Ein Herz zu viel

Leo Schwartz und das Herz ohne Leiche

In der Altöttinger Gnadenkapelle ist ein Herz zu viel. Eine illegale Herzbestattung? Die Schatulle mit dem grausigen Inhalt ruft die Mühldorfer Kriminalpolizei auf den Plan. Nur ein übler Scherz? Nein! In der Blechschatulle befindet sich tatsächlich ein menschliches Herz. Wo ist die dazugehörige Leiche? Die Ermittlungen gestalten sich sehr schwierig. Dann tauchen weitere, ähnliche Behältnisse in Mühldorf, Reischach und Salzburg auf …

Bezugsquellen und Leseprobe

EbookTaschenbuchLeseprobeBoD-Shop
Amazon
Weltbild
Thalia
GooglePlay
ebook.de
Kobo
und vielen weiteren….
Amazon
Hugendubel
Thalia
ebook.de
und im Buchhandel ISBN 9783744816595

1.

Dienstag, 04. August

„Wir haben ein Herz zu viel,“ rief der Anrufer aufgeregt. Leo Schwartz war irritiert. Die Stimme mit einem starken Schweizer Dialekt kam ihm bekannt vor, auch die Nummer auf dem Display sagte ihm etwas. Aber er kam nicht drauf.

„Nun mal langsam, beruhigen Sie sich. Wer sind Sie?“

„Bruder Siegmund.“

Jetzt dämmerte es. Bruder Siegmund war ein Mitglied des Kapuziner-Ordens in Altötting, den er während eines Falles kennengelernt hatte. Der neugierige, kleine Mann mit Rauschebart war ihnen damals eine große Hilfe gewesen.

„Ich grüße Sie,“ rief Leo erfreut, aber Bruder Siegmund ging nicht darauf ein.

„Ich bitte Sie inständig Herr Schwartz, kommen Sie schnell! Das Herz gehört hier nicht her.“

„Von welchem Herz sprechen Sie verdammt nochmal?“

„Das Herz ist in der Gnadenkapelle. Ich habe die Türen der Kapelle zugesperrt, das Herz liegt hier auf dem Boden. Ich fasse es nicht an.“ Bruder Siegmund hatte aufgelegt.

„Ist was passiert?“ wollte Hans Hiebler wissen. Den 54-jährigen, sportlichen, attraktiven Mann umgab heute wieder ein heftiger Herrenduft, den Leo ausnahmsweise als sehr angenehm empfand. Zumindest viel angenehmer als dieser penetrante Schweißgeruch, der viele Menschen in den letzten Tagen umgab. Es war heiß, verdammt heiß. Dieser Sommer schien den Hitzesommer von 2003 noch zu toppen.

„Das war Bruder Siegmund. Er faselte etwas von einem Herz in der Gnadenkapelle, das dort nicht hingehört und auf dem Boden liegt. Er sagt, dort sei ein Herz zu viel. Ich befürchte, dass der alte Mann völlig übergeschnappt ist.“

Hans wurde blass und setzte sich.

„Bruder Siegmund sprach von den Herzen, die in der Gnadenkapelle bestattet wurden. Wenn da eins zu viel ist, ist das eine Katastrophe. Lass uns gehen.“

„Moment, nicht so schnell. Was faselst du da von Herzbestattungen? Davon habe ich noch nie gehört!“ Der 50-jährige Schwabe gehörte keiner Kirche an und hatte keinen Sinn dafür. Freiwillig würde er keine Kirche betreten, beruflich blieb ihm nichts anderes übrig.

„Herzbestattungen gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Die Altöttinger Gnadenkapelle ist berühmt dafür, dass vor allem die Wittelsbacher ihre Herzen in kunstvoll verzierten Gefäßen, die Urnen oder auch Herzschalen genannt werden, dort bestattet haben. Eine alte Tradition, die bis in die heutige Zeit andauert. Wenn ich mich nicht irre, fand die letzte Herzbestattung in den 80er- oder 90er-Jahren statt.“

„Du veräppelst mich doch!“

„Keineswegs. Diese Tradition ist nicht nur bei uns in Bayern bekannt. Österreich ist eines der bekanntesten Länder, in denen das ebenfalls schon seit ewigen Zeiten gehandhabt wird. Die Habsburger praktizieren diese separaten Herzbestattungen bis in die heutige Zeit, obwohl das von der Kirche an sich nicht gern gesehen wird. Früher glaubte man, dass die Seele des Menschen im Herzen ruht und auch deshalb wurden die Herzen von Königen, Fürsten und sonstigen wichtigen Personen an einem geweihten Ort bestattet.“ Hans ging zur Tür. „Es ist kein Wittelsbacher gestorben und meines Wissens nach gab es am letzten Wochenende keine Herzbestattung in der Gnadenkapelle, das hätte ich mitbekommen. Können wir jetzt endlich fahren?“

Bruder Siegmund wartete vor der Gnadenkapelle, vor der sich eine riesige Menschentraube gebildet hatte. Alle wollten ins Innere, aber Bruder Siegmund blieb unerbittlich. Die Wallfahrer und Touristen scheuten nicht davor zurück, den armen Kapuzinermönch zu beschimpfen, was Bruder Siegmund nicht störte. Er dachte nur an das menschliche Herz, das direkt vor dem Altar auf dem Boden lag. Diesen Anblick konnte er den Menschen nicht zumuten. Endlich erspähte er Leo und Hans. Heftig winkte er ihnen zu. Unmut machte sich in der Menschenmenge breit, denn diese vermutete, dass hier zwei Personen bevorzugt wurden. Hans zeigte seinen Ausweis.

„Die Gnadenkapelle bleibt wegen einer Polizeiaktion leider für die Öffentlichkeit geschlossen. In Altötting gibt es noch viele andere, sehr interessante Sehenswürdigkeiten. Sehen Sie sich dort inzwischen um. Ich bin sicher, dass die Gnadenkapelle in wenigen Stunden wieder freigegeben wird.“

Auf die vielen Fragen, die auf ihn hereinprasselten, ging er nicht ein. Er folgte Leo und Bruder Siegmund, der die Seitentür nach dem Eintreten sofort wieder verschloss. Bruder Siegmund eilte voraus und blieb vor dem Altar der Schwarzen Madonna stehen, wo er sich mehrfach bekreuzigte. Auf dem Boden lag eine silberfarbene Schatulle. Direkt daneben ein menschliches Herz. Leo wurde schlecht. Er hatte noch nicht gefrühstückt, da seine Lebensgefährtin und Kollegin Viktoria Untermaier die ganze Nacht über Zahnschmerzen geklagt hatte. Sofort nach dem Aufstehen fuhr sie zum Zahnarzt und ließ Leo allein zurück. Er saß am Frühstückstisch und hatte keine Lust darauf, allein zu frühstücken. Jetzt bekam er ein schlechtes Gewissen. Hätte er Viktoria begleiten sollen? Schwachsinn! Seine Viktoria war mit ihren 48 Jahren und ihrem großen Mundwerk in der Lage, das allein zu meistern. Er fuhr daher früh ins Büro und jetzt war ihm kotzübel. Lag es wirklich nur an diesem Herz oder war es diese weihrauchschwangere, düstere Umgebung? Leo wendete den Blick von dem Herz ab und sah sich um. Er war bereits mehrfach hier gewesen, aber diesmal erschien ihm das Innere der Gnadenkapelle besonders unangenehm und nahm ihm fast die Luft. Wie viele Menschen waren in den letzten Jahrhunderten hier gewesen um in ihrer Verzweiflung zu bitten oder in Freude zu danken?

„Ich war heute gegen 6.30 Uhr in der Gnadenkapelle, um die Kerzen anzuzünden und ein Gebet zu sprechen,“ riss ihn Bruder Siegmund aus seinen Gedanken. „Noch während meines Gebetes habe ich diese Schatulle zwischen den anderen Herzen bemerkt. Genau dort oben war sie. Ich habe sofort gesehen: Die gehörte nicht hier her. Ich kenne jede einzelne Herzschale, dieses billige, schäbige Behältnis gehört nicht dazu. Ich dachte an einen dummen Streich. Natürlich musste dieses Behältnis umgehend beseitigt werden, schließlich haben die Wallfahrer ein Anrecht auf einen ungestörten Aufenthalt an diesem heiligen Ort. Hier hat Schabernack nichts zu suchen, dafür habe ich kein Verständnis. Also habe ich eine Leiter geholt. Und nachdem ich das Behältnis in Händen hatte, überkam mich die Neugier. Schimpfen Sie bitte nicht mit mir. Sie wissen, dass die Neugier mich ständig plagt.“ Bruder Siegmund wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn, er schwitzte stark. „Ich habe mich bei dem Anblick des Inhalts so erschrocken, dass mir das Behältnis aus den Händen geglitten und direkt vor den Altar gefallen ist. Ich habe alles so gelassen und Sie sofort angerufen.“ Die Worte sprudelten aus Bruder Sigmund heraus. Obwohl er vollkommen geschockt war, hatte er absolut richtig gehandelt. Leo entschied, einen Arzt hinzuzuziehen, nachdem er die Spurensicherung informiert hatte.

„Das Herz sieht nicht frisch aus,“ sagte Hans, nachdem er sich den Fund näher ansah. „Nicht den Hauch von Blut zu sehen. Außerdem riecht es seltsam.“ Hans kniete auf dem Boden und roch daran. Leo wurde noch schlechter.

„Steh auf und überlass das der Spurensicherung,“ sagte Leo und setzte sich in eine Bank neben Bruder Siegmund. Er sprach so lange beruhigend auf ihn ein, bis der Notarzt endlich eintraf und sich um ihn kümmerte. Endlich war auch die Spurensicherung vor Ort, Leo und Hans konnten an die frische Luft gehen und versuchen, irgendwelche Zeugen zu finden.

 

Der 41-jährige Friedrich Fuchs, Leiter der Mühldorfer Spurensicherung, hatte heute besonders schlechte Laune. Er grüßte nicht, sondern ging mit seinen Leuten durch die riesige Menschenmenge direkt in die Gnadenkapelle und gab dort knappe Anweisungen. Leo beobachtete ihn und musste sich ein Lachen verkneifen, denn er verglich den Mann immer mit einem hektischen Wiesel. Schnell hatte Fuchs alles abgesperrt und seine Mitarbeiter gingen rasch und stumm an die Arbeit. Fuchs führte ein hartes Regiment in seiner Abteilung, trotzdem waren die Jobs bei ihm aufgrund seiner Arbeit und seines umfangreichen Wissens sehr gefragt. Eine Mitarbeit in seinem Team machte sich im Lebenslauf sehr gut.

Leos Magen ging es besser, nachdem er einen Kaffee getrunken hatte. Obwohl sie viele Passanten befragten, fand sich nicht ein Zeuge, der etwas gesehen, gehört oder bemerkt hatte. Die Menschentraube hinter den Absperrbändern wurde immer größer. Alle wollten wissen, was hier vor sich ging und die ersten Gerüchte machten ihre Runde. Leo und Hans hatten sich zurückgezogen. Einer der Uniformierten überreichten ihnen Kaffee. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Vielleicht bekamen sie von Fuchs einen wertvollen Hinweis für die weiteren Ermittlungen vor Ort.

Für Leo als konfessionslosen Menschen waren diese Herzbestattungen nicht nachvollziehbar. Wer kam nur auf diese abstrusen Ideen? Leo war nun seit über zwei Jahren bei der Kripo Mühldorf, nachdem er von Ulm hierher strafversetzt wurde. Er fühlte sich zwar wohl hier, trotzdem kam er mit der hiesigen Mentalität nicht immer zurecht. Die Schwaben waren ihm vertrauter und aus seiner Sicht auch einfacher zu handhaben. Er vermisste seine alte Heimat und nahm sich fest vor, in den nächsten Wochen einen Abstecher nach Ulm zu seinen alten Freunden und Kollegen zu unternehmen, denn dort hatte er sich lange nicht mehr sehen lassen. Hans Hiebler beobachtete seinen schwäbischen Kollegen, wie er in Gedanken in seinen Kaffeebecher starrte. Er hatte sich inzwischen an den kauzigen Typen gewöhnt und schätzte ihn sehr. Auch heute trug Leo wieder eins dieser fürchterlich bunten T-Shirts mit grellbuntem Aufdruck. Hans hatte gehofft, dass Leo nach seinem 50. Geburtstag in der Beziehung endlich normal werden würde, aber der 1,90 m große Schwabe dachte nicht daran, sich irgendwie zu ändern. Leo zog seine Lederjacke aus, die er jeden Tag trug. Besaß er überhaupt eine andere Jacke? Und diese schrecklichen Cowboystiefel! Leo drehte sich mit dem Rücken zu ihm und jetzt sah Hans, dass auf dem Rücken eine riesige, knallrote Zunge prangte. Und das hier in dieser Umgebung! Nicht nur Hans bemerkte die Abbildung, auch die zahlreichen Schaulustigen, Polizisten und die Besatzung des Notarztwagens starrten auf Leos Rücken.

„Auf deinem Rücken ist eine riesige Zunge abgebildet.“

„Das weiß ich. Geil, was?“

„Meinst du wirklich, dass das hier her passt? Die Leute tuscheln schon.“

„Das ist mir doch egal. Mir gefällt auch vieles nicht.“ Leo war beleidigt, denn er war stolz auf seine ausgefallenen T-Shirts. Gerade das heutige hatte er von seiner alten Freundin und früheren Ulmer Kollegin Christine Künstle geschenkt bekommen. Das T-Shirt war sehr selten und sie hatte es auf ihrer letzten Urlaubsreise in den USA für viel Geld gekauft. Was fiel Hans eigentlich ein? Am liebsten hätte er mit seinem Kollegen darüber diskutiert, aber sie wurden von Fuchs unterbrochen.

„Wir sind fertig. Die Gnadenkapelle ist wieder freigegeben,“ sagte Fuchs.

„Irgendetwas, das Sie uns jetzt schon sagen können?“

„Nein.“

„Wann können wir mit Ihrem Bericht rechnen?“

„Sobald ich fertig bin.“ Fuchs hasste diese Fragerei, er konnte schließlich auch nicht zaubern. Die Auswertungen der Spuren konnten seine Mitarbeiter übernehmen, während er mit dem Herz so schnell wie möglich nach München in die Pathologie fuhr. Von den Spuren in der Gnadenkapelle versprach er sich nicht viel, denn es waren täglich Tausende in der Kapelle und alle Spuren zuzuordnen war unmöglich. Er legte den Fokus nicht nur auf das Herz selbst, sondern auf die silberfarbene Schatulle. Er hatte sofort gesehen, dass es sich dabei nicht um eine Antiquität handelte. Aber vielleicht konnten sie darauf verwertbare Spuren finden? Die Schatulle wollte er selbst übernehmen und hatte für eine genauere Untersuchung alles bei sich. Das konnte er in München machen, während er auf die Untersuchungsergebnisse des Herzens wartete. Er hatte keine Lust darauf, all das den Kripobeamten mitzuteilen. Wo war eigentlich diese nervige Viktoria Untermaier, die ihn und seine Arbeit immer kritisierte?

Als der kleine Bruder Siegmund endlich die beiden Türen der Gnadenkapelle aufsperrte, drängten die Wartenden ins Innere. Schnell füllte sich die winzige Kapelle und viele sahen sich um. Was war hier passiert? Warum waren die Polizei und die Spurensicherung hier? Es musste etwas Schreckliches passiert sein und die Gerüchteküche brodelte. Kaum jemand achtete auf die Schwarze Madonna, den Altar oder die vielen Kostbarkeiten der Gnadenkapelle. Die Suche nach Spuren stand bei allen im Fokus. Aber Fuchs hatte gute Arbeit geleistet, es war nicht der kleinste Hinweis übrig geblieben.

 

Viktoria Untermaier war zurück von ihrem Zahnarztbesuch und strahlte übers ganze Gesicht. Ihr wurde der Zahn gezogen und sie war endlich wieder schmerzfrei. Dass eine Zahnbehandlung folgte, sobald die Schwellung abgeklungen war, interessierte sie jetzt nicht. Auch Werner Grössert, der 40-jährige, frischgebackene Vater war längst an seinem Platz. Er kam heute eine Stunde später zur Arbeit, da er gerne bei der Impfung seiner Tochter dabei sein wollte.

„Wo sind Leo und Hans?“ wollte Viktoria schmerzfrei und gutgelaunt wissen.

„Soweit ich den Chef verstanden habe, sind sie in Altötting in der Gnadenkapelle. Dort wurde ein Herz gefunden.“

Viktoria verzog angewidert das Gesicht.

„Ein Herz? Dann haben wir ja nichts verpasst.“

Leo und Hans kamen zurück und berichteten ausführlich. Hans beschrieb in schillernden Farben, wie das Herz auf dem Boden der Gnadenkapelle gelegen hatte und untermauerte seine Schilderungen mit den Fotos, die ihm die neue Mitarbeiterin der Spurensicherung vorhin in die Hand gedrückt hatte. Leo und Viktoria waren nicht besonders scharf auf die Sichtung der vielen Fotos, eins hätte auch gereicht. Nur Werner war fasziniert und ließ sich alles nochmals ausführlich erzählen. Er ärgerte sich, dass er diesen Fund verpasst hatte.

„Was hat es mit dem Herz in der Gnadenkapelle auf sich?“ Rudolf Krohmer, der 58-jährige Leiter der Mühldorfer Polizei war neugierig. Hans schilderte zu Leo und Viktorias Leidwesen nochmals alles ausführlich und legte auch hier ein Foto nach dem anderen auf den Tisch. Krohmer hörte sich alles ohne Regung an. Die Schilderung konnte ihn nicht schocken, dafür hatte er während seiner beruflichen Laufbahn schon viel zu viel gesehen.

„Herzbestattungen waren nur dem Hochadel oder herausragenden Persönlichkeiten vorbehalten. Was soll dieser Mist? Gibt es irgendwelche Spuren? Zeugen? Kameraaufzeichnungen?“

„Nein. Keine Spuren, keine Zeugen. Auf dem Kapellplatz gibt es zwei Kameras, deren Aufzeichnungen wir vorhin gesichtet haben. Nichts Auffälliges oder Ungewöhnliches. Das Herz könnte theoretisch jeder in der Gnadenkapelle deponiert haben. Fuchs ist mit dem Herz und dem Behältnis in München. Sobald er zurück ist, meldet er sich bei uns.“

 

Fuchs berichtete am späten Nachmittag ausführlich über die Ergebnisse der Pathologie.

„Das eindeutig menschliche Herz gehört einer älteren, männlichen Person, dessen DNA nicht in unserer Kartei ist. Das Herz wurde in Formaldehyd eingelegt und dann in der Gnadenkapelle deponiert.“

„Du großer Gott! Dann suchen wir die Nadel im Heuhaufen! Wie soll man da den genauen Todeszeitpunkt herausfinden?“ Krohmer war außer sich.

„Die Pathologen machen einige Tests, das kann aber noch dauern. Sie arbeiten mit Hochdruck an der Feststellung des Todeszeitpunkts. Ich bezweifle, dass ein positives Ergebnis herauskommt. Wenn das Herz vorher in Formaldehyd eingelegt war, ist eine Todeszeitbestimmung schier unmöglich.“

„Wissen wir wenigstens, wann dieses Herz in die Gnadenkapelle gebracht wurde? Gab es Einbruchspuren?“

„Keine Einbruchspuren. Die Gnadenkapelle ist nicht immer gut besucht. Besonders sehr früh am Morgen oder spät am Abend gibt es Zeiten, in denen sich niemand oder nur sehr wenige Besucher dort einfinden. Das Herz unbemerkt zu deponieren, dürfte kein größeres Problem darstellen.“

„Bruder Siegmund ist sich ganz sicher, dass das Herz am Morgen des vorherigen Tages, also gestern am 03. August, noch nicht in der Gnadenkapelle war, das schloss er kategorisch aus. Er selbst und zwei Putzfrauen waren von 5.30 Uhr bis 6.30 Uhr in der Gnadenkapelle; zu der Zeit war noch alles in Ordnung,“ las Leo von seinen Aufzeichnungen ab.

„Bruder Siegmund hat eine Leiter gebraucht, um dort hinzugelangen, wo das Herz deponiert wurde. Zugegeben, der Mann ist sehr klein. Selbst ich würde mit meiner stattlichen Größe nicht ohne Hilfe das Herz so weit oben deponieren können. Wie soll es ohne Leiter dort raufgekommen sein?“ Hans hatte es versucht und sich gestreckt, ihm fehlten bestimmt dreißig Zentimeter.

„Da gibt es viele Möglichkeiten. Die einfachste Möglichkeit wäre die Hilfe einer zweiten Person. Mit einer Räuberleiter ist das in Nullkommanichts erledigt. Auch eine Gehhilfe wäre eine Option. Auch eine Tasche, ein kleiner Koffer oder etwas Ähnliches würde einem normal gewachsenen Menschen ausreichen, um dort hinzugelangen. Wenn ich jetzt auf die Schatulle kommen dürfte? Bei der reich verzierten Schatulle handelt es sich um ein altes Objekt aus Blech, das aber aufgrund des billigen Materials und der nicht sehr hochwertigen Verarbeitung keinen großen Wert darstellt. Meine Recherchen haben ergeben, dass in dieser Art Schatulle ab 1952 bis 1974 Uhren und Modeschmuck der Münchner Manufaktur Schneck & Sohn verkauft wurden. Danach wurden die Verpackungen auf Plastik umgestellt, was ich persönlich sehr schade finde. Die Firma Schneck & Sohn gibt es seit über zwanzig Jahren nicht mehr.“

„Schneck & Sohn kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend. Die Artikel dieser Firma waren damals bei den Damen sehr beliebt. Auch meine Mutter und meine Schwester besaßen diese Dosen, die mein Vater zur Aufbewahrung von Schrauben und Muttern zweckentfremdet hat. Von diesen Dosen dürften auch heute noch tausende in Umlauf sein. Haben Sie wenigstens irgendwelche Spuren gefunden?“

Fuchs ärgerte sich über die abfällige Bezeichnung dieser doch sehr ansprechenden Schatulle. Sie als einfache Dose zu bezeichnen, war ein Frevel. Die vielen Verzierungen und die Verarbeitung, die zwar Massenware war, war doch weit ansprechender als irgendeine Dose. Die Firma hatte sich mit den Verpackungen ihrer Artikel zur damaligen Zeit noch richtig Mühe gegeben; nicht so wie heute, wo alles nur lieblos in Plastikbeuteln verpackt wird.

„In und auf der Schatulle sind außer den Abdrücken des Klosterbruders keine weiteren Fingerspuren. Allerdings konnte im Inneren ein Haar sichergestellt werden.“

„Ein Haar? Besser als nichts. Wie sieht es mit der DNA aus?“

„Es handelt sich um kein menschliches Haar. Es ist ein Katzenhaar einer Siamkatze mit hellem Fell.“

„Das ist alles? Mehr haben Sie nicht? Nur ein Katzenhaar?“ Krohmer war enttäuscht. Er hatte sich mehr davon versprochen.

„Leider ja.“

„Ich sehe keinen Ermittlungsansatz. Wir wissen weder, wem das Herz gehörte oder wann derjenige verstorben ist. Wie sollen wir bei den dürftigen Angaben den Körper zu dem Herz finden?“

„Das ist völlig aussichtslos. Gehen wir davon aus, dass wir es mit einer Einzeltat von einem Spinner zu tun haben. Legen wir den Fall zu den Akten. Und kein Wort an die Presse! Ich habe keine Lust, dass die Geschichte aufgebauscht wird und wir damit einen dummen Menschen auf dumme Ideen bringen. Wie gesagt: Der Herzfund ist ein Einzelfall.“

Dass Krohmer damit falsch lag, wusste er noch nicht.

 

 2.

 

Drei Wochen später: Mittwoch 19. August.

 

„Bitte ganz ruhig. Atmen Sie tief durch. Wer sind Sie? Wie ist Ihr Name?“ Viktoria versuchte, die Anruferin zu beruhigen, die so schnell sprach, dass sie sie kaum verstand.

„Kerbel, Sabine Kerbel. Ich bin Putzfrau in der St.Nikolaus-Kirche in Mühldorf. Ich habe eine Blechdose gefunden. Und darin ist etwas Blutverschmiertes. Es sieht aus wie eine Leber oder ähnliches. Ich kenne mich da nicht aus, aber es ist furchtbar ekelhaft. Bitte kommen Sie schnell.“

Viktoria wurde übel. Sie hatte den Herzfund in der Altöttinger Gnadenkapelle schon fast vergessen. Jetzt erinnerte sie sich sofort an jede Kleinigkeit.

„Bleiben Sie wo Sie sind. Fassen Sie nichts an und lassen Sie keine anderen Personen in die Kirche. Wir sind in wenigen Minuten bei Ihnen.“

Viktoria unterrichtete ihre Kollegen, die ebenso geschockt waren, wie sie selbst. Auch sie hatten das Herz der Gnadenkapelle schon vergessen. Sie fuhren sofort los. Was würde sie heute erwarten? Trieb sich ein Irrer herum, der in Kirchen Innereien verteilte?

 

Die St.Nikolaus-Kirche befand sich am Kirchplatz in der Nähe des Mühldorfer Stadtplatzes. Als sie sich der Kirche näherten, kam ihnen eine aufgeregte Frau Ende fünfzig entgegen.

„Kommen Sie mit, schnell!“ Sie lief voraus und die anderen hatten Mühe, ihr zu folgen. „Da hinten liegt es, gleich neben den Altarstufen. Ich gehe nicht weiter, ich will mir das nicht nochmal ansehen.“

Die Kripo-Beamten gingen zum Altar und starrten auf den Boden.

„Das ist ein Herz,“ sagte Hans. „Und wieder ein silberfarbenes Behältnis, wie in Altötting. Allerdings ist das Blut noch recht frisch, womit wir zumindest den Todeszeitpunkt des Besitzers eingrenzen können.“

Das war das zweite Herz in drei Wochen. Viktoria hatte angenommen, dass es sich mit dem aufgefundenen Herz in der Altöttinger Gnadenkapelle um eine einmalige Sache handelte. Und jetzt das! Sie rief umgehend Friedrich Fuchs an, der nach wenigen Minuten mit seinen Leuten vor Ort war.

„Wo genau haben Sie dieses silberne Behältnis gefunden?“ fragte Hans Frau Kerbel, die kreidebleich war.

„Dort hinten. Sehen Sie die Nische neben dem Altar? Dort war das Ding deponiert. Es war gut versteckt. Das hätte Wochen dauern können, bis das jemandem aufgefallen wäre.“

„Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?“

„Im Augenwinkel habe ich etwas glitzern sehen. Ich putze hier schon seit Jahren zu jeder möglichen Tageszeit. In dem Eck hat noch nie etwas geglitzert. Also habe ich nachgesehen. Ich nahm diese Dose aus der Nische und muss zugeben, dass ich diese aus Neugier geöffnet habe. Als ich den Inhalt sah, ließ ich alles fallen und habe sofort die Polizei angerufen. Was ist das für ein ekliges Ding? Eine Leber?“

„Es ist ein Herz,“ sagte Hans, worauf Frau Kerbel kreidebleich wurde und damit zu kämpfen hatte, sich nicht übergeben zu müssen. Sie setzte – sich so weit weg wie möglich – in eine Bankreihe.

Hans ging zu der beschriebenen Stelle; er reichte aus dem Stand problemlos an die Nische. Hier konnte man ohne Hilfe hingelangen. Fuchs beobachtete ihn bei dieser Aktion und warf ihm einen strengen Blick zu.

„Keine Sorge Kollege, ich fasse nichts an.“

„Was können Sie mir sagen Herr Fuchs?“ drängelte Viktoria, die die Kollegen der Spurensicherung nicht aus den Augen ließ und dadurch mächtig Druck aufbaute. „Kann man aufgrund des Zustands des Herzens den Todeszeitpunkt eingrenzen?“

„Das kann man und das wissen Sie auch. Trotzdem werde ich keine groben Schätzungen abgeben, das müssten Sie doch wissen. Die Vorgehensweise ist wie bei dem Altöttinger Herz,“ schnauzte Fuchs zurück.

„Gut. Aber beeilen Sie sich.“

„Es dauert nun mal so lange, wie es dauert. Oder denken Sie, dass ich mit meiner Arbeit trödle?“ Wieder diese unverschämte Art und Weise von Frau Untermaier. Sie ist zwar die Chefin der Mordkommission, aber noch lange nicht sein Chef. Was bildet sich die Frau eigentlich ein? Um einer weiteren Konfrontation aus dem Weg zu gehen, ließ Fuchs Frau Untermaier stehen. So, wie er sie kannte, würde sie vor einer ausführlichen Diskussion nicht zurückschrecken.

 

„Dort hinten im Gebüsch ist jemand,“ sagte Hans zu Leo, als sie die Kirche verließen. Die Spurensicherung war bereits unterwegs, Viktoria und Werner waren vor einer halben Stunde gegangen. Hans hatte die beiden weggeschickt. Auch, weil er einen Streit zwischen Viktoria und Fuchs vermeiden wollte; er hatte keine Lust auf den Mist.

„Du hast Recht. Auf drei. Eins, zwei, drei!“ Hans und Leo rannten los, woraufhin zwei Jungs aus dem Gebüsch auftauchten und versuchten, zu verschwinden. Die Polizisten waren schneller und bekamen sie nach wenigen Minuten zu fassen.

„Was macht ihr hier?“

„Die Frage kannst du dir sparen Leo. Meiner riecht nach frischem Zigarettenrauch und Bier. Schnupper mal an deinem,“ sagte Hans.

„Ihr habt hier geraucht und Bier getrunken? Wie alt seid ihr? Und warum seid ihr nicht in der Schule?“

Als beide Namen, Geburtsdaten und Adressen angaben, begann der, den Leo festhielt, zu weinen.

„So harte Jungs seid ihr also,“ sagte Leo und lockerte den Griff. Sie hatten den beiden einen gehörigen Schreck eingejagt.

„Wie lange seid ihr schon hier?“

„Seit halb 8,“ flüsterte der, den Hans festhielt. Leo und Hans erkannten sofort ihre Chance.

„Machen wir einen Deal. Ihr erzählt uns, was ihr gesehen habt. Dafür versprecht ihr uns, dass ihr nicht mehr raucht und keinen Alkohol mehr trinkt, bis ihr 16 seid. Die Schule nicht mehr zu schwänzen versteht sich von selbst. Und wenn wir mit den Informationen zufrieden sind, werden wir euch nicht an eure Eltern ausliefern. Deal?“

Die beiden Jungs sahen sich an und konnten ihr Glück kaum fassen.

„Deal,“ sagten sie beide. „Ich habe nicht viel gesehen. Hier ist morgens nicht viel los, deshalb kommen wir hierher. Ich schwöre, dass wir nur selten hier sind. Heute kam uns von der Kirche eine Nonne entgegen.“

„Das stimmt, ich habe sie auch gesehen.“

„Wie sah sie aus? Könnt ihr sie beschreiben?“

„Wie Nonnen halt so aussehen. Schwarz von oben bis unten. Um den Hals hatte sie eine Kette mit einem großen Holzkreuz. Wir haben sie gegrüßt, aber sie hat den Kopf weggedreht.“

„Wie alt war sie?“

„Keine Ahnung. Bestimmt alt, junge Frauen werden heute doch nicht mehr freiwillig Nonnen.“

„Die ganz hässlichen vielleicht,“ sagte der andere und beide lachten.

„Nicht frech werden Jungs. Noch was?“ Die beiden hörten sofort auf zu lachen und schüttelten die Köpfe. „Gut, ich will euch mal glauben. Denkt an euer Versprechen, wir behalten euch im Auge!“ Leo und Hans ließen die beiden laufen und sahen ihnen lachend hinterher. Auch sie waren in ihrer Kindheit und Jugend keine Engel gewesen.

 

„Schon wieder ein Herzfund in einer Kirche?“ Rudolf Krohmer war erschrocken, als ihn seine Beamten über den neuesten Fund informierten.

„Bezüglich des Herzens sind wir uns sicher. Fuchs ist damit in München und informiert uns, sobald er wieder zurück ist. Diesmal haben wir es nicht mit einem konservierten Herz zu tun, dieses Herz war definitiv frisch, wodurch wir den Todeszeitpunkt des Besitzers eingrenzen können. Wir haben große Chancen, den zugehörigen Leichnam zu finden.“

„Und das Behältnis?“

„Wieder eine silberfarbene Schatulle, allerdings diesmal eckig und nicht rund.“ Leo legte Krohmer die Fotos vor.

„Stimmt, diese Dosen gab es in verschiedenen Formen und Größen. Wollen wir hoffen, dass Fuchs diesmal irgendeine Spur findet, die uns zu dem Irren führt, der diese Herzen in Kirchen verteilt.“

„Sie gehen von einer Person aus?“

„Sicher! Denken Sie wirklich, dass zwei voneinander unabhängige Personen denselben irren Gedanken haben? Niemand von uns hat geplaudert und nichts ist an die Öffentlichkeit durchgedrungen, das hätte ich mitbekommen. Nein, wir haben es ganz sicher mit einer Person zu tun, die meines Erachtens nach sehr gläubig ist.“

„Auf jeden Fall katholisch. Dazu würde die Nonne passen, die zwei Zeugen gesehen haben wollen. Eine Beschreibung haben wir nicht.“

„Nonnen sind in unserer Gegend nichts Besonderes, vor allem nicht in der Nähe einer katholischen Kirche. Ich möchte nicht daran glauben, dass eine Nonne die Herzen deponiert.“

„Es muss ja keine echte Nonne sein, vielleicht nur eine Tarnung?“

„Mag sein. Trotzdem glaube ich an einen sehr gläubigen, katholischen Menschen, der aus irgendeinem Grund Herzen in Kirchen deponiert.“ Werner hatte sich nach dem Herzfund in der Altöttinger Gnadenkapelle umfassend über Herzbestattungen informiert.

„Wegen der Herzbestattung? Das können Sie vergessen Herr Grössert. Die getrennte Bestattung von Herz, auch den anderen Innereien und dem Leichnam gibt es schon seit der Antike und ist keine Erfindung der Katholiken.“

„Aber seit dem Mittelalter bis in die heutige Zeit werden vor allem Päpste, Bischöfe, gekrönte Häupter und hohe Adlige auf diese Weise bestattet. Und die sind seit dem Mittelalter allesamt katholisch. Außerdem wurden die Herzen in katholischen Kirchen platziert.“ Werner Grössert beharrte auf dieser Tatsache. Was in der Antike Usus war, interessierte ihn nicht. Für ihn zählten die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart. Werner trug auch heute bei der höllischen Hitze einen Anzug, Hemd und Krawatte. Während alle wegen der hohen Temperaturen stöhnten, schien er sie überhaupt nicht zu bemerken. Diese Herzbestattungen faszinierten ihn. Er interessierte sich für Traditionen der Bestattungsarten. Überhaupt hatten ihn der Tod und die damit verbundenen Gepflogenheiten schon seit der frühesten Kindheit fasziniert. Vor allem alte Grabkreuze fand er wunderschön und würde sich am liebsten welche zur Dekoration in den Garten stellen, aber seine Frau war dagegen. Sie fand sein Interesse an antiken, vor allem schmiedeeisernen Grabkreuzen abartig und gruselte sich davor. Was Werner nun wiederum überhaupt nicht verstand. In diesen Grabkreuzen vereinten sich Kunst, Tradition und Geschichte.

„Irgendwelche Kameraaufzeichnungen in der Umgebung beider Kirchen?“

„Negativ. Wir haben zwar eine Kamera in der Nähe der Kirche, aber die vielen Personen auszuwerten würde Monate dauern. Trotzdem werden wir die Aufzeichnungen sichten, vielleicht kann man die vermeintliche Nonne darauf besser sehen.“

„Zu dem Thema Kamera möchte ich kurz anmerken, dass ich mit dem Guardian der Kapuziner, Bruder Paul, vorhin gesprochen habe. Ich habe dringend angeraten, eine Kamera im Inneren der Gnadenkapelle Altötting anzubringen. Die zuständigen Herren haben das abgelehnt. Sie wollen die Ruhe und die Gebete der Gläubigen nicht stören. Obwohl ich die Argumente durchaus verstehen kann, könnte man durch eine Überwachungskamera eine weitere, private Herzbestattung sofort aufdecken und wir könnten den Übeltäter schnellstmöglich dingfest machen.“

„Dann ist den Herren auch nicht zu helfen. Wir gehen also davon aus, dass es sich bei demjenigen, der die Herzen in beiden Kirchen deponiert hat, um einen Katholiken handelt? Ist das alles von Ihrer Seite?“

„Wir müssen auf Fuchs warten, dann haben wir hoffentlich irgendeinen Ermittlungsansatz, der uns weiterbringt.“

„Hoffentlich haben wir es nicht mit einem Spinner zu tun,“ murmelte Leo. Auch die anderen hatten bereits an diese Möglichkeit gedacht, denn wer kam schon auf die Idee, Herzen in billigen Behältnissen in Kirchen zu verteilen?

 

Die Auswertung der Kameraaufzeichnungen vom Mühldorfer Stadtplatz war deprimierend. Die Bilder waren unscharf und man hatte Mühe, Männer von Frauen zu unterscheiden. Eine Nonne war nirgends zu sehen. Nachdem Krohmer die Bilder gesehen hatte, rief er umgehend den Bürgermeister an.

„Ich weiß um die Qualität der Bilder. Aber die Stadt kann sich keine neue Kamera leisten,“ versuchte sich der Bürgermeister zu rechtfertigen.

„Und warum läuft die Kamera trotzdem und verursacht unnötige Kosten? Die Bilder sind unbrauchbar und somit hat die Kamera außer einem psychologischen Zweck keinerlei Daseinsberechtigung.“

„Das wissen wir auch. Trotzdem hat der Stadtrat beschlossen, die Kamera dort zu lassen, wo sie ist.“ Der Bürgermeister war beleidigt, dass Krohmer eine der Schwachstellen des Stadtplatzes infrage stellte. Er wusste selbst, dass die Kamera, die vor Jahren sündhaft teuer gewesen war, nichts brachte. Aber das Ding wurde nun mal aus Steuergeldern finanziert und war gegen den Protest vieler Bürger angebracht worden. Immer wieder ist er gegen die Argumente aufgebrachter Bürger, die sich beobachtet und überwacht fühlten, mit dem Gegenargument der Sicherheit angetreten. Schon nach dem ersten Winter hatten sie feststellen müssen, dass die Bildqualität sehr gelitten hatte. Nachbesserungen der Herstellerfirma waren nicht zufriedenstellend und er hatte persönlich immer wieder darauf gedrängt, nachzubessern. Er wurde vertröstet und hingehalten, bis ihm vor drei Jahren aus heiterem Himmel die Nachricht erreichte, dass die Herstellerfirma Konkurs angemeldet hatte. Was hätte er der Bevölkerung sagen sollen? Der Stadtrat hatte in einer nichtöffentlichen Sitzung beschlossen, die Kamera dort zu lassen, obwohl die Mängel auf dem Tisch lagen. Das ging die ganze Zeit gut und er hatte nicht mehr daran gedacht, bis ihn jetzt dieser Krohmer darauf aufmerksam machte. Heute Abend gab es einen großen Empfang mit einer Delegation der ungarischen Städtepartnerstadt Cegléd, wobei er keine Kritik an seiner Stadt brauchen konnte. Er zeigte sich gerne mit Mühldorf von der besten Seite. Würde Krohmer den anderen gegenüber über diesen wunden Punkt den Mund halten?

 

Am späten Abend kam Fuchs endlich aus München zurück und alle waren gespannt auf seinen Bericht. Fuchs genoss die Aufmerksamkeit. Er trödelte absichtlich und sprach so ausführlich wie möglich, um die Spannung zu steigern. Krohmer hatte genug von seinen langgezogenen Ausführungen und wies ihn zurecht.

„Kommen Sie endlich auf den Punkt Herr Fuchs. Wir haben alle noch viel Arbeit.“

Fuchs war beleidigt und fasste zusammen.

„Männlich, Alter ungefähr 60-80 Jahre. Todeszeitpunkt bei Auffindung ca. 36 Stunden zuvor. Vernarbungen aufgrund von zwei Hinterwandinfarkten deutlich erkennbar,“ schnellte es jetzt aus ihm heraus und er warf die zugehörigen Fotos einfach nacheinander auf den Tisch. „Keine Spuren am Herz selbst.“

„Der Todestag ist somit der 17. oder 18. August. Der Hinweis auf die beiden Hinterwandinfarkte ist sehr interessant, das dürfte in einem ärztlichen Krankenblatt vermerkt sein. Irgendwelche Spuren an der Dose?“

„Außer den Fingerspuren der Putzfrau konnten keine weiteren sichergestellt werden. Keine Wischspuren, die Person muss Handschuhe getragen haben. Es gibt aber eine gute Nachricht:  Wir konnten an der Innenseite des Deckels Seifenrückstände feststellen. Ich habe mit Hilfe der Münchner Kollegen die Marke der Seife herausbekommen. Es gibt da ein neues Verfahren, die einzelnen Substanzen….“ Fuchs war euphorisch, denn dieses Verfahren war ihm vollkommen unbekannt und er würde gerne ausführlich berichten und erklären. Aber Krohmer bremste ihn abermals.

„Ich bitte Sie Herr Fuchs, nur die Kurzfassung. In einer Stunde habe ich einen Termin im Rathaus, vorher muss ich mich noch umziehen.“

„Wie Sie wollen. Die Seifenrückstände gehören zur Kernseife Ludwig der gleichnamigen Seifenfabrik in München. Das Traditionsunternehmen wurde damals noch zur Zeit König Ludwig I. 1866 gegründet und hat 1972 die Pforten schließen müssen. Das Gebäude wurde 1978 aufgrund von Straßenbaumaßen abgerissen. Unterlagen der Firma sind nicht mehr auffindbar. Ich habe erfahren, dass die Seifenfabrik Ludwig ganz München und Umgebung mit Kernseifen, später dann auch mit Waschmittel und Duschgel beliefert hat. Die Produkte waren sehr beliebt und es gab einen Aufschrei in der Bevölkerung, als die Seifenfabrik schließen musste. Man munkelte von Misswirtschaft in der Chefetage und absichtlicher Insolvenz-Verschleppung. Aber das sind nur Gerüchte.“

„Die Seifenfabrik Ludwig sagt mir nichts, davon habe ich noch nie gehört. Ich denke, dass wir diese Spur getrost vergessen können.“ Krohmer stand auf und verabschiedete sich. Sein Termin, auf den er nicht scharf war, saß ihm im Nacken. Das würde wieder einer der langweiligen Abende werden, bei denen sich alle Anwesenden selbst beweihräucherten, die ungarischen Gäste hofierten und wo sich alle gegenseitig anschleimten. Dieser Abend würde sich wieder endlos in die Länge ziehen. Aber als Chef der Polizei konnte er nicht kneifen, er musste dort auftauchen. Früher hatte ihn seine Frau begleitet, was den Abend erträglicher machte. Aber seit über einem Jahr weigerte sie sich und erfand immer wieder neue Ausreden.

Fuchs war sauer, dass man seine Arbeit bezüglich der Seife nicht besser würdigte. Es war aufwändig gewesen, die genaue Seife festzustellen, was hier offensichtlich niemanden interessierte. Wieso waren die Kollegen immer so undankbar und mit seinen Ergebnissen unzufrieden? Er konnte nur mit dem arbeiten, was zur Verfügung stand, schließlich konnte er nicht zaubern!

Auch die anderen waren enttäuscht, sie hatten mehr Hinweise erhofft. Jetzt galt es, einen Verstorbenen zu finden, der am 17. oder 18. August verstorben ist und dem ein Herz fehlt. Wo starb der Mann? Das konnte überall sein! Das würde eine Sisyphusarbeit werden und jede Menge Probleme bedeuten. Wenn es keine leiblichen Verwandten des Verstorbenen gab, mit denen sie die DNA des Herzens vergleichen konnten, mussten sie wohl oder übel die Leiche exhumieren. Sie standen auf und wollten gehen, nur Leo bewegte sich nicht.

„Was ist mit dir?“

„Wenn diese Seifenfabrik 1972 geschlossen wurde, dürften doch noch Mitarbeiter leben, die uns zu Kunden Angaben machen können.“

„Bist du irre? Was glaubst du, wie viele Kunden diese Seifenfabrik hatte.“

„Ganz so viele können es nicht gewesen sein. Ich kannte die Seife nicht. Und an eurer Reaktion habe ich gemerkt, dass ihr sie auch nicht kennt. 1972 waren wir alle schon geboren, bis auf Werner. Diese Seife müsste wenigstens einem von uns etwas sagen, zumindest dem Chef.“ Leo sah seine Kollegen an, die ins Grübeln kamen. „Wir könnten es wenigstens versuchen.“

„Und wie sollen wir diese Mitarbeiter finden?“

„Keine Ahnung, uns wird schon etwas einfallen.“ Die Polizisten machten sich sofort an die Arbeit und suchten im Internet nach Spuren der Seifenfabrik Ludwig. Hans war der erste, der auf die entscheidende Information stieß. Es gab eine Gruppe ehemaliger Seifen-Ludwig-Mitarbeiter, die sich im Restaurant Tanneck im Münchner Süden monatlich trafen. Dies war vor zwei Jahren einer Münchner Tageszeitung ein Artikel wert, der ihnen nun die Information lieferte. Hans rief umgehend im Restaurant Tanneck an und schilderte sein Anliegen. Das Gespräch war schwierig, denn die Geräuschkulisse war sehr hoch.

„Sie meinen die Seifen-Ludwigs? Ja, die kommen immer am ersten Donnerstag im Monat. Die Mitgliederanzahl schrumpft von Jahr zu Jahr, die Alten sterben weg. Ich kann Ihnen die Nummer vom Hias geben.“ Der Wirt wiederholte mehrfach die Telefonnummer, die Hans sofort wählte, als er aufgelegt hatte.

„Kriminalpolizei Mühldorf, mein Name ist Hiebler. Ich bin auf der Suche nach einem ehemaligen Mitglied der Seifenfabrik Ludwig. Meine Informationen besagen, dass ich bei Ihnen richtig bin.“

„Das stimmt, ich war bis zur Schließung Vorabeiter bei den Ludwigs, wie wir unsere Seifenfabrik nannten. Sie machen mich neugierig Herr Hiebler. Warum interessiert sich die Kriminalpolizei für die Ludwigs?“

„Bei Recherchen zu einem komplizierten Fall stießen wir auf die Seifenfabrik Ludwig. Wir sind auf der Suche nach Informationen über die damaligen Vertriebswege.“

„Da haben Sie Glück! Die Chefetage wollte, dass wir die entsprechenden Unterlagen entsorgen. Ich habe einige Ordner widerrechtlich mit nach Hause genommen. Sie stehen in meinem Keller. Hätte ich das jetzt nicht sagen dürfen? Können Sie mich dafür heute noch belangen?“

Hans musste lachen. Der Mann, von dem er nur den Namen Hias bisher wusste, sprach tiefen, bayrischen Dialekt und war noch völlig fit. Wie alt könnte der Mann heute sein?

„Nein, dafür bekommen Sie keine Probleme mehr. Ganz im Gegenteil. Ich würde mir die Unterlagen gerne ausleihen.“

„Sie rufen von Mühldorf am Inn an?“

„Richtig.“

„Dann bringe ich Ihnen die Unterlagen morgen vorbei. Ich wollte schon lange einen kleinen Ausflug machen, konnte mich aber für kein Ziel entscheiden. Mein Wagen müsste sowieso mal wieder bewegt werden. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Hans wollte widersprechen, aber der Mann hatte bereits aufgelegt. Konnte er dem vermutlich sehr alten Mann diese Reise überhaupt zumuten? Aber er war erwachsen und konnte somit selbst entscheiden.

Nun galt es, die Verstorbenen im fraglichen Zeitraum zu ermitteln. Es gab sechs verstorbene Herren im Altöttinger und Mühldorfer Landkreis, die vom Alter her in ihr Raster passten. Aber es war schon nach 20.00 Uhr und die Familien der Verstorbenen um diese Uhrzeit zu belästigen war nicht sehr einfühlsam. Sie wollten sich gleich morgen früh darum kümmern.

„Machen wir für heute Schluss. Ich freue mich nach der drückenden Schwüle der vergangenen Wochen und dem Gewitterwochenende auf einen lauen Biergartenbesuch. Wer kommt mit?“ Leo war begeistert, dass sich nicht nur Viktoria, sondern auch Hans anschlossen. Werner wäre bestimmt auch gerne mitgegangen, aber er hatte zuhause Frau und Baby, die auf ihn warteten.

Die drei unterhielten sich noch lange über die Herzfunde und konnten sich keinen Reim darauf machen, welches kranke Hirn auf diese Idee kam. Sie gingen nochmals alle Möglichkeiten durch, bis sich Hans verabschiedete. Er hatte am Wochenende eine neue Eroberung gemacht und wollte diese von der Arbeit abholen. Die Frau, von der Hans nur den Vornamen Martha bekanntgab, arbeitete in der Altenpflege und hatte Spätschicht. Sie wird Augen machen, wenn er mit einem Blumenstrauß vor dem Altenheim steht und sie überrascht!

 

Viktoria und Leo waren gerade zuhause angekommen, als sie ein Anruf erreichte: Der Mesner der St.Nikolaus-Kirche. Er war sehr aufgeregt und sprach schnell. Leo hatte Mühe, den Mann zu verstehen.

„Noch ein Herz in der St.Nikolaus-Kirche,“ sagte Leo erschrocken und startete den Wagen. Viktoria informierte die Kollegen, die fast zeitglich mit ihnen bei der St.Nikolaus-Kirche eintrafen. Der Mesner wartete vor der Kirche und winkte ihnen zu. Er ging voraus direkt auf den Altar zu. Dort angekommen zeigte er auf die rechte Seite.

„Dort ist es, ich habe es nicht angefasst. Nachdem die Reinigungskraft der Kirche Frau Kerbel mich heute ausführlich über den Fund informierte, war ich zum Glück vorgewarnt. Sie können sich nicht vorstellen, wie erschrocken ich war, als ich diesen Behälter dort entdeckt habe.“ Der Mesner war völlig außer sich und wischte sich immer wieder über Stirn und Mund. Als ihm die Putzfrau von dem Fund erzählte, war er noch froh darüber, dass er das Herz nicht gefunden hatte. Und jetzt das! Er war wegen einem Bibelabend im Gemeindehaus nicht dazugekommen, die Kirche für den morgigen Gottesdienst, dem eine Taufe angeschlossen wurde, herzurichten und hatte dies zur späten Stunde nachgeholt.

Fuchs ging routiniert seiner Arbeit nach und fuhr noch in der Nacht in die Pathologie nach München. Er war gespannt darauf, was dieser Fund für Spuren ans Tageslicht bringen würde, zumal auch dieses Herz wie das vorangegangene ebenfalls einen sehr frischen Eindruck machte.

Noch in derselben Nacht versuchten die Polizisten, die Bilder der Kamera zu sichten und Passanten zu befragen. Die Bilder waren wie erwartet sehr unscharf und man konnte auch jetzt absolut nichts erkennen. Die befragten Passanten hatten nichts gesehen oder gehört, obwohl aufgrund der warmen Nacht noch viele unterwegs waren.

Jetzt hatten sie es mit drei Herzen zu tun. Welcher Spinner trieb in ihrem Zuständigkeitsbereich mit diesem Wahnsinn sein Unwesen? Und was würde noch auf sie zukommen?