Adlerholz

Leo Schwartz … und der Holzschmuggel

An der Leiche, die aus der Alz gezogen wurde, werden Spuren von Nadelholz sichergestellt, die die Beamten der Mordkommission Mühldorf am Inn ins Sägewerk Krug nach Unterneukirchen führen, der Tote Simon Rau hat dort gearbeitet. Während ihren Ermittlungen und durch einen Vorfall beim Sägewerk Krug stoßen die Beamten auf das seltene und wertvolle Adlerholz, das als Kiefernholz deklariert im Hafen Livorno angeliefert wird. Woher kommt das Holz und wer ist dieser Claudio Romano, der als Käufer in Erscheinung tritt? Die Spur führt Leo Schwartz und seine Kollegen bis nach Florenz, wo ihnen die temperamentvolle Polizistin Lucrezia Mandola bei den Ermittlungen helfen kann….

 

 

Bezugsquellen und Leseprobe

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Thalia 
Hugendubel
ebook.de 
im Buchhandel ISBN 9783743176874
Leseprobe:

1.

 

Mit vorgehaltener Waffe wurde er dazu gezwungen, sich mehr und mehr dem Ufer der Alz zu nähern. Was zum Teufel hatte der Mann vor? Ihm war kotzübel und am Liebsten hätte er sich übergeben. Aber er musste bei klarem Verstand bleiben und auf jede Kleinigkeit achten, vielleicht hatte er doch noch eine Chance, irgendwie aus dieser verfluchten Situation rauszukommen. Denk nach! Und vor allem: Bleib verdammt nochmal ruhig!

„Wollen Sie Geld? Ich bezahle Ihnen jede Summe, die Sie verlangen! Ich bin reich,“ sagte er so ruhig wie möglich, obwohl das vollkommen gelogen war. Er verfügte weder über Bargeld, noch über irgendwelche Wertgegenstände – im Gegenteil: Durch den Kauf einer Wohnung hatte er sich finanziell bis an seine Belastungsgrenze verschuldet. Aber das war jetzt zweitranging. Jetzt musste er irgendwie aus dieser Situation rauskommen, und wenn es ihm mit Hilfe einer Lüge gelingen sollte, war das völlig egal.

Bislang hatte der Mann kein Wort von sich gegeben, er hatte durch seine Körpersprache und Zeichen unmissverständlich klargemacht, was er zu tun hatte.

Wie war es nur so weit gekommen? Der Tag war wie jeder andere, nichts hatte auf das hier hingedeutet. War er unvorsichtig geworden? Hätte er besser aufpassen sollen? Es lief doch alles perfekt! Direkt vor seinem Zuhause in Kastl hatte der Mann ihn abgefangen und mit vorgehaltener Waffe gezwungen, sich in den Wagen zu setzen. Natürlich war er den Anweisungen gefolgt, was hätte er auch sonst tun sollen? Die Umgebung war trotz der späten Stunde noch voller Menschen, die es sich in ihren Gärten gemütlich machten oder auf der Straße ein Schwätzchen hielten. Auch Hundebesitzer trieb es jetzt nach draußen, da die Temperaturen nun einigermaßen erträglich waren. Sogar auf dem nahen Spielplatz hatten sich einige Jugendliche eingefunden, die lachten und sich unterhielten. Nein, hier konnte er nichts riskieren, es war für Unbeteiligte viel zu gefährlich, Widerstand zu leisten. Diese Tatsache und auch die kalten Augen des Mannes, die ihm sofort Angst eingeflößt hatten, machten ihm klar, dass mit dem Typen nicht zu spaßen war. Im Wagen hatte der Mann ihm die Hände am Rücken mit Kabelbinder zusammengebunden. Natürlich hatte er sofort versucht, sich von den Fesseln und aus dem Wagen zu befreien, aber es gelang ihm einfach nicht – die Kabelbinder waren bis zur Schmerzgrenze fest zugezogen und ließen ihm keinen Spielraum, und der Wagen war verschlossen. Von da an versuchte er ununterbrochen, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln, aber der reagierte nicht, blickte nur stur geradeaus.

Wo wollte der Mann hin? Sie fuhren nach Burgkirchen, am Werk Gendorf vorbei und bogen nun am Kreisverkehr nach rechts.

„Was wollen Sie von mir? Machen Sie endlich den Mund auf,“ schrie er nun panisch, worauf der Mann unvermittelt ausholte und ihm direkt ins Gesicht schlug. Der Schlag kam so plötzlich und mit solch einer Wucht, dass er zur Seite schleuderte und kurze Zeit benommen war. Das darf nicht passieren, reiß dich zusammen! Du musst jetzt bei klarem Verstand bleiben!

Der Wagen stoppte schließlich und sie warteten, sie warteten endlos lange. Der Mann sagte immer noch kein Wort, ging ab und an aus dem Wagen, um eine Zigarette zu rauchen. Aber was tat er denn da? Bückte er sich tatsächlich, um die Zigarettenstummel aufzuheben? Das taten nur Profis! Oh mein Gott! Er schwitzte zwischenzeitlich aus allen Poren und der Schweiß brannte in seinen Augen. Durch den Schlag blutete er am Auge, das nun rasend schnell auch noch zuschwolI, bis er auf dem Auge fast nichts mehr sah. Im Wagen herrschten zwischenzeitlich tropische Temperaturen und dazu kam diese unermessliche Angst, denn er ahnte, was ihm bevorstand.

Der Mann ging einige Meter und beobachtete den Himmel, bevor er das Handy zur Hand nahm und nur wenige Worte sprach. Er kam zum Wagen zurück, öffnete die hintere Tür und zerrte ihn unsanft aus dem Wagen, wobei er ihm abermals seine Waffe direkt vors Gesicht hielt.

„Was wollen Sie von mir verdammt nochmal? Was soll das alles? Wollen Sie Geld? Wertsachen? Nehmen Sie meine Brieftasche und meine Uhr!“ schrie er ihn verzweifelt an. „Hören Sie, wir sind doch erwachsene Menschen, wir können doch miteinander reden und finden bestimmt eine Lösung.“ Er redete einfach darauf los und wiederholte einige Sätze; er musste dringend Zeit gewinnen, vielleicht spielte ihm das Schicksal doch noch in die Hände.

„Chiudi il becco!“ schrie ihn der Mann an und trieb ihn immer weiter vor sich her.

Er verstand ihn nicht.

„Was willst du von mir?“ schrie er ihn nun beinahe hysterisch an.

„Chiudi il becco!“ rief der erneut und es klang sehr bestimmt. „Dai!“ fügte er unmissverständlich hinzu und zeigte mit seiner Waffe in die Richtung, in die er gehen sollte. Das war eindeutig italienisch – oder irrte er sich? Konzentrier dich!

Er atmete tief durch und blickte verzweifelt um sich. Es war stockdunkel, es musste weit nach Mitternacht sein. Egal, er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Am heutigen Augusttag war es schon den ganzen Tag über schwül und unglaublich heiß gewesen. In den letzten Stunden hatte sich ein Gewitter zusammengebraut, das sich nun demnächst zu entladen drohte. Weit entfernt konnte man bereits einige Blitze erahnen und er glaubte auch, schon Donner zu hören. Eins – zwei – drei -… zählte er automatisch mit, wie er es von seiner Großmutter gelernt hatte, so konnte man die Entfernung in Kilometern errechnen, wie weit das Gewitter noch entfernt war. An was für einen Schwachsinn denke ich denn jetzt? Wen interessiert das? Bleib ruhig und versuche, nicht durchzudrehen! Wieder hatte er das Bild seiner Großmutter vor Augen, wie sie in ihrer bunten Schürze am Herd stand, im Topf rührte und ihn anlächelte. Er konnte sein Lieblingsessen sogar riechen! War er jetzt völlig verrückt geworden? Reiß dich gefälligst zusammen!

Hier standen sie nun im Dickicht des Alzufers, das nur wenige Meter von ihm entfernt war. Er war sich sicher, dass das hier die Alz war, denn das Werk Gendorf war unverkennbar noch in Sichtweite. Er zwang sich, ruhig zu atmen, was ihm immer schwerer fiel. Weit und breit war immer noch niemand zu sehen. Wo sind denn die Hundebesitzer und Nachtschwärmer, wenn man sie braucht? Hier um Hilfe zu rufen war aussichtslos, trotzdem musste er es versuchen. Er schrie so laut er konnte und versuchte schließlich, vor diesem Irren wegzulaufen, wobei ihm jetzt vollkommen egal war, wenn er schießen würde, denn er würde sowieso irgendwann schießen, das war ihm vollkommen klar. Er rannte um sein Leben, stolperte und der Mann zog ihn problemlos wieder auf die Füße. Sieh ihm in die Augen und lächle. Hatte er das nicht irgendwann mal gelernt? Egal, er versuchte es, aber der Mann, den er bis dato noch niemals zuvor gesehen hatte,  sah ihn nicht einmal an, schubste ihn und deutete mit der Waffe, dass er weitergehen soll.

Dann hörte er nur noch zwei aufeinanderfolgende Schüsse und spürte einen heftigen, stechenden Schmerz.

2.

„Nein danke, ich möchte nichts essen. Sag mir endlich, was du von mir willst,“ sagte Werner Grössert genervt. Seine Mutter hatte ihn um ein dringendes persönliches Gespräch gebeten, was bis dato nur sehr selten vorgekommen war. Vor allem bestand sie auf einen neutralen Ort weit außerhalb von Mühldorf am Inn, wo sie jeder kannte. Werner schlug den Biergarten am Rande von Altötting vor, wo er tags zuvor mit seiner Frau gewesen war und vorzüglich gegessen hatte. Frau Grössert war hier im Biergarten in Altötting in ihrem sündhaft teuren Kostüm, dem vielen funkelnden Schmuck und der ganzen Erscheinung völlig fehl am Platz, ebenso wie der 39-jähige Werner Grössert selbst, der auch zur Arbeit bei der Mordkommission Mühldorf am Inn immer korrekt gekleidet im Anzug erschien, auch an solch heißen Tagen wie heute. Das Gewitter der letzten Nacht hatte keinerlei Abkühlung gebracht, denn es war hier in der Gegend mit Donner und Blitz nur vorbeigezogen, knapp 30 km weiter hatte das Unwetter hingegen riesige Schäden angerichtet. Die Landkreise Mühldorf und Altötting waren beinahe komplett verschont worden, aber die tropischen Temperaturen der letzten Tage setzten sich nun unvermittelt fort. Die Bedienung brachte Wasser in Bierkrügen, was Frau Grössert mit einem Naserümpfen zur Kenntnis nahm. Sie hasste es, aus solchen Gläsern zu trinken, aber das war jetzt nicht wichtig.

„Ich möchte zuerst klarstellen, dass das Gespräch hier unter uns bleibt. Auch zu deinem Vater kein Wort,“ sagte Frau Grössert bestimmt, während sie sich den Schweiß von der Stirn tupfte und sich dabei nervös umblickte. Sie war zufrieden, denn sie saßen an diesem heißen Augusttag völlig alleine hier in der Ecke und konnten ungestört reden.

„Meinetwegen.“

„Gut, dann verlasse ich mich darauf. Meine Zeit ist knapp und ich komme daher gleich auf den Punkt. In den letzten Wochen werden dein Vater und ich terrorisiert.“ Sie atmete tief durch und ließ die Worte wirken. Werner Grössert schien keineswegs beeindruckt oder erschreckt, sondern musste schmunzeln.

„Übertreibst du da nicht ein wenig?“

„Keineswegs. Dein Vater bekommt seit geraumer Zeit merkwürdige Post. Aber was viel schlimmer ist: Jemand hat uns die Steuerprüfung auf den Hals gehetzt. Stell dir das vor: Die Steuerprüfung in unserer Kanzlei! Wenn sich das herumspricht!“

Die Rechtsanwaltskanzlei Grössert wurde bereits in der dritten Generation in Mühldorf geführt und genoss einen ausgezeichneten Ruf. Natürlich war das Ehepaar Grössert, beide Juristen, nicht glücklich darüber gewesen, als ihr einziger Spross Werner seinerzeit nicht Jura studieren wollte, womit die Nachfolge der Kanzlei gesichert wäre, sondern eine Karriere bei der Polizei vorzog. Frau Grössert hatte ihren Sohn anfangs angefleht, diese Entscheidung zu überdenken und rückgängig zu machen, bis sie schließlich aufgab und nur noch einen losen Kontakt zu ihrem Sohn pflegte. Seitdem ließ sie ihn bei jeder Gelegenheit deutlich spüren, wie enttäuscht sie von ihm war. Dr. Grössert war noch drastischer mit seiner Reaktion. Er sprach seitdem nicht mehr viel mit seinem Sohn, mied ihn, wo er nur konnte, und behandelte ihn wie einen Fremden.

„Nun mal langsam: Du sagtest, Vater bekommt merkwürdige Post. Seit wann erlaubt dir Vater, dass du seine Post liest?“

„Das tut doch jetzt hier nichts zur Sache. Mein Gott, verstrick dich doch nicht in Kleinigkeiten, sondern fokussiere dich auf das Wesentliche. Ich habe die Post aus dem Mülleimer gefischt und grob überflogen. Kein Wort davon zu deinem Vater, du hast es mir versprochen! Ich sehe, dass du mich noch nicht ganz verstanden hast, denn um diese Post geht es nicht primär, das war nur eine Information am Rande, damit du den Ernst der Lage verstehst und mir glaubst, dass es jemand auf uns abgesehen hat.“

„Raus mit der Sprache, was willst du von mir?“

„Du bist doch bei der Polizei, tu etwas und hilf uns! Wende diese Steuerprüfung von uns ab!“ Frau Grössert nahm den riesigen Bierkrug mit beiden Händen und trank ein Schluck Wasser. Sie war vollkommen aufgebracht, die ganze Sache nahm sie sehr mit.

„Wie stellst du dir das vor Mutter? Ich bin bei der Mordkommission. Wie sollte ich eine Steuerprüfung aufhalten.“

„Aber du bist Polizist und kannst doch deinen Einfluss geltend machen. Du hast doch meines Wissens nach sogar einen Freund beim Finanzamt. Dieser Bernd Sowieso arbeitet doch dort und hat es trotz seiner niederen Herkunft ziemlich weit gebracht, wie ich gehört habe. Ich dachte, du hast in den letzten Jahren durch deine Arbeit bei der Polizei darüber hinaus eventuell Menschen kennengelernt, die in diesem Falle helfen können. Natürlich würden wir uns das einiges kosten lassen.“

„Moment! Du willst, dass ich Menschen besteche, um diese Steuerprüfung abzuwenden? Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?“ Werner Grössert war total aufgebracht, denn das, was seine Mutter hier verlangte, kam für ihn auf keinen Fall in Frage; er war nicht bestechlich und würde auch niemals auf die Idee kommen, irgendjemanden zu bestechen.

„Versteh doch Junge, wir können es uns in unserer Position nicht leisten, dass Interna aus unserem Privatleben oder sogar aus unserer Kanzlei in falsche Hände gelangen. Man weiß doch, wie so etwas läuft: wenn Behörden eine Durchsuchung vornehmen, finden die immer irgendetwas, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Ich möchte gar nicht an das Getuschel der Leute denken, die ganz bestimmt Wind von der Sache bekommen, irgendjemand quatscht doch immer! Außerdem ist Mühldorf im wahrsten Sinne des Wortes ein Dorf. Hier geschieht doch nichts, ohne dass es gleich die Runde macht. Nicht auszudenken, wenn auch noch die Presse auf uns aufmerksam wird. Es gibt viele Neider, die nur auf so eine Gelegenheit warten, um uns zu schaden. Nein Junge, du musst etwas unternehmen, und zwar umgehend. Wir sind doch eine Familie und müssen in schweren Zeiten zusammenhalten.“

„Wo sind diese Briefe, von denen du gesprochen hast?“

„Natürlich wieder da, wo sie hingehören: im Müll.“

„Was genau stand darin?“

„Nichts Besonderes und darum geht es auch nicht, vergiss doch endlich diese Briefe, Herrgott nochmal! Kümmere dich um diese Steuerprüfung, darum geht es. Hörst du mir eigentlich zu? Verstehst du überhaupt, worum es geht und was auf dem Spiel steht?“

Werner Grössert sah seine Mutter an und schüttelte den Kopf.

„Dir als Juristin dürfte klar sein, dass ich da überhaupt nichts machen kann. Wie soll ich denn eine Steuerprüfung abwenden? Diese Befugnisse habe ich nicht. Und Schmiergelder werde ich auf keinen Fall anbieten, das kannst du vergessen. Aber gut, dir zuliebe werde ich Bernd kontaktieren, obwohl ich das sehr ungerne mache.  Ich kann nur darauf hoffen, dass ich irgendwelche Details erfahre. Aber mehr kann ich nicht tun.“

„Das ist alles? Sei mir nicht böse, aber ich dachte, dass du mehr Möglichkeiten hast.“

„Tut mir leid. Wie gesagt, ich bin bei der Mordkommission und habe mit Steuern und so nichts zu tun. Warum hast du so große Angst? Ihr habt euch doch nichts vorzuwerfen.“

„Natürlich nicht.“

„Dann wird bei dieser Prüfung auch nichts rauskommen. Beruhige dich, das wird sich alles aufklären. Aber wenn nochmals Post in der von dir angesprochenen Art bei euch ankommt, informierst du mich umgehend, verstanden? Denn so etwas fällt in meine Zuständigkeit und da habe ich jede Menge Möglichkeiten.“

Sie nickte nur, obwohl sie genau wusste, dass ihr Sohn niemals diese Briefe in die Hände bekommen dürfe, denn was darin stand, würde für Werner Schockierendes offenbaren.

Werner Grösserts Handy klingelte.

„Es tut mir leid Mutter, ich muss zur Arbeit.“

Beide hatten die junge Frau nicht bemerkt, die abseits stand und sie beobachtete. Sie konnte zwar kein Wort verstehen, aber schon allein an der Gestik der beiden und an dem Ort des Treffens konnte sie ahnen, dass es um ihre Briefe ging, die sie Dr. Wilhelm Grössert anonym zukommen ließ. Die Gedanken an die Texte ihrer Briefe ließen sie schmunzeln, denn sie hatte es natürlich darauf angelegt, den Empfänger zu schockieren und ihm Angst einzujagen, was ihr offenbar gelungen war. Schon seit einigen Tagen war sie dem Ehepaar Grössert auf Schritt und Tritt gefolgt, hatte nicht nur vor dem Privathaus, sondern auch vor der Kanzlei stundenlang gestanden und nur beobachtet – und endlich hatte sie ihn mit eigenen Augen gesehen: Das war also Werner Grössert! Bislang kannte sie ihn nur von alten Fotos und von Erzählungen und wusste nicht, wie sie ihn finden konnte, denn bei seinen Eltern ließ er sich die letzten Tage nicht blicken und im Telefonbuch stand er nicht. Sie kannte nun sein Aussehen, die Nummer seines Wagens mit Mühldorfer Kennzeichen – und sie brauchte nicht mehr lange zu warten und sie würde herausbekommen, wo und wie er lebte und was er beruflich machte. Anwalt war er jedenfalls nicht geworden, das hatte sie bereits recherchiert, denn unter dem Namen Werner Grössert gab es im Landkreis Mühldorf und weit darüber hinaus keinen Anwalt und keine Kanzlei. Sie war davon ausgegangen, dass Werner zwischenzeitlich in die Kanzlei seiner Eltern eingestiegen war, aber das hatte sich mit nur einem Anruf als Irrtum herausgestellt.

Sie war sehr aufgeregt und freute sich darauf, Einzelheiten über das Leben von Werner Grössert herauszufinden und war sehr gespannt und überaus neugierig.

Die nächste Phase ihres Planes war bereits eingeleitet und sie würde von jetzt an Werner Grössert nicht mehr aus den Augen lassen!

3.

Auf dem Weg zum Fundort der Leiche nach Burgkirchen dachte Werner Grössert über das seltsame Gespräch mit seiner Mutter nach. Sie hatte doch tatsächlich die Frechheit besessen und ihn darum gebeten, Bekannte mit Schmiergeld zu bestechen, um diese Steuerprüfung abzuwenden. So unverschämt dieser Vorschlag auch war, so verzweifelt musste seine Mutter sein, wenn sie solche Geschütze auffuhr. Und was war mit diesen Briefen? Warum hatte sie sie erwähnt und dann wieder darauf bestanden, dass sie nicht wichtig seien? Da steckte mehr dahinter, denn sie hatte immer ein leichtes Zucken in den Augen, wenn sie flunkerte, und dieses Zucken konnte er deutlich sehen. Und dann diese Steuerprüfung. Warum war sie so nervös deswegen? Er war sich sicher, dass in der Kanzlei alles zum Besten bestellt war, obwohl er seinen Eltern durchaus zutraute, dass sie es besonders in finanzieller Sicht mit dem Gesetz nicht ganz so genau nahmen. Lag darin der Grund für ihre Besorgnis? Egal, er musste auf jeden Fall nachforschen, denn so unsympathisch seine Eltern auch waren, es waren nun mal seine Eltern und er musste ihnen helfen. Zumindest in diesem Punkt stimmte er mit seiner Mutter überein: Sie waren eine Familie und mussten zusammenhalten, obwohl seine Eltern sich bis dato in diesem Punkt zurückhielten. Seit seiner Entscheidung, zur Polizei zu gehen, hatten sie ihn gemieden und hielten sich diesbezüglich mit ihrer Enttäuschung nicht zurück. Ganz schlimm war es seit seiner Heirat, denn mit der Wahl seiner Frau, die aus einfachen Verhältnissen stammte, waren sie bis heute nicht einverstanden. Werner ärgerte sich jetzt über seine Eltern und dachte einen Moment darüber nach, sie jetzt auch im Stich zu lassen – aber dann wäre er auch nicht anders als sie! Nein, er musste helfen und ihnen zur Seite stehen.

Werner Grössert bog von der Straße ab und fuhr direkt zur Kleingartenanlage Burgkirchen. Dort war der Treffpunkt mit den Kollegen der Mordkommission Mühldorf. Schon die ganze Fahrt über hatte er den roten Kleinwagen bemerkt, der immer im gleichen Abstand hinter ihm fuhr. Tatsächlich bog der Wagen ebenfalls ab und fuhr in die gleiche Richtung, wie er selbst. Zufall?

Da vorn stand sein Kollege Leo Schwartz, der ihn nun auch bemerkte und winkend auf ihn zuging. Er parkte seinen Wagen auf dem geschotterten Parkplatz. Was war mit diesem roten Kleinwagen? War er immer noch hinter ihm? War er jetzt schon so paranoid, dass er überall Verbrechen sah? Reiß dich gefälligst zusammen! Er stieg aus und blickte sich trotzdem noch einmal um und sah in die Richtung, wo er den roten Kleinwagen zuletzt gesehen hatte – er war nicht mehr da. Na also, nur Hirngespinste!

„Eine Leiche in der Alz, der Mann mit dem Hund dort hinten hat ihn gefunden. Ich flehe dich an, übernimm du den Mann, der spricht so einen wilden bayrischen Dialekt – ich verstehe kein Wort.“

Der 49-jährige Schwabe war vor knapp einem Jahr von Ulm nach Mühldorf am Inn versetzt worden, nachdem es dort einen unschönen Vorfall gegeben hatte, über den er bis dato noch nicht gesprochen hatte. Werner Grössert war von Natur aus nicht neugierig und interessierte sich auch nicht dafür. Er hatte sich an den neuen Kollegen schnell gewöhnt und mochte ihn sehr – bis auf sein unmögliches Outfit. Auch heute war Leo Schwartz wieder unmöglich gekleidet: Jeans, alte Lederstiefel und ein dunkles T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband, die Werner Grössert nicht kannte.

„Du bist allein hier? Wo sind die anderen?“

„Unterwegs, sie dürften jeden Moment eintreffen.“

Werner ging zu dem 62-jährigen Mann mit Hut, der nervös wartete.

„Wia lang dauert denn des no? Mei Wasti muss doch Gassi, der hot sei Gschäftl no net gmacht.“

Werner verstand nun das Problem von Leo Schwartz, denn zu dem Dialekt nuschelte der Mann auch noch fürchterlich.

„Sie haben die Leiche gefunden?“

Er nickte.

„I hob glei gsegn, dass den dabreselt hot. Der war meisaltout.“

„Haben Sie die Leiche angefasst oder sonst irgendetwas berührt?“

„Na, i glang nix o. Ko i jetz geh?“

„Ich brauche nur noch Ihre Personalien.“

„Hinterberger,“ sagte er knapp und zog seinen Personalausweis hervor. Werner Grössert notierte sich die Daten.

„Dann können Sie jetzt gehen, vielen Dank Herr Hinterberger. Wenn wir noch Fragen haben, kommen wir auf Sie zurück.“

„Kimm Wasti, jetz derf ma Gassi geh. Pfüa God,“ grüßte er freundlich, wobei er leicht den Hut hob.

Nun traf auch der Kollege Hans Hiebler ein. Der 52-jährige kam aufgrund der Temperaturen in hellen Jeans, Slippern und einem kurzärmeligen, weißen Hemd, das seine Bräune noch unterstrich. Dazu trug er eine moderne Sonnenbrille zum neuen Haarschnitt, der ihn um Jahre jünger aussehen ließ. Er sah einfach blendend aus und war vor allem bei Frauen sehr beliebt.

„Grüß euch Kollegen. Wo ist die Leiche?“

„Unterstehen Sie sich, dort hinzugehen, bevor ich persönlich den Ort freigegeben habe,“ hörten sie hinter sich die Stimme von Friedrich Fuchs, dem Leiter der Spurensicherung. Der kleine, hagere 35-jähige Mann ging mit hochrotem Kopf und energischen Schritten an den Kriminalbeamten vorbei direkt auf die Leiche zu. Seine Kollegen konnten kaum folgen.

„Los, Tempo, Tempo,“ trieb Friedrich Fuchs seine Leute an, „sofort absperren, bevor uns diese Stümper noch alles kaputt machen. Wir können von Glück reden, dass das gestern nur ein trockenes Gewitter war.“

Grössert, Hiebler und Schwartz standen wenige Meter abseits und mussten warten, bis Fuchs sie mit Informationen versorgte, was eine Ewigkeit zu dauern schien. Fuchs mochte niemand besonders gern, denn er war pedantisch, launisch und nicht wirklich freundlich – aber er machte hervorragende Arbeit.

„Hatte unser Chef nicht von einem neuen Vorgesetzten gesprochen? Wann kommt der? Und vor allem, wer ist das? Wenn ich ehrlich bin, brauchen wir nicht zwingend eine Vertretung, wir kommen auch so gut zurecht.“

Ihre Vorgesetze und Leos Lebensgefährtin Viktoria Untermaier war vor einigen Wochen schwer verletzt worden und musste gegen ihren Willen nun doch zur Reha, denn der Heilungsprozess verlief nicht so, wie es sich die Ärzte und vor allem Viktoria selbst erhofft hatten. Sie hatte starke Schmerzen und die Wunde heilte nur sehr langsam. Auch ihre Psyche hatte durch dieses Ereignis sehr gelitten; sie schlief schlecht, hatte Alpträume und wachte nachts mehrmals schweißgebadet auf. Leo, die Ärzte und auch die Kollegen hatten sie geradezu angefleht, diese Reha zu machen und sie gab schließlich klein bei. Sie war nach ihrem Krankenstand nun schon zwei Wochen auf Kur und ihr Posten musste dringend besetzt werden. Der Chef der Mühldorfer Polizei Rudolf Krohmer drückte sich um diese Angelegenheit und hoffte, diese so lange hinausschieben zu können, bis Viktoria Untermaier wieder fit war und arbeiten konnte. Aber das Innenministerium lag ihm im Nacken, denn so einen Posten für so lange Zeit unbesetzt zu lassen, war ungewöhnlich und konnte nicht geduldet werden. Krohmer war nicht zu beneiden, denn er konnte diesen Posten nicht mit den eigenen Leuten besetzen: Leo Schwartz war für diesen Posten zu neu im Team, außerdem hing ihm immer noch die Sache in Ulm nach, weswegen er vor einem Jahr hierher nach Mühldorf am Inn versetzt wurde. Schade eigentlich, denn er hatte eigentlich die richtigen Voraussetzungen. Werner Grössert war zu jung, obwohl er sich bestimmt sehr gefreut hätte, wenn man ihm diesen verantwortungsvollen Posten zumindest zeitweilig übertragen hätte. Und Hans Hiebler hatte sofort abgelehnt, als er ihn gefragt hatte, denn er befand sich dafür als ungeeignet und hatte keinerlei Ambitionen, dort jemals hinzugelangen; er war zufrieden mit seinem Job und seinem Rang und wollte daran nichts ändern. Dem Chef der Mühldorfer Polizeiinspektion blieb somit nichts anderes übrig, als ein Gesuch nach München zu richten, was er vor zwei Wochen auf Drängen auch getan hatte. Und es hatte sich tatsächlich eine geeignete Person gefunden, wovon die Mühldorfer Kriminalbeamten noch nichts ahnten. Krohmer würde sie erst später davon unterrichten.

„Mensch Fuchs, jetzt machen Sie es doch nicht so spannend. Was können Sie uns sagen?“ Hans Hiebler war ungeduldig, denn er wartete nicht gerne, vor allem nicht in dieser brütenden Hitze.

„Sie werden sich schon gedulden müssen, bis ich Ihnen Auskunft geben kann,“ antwortete Fuchs, ohne auch nur einen Moment aufzublicken. Er genoss diesen Moment in allen Zügen und wollte jede Sekunde auskosten. Er fand, dass seine Arbeit und vor allem seine Person von den Kollegen nicht genug gewürdigt wurde und fühlte sich momentan sehr wichtig.

Plötzlich stieg eine ältere Frau in derben Wanderschuhen, Jeans und einer bunten Bluse über die Absperrung und ging direkt auf Friedrich Fuchs zu, noch bevor die Polizisten eingreifen und sie zurückhalten konnten. Natürlich hatten sie die Frau gesehen, nahmen aber an, dass sie eine Spaziergängerin war.

„Was fällt Ihnen ein?“ schrie Friedrich Fuchs aufgebracht, sprang auf und rannte auf die Frau zu. „Machen Sie sofort, dass Sie wegkommen. Sind Sie blind? Sehen Sie nicht, dass das ein abgesperrter Tatort ist?“

Ohne ein Wort zu sagen, zeigte die kleine, schlanke 58-jährige Frau mit den feuerroten Locken ihren Ausweis.

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie nicht sofort erkannt habe, aber die Sonnenbrille…. Mein Name ist Friedrich Fuchs, Leiter der Spurensicherung Mühldorf. Natürlich kenne ich Sie Frau Westenhuber, es ist mir eine Ehre.“

Friedrich Fuchs war sehr kleinlaut geworden, flüsterte nun fast. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und verbeugte sich leicht.

„Was haben wir?“ sagte die Frau knapp mit Blick auf die Leiche.

Die Polizisten Grössert, Hiebler und Schwartz hatten die Szene beobachtet und waren nun ebenfalls über die Absperrung getreten. Wer war die Frau? Und warum verhielt sich Fuchs so unterwürfig und gab bereitwillig Auskunft?

„Männliche Leiche, ca. 35-40 Jahre alt, südländischer Typ, er hat keinerlei Papiere, Handy oder Ähnliches bei sich. Im Rücken hat er zwei Einschüsse, außerdem waren die Hände auf dem Rücken mit einem Kabelbinder fixiert. Die Verletzung im Gesicht wurde ihm beigefügt, als er noch lebte.“

„Und dafür haben Sie so lange gebraucht? Na ja,“ sagte Frau Westenhuber mit tiefer Stimme.

„Das ist natürlich auch nur ein grober Erstbericht.“

„Natürlich.“

Sie ließ Fuchs stehen und gab den Polizisten einen Wink, ihr zu folgen.

„Ich möchte mich bei Ihnen vorstellen: Waltraud Westenhuber mein Name. Ich bin für die Zeit der Abwesenheit von Frau Untermaier deren Vertretung und hoffe auf eine gute, faire Zusammenarbeit. Ich bin kein Freund von Herumgequatsche, sondern liebe es, wenn die Dinge beim Namen genannt werden. Für mich zählen hauptsächlich Fakten, wobei ich für jede Anregung oder auch für jede Phantasie durchaus zugänglich bin. Sie müssen Leo Schwartz sein,“ wandte sie sich an Leo, „ich habe schon viel von Ihnen gehört und bin beeindruckt. Allerdings können Sie sich solche Alleingänge wie bei Ihrem letzten Fall in Ulm bei mir abschminken. Wenn Sie vorhaben, auf eigene Faust fremde Personen in den Fall zu involvieren, bekommen Sie mächtig Ärger. Hier passiert nichts ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung, haben wir uns verstanden?“ Leo nickte nur und verstand sofort, worauf sie anspielte. Die Frau kannte seine Akte. Und sie hatte offensichtlich von seiner Freundin und Ulmer Pathologin Christine Künstle gehört, die ihm hier in Mühldorf in dem einen oder anderen Fall unbürokratisch schon mal zur Hand ging und unterstützt hatte. Christine war auch bei den Mühldorfer Kollegen sehr beliebt und bislang griff er gerne auf sie zurück, vor allem, wenn sie medizinische oder pathologische Hilfe benötigten.

„Sie sind Werner Grössert,“  fuhr Frau Westenhuber fort, während sie Grössert von oben bis unten musterte. „Laufen Sie immer so geschniegelt wie aus dem Ei gepellt herum? Na ja, schließlich kommen Sie aus einer der angesehensten Familien Mühldorfs, die es bestimmt nicht gerne gesehen hat, dass ihr Erbprinz zur Polizei ging,“ Grössert nickte nun ebenfalls. „Laufen Sie herum wie Sie wollen, mir soll es recht sein. Ich bevorzuge bequeme, zweckmäßige Kleidung, gerne auch vom Flohmarkt und verbitte mir jeglichen Kommentar dazu. Und Sie, schöner Mann, sind also Hans Hiebler.“ Sie musterte ihn nun ebenfalls von oben bis unten, was Hiebler sehr unangenehm war. „Von Ihren Weibergeschichten habe ich gehört, halten Sie sich bitte während meiner Anwesenheit zurück – vor allem bei den Frauen, die uns im Laufe des Falles über den Weg laufen sollten. Ich möchte keine Gewissenskonflikte oder Störungen diesbezüglich. Wenn der Fall abgeschlossen ist, können Sie natürlich machen, was Sie wollen.“

„Zu gütig,“ entfuhr es Hiebler.

Den Polizisten hatte es die Sprache verschlagen, offenbar kannte diese Frau Westenhuber die Personalakten nicht nur auswendig, sondern hatte Informationen weit darüber hinaus.

„Und eins sollten wir sofort klarstellen: Meine Kollegen zeigen Rückgrat und lassen sich nicht einfach so von einem Mann wie diesem Fuchs hinhalten. Verstanden?“ Sie sah auf ihre Uhr. „Wir treffen uns um 14.00 Uhr im Büro in Mühldorf. Jetzt ist es gleich 12.00 Uhr und ich würde gerne noch eine Runde joggen gehen, die Fahrt hierher hat mich etwas geschlaucht und meine Glieder sind noch ganz steif. Bis später dann.“

Sie lachte, als sie in die verblüfften Gesichter der Kollegen blickte und dann zu ihrem Fahrzeug ging. Sie liebte solche Auftritte und genoss sie in vollen Zügen.

„Was war das denn?“ fragte Leo, als er ihr nachblickte.

„Das ist Ihre neue Vorgesetzte und Sie können sich glücklich schätzen, dass sich eine solche Kapazität bereiterklärt, in Mühldorf aushilfsweise zu arbeiten,“ sagte Friedrich Fuchs mit einem bewundernden Blick.

„Was wissen Sie von ihr?“

„Ich habe mehrere ihrer Vorträge besucht. Sie hat zwei Doktortitel und hasst es, wenn man diese verwendet. Außerdem hat sie viele Fortbildungen in Amerika absolviert und ist dort mit den einflussreichsten Männern auf Du und Du. So eine bescheidene, energische Frau. Und sie hat einen messerscharfen Verstand und kann sehr gut kombinieren. Was um alles in der Welt führt so eine Frau zu uns nach Mühldorf? Eins ist sicher, Frau Westenhuber ist für diesen Posten vollkommen überqualifiziert.“

„Was erzählen Sie denn da für eine gequirlte Scheiße Fuchs? Wir sind hier doch nicht die tiefste Provinz. Auch hier haben die Menschen ein Recht darauf, personell vernünftig versorgt zu werden,“ schnaubte Hans Hiebler, der wegen der Bemerkung von dieser Frau stinksauer war, in seinen Wagen stieg und davonbrauste. Was bildete sich diese Pute eigentlich ein? Er war unverheiratet und konnte sich schließlich mit so vielen Frauen treffen, wie er wollte, das war seine Privatangelegenheit und ging sie überhaupt nichts an. Und außerdem war es eine Grundregel von ihm, dass er sich mit Frauen, die er während eines Falles kennenlernte, niemals während des Falles verabreden würde. Hielt ihn diese Frau Westenhuber für einen Stümper oder einen Anfänger? Er war nicht nur wütend, sondern auch gekränkt.

Auch Grössert war sauer auf die neue Vorgesetzte. Er brauchte sich für seine Familie nicht zu schämen und konnte sich anziehen, wie er wollte. Er machte niemandem diesbezüglich Vorschriften und verlangte das Gleiche auch von anderen. Als er losfuhr, hatte er den roten Kleinwagen von vorhin schon völlig vergessen. Er war in Gedanken und ärgerte sich, bis er entschied, seine Frau anzurufen und sich nach ihrem Befinden zu erkunden. Ihr ging es gut, sie hatte blendende Laune und hatte sogar das, was sie aß, bei sich behalten können. Eine gute Nachricht in ihrem Zustand, der ihn sehr glücklich machte. Kurz vor Mühldorf hatte er sich wieder beruhigt und bemerkte den roten Kleinwagen nicht, der ihm von Burgkirchen bis hierher in größerem Abstand fortwährend gefolgt war.

Nur Leo Schwartz war amüsiert über diese Waltraud Westenhuber, denn sie war genau nach seinem Geschmack: Gerade heraus, sie sorgte sofort für klare Verhältnisse und war nicht auf den Mund gefallen. Und ihm war es egal, wie viel Doktortitel und Fortbildungen sie hatte. Er freute sich auf die Zusammenarbeit und hoffte darauf, einiges von ihr zu lernen. Und was Christine Künstle anging: Das war doch nur eine Frage der jeweiligen Situation und natürlich der Absprache.

Voller Anspannung und mit gemischten Gefühlen saßen Hiebler, Grössert, Schwartz und Fuchs im Besprechungszimmer der Polizeiinspektion Mühldorf, denn sie wussten nicht, was die neue Vorgesetzte noch alles auf den Tisch brachte. Punkt 14.00 Uhr kam Rudolf Krohmer in Begleitung der neuen Kollegin dazu. Frau Westenhubers Haare waren klatschnass und sie trug ein Polizei-Shirt und eine Jogginghose. Es war offensichtlich, dass sie eben aus der Dusche kam.

„Das ist die Kollegin Westenhuber, die sich bereiterklärt hat, für Frau Untermaier während deren Abwesenheit einzuspringen.“

„Spar dir das Rudi, ich habe die Kollegen bereits kennengelernt.“

Die beiden kannten sich also und waren per Du – interessant.

„Dann ist das geklärt und wir können uns dem aktuellen Mordfall widmen,“ sagte Rudolf Krohmer mit einem amüsierten Blick auf die verblüfften Gesichter der Kollegen. Später würde er sie genauer informieren. Er wurde von dem Einsatz der Münchner Kollegin selbst überrascht und war nicht gerade begeistert über ihre Anwesenheit. Die Tür ging auf und die Sekretärin Hilde Gutbrod kam mit frischen Kaffee herein.

„Frau Gutbrod,“ rief Krohmer, „wie schön. Dann kann ich Ihnen auch gleich die Kollegin Westenhuber vorstellen. Sie wird unsere Frau Untermaier bis zu deren Genesung vertreten.“

Die beiden Frauen standen sich direkt gegenüber und musterten sich.

„Wie schön, endlich mal jemand in meinem Alter,“ sagte Frau Westenhuber amüsiert.

„Das kann ich mir nicht vorstellen, denn ich bin doch bestimmt viele Jahre jünger als Sie,“ antwortete Frau Gutbrod, die heute wieder überaus jugendlich gekleidet war: kurzes, rosafarbenes Kleid, dazu hohe weiße Schuhe mit waffenscheinpflichtigen Absätzen, das blonde Haar war frisch gefärbt und mit vielen bunten Spangen kunstvoll aufgesteckt. Frau Gutbrod ärgerte sich über die abfällige Bemerkung der Frau, denn erst vor einer Woche hatte sie sich das Gesicht und die Lippen frisch aufspritzen lassen und sah jetzt trotz ihrer 61 Jahre wieder aus wie Mitte 40, was ihr die Angestellten des Beauty-Salons wiederholt bestätigt hatten. Was fiel dieser Fremden eigentlich ein?

„Sie irren sich, Frau Gutbrod. Aus ihrer Akte kenne ich Ihr Alter und weiß daher, dass ich von uns die jüngere bin. Ich bin noch nicht über 60 und stehe nicht kurz vor der Rente, leider. Nichts desto trotz sehen Sie für Ihr Alter immer noch blendend aus und ich hoffe auf eine angenehme Zusammenarbeit. Allerdings ist mir Ihre Neugier bekannt und ich möchte Sie bitten, sich während meiner Anwesenheit zurückzuhalten. Haben wir uns verstanden?“

Frau Gutbrod starrte Frau Westenhuber mit offenem Mund an. Ohne ein weiteres Wort ging sie verärgert und verstört aus dem Zimmer. Niemand außer dem Chef Rudolf Krohmer kannte ihr wahres Alter – dachte sie zumindest. Außerdem war sie keineswegs neugierig! Interessiert ja, aber keineswegs neugierig. Was fiel dieser unmöglichen Person ein, sie vor den Kollegen so bloßzustellen? Und was ging dieser ungepflegten Frau eigentlich ihr Alter an? So etwas Unverschämtes war ihr schon lange nicht mehr untergekommen. Aber gut, wenn diese Frau Krieg will, kann sie ihn haben!

„Traudl, ich bitte dich, reiß dich doch zusammen, du kannst es dir doch nicht gleich am ersten Tag mit meiner Sekretärin verscherzen! – Aber zurück zu unserem Fall. Herr Fuchs, ich weiß, dass es fast unmöglich ist, in der kurzen Zeit etwas zu sagen. Haben Sie trotzdem schon etwas für uns?“

Friedrich Fuchs räusperte sich. Er war krebsrot im Gesicht, erst vor wenigen Minuten kam er vom Fundort der Leiche zurück und hatte einen satten Sonnenbrand abbekommen. Auch aufgrund der Tatsache, dass Frau Westenhuber, die er sehr bewunderte, nun ein Mitglied des Teams war, hatte er sich besonders ins Zeug gelegt und sehr beeilt. Dabei hatte er seine Leute aufs Äußerste angetrieben, was bei denen verständlicherweise nicht sehr gut ankam. Dass er exakt arbeitete, war selbstverständlich.

„Es ist tatsächlich nicht viel. Die Leiche wurde in die Pathologie Traunstein gebracht und ich habe darum gebeten, dass diese vorgezogen wird. Ich kenne dort den Fachbereichsleiter, er hat mit mir studiert.“ Fuchs strahlte übers ganze Gesicht.

„Was schätzen Sie: Wie lange lag die Leiche im Wasser?“

„Ich kann mir vorstellen, worauf Sie hinaus wollen Frau Westenhuber: ist der Fundort auch der Tatort oder wurde die Leiche an anderer Stelle ins Wasser geworfen und trieb in der Alz, und wenn, dann wie lange…“

„Ich sehe, wir verstehen uns Herr Fuchs, sehr schön. Also, was meinen Sie?“

„Ich möchte den Kollegen in der Pathologie nur ungerne vorgreifen…“

„Jetzt raus mit der Sprache, ich möchte Ihre persönliche Meinung hören, das war doch bestimmt nicht Ihre erste Wasserleiche.“

„Sicher nicht. Gut, wie Sie möchten: Meiner Meinung nach lag die Leiche grob geschätzt höchstens einen Tag im Wasser und wurde, wenn überhaupt, nicht weit getrieben, das zeigen schon alleine die Spuren am Körper des Toten. Außerdem ist die Alz momentan sehr seicht, wodurch ein Transport über eine längere Strecke sehr unwahrscheinlich wäre. Ich vermute also, dass der Fundort nicht der Tatort ist, auch nicht die Stelle, an der die Leiche in die Alz geworfen wurde. Wir konnten nicht die kleinste Spur diesbezüglich finden. Ich vermute jedoch, dass die Stelle nicht weit entfernt ist, meine Kollegen kämmen das Gebiet flussaufwärts Richtung Garching bereits ab und mit etwas Glück finden wir die Stelle, vielleicht stoßen wir sogar auf den Tatort. Aber bitte: Versprechen kann ich hier nichts, denn das Alzufer ist stellenweise sehr schwer zugänglich und riesengroß. Hinzu kommt, dass sich auch aufgrund des schönen Wetters wieder bereits sehr viele Personen dort einfinden und eventuelle Spuren zerstören könnten,“ er stöhnte auf, denn er konnte nicht verstehen, wie Menschen Vergnügen am Baden oder am Grillen haben können. Für ihn beides Dinge, die mit vielen Keimen, Bakterien und sonstigen Gefahren verbunden sind.

„Was wir bislang genau wissen: Der Mann wurde erschossen, die Geschosse müssen separat geprüft werden. Eine Schätzung hierzu kann ich nicht abgeben, da sich die Geschosse noch im Körper des Toten befinden. Allerdings kann ich mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass die Schüsse aus einer geringen Distanz abgegeben wurden, schätzungsweise zwei bis maximal vier Meter.“

„Eine Hinrichtung?“ sagte Hiebler.

„Ich gebe mich keinen Spekulationen hin, aber die geringe Distanz und dann auch noch die fixierten Arme mit Kabelbinder am Rücken lassen eine solche Annahme durchaus zu. Aber das herauszufinden, ist Ihre Arbeit. Kommen wir zu der Verletzung im Gesicht. Sie wurde dem Opfer mit ziemlicher Sicherheit kurz vor seinem Tod zugefügt. Ich vermute einen heftigen Schlag, entweder mit einem stumpfen Gegenstand, oder ein kräftiger Faustschlag. Festlegen möchte ich mich hier nicht, es spricht aber alles für Letzteres. Zur Identität können wir bislang nur Vermutungen anstellen: ca. 35 Jahre alt, 1,85 m groß, schlank, sehr sportlich, kurze, schwarze Haare. Markant sind die vielen Tätowierungen am Oberkörper vorn als auch hinten, sowie an den Oberarmen. Oberflächliche Fotos wurden gemacht, detailliertere Bilder kommen dann aus Traunstein zusammen mit dem Bericht.“

Fuchs reichte die wenigen Bilder reihum und musste erst einmal Luft holen, denn er brachte die Ausführungen klar und deutlich, und dazu noch mit sehr hohem Tempo vor, und das alles ohne Notizen. Die Kollegen betrachteten die Fotos.

„So außergewöhnlich wie noch vor 20 Jahren sind diese Tätowierungen nicht mehr, viele Normalbürger und beinahe jeder Sportler hat welche, das ist ganz modern. Wenn nicht eine ganz markante Arbeit von einem Künstler dabei ist, wird die Zuordnung zu einem unbescholtenen Bürger allein mit diesen Tattoos nicht leicht,“ sagte Leo, als er sich die Fotos ansah.

„Ja allerdings, das mit diesen Körperbildern greift um sich,“ stöhnte Krohmer, der sich bereits mehrfach mit dem Problem befassen musste. „Selbst bei der Polizei sind Tätowierungen zwischenzeitlich erlaubt, soweit sie nicht sichtbar sind und durch Kleidung verdeckt werden können.“ Für Krohmer eine absolut überflüssige Regelung, denn ihm war es völlig egal, ob Polizisten Tätowierungen hatten, oder nicht. Für ihn zählte nur die Arbeitsleistung, über Äußerlichkeiten in der Art hatte er sich noch nie Gedanken gemacht, für ihn war das reine Privatsache.

„Was sagt die Vermisstenstelle?“

„Bislang negativ, keine Übereinstimmung. Allerdings hatten wir auch bisher nur eine vage Beschreibung, die auf sehr viele Menschen zutrifft. Da der Kollege Fuchs meinte, dass das Opfer aus Südeuropa stammen könnte, haben wir Interpol eingeschaltet. Das mit den Tätowierungen hätten wir vorher wissen müssen, das hätte die Suche massiv eingeschränkt.“ Hans Hiebler war sauer, dass er diese wichtige Information nicht umgehend auf den Tisch bekam und warf Fuchs einen vorwurfsvollen Blick zu. Waltraud Westenhuber bemerkte nicht nur den Blick, sondern auch die Antipathie zwischen den beiden. Sie musste einschreiten, denn so eine Schlamperei konnte sie nicht zulassen.

„In Zukunft werden solche Details umgehend an die Kollegen weitergegeben, verstanden?“

Fuchs nickte und wurde rot. Er wollte mit seiner Information warten, bis er sie persönlich in der Besprechung präsentieren konnte, denn sonst hatte er bisher nicht viel vorzuweisen.

„Aber ich habe nicht gesagt, dass das Opfer aus Südeuropa stammen könnte. Meine präzise Aussage war: südländischer Typ, das möchte ich ausdrücklich klarstellen,“ sagte er bestimmt.

„Wie dem auch sei, sobald der Bericht aus Traunstein hier ist, treffen wir uns wieder.“

Krohmer hatte genug gehört, auf ihn wartete noch viel Arbeit.

Frau Westenhuber war aufgestanden und ging direkt in die Kantine. Nach der überstürzten Abfahrt aus München, der Fundortbegehung und dem Joggen war sie völlig ausgehungert. Zu ihrer Enttäuschung musste sie feststellen, dass vom Mittagessen nicht mehr viel übrig war und sie sich mit den Resten begnügen musste. Sie wählte Leberkäse mit Kartoffelsalat und eine Apfelschorle, die sie in einem Zug austrank. Sie aß mit großem Appetit und gönnte sich dann noch zwei Stück Käsekuchen, die sie in die Hand nahm und davon abbiss, was von den wenigen anwesenden Kollegen amüsiert zur Kenntnis genommen wurde. Waldtraud Westenhuber war zwar sehr sportlich, pfiff aber auf gesunde Ernährung und moderne Kleidung, was ihr schon immer einiges an Hohn und Spott einbrachte. Dazu sprach sie bayrischen Dialekt und bemühte sich auch in Gesprächen nicht, Hochdeutsch zu sprechen. Sie war stolz auf ihre Herkunft und dachte nicht daran, sich auf irgendeine Art und Weise zu verbiegen. Sie wusste, dass sie intelligent war, prahlte aber nie damit. Im Gegenteil! Sie liebte es, sich dumm zu stellen und andere auflaufen zu lassen. Sie hasste nichts mehr als Prahlerei und Augenwischerei.

Sie dachte über den Fall nach, während sie einen Kaffee trank. Sie hatten die Leiche eines tätowierten Mannes aus der Alz gezogen, der durch zwei Schüsse in den Rücken getötet wurde – mit den fixierten Händen auf dem Rücken eine regelrechte Hinrichtung, darin war sie mit dem Kollegen Hiebler einig. In einer Großstadt hätte sie sofort auf ein Verbrechen im Milieu getippt. Aber hier in der Provinz? Ausgeschlossen! Oder lag sie vollkommen falsch und es gab hier auch so etwas Ähnliches? Sie musste sich dringend an die Arbeit machen und das herausfinden. Vor allem aber musste sie sich über diesen Fluss namens Alz informieren, mit dem sie bis dato noch nicht zu tun hatte.

„Gibt es hier in der Gegend ein kriminelles Milieu?“ fragte sie mit vollem Mund, als sie in das Büro eintrat. „Sie wissen schon, was ich meine.“

„Hier bei uns auf dem Land? Nein, auf keinen Fall,“ sagte Werner Grössert und schüttelte energisch den Kopf. Das war doch absurd.

„Bist du dir da sicher? Ich denke ja, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Und natürlich können auch hier bei uns kriminelle Banden Fuß gefasst haben, ohne dass wir bis dato davon Wind bekommen haben.“ Hans Hiebler fand den Gedanken äußerst interessant.

„Jetzt spinn dich aus!“ rief Grössert. „Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. Nein, so etwas wie eine organisierte Kriminalität gibt es hier nicht.“

„Warum denn nicht? Denkst du wirklich so blauäugig? Wir sind doch längst durch Internet, Zuwanderung und uneingeschränkte Reisemöglichkeit mit dem Rest der Welt problemlos und auch nahtlos verknüpft. Und Grenzkontrollen gibt es so gut wie keine mehr. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass in jedem Menschen kriminelle Energie, Gier, Machtbesessenheit usw. schlummert, auch in unserer ländlichen Bevölkerung. Warum denkst du denn, dass wir alle hier in unserem Job so gut beschäftigt sind?“

„Das Argument ist zwar nicht schlecht. Trotzdem, ich bleibe dabei: Bei uns hier auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung.“

„Interessant,“ kommentierte Frau Westenhuber die Diskussion, „wie erklärt sich dann die Art und Weise, wie das Opfer getötet wurde? Ich sehe das wie Hiebler: als Hinrichtung. Wir sollten trotzdem an dem Gedanken dranbleiben. Herr Hiebler, forschen Sie doch bitte in dieser Richtung nach. Habe ich zwischenzeitlich etwas verpasst? Nein? Na dann an die Arbeit, der Bericht von der Pathologie Traunstein müsste heute Abend hier sein. Ist das dort mein Schreibtisch?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich an den einzig freien Schreibtisch. Sie schaltete den Computer auf ihrem Schreibtisch nicht ein, sondern legte die Tastatur zur Seite und zog ihren eigenen Laptop aus der Tasche; sie arbeitete lieber mit ihren eigenen Utensilien, was auch Stifte, Block und Telefon mit einschloss. Sie informierte sich zunächst über diesen Fluss Namens Alz. Die Alz entspringt also bei Seebruck aus dem Chiemsee und hat eine Länge von 63 km – nicht wirklich lang. Gut, dann führt der Fluss durch oder nahe an Ortschaften vorbei: Altenmarkt, Trostberg, Tacherting, Garching, Burgkirchen (dort hatten sie die Leiche gefunden), Emmerting und mündet dann bei Marktl in den Inn. Sie öffnete eine Karte auf ihrem Laptop und sah sich das Ganze in Ruhe an. Wenn dieser Fuchs Recht hat und die Leiche nicht lange im Wasser lag und auch nicht weit getrieben sein konnte, dann kann man die ersten Ortschaften getrost ausklammern.

So weit – so gut. Sie kam hier nicht weiter und musste auf die Berichte der Pathologie und der Spurensicherung warten. Bei Letzterem war sie sich sicher, dass Fuchs seine Arbeit gründlich machen würde, sie kannte solche Typen zur Genüge: übereifrig, pedantisch, überaus korrekt und stur. Sie könnte darauf wetten, dass Fuchs die Stelle, an der die Leiche ins Wasser geworfen wurde, noch bis heute Abend fand – wenn nicht sogar den Tatort.

Der Bericht der Pathologie traf erst am späten Abend ein. Rudolf Krohmer und Werner Grössert waren längst zuhause, Hans Hiebler fuhr direkt vom Präsidium zu einer Verabredung, die er nicht verschieben wollte – die neue Kollegin konnte er immer noch nicht leiden und würde sich für sie nicht einschränken. Nach dem letzten großen Fall hatte er eine riesige, verantwortungsvolle Aufgabe übernommen, der er sich mit vollem Einsatz widmete, wodurch auch sein Privatleben erheblich litt: Er musste der Nichte von Frau Gutbrod, Karin, Fahrstunden erteilen. Er war ihr damals gefolgt und war geschockt von deren rücksichtslosen und kriminellen Fahrstil – so konnte er sie auf keinen Fall mit gutem Gewissen auf die Straßen lassen. Nach einem heftigen Vortrag hatte er Karin davon überzeugt, dass sie dringend diesbezüglich Nachhilfe brauchte und diese hatte sich schließlich dazu überreden lassen. Karin war von einfacher Natur: Nur an sich selbst und einem potentiellen Ehemann interessiert. Außerdem legte sie als Friseurin sehr viel Wert, beinahe zu viel Wert auf ihr Äußeres. Hiebler hatte sehr lange dafür gebraucht, Karin davon zu überzeugen, beim Fahren keine Highheels zu tragen. Und noch länger hatte es gebraucht, um ihr klarzumachen, dass der Rückspiegel nicht fürs Schminken da war, sondern um den rückwärtigen Verkehr im Auge zu behalten.

Frau Gutbrod hatte es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, ihrer Nichte, die zwischenzeitlich über 40 war, bei der Suche nach einem Ehemann zu helfen, was ihre Umgebung fürchterlich nervte. Bei jeder Gelegenheit bot Frau Gutbrod ihre Nichte Karin an wie sauer Bier; die beiden gab es quasi nur noch im Doppelpack. Hans Hiebler erteilte der Frau geduldig seit Wochen regelmäßig Fahrstunden, was wahrlich kein Vergnügen war, denn immer wieder brachte die Frau ihn zur Weißglut. Aber was sich Hiebler vornahm, das zog er auch durch! Und er wurde langsam auch belohnt, denn in den letzten Tagen war Karins Fahrstil deutlich besser geworden. Sie fuhr nun umsichtiger und auch vorsichtiger. Zwar kannte Karin die Verkehrszeichen und deren Bedeutung, aber jetzt fing sie sogar an, sich auch daran zu halten. Halleluja!

Leo hatte an diesem Abend nichts vor, er hasste die ruhigen Abende, die er allein vor dem Fernsehgerät verbrachte. Seit seine Viktoria auf Reha war und sie ihm das Versprechen abnahm, sie nicht zu besuchen, langweilte er sich beinahe zu Tode. Deshalb kam ihm der neue Fall wie gerufen.

„Nur noch wir beide, Herr Schwartz. Bewegen Sie Ihren Hintern hier rüber, dann können wir uns den Bericht gemeinsam ansehen.“

Leo nahm frischen Kaffee mit, den Frau Westenhuber dankend annahm. Er hatte beobachtet, wie diese Frau beinahe literweise Kaffee in sich hineinschüttete und dabei jede Menge Schokoriegel aß; gesund war etwas anderes.

„Wir haben es also mit einer russischen 9mm Makarow zu tun. Na super, das ist eine der weitverbreitetsten Waffen.“

„Wird die heute immer noch hergestellt?“

„Ganz sicher. Ich war vor gut 3 Jahren bei einem Vortrag in Russland,“ erzählte Frau Westenhuber mit glänzenden Augen, „ich habe dort einen russischen Oberst kennengelernt, so einer mit viel Lametta auf der Brust, ein echt aufgeblasener Mensch der sich für sehr wichtig hielt. Von ihm habe ich erfahren, dass diese Waffe auch heute von den dortigen Streitkräften immer noch gerne benutzt wird. So wie in vielen anderen Ländern auch noch. Das Nachfolgemodell ist scheinbar nicht sehr beliebt, obwohl die Waffenlobby die Makarow sehr gerne ersetzen würde.“

„Das glaube ich gerne,“ sagte Leo, während er sich die Detailfotos der Tätowierungen genauer ansah. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein Riesengeschäft ist.“

„Ertrunken ist er auf jeden Fall nicht. Eines der beiden Geschosse traf ihn tödlich. Hier steht, dass er sofort tot gewesen sein muss. Ich finde es immer tröstlich, wenn jemand nicht unnötig leiden musste.“

Leo war nicht ganz ihrer Meinung, denn für ihn gab es Ausnahmen: Wenn es sich um besonders grausame Verbrecher handelte, die ihre Opfer mitunter schrecklich zurichteten oder extrem leiden ließen. Aber vor allem bei Fällen, in denen es sich bei den Opfern um Kinder handelte. Als Polizist würde er das jedoch niemals zugeben.

„Hier steht als Anmerkung, dass noch Labortests anstehen, die Ergebnisse stehen erst morgen zur Verfügung – um was es dabei wohl geht?“

„Keine Ahnung. Aber wenn die Kollegen Tests durchführen, dann muss es wichtig sein.“

Leo sah sich die Fotos nochmals genauer an. Er kannte sich mit Tattoos nicht aus, aber einige davon waren wirklich sehr schön, obwohl er kein Fan von solchen Dingen war. Für ihn würde ein Tattoo oder gar eines dieser fürchterlichen Piercings niemals in Frage kommen, denn schon der Gedanke an Nadeln und den damit verbundenen Schmerzen bereitete ihm eine Gänsehaut. Für ihn unvorstellbar, wie man sich so etwas freiwillig antun kann.

„Ist bei der Fahndung schon irgendetwas rausgekommen?“ riss ihn Frau Westenhuber aus seinen Gedanken.

„Nein. Aber ich werde die Fahndung durch die Fotos der Traunsteiner Pathologie erweitern.“

„Tun Sie das. Gibt es noch Kaffee?“

Es klopfte zaghaft an der Tür und sofort sah Leo auf seine Uhr: es war 21.38 Uhr, ziemlich spät für Besuch.

„Herr Fuchs? Sagen Sie mir nicht, dass Sie immer noch arbeiten,“ empfing ihn Frau Westenhuber erfreut.

„Selbstverständlich, wie Sie ja auch. Ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir die fragliche Stelle gefunden haben. Und zwar die Stelle, an der das Opfer in die Alz geschleift wurde, als auch den Tatort. Die Spuren sind eindeutig,“ rief er freudestrahlend und stolz aus. Er breitete auf Frau Westenhubers Schreibtisch die entsprechenden Fotos aus. „Hier sehen Sie den Tatort unweit des Fundortes, nur ca. 150 m flussaufwärts entfernt, eine Geschosshülse konnten wir sicherstellen, sie war im Unterholz – die andere ist verschwunden. Sehen Sie hier auf dem Foto die eindeutigen Schleifspuren bis hier zum Ufer der Alz. Ich bin mir sicher, dass wir Abriebspuren auf Steinen den Schuhen des Opfers zuordnen können, die entsprechenden Ergebnisse sind morgen fertig. Blutspuren konnten wir leider noch nicht finden, es ist einfach schon zu dunkel. Gleich morgen früh nach der Besprechung machen wir uns auf die Suche. Die Stelle wurde gesichert und abgeriegelt. Ihre Zustimmung vorausgesetzt, habe ich dort zur Sicherheit einen Polizisten postieren lassen.“

Friedrich Fuchs platzte beinahe vor Stolz.

„Sehr gute Arbeit Herr Fuchs, ich bin wirklich beeindruckt. Wenn eine der beiden Geschosshülsen fehlt, dann könnten wir es doch mit einem Profi zu tun haben, denn wer sonst würde sich die Mühe machen?“

„Sehr spekulativ, die könnte wer weiß wie von der Stelle entfernt worden sein. Aber wir sollten diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen, da stimme ich Ihnen zu.“ Leo hatte sich an dem Gespräch mit dem kriminellen Milieu hier in der Provinz nicht beteiligt, schloss sich aber eher der Meinung Hieblers an: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und warum sollte es so etwas hier nicht geben? Die Bedingungen sind geradezu ideal: Jeder vertraut jedem und die Polizei ist kaum präsent. Trotzdem bereitete ihm die Vorstellung abermals eine Gänsehaut, denn wenn das so wäre, dann hätten sie ein Problem.

„Wie dem auch sei. Herr Fuchs, weil Sie so fleißig waren und so viel gearbeitet haben, lade ich Sie jetzt auf ein Bier ein, das haben Sie sich redlich verdient. Haben Sie Zeit und Lust?“

„Aber gerne.“ Friedrich Fuchs konnte sein Glück kaum fassen, denn noch niemals vorher wurde er privat von einem Kollegen eingeladen, und dann gleich von dieser hochkarätigen Frau Westenhuber.

Die beiden zogen davon und Leo musste lachen, denn Frau Westenhuber wickelte diesen Fuchs so richtig um den Finger – herrlich anzuschauen. Auch Leo machte sich nun auf den Heimweg, wobei er sich zwingen musste, nicht an den Fall zu denken, was gar nicht so leicht war. Am liebsten hätte er mit seiner Viktoria gesprochen und sich mit ihr ausgetauscht, aber um die Zeit wollte er sie nicht mehr stören, sie schlief hoffentlich tief und fest.

Er parkte seinen Wagen vor dem Hof von Tante Gerda, Hieblers Tante, die jeder nur Tante Gerda nannte. Hier hatte er vor fast einem Jahr eine neu ausgebaute Wohnung bezogen und er fühlte sich sehr wohl hier. Der Hof lag bereits im Dunkeln und er bemühte sich, die Wagentür leise zu schließen, um Tante Gerda nicht zu stören. Aber zu spät: Felix begrüßte ihn mit lauten Gebell! Leo mahnte ihn, leise zu sein, aber der Hund dachte nicht daran. Er sprang an Leo hoch, sauste davon und holte schließlich einen Ball. Natürlich spielte er mit dem Hund, er konnte nicht anders – und war ganz schnell abgelenkt. Die Tür ging auf und Tante Gerda kam mit zwei Gläsern Rotwein in der Hand heraus, schaltete das Außenlicht an und setzte sich auf die Holzbank.

„Setz dich zu mir, du hattest bestimmt einen schweren Arbeitstag,“ sagte sie lächelnd und reichte ihm das Glas.

„Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, aber Felix…“

„Ist schon gut. Ich weiß, dass man dem kleinen Kerl kaum widerstehen kann. Außerdem kann ich bei der Hitze sowieso nicht schlafen.“

Leo setzte sich zu Tante Gerda und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während Felix immer wieder von ihm einforderte, den Ball wieder und wieder zu werfen, bis er schließlich erschöpft auf die Bank sprang und sich zufrieden zwischen die beiden legte.

Leo hatte den Hund bei seinem ersten Fall bei der Polizei Mühldorf in einem erbärmlichen Zustand gerettet. Er war auf dem verwahrlosten Sinder-Hof in Tüßling der Hofhund und lebte angebunden an eine kurze Kette, die sich in sein Fleisch gearbeitet hatte. Das war ein schrecklicher Anblick! Tante Gerda hatte den Kleinen sofort in ihr Herz geschlossen und zu sich genommen. Von dem Zustand vor einem Jahr war nichts mehr zu sehen, Felix war gesund und munter und hatte alle, vor allem Tante Gerda, vollkommen im Griff.

Sie saßen schweigend auf der Bank und tranken in Ruhe ihren Rotwein, wobei Leo langsam abschalten und sich entspannen konnte. Die Sterne leuchteten am Himmel und es war kaum eine Wolke zu sehen, nur ab und an erschien der Kondensstreifen eines Flugzeuges, sonst war alles ruhig und friedlich. Und wenn jetzt auch noch seine Viktoria hier wäre, wäre alles perfekt!