GIERSCHLUND


Leo Schwartz… und das tödliche Geheimnis

Die Freunde Noah und Julian, beide neunzehn Jahre alt, haben ein außergewöhnliches Hobby. Sie heizen nachts mit ihren frisierten Mofas herum; immer dort, wo sie niemand sieht und wo sie nicht gestört werden. Bei einer Challenge auf einem Grundstück bei Burgkirchen verschwindet Julian plötzlich im Erdboden. Noah findet seinen Freund in einem tiefen Loch wieder, auf einem Berg von Fässern und Kanistern liegend. Julian bewegt sich nicht und reagiert auch nicht auf seine Rufe. Noah kann seinem Freund nicht helfen, das Loch ist viel zu tief. Er muss schnell Hilfe holen.
Auf dem unebenen Feldweg kommt er mit seinem Mofa nur langsam voran. Dann bemerkt er einen Wagen hinter sich. Erleichtert steigt er vom Mofa und geht winkend dem Wagen entgegen.
Der Fahrer hält auf ihn zu und gibt Gas. Er muss den vermeintlichen Mitwisser beseitigen…

140 Seiten     Taschenbuch  €  7,90     Ebook  € 2,99

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im Buchhandel ISBN 9783744893961
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1.

 

Der neunzehnjährige Noah Geiger gab alles. Er fuhr mit seinem alten, frisierten Mofa so schnell er konnte, aber das war nicht genug. Er musste Hilfe holen und durfte keine Zeit verlieren. Sein Smartphone hatte er nicht mitgenommen, das lag in Julians Wagen. Er und sein bester Freund Julian Brechtinger nahmen auf ihren nächtlichen Touren nichts mit. Das hatten sie vereinbart, nachdem sie vor acht Monaten einen Geldbeutel verloren aber zum Glück wiedergefunden hatten. Nichts sollte sie behindern oder vielleicht auch verraten. Julian und er fuhren nachts ab und zu mit ihren schrottreifen, nicht angemeldeten und auch nicht für die Straße zugelassenen Mofas auf verlassenem Gelände herum und hinterließen oft Schäden, die sie natürlich nie meldeten. Auch ihre uralten Mofas aus den achtziger Jahren wurden regelmäßig demoliert. Aber das war nicht schlimm, daran bastelten sie dann jede freie Minute, um sie für ihre nächste nächtliche Tour wieder fit zu machen. Niemand wusste von ihrem Hobby, das sie neben der Schule ausübten. Julian und er gingen aufs Gymnasium, nächstes Jahr hatten sie Abitur und danach sollte es auf die Uni gehen. Was sie studieren wollten, wussten sie noch nicht, darüber hatten sie sich nur wenige Gedanken gemacht und dafür war für ihre Begriffe auch noch jede Menge Zeit. Für die Mofas und alles, was dazugehörte, hatten sie in Burghausen eine Garage angemietet, die Kosten hierfür konnten sie locker aus ihren üppigen Taschengeldern bezahlen. Ihre Garage war ihr Reich, hier konnten sie ungestört an ihren Fahrzeugen basteln, was weder bei ihm zuhause, noch bei Julian möglich gewesen wäre. Ihre Familien hätten kein Verständnis für ihr Hobby gehabt. Für seine und für Julians Eltern, die alle sehr erfolgreich waren, stand die Schule im Vordergrund. Musikunterricht oder eine angesehene Sportart wäre noch akzeptabel gewesen. Das Herumschrauben an Mofas und die nächtlichen Touren gehörten nicht zu der Art von Zeitvertreib, die die Eltern für ihre Sprösslinge vorgesehen hätten. Heute Nacht waren sie wieder auf Tour gewesen. Das Gelände war geradezu perfekt für ihr Vorhaben. Bis Julian verunglückte.

 

Noah gab Gas. Er war fast alleine unterwegs. Normalerweise fuhren er und Julian immer auf Schleichwegen, die sehr viel länger waren. Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Er musste weg und kam für seine Begriffe viel zu langsam voran. Die sternenklare Julinacht und der Vollmond spielten ihm zu, denn die Reifen hatten nur wenig Profil und die Beleuchtung war sehr spärlich. Für heute Nacht hatte Noah ein Gelände bei Burgkirchen ausgesucht, das mit einem angrenzenden kleinen Waldstück geradezu ideal für eine Challenge zwischen den beiden gewesen war. Wie immer hatten sie die Mofas in den Kofferraum von Julians Auto geladen, das jetzt auf einem Supermarktparkplatz in Burgkirchen stand, von wo aus sie weggefahren waren. Das war sein Ziel, dort wollte er hin. Der Autoschlüssel lag wie immer unter dem linken Vorderreifen.

Noah war nicht mehr weit entfernt. Er hatte vielleicht noch drei Kilometer vor sich, musste die Straße überqueren und dann konnte er endlich Hilfe holen.

Julian konnte er nicht helfen, dazu war er nicht in der Lage. Sein bester Freund war einfach im Boden verschwunden, mitsamt seinem Mofa. Das ging alles so schnell, dass er nicht reagieren konnte.

Noah war sofort zu ihm geeilt und konnte nicht fassen, welch tiefes Loch vor ihm lag. Wie sollte er da hineingelangen? Mehrmals rief er Julians Namen, aber der antwortete nicht. Irgendwie gelang es Noah, mit der lächerlichen Funzel seines Mofas in das Loch zu leuchten. Endlich sah er Julian und das Mofa auf einem Berg von Fässern. Sein Freund bewegte sich nicht. Noah war verzweifelt. Er rief und schrie, bis er sich endlich dazu entschloss, Hilfe zu holen. Dafür musste er zur Hauptstraße. Hier in dieser verlassenen Gegend gab es niemanden, der ihm helfen konnte.

Noah fuhr auf dem schmalen Feldweg, den er in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. Er kam nur langsam voran, viel zu langsam. Vielleicht gab es noch Hoffnung für seinen Freund? Ständig hatte er das Bild vor Augen, wie Julian leblos in der Grube lag. Sein erster Gedanke war, dass er tot sein musste, und daran dachte er auch jetzt. Nein, das durfte nicht sein!

Noah merkte nicht, dass er weinte. Er konnte die Straße noch nicht sehen, die er zu überqueren hatte. Auch das beleuchtete Firmenschild des Supermarktes tauchte immer noch nicht auf.

Dann hörte er hinter sich einen Wagen. Konnte das wahr sein? Noah konnte sein Glück kaum fassen und hielt an. Er stieg ab und ging winkend auf den Wagen zu, der viel zu schnell fuhr.

Dann gab es einen fürchterlichen Knall.

 

 

 

  2.

 

„Unfall mit Todesfolge“, war die knappe Auskunft des vierundfünfzigjährigen Hans Hiebler, als er auflegte.

„Was hat die Mordkommission damit zu tun?“, maulte Viktoria Untermaier, die die Vertretung der erkrankten Tatjana Struck immer noch innehatte. Aber nicht mehr lange, und die Kollegin kam zurück, was Viktorias Zeit im bayerischen Mühldorf am Inn endlich beendete.

„Anweisung vom Chef. Offenbar zweifeln die Kollegen vor Ort an der Unfalltheorie, die Spurensicherung ist unterwegs“, fügte Hans an, dem der Grund des Einsatzes gleichgültig war. Das war allemal besser als diese stumpfsinnige Büroarbeit, zu der sie der Chef verdonnert hatte. Das Wetter war viel zu schön, um die Zeit im Büro zu verbringen.

Der zweiundfünfzigjährige Leo Schwartz sprang sofort auf. Er dachte ähnlich wie Hans, dem er sich sofort anschloss, um nicht mit Viktoria fahren zu müssen. Noch immer mied er so gut es ging den direkten Kontakt mit ihr, auch wenn er sich bemühte, höflich und freundlich zu ihr zu sein. Viktoria und er waren bis zu ihrem Weggang nach Berlin, wo sie einen vermeintlich besseren Job angetreten hatte, ein Paar gewesen. Dann war sie auf einmal wieder aufgetaucht, um die Vertretung der Kollegin Struck zu übernehmen, was ihm überhaupt nicht schmeckte. Leo hatte lange gebraucht, um über sie hinwegzukommen – und dann stand sie plötzlich wieder vor ihm. Ja, sie hatten sich auch auf Anweisung des Chefs und der der Kollegen zusammengerauft, was Viktoria sehr viel besser umsetzen konnte als er. Zum Glück dauerte es nicht mehr lange und Tatjana Struck war wieder einsatzbereit.

„Na gut, dann fahren wir“, maulte Viktoria immer noch, der die Hitze der letzten Tage sehr zusetzte. Sie war für eine derart lange Vertretung klamottentechnisch nicht ausgerüstet, weshalb sie seit Wochen immer wieder dieselben T-Shirts trug, bei denen es sich nicht lohnte, dass sie sie bügelte, obwohl sie in ihrem Pensionszimmer diesbezüglich sehr gut ausgestattet war. In regelmäßigen Abständen hatte sie beantragt, die Vertretung abzubrechen und wieder nach Berlin gehen zu dürfen, aber das wurde nicht genehmigt. Sie wusste nicht, dass der Mühldorfer Polizeichef Rudolf Krohmer seine Finger im Spiel hatte und das verhinderte. Er hätte sich erneut um eine Vertretung kümmern müssen, was für die kurze Zeit sehr schwierig geworden wäre. Eine unzufriedene Vertretung war für Krohmer allemal besser als gar keine.

Dem zweiundvierzigjährigen Werner Grössert schien die Hitze nichts auszumachen. Er trug wie immer einen Anzug und eine farblich abgestimmte Krawatte; alles vom Feinsten. Werner sah eher aus wie ein Model als ein Kriminalbeamter. Viktoria rümpfte die Nase, denn optisch passten sie und Werner, zu dem sie in den Wagen stieg, überhaupt nicht zusammen.

„Warum schwitzt du nicht? Manchmal denke ich, du kommst von einem anderen Stern.“

„Keine Ahnung. Vielleicht die Gene“, lachte Werner, der sich um Witterungsverhältnisse noch nie Gedanken gemacht hatte. Er konnte das sowieso nicht beeinflussen, warum sollte er sich dann darüber aufregen oder auslassen?

Die Fahrt nach Burgkirchen ging an Teising, Altötting und Kastl vorbei. Alles Orte, die Viktoria bekannt waren. Nicht mehr lange, und sie war wieder zurück in Berlin, wo sie sich nicht willkommen fühlte. Die neuen Kollegen und Nachbarn waren höflich und freundlich – mehr aber auch nicht. Warum war sie nur so dumm gewesen und hatte ihre Heimat für einen Job aufgegeben? Je länger sie hier war, desto wohler fühlte sie sich, was auch an dem freundlicheren Umgang mit Leo lag, mit dem sie sich immer besser verstand, auch wenn sie seine vorsichtige Art spürte. Trotzdem wollte sie weg, je eher desto besser. Sie befürchtete, sich zu sehr an die alte Heimat zu gewöhnen.

 

Die Kriminalbeamten sahen den Tatort schon von Weitem. Nicht nur das große Polizeiaufgebot war auffällig, sondern auch die riesige Menschentraube, die sich darum gebildet hatte. Die Fahrzeuge der Neugierigen parkten links und rechts am Fahrbahnrad, was nicht erlaubt war. Hans bahnte sich den Weg durch die Menschenmenge, die darüber nicht erfreut war. Niemand wollte seinen Platz räumen. Endlich konnte Hans seinen Wagen abstellen, was von vielen meckernd kommentiert wurde, denn dadurch verloren einige die gute Sichtposition.

Werner fand keinen Parkplatz.

„Lass mich das machen“, sagte Viktoria und stieg aus. Sie ging auf einen Wagen zu, der sich eben mit Mühe in eine enge Lücke gequetscht hatte.

„Sie wissen, dass Sie hier nicht parken dürfen?“

„Das geht dich einen Scheißdreck an“, raunte der Fahrer sie an, der sich aufgrund seines hohen Alters kaum auf den Beinen halten konnte.

Viktoria stellte sich ihm in den Weg und zückte ihren Dienstausweis. Der Mann blieb erschrocken stehen.

„Kriminalpolizei?“

„Fahren Sie freiwillig weg oder wollen Sie das volle Programm?“

Der Mann drehte sich um und setzte sich in seinen Wagen. Nachdem er umständlich ausgeparkt hatte, fuhr er weg.

„Die Lücke ist frei“, sagte sie zu Werner, der amüsiert zugesehen und zugehört hatte. „Ich gehe zum Tatort. Sei so gut und kümmere du dich um das Chaos hier.“

Werner rief zwei Uniformierte zu sich.

„Die Fahrzeuge müssen weg. Sie beide werden mich dabei unterstützen.“

„Ist das Ihr Ernst? Was glauben Sie, was dann los ist? Die Leute interessieren sich für das, was passiert ist, das kann man doch verstehen. Vor allem, weil hier sonst quasi nie etwas los ist. Ich weiß, wovon ich spreche, ich wohne selbst in Burgkirchen.“

„Ich habe kein Verständnis für Gaffer, die sich am Unglück anderer erfreuen und unsere Arbeit erschweren. Sie machen die Fahrer dieser Fahrzeuge ausfindig und fordern sie auf, umgehend wegzufahren.“

„Und wenn die sich weigern?“

„Dann rufen Sie den Abschleppwagen.“

Werner ging zu den Gaffern.

„Was für ein arroganter Arsch“, sagte der Polizist zu seinem Kollegen.

„Das habe ich gehört“, rief Werner, ohne sich umzudrehen.

 

Friedrich Fuchs, Leiter der Spurensicherung, war vor den Kriminalbeamten eingetroffen. Er gab am Tatort den Ton an und kümmerte sich persönlich darum, dass das Absperrband korrekt und vor allem weit genug angebracht wurde. Dabei ging es nicht nur um den Toten und das Mofa, sondern auch um den Feldweg, der jetzt nicht mehr betreten werden durfte. Die Schaulustigen, die von Fuchs, seinen Mitarbeitern und uniformierten Polizisten zurückgedrängt wurden, mussten von den Feldern aus rechts und links des Feldwegs zusehen. Pöbelnde Gaffer wies Fuchs harsch zurecht, seine Mitarbeiter machten es ihm gleich. Es dauerte nicht lange, und alle hatten einen Heidenrespekt vor der Spurensicherung, die in ihren Schutzanzügen beeindruckend aussahen. Fuchs kümmerte sich darum, dass Tücher um die Leiche gehängt wurden, womit dem Toten ein Mindestmaß an Respekt entgegengebracht werden konnte. Das wurde zwar mit Murren von den Umstehenden quittiert, aber man hatte im Grunde genommen Verständnis dafür.

Fuchs und seine Mitarbeiter konnten sich endlich an die Arbeit machen.

 

Die Kriminalbeamten waren zwar später angekommen, aber für Fuchs waren sie trotzdem zu früh vor Ort. Er brauchte Ruhe bei seiner Arbeit und wie so oft gab er erst Informationen raus, wenn er dazu bereit war. Und das konnte dauern.

Hans und Leo befragten derweil die Schaulustigen, von denen niemand etwas gehört oder gesehen hatte. Dem Einzelnen wäre es vielleicht peinlich gewesen, zugeben zu müssen, dass er hier nur der Neugier wegen stand. Aber in der Gruppe war jeder stark, da es jedem gleich ging.

Viktoria befragte den Mann, der den Toten gefunden hatte. Karl Eberhardt war immer noch käsebleich. Der fünfundsechzigjährige Rentner streichelte seinen Hund, der fortwährend an der Leine zerrte und weitergehen wollte. Der braune Labrador war noch recht jung. Er verstand nicht, warum sein Herrchen seit nunmehr einer Stunde nicht weiterging, wie er es sonst immer tat.

„Sie haben den Toten gefunden?“

„Eigentlich hat mein Bertl die Leiche gefunden, ich habe lediglich die Polizei informiert. Wer rechnet denn bei einem harmlosen Spaziergang mit einer Leiche? Ich hätte gerne darauf verzichtet, das können Sie mir glauben. Ich wollte einfach nur mit meinem Hund spazieren gehen, mehr nicht. Da vorn lass ich ihn immer von der Leine. Er tobt über Wiesen und Felder. Das mag der Bauer nicht, aber das ist mir egal.“

„Sie kennen den Landwirt?“

„Ja. Sein Name ist Hofberger, Michael Hofberger. Der Mann mag keine Hunde und vertreibt alle, aber bei mir beißt er auf Granit. Seine Drohungen und Beschimpfungen sind mir völlig egal. Die Gassi-Runden über die Felder und Wiesen sind herrlich. Hier kann mein Bertl herumtoben, so viel er will. Meinem Vierbeiner möchte ich die Freiheit geben, ohne Leine herumzutoben und die Welt zu erkunden, was hier geradezu ideal ist. Der Bauer konnte mit seiner schroffen Art viele erschrecken und hat sie vertrieben, mein Bertl und ich sind quasi allein unterwegs.“

Viktoria konnte den Mann verstehen, auch wenn sie es nicht gutheißen durfte. Das hier war offensichtlich Privatgrund, Spaziergänger und vor allem Hundebesitzer mussten sich an die Anweisungen des Eigentümers halten. Aber deshalb war sie nicht hier.

„Ihr Hund hat die Leiche im Maisfeld gefunden. Wie muss ich mir das genau vorstellen?“

„Der Bertl hat gebellt wie verrückt. Ich dachte an einen Hasen oder vielleicht sogar an ein Rehkitz. Ich habe ihn gerufen, aber er kam nicht. Also bin ich hinterher. Dann sah ich die Leiche. Ich habe gleich gesehen, dass der tot ist. Der Anblick war schrecklich, den werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen.“

„Haben Sie etwas angefasst?“

„Nein, das habe ich dem Polizisten bereits gesagt. Ich rief umgehend die 110 an und seitdem bin ich hier. Kann ich bitte gehen? Sie sehen ja, dass mein Bertl nicht der Geduldigste ist. Dafür, dass wir schon so lange hier sind, hält er sich wirklich prima. Nicht wahr, Bertl? Du bist ein ganz ein Braver!“

„Wir haben Ihre Personalien?“

„Selbstverständlich.“

„Dann dürfen Sie gehen. Vielen Dank.“

 

Viktoria hob das Absperrband und schlüpfte darunter durch. Sie sah sich um, was von Fuchs beobachtet und mit einem strafenden Blick quittiert wurde. Das war Viktoria gleichgültig. Sie besah sich alles sehr genau. Der Kollege, der die Kriminalpolizei informiert hatte, hatte richtig gehandelt. Auf dem Feldweg sah man deutlich Spuren eines Unfalls. Aber das Opfer und das Mofa passte nicht dazu, dafür lag beides zu weit entfernt. Außerdem konnte Viktoria die Schleifspuren mit bloßem Auge erkennen.

„Was haben Sie, Kollege Fuchs?“

„Ich bin noch nicht so weit! Warum müssen Sie mich immer bedrängen?“

„Weil ich sonst noch Stunden warten muss, und darauf habe ich keine Lust. Raus mit der Sprache: Was haben Sie?“ Viktoria und Fuchs konnten sich noch nie richtig leiden, dafür waren die beiden zu unterschiedlich.

Fuchs war sauer. Die anderen Kriminalbeamten konnte er abwimmeln, aber mit der aktuellen Leiterin der Mordkommission durfte er nicht so umgehen. Auch wenn er die Kollegin Untermaier nicht besonders mochte, was auch auf die Kollegin Struck zutraf, die ähnlich penetrant war, musste er Auskunft geben.

„Zunächst weise ich darauf hin, dass meine Angaben nur vorläufig sein können, da ich noch nicht die Möglichkeit hatte, genauere Untersuchungen vorzunehmen, dafür war die Zeit zu kurz.“

„Das ist mir klar. Was ist hier passiert, Fuchs? So, wie ich das sehe, wurde das Opfer angefahren. Danach wurden Opfer und Mofa in das Maisfeld geschleift.“

„Richtig. Meines Erachtens muss das Opfer frontal angefahren worden sein. Die Geschwindigkeit des Unfallfahrzeuges dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Bremsspuren sind quasi kaum vorhanden. Für mich sieht das nach Absicht aus.“

„Sie meinen, er wurde von vorn angefahren? Er fuhr nicht mit dem Mofa?“

„Ja. Das Opfer muss so gestanden haben.“ Fuchs demonstrierte auf dem Feldweg stehend, wie der junge Mann angefahren worden sein musste. Unter den Schaulustigen wurde es mucksmäuschenstill. Endlich geschah etwas, das niemand verpassen wollte.

„Sind Sie sicher, Kollege Fuchs? Wenn ich mir das Mofa so ansehe, habe ich meine Zweifel“, bemerkte Hans, der mit Leo und Werner hinzugestoßen war.

„Das Mofa sieht zwar schlimm aus, aber ich gehe nicht davon aus, dass es in den vermeintlichen Unfall involviert war. Sehen Sie, dass der Mofa-Ständer betätigt wurde?“

„Tatsächlich. Der Mofa-Ständer ist unten. Todeszeit?“

„Dafür muss das Opfer erst in die Pathologie.“

„Nur eine vage Vermutung, mehr brauche ich nicht. Ist er heute Morgen gestorben, gestern Abend oder um Mitternacht?“

„Wenn ich die warme Nacht und die Umstände des Fundortes berücksichtige, würde ich eine vorläufige Todeszeit um circa zwei oder drei Uhr ansetzen. Aber das ist nur eine erste Einschätzung und muss bestätigt werden. Verlangen Sie jetzt bitte keine näheren Details, die zum Tod geführt haben, mehr werde ich dazu nicht sagen.“

Leo machte eifrig Notizen.

„Hatte das Opfer Papiere bei sich?“

„Leider nicht.“

„Das Kennzeichen des Mofas?“

„Negativ. Das Schutzblech sieht nicht danach aus, als ob in letzter Zeit ein Kennzeichen angebracht gewesen wäre.“

Leo sah sich das Opfer zum ersten Mal an.

„So ein junger Mensch. Ich schätze das Alter auf etwa zwanzig.“

„Ja, so würde ich ihn auch einschätzen. Die genauere Beschreibung ersehen Sie selbst, dafür brauchen Sie mich nicht. Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden? Es gibt noch viel zu tun.“

 

Die Fahrzeuge der Schaulustigen fuhren eines nach dem anderen davon. Niemand wollte, dass sein Wagen abgeschleppt werde, das ging dann doch zu weit. Außerdem ließ das Interesse nach, nachdem man die Leiche durch die vielen Tücher nicht mehr sehen konnte und auch die Kriminalpolizei Anstalten machte, wieder zu fahren. Es dauerte nicht lange, und es standen nur noch Wenige hinter dem Absperrband.

„Wir geben ein Foto des Toten und eine Beschreibung in die Presse. Parallel müssen wir die Vermisstenmeldungen durchgehen“, sagte Viktoria, der die ganze Sache nicht gefiel. Warum wurde das Opfer frontal angefahren? War es wirklich Absicht, wie Fuchs vermutete? Es war mitten in der Nacht, vielleicht hatte der Fahrer den jungen Mann nicht gesehen. Aber warum hatte das Mofa kein Kennzeichen?

 

Ein Mann beobachtete alles mit einem Fernglas aus sicherer Entfernung. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Leiche und das Mofa so schnell gefunden wurden. Scheiß Köter!

 

 

 

 

    3.

 

Am frühen Nachmittag meldeten sich die Eltern des Opfers, die von Schülern auf die Suche der Kriminalpolizei, die auch Online erschien und sich sehr schnell verbreitete, aufmerksam gemacht wurden. Das Ehepaar Geiger war völlig aufgebracht und stellte abwechselnd eine Frage nach der anderen.

„Ist das Ihr Sohn?“ Leo legte mehrere Fotos auf den Tisch, die Fuchs persönlich gemacht hatte.

„Ja, das ist unser Noah. Wer hat ihn getötet? Haben Sie den Mörder?“ Bettina Geiger war außer sich. Sie zitterte und kratzte sich ständig am Unterarm.

„Zunächst gehen wir von einem Unfall aus“, sagte Leo, auch wenn das vielleicht nicht der Wahrheit entsprach.

„Wer ist der Unfallverursacher? Wer hat ihn überfahren? Suchen Sie den, der meinen Jungen auf dem Gewissen hat. Hat er leiden müssen? Wo ist er? Kann ich ihn sehen?“

„Wir sind erst am Anfang unserer Ermittlungen. Ihr Sohn wird gerade obduziert.“

„Das dürfen Sie nicht! Alexander, sag der Polizei, dass sie nicht an unserem Sohn herumschnippeln sollen!“

„Die Polizei macht nur ihre Arbeit, bitte beruhige dich.“

„Ich bin doch Noahs Mutter. Können Sie nicht verstehen, dass eine Obduktion für mich unerträglich ist?“

„Doch, das verstehe ich, aber eine Obduktion ist in diesem Falle Vorschrift. Darf ich Ihnen Fragen stellen? Sind Sie dazu in der Lage?“

„Entschuldigen Sie bitte. Selbstverständlich können Sie Ihre Fragen stellen.“

„Sie wohnen in Burghausen?“

„Ja.“

„Was wollte Ihr Sohn in Burgkirchen?“

„Das weiß ich nicht. Weißt du, was Noah dort wollte, Alexander?“

„Nein. Woher soll ich das wissen?“

„Ihnen ist nicht aufgefallen, dass Ihr Sohn nicht zuhause war?“

„Nein. Noah war oft nachts unterwegs. Er ist neunzehn und somit erwachsen. Wir haben unserem Sohn immer alle Freiheiten ermöglicht.“

„Sie haben ihn auch heute Morgen nicht vermisst?“

„Nein!“ Alexander Geiger schien genervt. „Ich musste früh in die Firma und meine Frau hatte einen Arzttermin. Wir haben unseren Sohn heute Morgen nicht gesehen. Das ist nicht ungewöhnlich, das kommt vor.“

„Der Unfall geschah etwa gegen zwei Uhr nachts in einer gottverlassenen Gegend. Was denken Sie, wollte Ihr Sohn dort? Was hatte er vor? War er allein unterwegs?“

„Das weiß ich nicht! Noah sagte gestern Abend, dass er sich mit Julian treffen wollte.“

„Julian?“

„Julian Brechtinger, er wohnt ebenfalls in Burghausen, in der Robert-Koch-Straße. Er und unser Sohn sind seit vielen Jahren die besten Freunde. Die beiden gehen in dieselbe Klasse und verbringen die Freizeit gemeinsam“, erklärte Frau Geiger.

Hans machte Notizen. Von den Eltern erfuhren sie über den nächtlichen Ausflug ihres Sohnes nichts, vielleicht konnte Julian mehr dazu sagen. Hans ging nach draußen und sprach mit Viktoria, die sofort bei der Familie Brechtinger in Burghausen anrief. Dort meldete sich niemand. Werner rief in der Schule der beiden an und bekam die Auskunft, dass auch Julian Brechtinger heute nicht zum Unterricht erschienen war. Als Viktoria das hörte, wurde ihr schlecht.

„Jetzt mal‘ den Teufel nicht an die Wand“, sagte Werner, der immer positiv dachte und selten mit dem Schlimmsten rechnete.

 

Derweil ging die zähe Befragung mit dem Ehepaar Geiger weiter.

„Was ist mit dem Mofa? Warum hat es kein Versicherungskennzeichen?“

„Unser Sohn hatte kein Mofa, wie kommen Sie auf diese Idee? Hast du je davon gehört, Alexander?“

„Nein.“

Leo schob ihnen Fotos zu, auf denen das Mofa deutlich zu erkennen war.

„Dieses alte Ding soll unserem Sohn gehört haben? Niemals! Was sollte er damit? Wir haben Noah zu seinem achtzehnten Geburtstag ein Auto geschenkt, damit fährt er täglich. Was soll er mit einem uralten, demolierten Mofa? Damit fahren doch nur Proleten, die sich einen Wagen nicht leisten können“, sagte Alexander Geiger eine Spur zu überheblich.

Die Unterhaltung mit dem Ehepaar Geiger brachte nicht viel. Nach ihrer Aussage war ihr Sohn ein fleißiger und überall beliebter junger Mann, der keine Feinde hatte und mit dem es niemals Ärger gab.

Die Kriminalbeamten sahen dem Ehepaar Geiger hinterher, wie sie davonfuhren.

„Es ist immer besonders schlimm, wenn Eltern Kinder verlieren. Ich möchte nicht in deren Haut stecken.“

 

Leo und Hans übernahmen die Befragung von Julian Brechtingers Eltern. Die beiden fuhren zuerst zu der Firma des Vaters, Markus Brechtinger, bei dem sie sich telefonisch angemeldet hatten. Brechtinger leitete ein mittelständisches Baugeschäft mit zwölf Angestellten, zu denen seine Frau nicht zählte. Sie hatte sich vor einigen Jahren mit einem Maklerbüro selbständig gemacht, das – wie das Baugeschäft ihres Mannes – sehr gut lief.

Leo und Hans waren überrascht, dass Roswitha Brechtinger im Büro ihres Mannes anwesend war. Sie stand mit verschränkten Armen direkt neben ihrem Mann. Auch gut, dann konnten sie sie gemeinsam befragen. Das Ehepaar Brechtinger schien sehr gespannt darauf, was die Kriminalpolizei von ihnen wollte. Die schlechte Stimmung konnte man spüren. Es schien, als hätten sich die beiden gerade gestritten.

„Wir suchen Ihren Sohn Julian“, begann Leo vorsichtig.

„Warum? Was wollen Sie von ihm“, sagte Roswitha Brechtinger viel zu laut. Die Frau war auf Krawall gebürstet.

„Was hat er angestellt?“, lachte Markus Brechtinger. „Ich hoffe nichts Schlimmes. Soll ich unseren Anwalt anrufen?“

„Wo finden wir Ihren Sohn?“

„Er war heute Nacht nicht zuhause, was ab und zu vorkommt. Julian wird in drei Wochen neunzehn. In dem Alter ist es nicht ungewöhnlich, dass man seine eigenen Wege geht. Julian ist um diese Zeit längst in der Schule. Worum geht es? Warum sind Sie hier? Was werfen Sie unserem Sohn vor?“ Roswitha Brechtingers Ton wurde schärfer.

„Sie wissen, was mit Noah Geiger geschehen ist?“

„Mit Noah? Was ist mit ihm?“

„Er ist tot. Er wurde heute Nacht überfahren.“

„Noah ist tot?“, rief Frau Brechtinger und sah ihren Mann erschrocken an.

„Leider ja.“ Leo vermied es, von Mord zu sprechen.

Für einen kurzen Moment war es still.

„Wo ist mein Sohn? Was ist mit ihm?“, rief Frau Brechtinger. Nach dieser Schreckensnachricht machte sie sich große Sorgen.

„Bitte beruhige dich.“ Markus Brechtinger war aufgesprungen und nahm seine Frau in die Arme. Der riesige, korpulente Mann strahlte eine angenehme Ruhe aus, die sich jedoch nicht auf seine Frau übertrug. Sie stieß ihn rüde von sich.

„Julian und Noah sind schon seit vielen Jahre die besten Freunde. Noah war wie ein zweiter Sohn für uns, er ging bei uns ein und aus. Er war sogar in vielen Urlauben dabei“, erklärte Markus Brechtinger.

„Jetzt ist Noah tot“, wiederholte Frau Brechtinger. „Was für ein Wahnsinn!“

„Was ist mit dem Ehepaar Geiger? Sind Sie auch mit ihnen befreundet?“

„Früher schon“, sagte Frau Brechtinger und sah ihren Mann dabei an, der kaum spürbar den Kopf schüttelte.

„Und heute?“

„Heute nicht mehr.“

Leo und Hans spürten, dass das einen triftigen Grund haben musste, wollten aber nicht weiterbohren. Es ging hier um die Söhne und nicht um die Differenzen der Eltern.

„Ihr Sohn war heute nicht in der Schule“, sagte Leo vorsichtig.

Das Ehepaar Brechtinger war zuerst sprachlos, dann wurden beide panisch. Von Ruhe war nichts mehr zu spüren. Beide riefen mehrere Personen an und fragten nach ihrem Sohn, leider ohne Ergebnis. Roswitha Brechtinger weinte und war nicht zu beruhigen.

„Bitte suchen Sie nach meinem Sohn. Wir werden unsererseits alle befragen, die Kontakt zu unserem Sohn haben“, rief Markus Brechtinger aufgeregt und wollte sich sofort an die Arbeit machen.

„Ich habe nur noch eine Frage“, hielt ihn Leo zurück. „Auf dem Firmenschild steht Brechtinger & Müller. Ihnen gehört die Firma nicht allein?“

„Nein. Jochen Müller ist schon lange bei uns. Er hat sich vor vier Jahren finanziell in die Firma eingebracht. Ich selbst habe ihn ausgebildet und bin froh, dass ich auf ihn zählen kann. Er vertritt mich, wenn ich im Urlaub oder krank bin. Darüber hinaus übernimmt er sehr viele Aufgaben, die ich mir nicht mehr zutraue. Nach dem zweiten Bypass habe ich eingesehen, dass ich kürzertreten muss. Außerdem ist es mit Ende Fünfzig an der Zeit, etwas ruhiger zu werden. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.“

„Wo finden wir Ihren Kompagnon?“

„Auf der Baustelle in Neuötting, Bahnhofstraße. Ich weiß zwar nicht, wie er Ihnen behilflich sein kann, aber bitte, reden Sie mit ihm. War es das jetzt? Ich möchte nach meinem Sohn suchen. Außerdem muss ich mich um meine Frau kümmern. Sie sehen ja, in welchem Zustand sie ist.“

 

Die Fahrt ging direkt nach Neuötting. Leo und Hans brauchten nicht lange nach Jochen Müller suchen. Mehrere Fahrzeuge mit dem Firmenlogo parkten dicht an dicht. Jochen Müller stand vor dem Haus, an dem gerade gearbeitet wurde und diskutierte gestikulierend mit einem Mann, der sehr viel älter war als er. Leo und Hans waren bezüglich des Alters Jochen Müllers überrascht. Dieser war gerade mal dreißig Jahre alt. Die Kriminalbeamten wiesen sich aus und erklärten die Situation.

„Noah ist tot und Julian ist verschwunden? Um Gottes Willen! Was ist passiert?“

„Deshalb sind wir hier. Vielleicht haben Sie eine Ahnung, wo sich Julian aufhalten könnte.“

„Woher soll ich das wissen? Ja, ich kenne Julian schon sehr lange, so wie auch Noah, aber ich weiß nie, wo sie sich herumtreiben.“

„Wie ist Ihr Verhältnis zu der Familie Brechtinger?“

„Nicht nur gut, sondern sehr gut. Ich bin Markus‘ Geschäftspartner und ein enger Freund der Familie, der ich sehr viel zu verdanken habe. Früher hatte ich keine Lust auf Schule und Ausbildung. Als ich bei Markus anfing, glaubte ich nicht daran, dass ich dort bleiben würde. Arbeit war nichts für mich. Aber Markus hatte viel Geduld mit mir und hat mich unter seine Fittiche genommen. Er war ein sehr guter Ausbilder und dazu wie ein Vater für mich; mehr, als es mein eigener jemals war. Sie sehen ja, was aus mir geworden ist“, fügte er nicht ohne Stolz hinzu.

„Sie haben sich in die Firma eingekauft?“

„Ja. Die Erbschaft meiner Großmutter und meine Ersparnisse haben zum Glück ausgereicht. Markus hat mich dazu ermutigt. Ich vermute, dass er mit seinem Sohn nicht als Nachfolger rechnet, dessen Interessen gehören nicht der Baubranche. Nach dem Abitur soll er studieren, das braucht er in unserem Gewerbe nicht zwingend. Verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich sage, dass Julian nicht für die Baubranche geschaffen ist. Er ist keiner von denen, die gerne mit den Händen arbeiten. Er verkriecht sich lieber hinter seinem Computer und seinen Büchern.“ Jochen Müller grinste.

Leo mochte den Mann nicht. Er war ihm zu glatt und einen Tick zu überheblich.

„Falls Ihnen etwas einfällt, rufen Sie uns bitte an.“

Leo und Hans saßen im Wagen und atmeten tief durch.

„Was ist heute Nacht geschehen?“

„Das müssen wir herausfinden.“

„Womit fangen wir an?“

„Beide Eltern sagten aus, dass die Jungs immer zusammen waren. Wir müssen die Gegend um den Unfallort absuchen.“

„Du denkst, dass Julian dort irgendwo ist?“

„Keine Ahnung. Aber ich möchte mir später nicht den Vorwurf machen, nicht nach ihm gesucht zu haben.“

„Willst du heute noch nach ihm suchen?“

„Auf jeden Fall.“….