absolut chaotisch, sondern überaus gefährlich durch den dichten Verkehr drängten. Leo war erstaunt über das Verkehrsaufkommen, denn er war extra zeitig am heutigen Sonntag losgefahren, damit er sich mit den vielen Lkws nicht herumschlagen musste – woher zum Geier kommen nur die ganzen Fahrzeuge um die Zeit? Und woher kommen die vielen Lkws? So viele Ausnahmegenehmigungen konnte es doch nicht geben! Bislang ging es langsam, beinahe im Schneckentempo vorwärts – jetzt stand der Verkehr. Leo suchte einen Sender mit einer Verkehrsdurchsage, um wenigstens den Grund für diesen plötzlichen Stopp zu erfahren und hatte keinen Erfolg damit. Er gab auf und schob eine CD ein, denn seit geraumer Zeit wurde die gute Musik von unendlich langweiligem Gequatsche mit einem Promi, den er überhaupt nicht kannte, unterbrochen – das nervte ihn tierisch. Er reckte und streckte sich, nahm einen Schluck Wasser und wartete. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde er immer ungeduldiger, denn sein Ziel war nicht mehr weit, nur noch 30 Kilometer. Endlich ging es weiter, zwar langsam, aber immerhin. Nach einigen Kilometern sah Leo schließlich den Grund des Staus – eine Baustelle! Ein riesiges Schild informierte die Bürger über den Umfang und die Notwendigkeit – und über den Fertigstellungstermin, an dem Leo seine Zweifel hatte, man brauchte doch nur an den neuen Flughafen in Berlin denken! Natürlich ging es bei diesem Stau um eine Baustelle, Deutschland war schließlich ein Land der Autobahn-Baustellen! Nach einer weiteren Ewigkeit, die immer noch im Schneckentempo verlief, passierte er nun diese Baustelle und konnte es nicht glauben: die wenigen Arbeiter standen nur rum und kein Fahrzeug bewegte sich. Typisch! Natürlich war heute Sonntag, aber das Hinweisschild machte deutlich, dass die Arbeiten rund um die Uhr und an 7 Tagen in der Woche durchgeführt werden, natürlich zum Wohle der Bürger und für einen reibungslosen, fließenden Verkehrsfluss – beinahe zum Lachen! Es war jetzt 11.27 Uhr – schon Mittagszeit? Leo ärgerte sich und fluchte, denn schon oft hatte er solche Autobahnbaustellen passiert, auf denen er wenige oder überhaupt keine Arbeiten feststellen konnte.
Nun kam er endlich zu seiner Autobahnausfahrt, hatte nur noch wenige Kilometer vor sich und ärgerte sich jetzt über seine Ungeduld auf der Autobahn – er hatte schließlich Urlaub und jede Menge Zeit – war er schon zu so einem Grantler geworden, der sich über alles und jeden ärgert? Leo nahm sich fest vor, an seiner Geduld und Einstellung zu arbeiten! Seine Laune besserte sich wieder zusehends und er pfiff und sang die Lieder auf seiner CD mit. Die Umgebung kam ihm sehr vertraut vor und sofort fühlte er sich zuhause. Als er das Ortsschild Ulm passierte, musste er unwillkürlich hupen – endlich zuhause! Er fuhr in die Einfeldstraße und sah seine Freundin Christine Künstle schon von weitem. Sie schien ungeduldig zu warten, denn sie lief hektisch hin und her und hatte die Arme in die fülligen Hüften gestemmt – ein untrügerisches Zeichen dafür, dass sie sich ärgerte. Als sie Leos Wagen erkannte, winkte die 62-jährige Frau mit den kurzen brauen Haaren hektisch, wobei sich ihre Gesichtszüge entspannten, denn nun strahlte sie übers ganze Gesicht. Leo parkte, stieg aus und rannte zu Christine, nahm sie in die Arme und wirbelte sie übermütig durch die Luft. Sie schrie und lachte.
„Lass mich sofort runter, du verrückter Kerl, was fällt dir ein? Und wo bleibst du denn so lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
„Diese blöde Baustelle hat mich fast eine Stunde gekostet. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich über die Bundesstraße gefahren.“
„Schwamm drüber, jetzt bist du ja da. Komm rein, ich habe Essen gemacht, dein Gepäck kannst du später holen.“
Sie zog Leo mit sich, der gerade noch seinen Wagen mit der Fernbedienung zusperren konnte. Es gab Maultaschen und Kartoffelsalat, was Leo als gebürtiger Schwabe nicht nur sehr liebte, sondern auch seit Monaten nicht mehr gegessen hatte – er langte kräftig zu. Während sie aßen, berichtete Christine über Neuigkeiten bei der Ulmer Polizei und den vertrauten Kollegen, die Leo heute Abend sehen würde, denn Christine hatte sie eingeladen: die hübsche, schlagfertige und sehr intelligente Anna Ravelli, 29 Jahre jung, mit der Leo sehr gerne zusammengearbeitet hatte. Stefan Feldmann, Leiter der Spurensicherung Ulm, 35 Jahre, ein wahres Genie in seinem Job, und mit Anna liiert – die beiden gaben ein wunderschönes Paar ab. Und natürlich Ursula Kußmaul: 30 Jahre alt, nur 1,60 m groß, untersetzt, dicke Hornbrille – und völlig durchgeknallt. Sie musste aufgrund eines Unfalls unförmige Gesundheitsschuhe tragen, was ihr aber überhaupt nichts ausmachte. Ihre Kleidung war kunterbunt und sehr auffällig, vor allem ihre Hüte, die sie wegen den Narben, die sie durch mehrere Operationen aufgrund einer Krankheit auf dem Kopf zurückbehalten hatte, gerne trug, um die kahlen Stellen zu verdecken. Leo hatte sie bei seinem letzten Fall in Ulm kennen- und schätzen gelernt und sie war durch seine Versetzung fest ins Team aufgenommen worden – und so, wie er sie einschätzte und was er allgemein hörte, machte sie ihre Arbeit sehr gut und war bei allen überaus beliebt.
Nachdem Leo seine Sachen geholt und in dem extra für ihn hergerichteten Gästezimmer eingeräumt hatte, machten die beiden einen ausgedehnten Spaziergang durch Ulm, tranken Kaffee und besuchten liebgewonnene Plätze der Vergangenheit – Leo fühlte sich überaus wohl.
„Wir müssen zurück, es ist schon nach 17.00 Uhr, in einer Stunde kommen die anderen.“
Leo und Christine richteten den Tisch im Wohnzimmer her. Christine hatte Häppchen und Schnittchen, sowie reichlich Getränke besorgt. Endlich klingelte es – die Gäste kamen gemeinsam, vorsorglich mit einem Taxi.
Sie begrüßten sich alle herzlich, sie lachten, schwatzten und Leo fühlte sich pudelwohl. Erst weit nach Mitternacht, und reichlichem Alkoholkonsum, verabschiedeten sie sich wieder.
Leo hatte sich mit dem Alkohol zurückgehalten, denn er wollte auf jeden Fall am nächsten Tag ganz früh raus und über seine geliebte Schwäbische Alb wandern, natürlich nur, wenn das Wetter auch mitspielte, denn die Vorhersagen waren nicht sehr berauschend. Er stellte seinen Wecker auf 5.00 Uhr.
Er war schon vor dem Klingeln wach, sprang beschwingt aus dem Bett, zog sich an, nahm seinen gepackten Rucksack und verließ das Haus. Es war zwar stark bewölkt, aber es regnete nicht, was Leo vollauf genügte. Er fuhr los. Unterwegs holte er sich einen Kaffee und ein Croissant bei einem Bäcker, bei dem er sich schon früher mit Frühstück eingedeckt hatte und wo er auch sofort wiedererkannt und freundlich begrüßt wurde – sie hatten ihn nicht vergessen. Mit einem warmen Gefühl fuhr er schließlich über die Schwäbische Alb, öffnete trotz der Kälte das Fenster und sog die frische Luft tief ein – ja, diese Luft gab es nur hier. Zielsicher steuerte er nun einen ganz bestimmten Parkplatz an, den er gegen 6.15 Uhr erreichte. Beschwingt stieg er aus und atmete nochmals tief ein – endlich war er wieder hier! Es war noch nicht richtig hell, nur langsam erwachte die Natur; und außer ihm war niemand auf dem Parkplatz. Nachdem er sich die Wanderschuhe und die Jacke angezogen hatte, nahm er seinen Rucksack, schaltete sein Handy aus, damit er nicht gestört wurde – und lief los.
Nach einer guten Stunde begann es zu nieseln, nach einer weiteren Stunde regnete es richtig, was aber Leos Laune keineswegs beeinflusste. Er setzte sich unter eine dichte Tanne, machte Brotzeit und schloss die Augen – das Geräusch der Regentropfen, die Vögel, die trotzdem munter pfiffen, und natürlich die absolute Stille und Ruhe taten ihm unendlich gut. Schließlich hörte es auf zu regnen, und anstatt umzukehren, lief er weiter, das Wetter konnte ihm nichts anhaben.
Erst am späten Nachmittag war er erschöpft, klatschnass und unendlich zufrieden wieder an seinem Wagen, wechselte die Kleidung und Schuhe, legte eine Led Zeppelin-CD ein und fuhr zurück.
Bereits beim Einbiegen in die Einfeldstraße sah er Christine auf der Straße, die abermals ungeduldig zu warten schien. Er parkte und stieg aus.
„Endlich. Was ist mit deinem Handy los? Seit Stunden versuchen wir, dich zu erreichen.“ Christine war stinksauer.
„Das Handy schalte ich immer aus, wenn ich wandern gehe. Aber sag mir endlich, was passiert ist.“
„Seit heute Mittag ruft immer wieder eine Frau auf dem Präsidium an, die dich unbedingt sprechen muss, laut Ursula muss es dringend sein.“
„Welche Frau? Wer will mich sprechen?“
Christine kannte eigentlich alle Frauen in seinem Umfeld und hätte längst den Namen genannt, offensichtlich war es eine Fremde.
„Jetzt steh nicht blöd da, ruf Ursula sofort an.“
Leo wählte die Nummer seiner früheren Kollegin, die sich umgehend meldete.
„Kußmaul!“ brüllte sie beinahe ins Telefon.
„Hier ist Leo, ich soll mich bei dir melden.“
„Endlich. Deine Frau ruft seit Stunden an und muss dich dringend sprechen. Sie klang sehr verzweifelt. Sie hat mir eine Nummer gegeben, unter der sie zu erreichen ist, sie muss im Ausland sein. Hast du was zu schreiben?“
Leo hatte sich bestimmt verhört.
„Hast du gesagt, meine Frau möchte mich sprechen?“
„Ja, sie sagte, sie sei deine Frau. Ihr Name ist Kerstin.“
Leo war sprachlos, denn seine geschiedene Frau hieß tatsächlich Kerstin. Was war hier los? Was wollte sie von ihm? Seit über 7 Jahren waren sie geschieden und er hatte seither nichts mehr von ihr gehört.
„Bist du noch dran? Hast du etwas zu schreiben?“
Ursula Kußmaul wurde ungeduldig, denn sie hatte noch eine Vernehmung vor sich, die sich bis weit in die Nacht ziehen würde.
Leo ging ins Haus, Christine folgte ihm. Er wusste, dass in seinem Gästezimmer immer Papier und Stifte in der Nachttisch-Schublade waren und er ging zielsicher darauf zu.
„Gib mir die Nummer.“
Leo notierte sich die Nummer und war sich nicht ganz sicher, ob er auch richtig verstand, fragte mehrfach nach, aber Ursula bestätigte. Er bedankte sich, starrte lange auf den Zettel und sah dann Christine an, die neben ihm stand.
„Sieh dir die Nummer an. Die Vorwahl 0030 – das ist in Griechenland. Wenn das wirklich meine Exfrau ist, was zum Teufel will sie von mir?“
„Vielleicht braucht sie deine Hilfe. Worauf wartest du denn? Ruf an, dann wirst du erfahren, was sie von dir will.“
Christine machte keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen, als Leo die Nummer wählte. Es brauchte ziemlich lange, bis sich endlich eine Frau meldete – Leo erkannte sie sofort an der Stimme: seine geschiedene Frau Kerstin, die ihm vor über 7 Jahren das Herz gebrochen hatte. Sie war auch der Grund, warum er sich von Karlsruhe nach Ulm versetzen ließ, denn er wollte ihr und ihrem neuen Partner auf keinen Fall über den Weg laufen.
„Ich bin es, Leo.“
Er wartete ab, überließ es ihr, zu sprechen.
„Endlich Leo, ich habe so sehr auf deinen Anruf gewartet. Ich brauche dringend deine Hilfe.“
Sie klang überaus verzweifelt und Leos Magen zog sich zusammen.
„Was ist passiert?“
„Mein Sohn Marcel ist verschwunden und ich weiß nicht, was ich machen soll.“
Leo konnte sie sehr schlecht verstehen, denn sie sprach sehr leise, schluchzte und weinte. Die Tatsache, dass sie einen Sohn hatte, war für ihn neu und schockierte ihn, warum, wusste er selbst nicht.
„Jetzt beruhige dich und erzähl ausführlich.“
„Wir sind mehrmals jährlich auf Kos in Griechenland, mein Mann Anton hat hier schon seit vielen Jahren ein Boot und erledigt von hier aus einige Geschäfte in der Türkei, währenddessen wir Urlaub machen. Seit gestern Vormittag ist mein Sohn verschwunden. Er spielte am Strand mit anderen Kindern, während ich ein Buch las und ihn wirklich immer im Auge hatte. Auf einmal war er spurlos verschwunden. Die anderen Kinder sagten, er wollte die Frisbee-Scheibe holen – und kam nicht mehr wieder. Natürlich habe ich sofort die Polizei informiert, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die wirklich etwas unternehmen. Sie haben mich nur vertröstet, nicht einmal Daten notiert.“
Leo verstand nicht, wie er dabei helfen könnte und was sie von ihm wollte. Es war einen Moment still.
„Hier stimmt was nicht, ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Meinen Mann kann ich nicht erreichen. Du bist doch Polizist und weißt, was man in so einem Fall macht. Ich möchte meinen Sohn zurück und bitte dich inständig, ich flehe dich an, mir zu helfen.“
„Kerstin hör mir zu. Es tut mir sehr leid, dass dein Sohn verschwunden ist und was du durchmachen musst und ich würde dir wirklich sehr gerne helfen. Aber ich habe in Griechenland keinerlei Befugnisse und wüsste nicht, wie ich dir helfen könnte. Vor allem verstehe ich nicht, warum du gerade mich um Hilfe bittest.“
„Weil Marcel dein Sohn ist Leo.“
2.
Die Worte seiner Exfrau hallten in seinem Kopf. Er hatte einen Sohn? Das konnte nicht sein, so grausam konnte seine Exfrau doch nicht sein. Warum hatte sie ihm das Kind die ganzen Jahre vorenthalten? Wusste ihr Mann davon? Wo war das Kind? War es in Gefahr?
Die Fragen schwirrten durch seinen Kopf. Er hatte sich die Adresse auf Kos notiert und für ihn stand fest: er musste mit dem nächsten Flugzeug nach Kos und nach seinem Sohn suchen.
„Komm erst mal zu dir Leo, du bist ja völlig durcheinander.“
Christine hatte sofort verstanden, was Leo eben gehört und zu verarbeiten hatte. Und natürlich unterstützte sie ihn in seinem Vorhaben, umgehend nach seinem Sohn zu suchen, aber sie musste ihn etwas bremsen, damit er besonnen und nicht völlig planlos vorging. Sie schenkte Leo einen Schnaps ein, den sie ihm beinahe einflössen musste, denn auch sie musste Zeit gewinnen, um zu überlegen, wie sie Leo helfen konnte und was das Klügste wäre. Langsam bekam er wieder Farbe ins Gesicht.
„Ich habe einen Sohn, Christine. Kannst du dir das vorstellen?“ schrie er beinahe immer noch völlig ungläubig. Er hatte sich immer Kinder gewünscht, aber nicht so.
„Natürlich kann ich mir das vorstellen, warum auch nicht. Wobei die Umstände doch etwas ungewöhnlich sind und ich nicht verstehen kann, warum deine Exfrau darüber geschwiegen hat, denn normalerweise stehen Mütter wegen des Unterhaltes sofort auf der Matte. Aber Schwamm drüber, sie wird schon ihre Gründe gehabt haben und du wirst sie direkt von ihr erfahren. Geh jetzt erst mal duschen, du stinkst fürchterlich. Und ich kümmere mich inzwischen um einen Flug und ein Hotel, denn bei deiner Exfrau und ihrem Mann kannst du ja schlecht übernachten.“
Wie ferngesteuert nickte Leo und ging ins Bad. Er war immer noch völlig durcheinander und die Dusche tat ihm gut, denn nachdem er die heiße Dusche auf kalt eingestellt hatte, konnte er wieder einigermaßen klar denken. Er zog sich an und ging zu Christine ins Wohnzimmer, die eben ein Telefongespräch beendet hatte – hatte sie bis jetzt telefoniert? Die Frau war wirklich ein Schatz, er konnte sich in allen Lebenslagen voll und ganz auf sie verlassen.
„Heute geht kein Flug mehr nach Kos. Ich habe dir für morgen früh ein Ticket hinterlegen lassen, der Flug ist um 5.50 Uhr. Ein Hotelzimmer habe ich ebenfalls gebucht, hier ist die Adresse.“
Dass nur noch in einem der teuersten Hotels Zimmer frei waren, verschwieg sie ihm lieber, denn sonst hätte er sich noch mehr aufgeregt, schließlich kannte sie die schwäbische Sparsamkeit – aber das Geld war jetzt zweitrangig.
Sie reichte ihm einen Zettel, den er ohne zu lesen in seine Brieftasche schob. Er ärgerte sich, dass er bis morgen früh warten musste und lief nervös im Zimmer auf und ab. Am liebsten wäre er sofort aufgebrochen.
„Jetzt setz dich erst mal, heute kannst du nichts mehr erreichen. Du machst mich wahnsinnig mit deinem Herumgelaufe.“
Christine fühlte mit Leo, denn sie konnte sich vorstellen, wie es in ihm aussah. Diese Kerstin würde sie am liebsten schütteln und ihr eine scheuern, denn so durfte man mit dem Vater eines Kindes nicht umgehen. So verworren und schwierig manche Situationen auch sein mögen, war sie immer für klare Verhältnisse gewesen, auch wenn diese noch so unangenehm waren. Für sie gab es nur absolute Offenheit; Lügen, Intrigen und Geheimnisse waren ihr fremd.
Sie saßen lange Zeit schweigend zusammen, während es um sie herum immer dunkler wurde.
„Ich rufe Kerstin nochmal an, ich muss mit ihr sprechen. Zu viele Fragen sind unbeantwortet und belasten mich, ich kann nicht bis morgen auf Antworten warten.“
Christine wollte ihn abhalten, denn solche Dinge gehörten für sie persönlich besprochen, nicht am Telefon. Aber sie kannte Leo so gut, dass sie wusste, dass er sich nicht davon abhalten ließ. Er wählte, aber es meldete sich niemand. Beinahe alle 2 Minuten versuchte er, seine Exfrau zu erreichen – ohne Erfolg.
„Das ist doch nicht normal – was ist da los?“
„Warte bis morgen, dann wirst du alles erfahren. Du musst lernen, geduldiger zu sein.“
Sie hatte gut Reden, denn an seiner Stelle würde sie auch nicht warten wollen. Aber irgendwie musste sie Leo beruhigen, den sie noch niemals in so einem Zustand erlebt hatte. Sie war darüber sehr erschrocken, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. Sie ging in die Küche und machte etwas zu Essen, wodurch sie sich ablenken konnte.
Sie saßen abermals schweigend zusammen und aßen, wobei Leo nur in seinem Teller rumstocherte. Christine wollte ihn eigentlich aufheitern, war aber selbst so sprachlos, dass sie keine passenden Worte fand; ein Blick in seine Augen und sie bekam eine Gänsehaut.
„Iss etwas, du musst schließlich bei Kräften bleiben. Wer weiß, was dich auf Kos erwartet.“
Leo wusste, dass Christine Recht hatte und zwang sich tatsächlich, eine Kleinigkeit zu essen. Nach 22.00 Uhr klingelte es an der Haustür, Christine schien nicht überrascht und öffnete. Die Unterbrechung kam ihr sehr gelegen, denn sie hatten bis jetzt immer und immer wieder alle Möglichkeiten durchgesprochen und ihr rauchte der Kopf. Es war Ursula Kußmaul, die heute völlig in lila, von hell bis dunkel, angezogen war. Sie grüßte knapp und setzte sich Leo gegenüber. Der war überrascht und sah erst sie und dann Christine an.
„Was machst du denn hier um die Uhrzeit?“
Natürlich hatte Leo bemerkt, dass Christine keineswegs überrascht war – was ging hier vor sich?
„Ich bin die Feuerwehr und möchte helfen,“ rief sie lachend aus. Sie war einfach eine Frohnatur, die so leicht nichts aus der Bahn werfen konnte. Als sie Leos Gesichtsausdruck bemerkte, ruderte sie einen Gang zurück, ihre Scherze waren hier wohl nicht wirklich gewünscht, auch egal. „Was werde ich hier wohl machen? Christine hat mich angerufen und mich um Hilfe gebeten. Und voilà, da bin ich. Die Vernehmung, die ich bis eben noch hatte, war sehr erfolgreich, der Typ hat gesungen wie ein Vögelchen. Dabei dachte ich eigentlich, dass das eine ganz harte Nuss ist.“
Leo war irritiert, verstand kein Wort.
„Ich habe Ursula vorhin angerufen, denn ich kann dich auf keinen Fall alleine nach Kos schicken. So, wie du dich verhältst, kannst du nicht klar denken. Ich bin zu alt für solche Geschichten und wäre dir nur ein Klotz am Bein. Meine Knie spielen nicht mehr so mit und die Hitze auf Kos würde mich an den Rand eines Herzinfarktes bringen, ich werde eben alt.“ Sie machte eine kleine Pause, denn sie kannte Leo und ihr war klar, dass ihm ihr Alleingang überhaupt nicht schmeckte – aber es war jetzt nun mal so, wie es ist. Sie hatte eigenmächtig hinter seinem Rücken gehandelt und stand auch dazu. „Ich habe mich daran erinnert, dass Ursula einige Zeit in Griechenland verbracht hat und daher die Sprache ziemlich gut spricht. Und sie hat Urlaub genommen und wird dich begleiten.“
„Wie bitte?“ Leo schrie beinahe.
„Ich spreche nicht nur Griechisch, sondern bin auch mit der Mentalität der Menschen dort vertraut. Außerdem kenne ich mich auf Kos sehr gut aus. Ach war das eine schöne Zeit, ich könnte euch Geschichten erzählen, die aber nicht ganz jugendfrei sind. Da gab es einen kleinen Griechen, einige Jahre älter als ich, …“
Leo unterbrach seine frühere Kollegin, er interessierte sich nicht für ihre Geschichten und ihr Geplapper, das das einzige war, das er an Ursula Kußmaul nicht mochte. Er war verärgert über Christines Vorstoß, denn das hätte sie vorab mit ihm besprechen müssen – er war kein Kleinkind und hasste es, wenn über seinen Kopf entschieden wurde. Außerdem wollte er die Angelegenheit alleine in die Hand nehmen.
„Das ist zwar gut gemeint, aber das kann ich nicht annehmen. Das ist eine reine Privatsache und will dich auf keinen Fall da hineinziehen. Wer weiß, was dort alles auf mich zukommt. Nein vielen Dank, ich fliege alleine und werde schon irgendwie klarkommen.“
Christine schien bereits mit einer solchen Reaktion gerechnet zu haben, stand auf und stemmte die Arme in die Hüften.
„Jetzt hör mir mal gut zu Leo. Du fliegst auf jeden Fall mit Ursula, keine Widerrede. Wenn du sie nicht mitnimmst, dann werde ich ihren Platz einnehmen, und das wird kein Vergnügen werden, das kann ich dir versprechen. Wie dumm bist du eigentlich? Hier ist eine junge, sehr fähige Polizistin, die nicht nur die Sprache auf Kos spricht, sondern auch noch Land und Leute gut kennt. Du müsstest ihr eigentlich auf Knien dafür danken. Und was machst du? Bejammerst dich selber und willst den Helden spielen. Du kannst auf Kos jede Hilfe brauchen und lehnst sie dennoch ab? Bist du jetzt eigentlich total verblödet? Dass dir deine Exfrau deinen Sohn verschwiegen hat, ist tragisch und das tut mir leid. Dass er auch noch verschwunden ist, ist doppelt schlimm. Aber jetzt reiß dich gefälligst zusammen und denke klar und vernünftig.“
Sie sprach ruhig, aber bestimmt, sogar sehr bestimmt und Leo hörte ihr mit offenem Mund zu. Es war still geworden und während Christine Leo diese Standpauke hielt, war Ursula überaus amüsiert. Leo lehnte sich zurück und dachte nach. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass er den beiden Frauen dankbar sein sollte und Christine mit ihrem sehr klugen Kopf absolut vorausschauend und in seinem Sinn gehandelt hatte.
„Du hast ja Recht Christine und ich danke dir, dass du dich um mich kümmerst.“ Er stand auf und nahm seine Freundin fest in die Arme, was ihr überaus gut tat, denn endlich kam er wieder zu sich. Er wandte sich nun seiner früheren Kollegin Ursula Kußmaul zu und nahm ihre Hand in die seine. „Vielen Dank Ursula, ich nehme deine Hilfe sehr gerne an. Deine Sprach- und Ortskenntnisse könnte ich tatsächlich gut gebrauchen. Allerdings weiß ich noch nicht, wie ich dir das danken soll.“
„Keine Sorge, da wird mir schon etwas Passendes einfallen. Also – ich habe eine Karte von Kos mitgebracht,“ sagte sie, kramte in ihrer riesigen, plüschigen Tasche, rückte den Sessel näher an den Couchtisch und breitete diese über den ganzen Tisch aus. „Hier ist die Adresse, die dir deine Exfrau genannt hat,“ sie malte mit einem Leuchtstift, der an der Karte steckte, ein dickes Kreuz auf die Karte. „Christine war so schlau, uns in dieses Hotel einzuquartieren – das ist keinen Kilometer entfernt. Ich habe uns einen Leihwagen reserviert, der für uns morgen am Hotel bereitsteht. Ich würden vorschlagen, dass wir nach der Landung mit dem Taxi ins Hotel fahren, unsere Koffer abstellen und dann sofort zu deiner Exfrau fahren, denn wenn dein Sohn seit gestern verschwunden ist, dürfen wir keine Zeit verlieren. Das wäre mein Vorschlag, ist das für dich in Ordnung?“
Leo war begeistert, er hatte tatsächlich nicht an einen Leihwagen und einen Zeitplan gedacht – Ursula war nicht nur gut vorbereitet, sondern wurde sogar schon aktiv. Außerdem kannte sie bereits
die Adresse seiner Exfrau und das Hotel, worum er sich bislang noch nicht gekümmert hatte – wie lange hatten die beiden Frauen miteinander telefoniert?
„Selbstverständlich bin ich einverstanden. Und ich bin wirklich sehr froh, dass du mich begleitest, du bist eine wahre Bereicherung und ich fühle mich tatsächlich etwas besser und auch sicherer.“
„Dann würde ich jetzt gerne etwas über deine Frau erfahren. Du kennst das ja, erzähl einfach drauf los.“
„Sie ist ein disziplinierter, intelligenter, gebildeter Mensch. Außerdem ist sie kontaktfreudig, sehr zielstrebig, fleißig und hatte schon immer den Drang, mehr aus ihrem Leben zu machen. Sie interessiert sich für Kunst und Musik, vor allem italienische Musiker haben es ihr angetan. Kerstin achtete früher sehr auf ihre Figur, ging regelmäßig ins Fitness-Studio und in ihre Yoga-Stunden. Vor über 7 Jahren haben wir uns scheiden lassen, der Grund war ihr neuer Mann, ein Geschäftsmann aus Karlsruhe – was der genau macht, weiß ich nicht und hat mich auch nicht interessiert. Aber wenn Kerstin verzweifelt ist und um Hilfe bittet, dann muss sie tief in der Klemme stecken, denn sie ist eine taffe Frau und kann sich eigentlich sehr gut selber helfen.“
„Dann habe ich jetzt schon ein ungefähres Bild von ihr, wobei wir nicht die Tatsache außer Acht lassen dürfen, dass sie dir deinen Sohn verschwiegen hat, was nicht gerade für sie und ihren Charakter spricht. Und wir wissen nicht, ob ihr Mann weiß, dass er nicht der leibliche Vater ist. Ich fahre jetzt nach Hause, ich bin hundemüde, denn ich habe einen anstrengenden, aber sehr erfolgreichen Tag hinter mir – Details erzähle ich dir morgen während des Fluges, da haben wir jede Menge Zeit. Ich werde jetzt auch noch packen müssen. Wann holst du mich morgen früh ab?“
„Der Flug startet um 5.50 Uhr – ich würde sagen 2.30 Uhr, dann haben wir genug Zeit, um zum Flughafen München zu fahren und dort noch etwas zu frühstücken.“
„Das käme mir sehr entgegen, denn von dem Fraß im Flugzeug wird mir schlecht. Wenn ich schon von Weitem die lappigen Brotscheiben oder Brötchen sehe, werde ich immer an Styropor erinnert und bekomme sofort Zahnschmerzen. Also gut, denn bis später. Es bleibt zwar nicht mehr viel Zeit, aber vielleicht kann ich mich doch noch etwas hinlegen und schlafen. Und versuch du auch, etwas zu schlafen, du siehst echt beschissen aus.“
Leo sah Ursula mit einem Lachen hinterher und war doch erleichtert, dass er sie mit ihrem frohen Gemüt und dem scharfen Verstand an seiner Seite hatte.
Leo packte wenige Kleidungsstücke und Waschartikel ein – sein Koffer war nur halb voll. Er konnte nicht schlafen, wartete ungeduldig und lief im Wohnzimmer auf und ab, bis es endlich 2.00 Uhr und damit Zeit war, aufzubrechen.

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